E-Book, Deutsch, 385 Seiten
Abrahams Dear Wife
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-589-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 385 Seiten
ISBN: 978-3-98952-589-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Abrahams ist ein renommierter amerikanischer Autor zu dessen weltweiter Leserschaft auch Stephen King gehört, der ihn als seinen »liebsten amerikanischen Spannungsromanautor« bezeichnet. Einige seiner Werke wurden mit hochkarätigen Stars wie Robert De Niro für die große Leinwand adaptiert. Die Website des Autors: www.peterabrahams.com/peter-abrahams/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Standalone-Thriller »Der Nachhilfelehrer«, »Der ideale Ehemann«, »Der Häftling«, »Das Wunschkind«, »Dear Wife«, »Blacked Out - Gefährliche Erinnerung«, »Missing Code - Verlorene Spur« und »Hard Rain - Schleier aus Angst«.
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Kapitel Eins
Manchmal leben die Toten in unseren Träumen weiter.
Delia war äußerst lebendig, als sie mit nackten baumelnden Beinen auf einer Terrassenmauer hoch über einer tropischen Bucht saß. Sie hatte nie besser ausgesehen – die gebräunte Haut straff und schimmernd; ihre Augen, hellbraun mit goldenen Flecken darin, zwinkerten, wie sie es immer taten, wenn sie im Begriff stand, eine witzige Bemerkung zu machen. Ihr Mund war geöffnet – Sonnenlicht glitzerte auf ihrem Lipgloss -, und sie redete, jedoch so leise, dass man sie nicht verstand. Es war zum Verrücktwerden. Dann steuerte der nicht schlafende Teil seines Hirns die Erkenntnis bei, dass die funkelnde Bucht irgendwo an der venezolanischen Küste lag, und der tropische Sonnenschein verblasste. Venezuela: Allein das Wort hatte noch immer destabilisierende Wirkung.
Direkt unter der Haut an Delias Schläfe pulsierte eine Ader, eine hervorstehende blaue Ader, geformt wie ein Blitz. Sofort wechselte das Wetter, eine kühle Brise kam auf und zerzauste ihre Haare. Es wurde ungemütlich. Roy streckte den Arm aus, um über ihre Locken zu streichen, doch die Haare, die er berührte, waren nicht Delias: feiner und glatt, nicht lockig.
Er schlug die Augen auf. Winterlicht, vereistes Fenster, Poster von Skiläufern an den Wänden, Jens Zimmer.
»Ich habe es immer gehasst, wenn Männer das getan haben«, sagte Jen, ihre Stimme noch schlaftrunken.
Roy drehte den Kopf. Die Augen, die ihn beobachteten – blassblau, nicht braun -, waren auf ihre Art sehr hübsch. »Was getan haben?«, fragte er.
»Mein Haar berührt.«
Er zog die Hand zurück. Blonde Haare, nicht braun; jenes besondere Braun, ebenfalls mit goldenen Strähnen.
»Aber bei dir ist es okay.« Jen wartete, vermutlich darauf, dass er etwas sagte oder tat. Roy fiel nichts ein. Ihre Gesichter waren dreißig Zentimeter voneinander entfernt. Jen war sehr attraktiv, ihre Haut ein bisschen wettergegerbt, doch Roy gefiel sie deswegen umso besser. Die Überreste des Traums lösten sich in winzige Fetzen auf und verschwanden.
»Geht es dir gut?«, fragte Jen.
»Sehr gut.«
Unter der Decke presste sie ihr Bein an seins. »Ich habe gestern eine Nachricht bekommen. Aus heiterem Himmel.«
»Eine gute?«, fragte Roy.
»Ich glaube schon – ein Stellenangebot.«
»Was für eine Stelle?«
»Dasselbe, was ich jetzt auch mache.« Sie leitete die Skischule am Mount Ethan, zwanzig Minuten von ihrer Eigentumswohnung entfernt. »Aber in wesentlich größerem Maßstab, und das Gehalt ist doppelt so hoch.«
»Wo?«, fragte Roy und dachte an Stowe, oder vielleicht Killington, ein wenig weiter.
Jen senkte den Blick. »Keystone«, sagte sie.
»In Colorado?«
Sie nickte. Dann traf ihr Blick wieder seinen, vielleicht in dem Versuch, in sein Inneres zu sehen, ihn zu lesen.
»Nun«, sagte Roy. Und hätte fast ein Warum heiraten wir nicht? folgen lassen. Warum nicht? Sie lebten jetzt seit zwei Jahren so, zwischen Affäre und gemeinsamer Wohnung. Gab es einen Grund, den nächsten Schritt zu unterlassen? Kein Mangel an gemeinsamem Wohlbefinden, kein Mangel an Zuneigung, an sexuellem Feuer. Ein Altersunterschied, ja – er war fast siebenundvierzig, Jen vierunddreißig -, außerdem wünschte sie sich Kinder und er nicht mehr, aber na und? Roy lächelte sie an.
»Nun was?«, fragte sie.
Und er wollte gerade damit herausplatzen – warum heiraten wir nicht? -, als ihm der Gedanke kam, dass dieses Herausplatzen nicht das Richtige war. Das konnte er besser. Und wäre außerdem ein formellerer Rahmen, zum Beispiel am Freitagabend bei Pescatore, nicht angemessener? Deshalb begnügte er sich für den Moment mit: »Glückwunsch.«
» Glückwunsch? «
»Zu dem Stellenangebot.«
»Oh«, sagte Jen. »Danke. Ich muss natürlich noch darüber nachdenken. Colorado ist weit.«
»Ich verstehe«, sagte Roy, der aus der letzten Bemerkung über die Entfernung schloss, dass sie am Freitag Ja sagen würde. In zwei Tagen. Er kam sich sehr gerissen vor.
Jen stand auf und ging ins Bad. In dem Moment, in dem er die Dusche hörte, griff Roy nach dem Telefon und reservierte Pescatores besten Tisch für neunzehn Uhr dreißig am Freitagabend. Als er auflegte, überfiel ihn plötzlich eine Erinnerung: an seinen einzigen anderen Heiratsantrag. Nachts, im winzigen Schlafzimmer des Appartements in Foggy Bottom, seiner ersten eigenen Wohnung, das Blaulicht eines vorüberfahrenden Streifenwagens blitzte über Delias Gesicht. Damals war er einfach damit herausgeplatzt.
Roy lebte in einer umgebauten Scheune auf halber Strecke nach Osten durch das Ethan Valley, ursprünglich ein Ferienhaus, das er und Delia billig gekauft hatten. Kein Geld damals – Delia war noch neu am Hobbes Institute, einer Denkfabrik, die sich auf ökonomische Probleme der Dritten Welt spezialisiert hatte, und Roys Werke hatten noch nicht begonnen, sich zu verkaufen. Eine baufällige Scheune, komplett mit Fledermauskolonie und hausbesetzendem Hippie. Delias Gesicht strahlte beim ersten Anblick. Sie renovierten selbst, was bedeutete, dass Roy renovierte, während Delia unmögliche Vorschläge machte, wie eine Prinzessin im Märchen. Diese Seite an ihr – Delia hatte kurz zuvor ihren Doktor in Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Georgetown gemacht – war etwas, das sie nur ihm zeigte. Was die eigentlichen Renovierungsarbeiten betraf, benötigte Roy keine Hilfe. Er war schon immer handwerklich begabt gewesen. Andere Bildhauer, die er kannte, hatten Schweißen gelernt, um ihre Kunst auszuüben; er war der Einzige, bei dem es umgekehrt gelaufen war. Er hatte während der Schulzeit und im College jeden Sommer bei King’s Machining and Metal Work-up in der kleinen Stadt in Maine gearbeitet, aus der er stammte.
Jetzt, in diesem Augenblick – ein paar Stunden nachdem er sich von Jen verabschiedet hatte –, klemmte er in einer Art gebrochenem Bogen, der hauptsächlich aus Autokühlern bestand, die an den Kanten in jeweils leicht versetzten Winkeln aneinandergeschmiedet waren. Ihn erinnerte das an ein Daumenkino – eine Wirkung, die er nicht beabsichtigt hatte und von der er nicht wusste, ob sie ihm gefiel. Außerdem befand er sich fünfeinhalb Meter über dem Boden – fast ganz oben auf der Leiter nahe des Scheunendachs, Sauerstoff und Acetylen in einer Art umgekehrter Tauchvorrichtung auf den Rücken geschnallt –, und das Bogenformen hatte gerade erst begonnen. Roy stand dort oben, eine Hand auf der Leiter, die andere am Schweißgerät, und wartete auf eine Eingebung. Er konnte spüren, wie hier und dort in seinem Kopf Schemen Gestalt annahmen, doch sie weigerten sich, aus den Schatten zu treten, sichtbar zu werden, sich von ihm greifen zu lassen. Tief unter ihm begann das Telefon zu läuten.
Der Anrufbeantworter sprang an. »Hi«, sagte Murph von Murphs Schrotthandel, Roys größter Lieferant. »Murph hier. Ich hab vielleicht was für dich.« Klick.
Roy kletterte die Leiter hinunter. Auf der letzten Sprosse passierte etwas sehr Seltsames: Ihm ging die Luft aus. Roy war in so guter Form, war schon so lange in so guter Form, dass er es beinah nicht hätte benennen können, eine ganz alltägliche Sache wie Kurzatmigkeit. Hatte er sein Training vernachlässigt? Gestern war er von der Scheune zum Langlaufski-Parkplatz und zurückgelaufen, sieben Meilen, und am Sonntag hatte er den ganzen Vormittag auf Schneeschuhen auf der Loipe am unteren Gebirgshang verbracht, wo er eine Gruppe von Läufern im College- Alter überholte, die ein Rennen liefen, von dem er nichts gewusst hatte. Was dann? War er nervös wegen Freitagabend? Das musste es sein. Ein Mann war niemals zu alt, um nervös zu werden, auf ungewöhnliche Art ärgerlich, aber wahr, zumindest in seinem Fall.
Am späten Nachmittag fuhr Roy hinunter ins Tal zu Murph, wobei er an der Grünfläche in Ethan Center vorbeikam. Neandertal Nummer neunzehn, die letzte der Serie, mit der er sich einen Namen gemacht hatte, stand an einem Ende. Er hatte sie nicht lange nach Delias Tod der Stadt geschenkt.
Roy gefiel ihr Anblick im Winter, wenn Schnee die glatten Flächen rundete und so irgendwie die Neandertal-Charakteristika betonte. Charakteristika, die er nicht beabsichtigt hatte, nicht bewusst. Der Name der Serie und das sichere Gefühl, etwas Neandertalerhaftes in den riesigen Formen zu erblicken, stammten von Delia; der Hauptgrund, hatte Roy immer geglaubt, warum die Serie und seine gesamte Karriere so abgehoben hatten.
»’nen Kurzen?«, fragte Murph. Sie saßen in seinem Büro mit Blick auf den Hof. Ohne die Antwort abzuwarten, kippte Murph Jack Daniels in zwei nicht zueinander passende Becher und ließ den mit dem Valvoline-Logo über den Tisch zu Roy gleiten. »Du auch, Skippy?«, rief Murph über die Schulter.
»Ich was?«, fragte Skippy, der über einen Computer gebeugt in einer Ecke kauerte. Skippy war Murphs Neffe, ein pickliger Junge, der vor ein paar Wochen die Valley High School geschmissen hatte.
»Einen Kurzen«, sagte Murph.
»Nö, ich verzichte«, lehnte Skippy ab, während er ölverschmierte Tasten drückte.
Murph hob den Becher. »Auf den Schrott.« »Schrott«, wiederholte Roy. Klonk.
»Warte, bis du es siehst«, sagte Murph.
»Was ist es?«, fragte Roy. Er spähte durch die schmierigen Scheiben. Leichter Schnee fiel auf die Unmengen von Gerümpel und Schrott in Murphs Hof, die von der hinter den Bergen sinkenden Sonne in ein oranges Licht getaucht wurden.
»Du wirst es nicht glauben«, sagte Murph.
»Versuch’s mal«, entgegnete Roy.
»Skippy«, kommandierte Murph, »geh mal raus auf den Hof und hol das Ding.«
»Ding?«, sagte...




