E-Book, Deutsch, 246 Seiten
Alioth Gallus, der Fremde
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-85787-969-2
Verlag: Lenos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 246 Seiten
ISBN: 978-3-85787-969-2
Verlag: Lenos Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman 'Der Narr'. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig und unterrichtet an der Hochschule Luzern. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland.
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Er träumt von dem Hund. Die Sonne scheint auf die Bucht, und der Hund jagt mit freudigen Sprüngen den weissen Schaumrändern nach, die von den Wellen über den Sand gespült werden.
»Vater?«, flüstert es vor der Hütte.
Er versucht, den Traum festzuhalten, das Licht – Vater, so nennen sie ihn jetzt; oder den Alten, wenn sie meinen, er höre sie nicht. Seine Glieder sind starr vor Kälte. Ist es möglich, dass es immer kälter wird in diesem Wald?
»Seid Ihr wach, Vater?«
Er dreht sich auf den Rücken.
»Wir haben ohne Euch gebetet.« Magnoald klingt schuldbewusst.
Er hat die Glocke nicht gehört, und sie haben ihn schlafen lassen. Aus Vorsicht, Rücksicht, Angst, ihn tot auf seinem Lager zu finden. Ein Unbehagen gärt in ihm, die ganze Nacht schon, und plötzlich weiss er wieder, warum: die Frau. Sie behauptet, sie komme von der Insel und sei in Luxovium gewesen, in Brigantium, Arbona, auch dem heillosen Dorf am See womöglich. Nun will sie mit ihm reden. Magnoald wird ihr in der Scheune ein Lager bereitet, ihr Brot, Mus und vielleicht auch von dem Honig, den sie für Gäste aufbewahren, gegeben haben. Es gehört zu ihren Pflichten, Pilger aufzunehmen, ihr Essen und ihre Gebete mit ihnen zu teilen. Er öffnet die Augen und blickt in das feuchte Hüttendach. Es gehört nicht zu seinen Pflichten, seine Erinnerungen mit jemandem zu teilen.
Eine Krähenschar fliegt aus den Baumwipfeln, als Gallus aus der Hütte kommt. Der Himmel über dem Wald ist grau wie seit Wochen. Auf den Pfaden, die von den Behausungen der Männer zum Bethaus führen, stehen Pfützen, der Boden dazwischen ist sumpfig. Als habe der Frühling sie vergessen. Die Männer unter dem Vordach des Esshauses beobachten ihn, während er das Knie vor dem Kreuz in der Mitte der Lichtung beugt; sie wissen, dass er das Gebet verschlafen hat. Siebenmal am Tag singe ich Dein Lob, und nachts stehe ich auf, um Dich zu preisen, heisst es im Psalm. Columba hatte unwillig den Kopf gereckt: Betet ohne Unterlass!, schrieb Paulus an die Thessalonicher. Siebenmal am Tag war Columba nicht genug, nichts war ihm genug. Der vertraute Schmerz zuckt Gallus von der Hüfte in den Oberschenkel und bringt ihn ins Schwanken. Die Männer vor dem Esshaus rühren sich nicht; die Frau steht neben ihnen. Manchmal wünscht er sich, es wäre möglich, allein in diesem Wald zu leben.
Ich fürchte, er stürzt, aber die Männer neben mir rühren sich nicht. Während ich am Tag zuvor die Schlucht hinaufgestiegen bin, habe ich mich gefragt, ob mich hier der Tod erwarten wird. Wie ein Pilz scheint die Einsiedelei aus der Feuchtigkeit des Waldes im Steinachtal gewachsen und kann im nächsten Moment zu Fäulnis zerfallen. Gallus schwankt, dann fängt er sich und geht mit gesenktem Kopf ins Bethaus.
Öffne meine Lippen, damit mein Mund Dein Lob verkünde. Gallus steht im leeren Bethaus und wiederholt die Worte in seinem Kopf. Er hat schon lange nicht mehr von dem Hund geträumt. Öffne mein Herz – Die Sonne glitzerte auf den Wellen, die an den Strand spülten, Grasnelken blühten vor seinen Füssen, ein rosarotes Polster. Es war Sommer. Im Wind, der über das Dünengras strich, hing der süsse Duft der Wiesen und verwischte das Läuten der Glocke – sie läutet tatsächlich. Die Tür des Bethauses öffnet sich, und Gallus hört, wie sich die Männer in seinem Rücken zur Terz versammeln.
An dem Morgen am Strand sprang er auf, als er die Glocke hörte, und lief die Düne hinauf, so schnell er konnte mit seinen siebzehn Jahren. Oben auf der Kuppe hielt er inne und schaute zurück. Auch der Hund war stehen geblieben. Für einen Moment sahen sie sich an, dann wandte der Hund sich ab und jagt weiter den Wellen nach. Als Gallus die Kirche der Abtei betrat, hatten die Gebete längst begonnen. Er versuchte, sein lautes Schnaufen zu unterdrücken. Die Mönche beachteten ihn nicht, und er überlegte, welche Busse sie ihm auferlegen würden: Fasten, Schweigen, Schläge?
Dass wir preisen Deine Güte und Deine Gerechtigkeit, singen die Männer im Bethaus hinter ihm.
Er hatte Glück gehabt damals. Als die Mönche die Kirche verliessen, dachte keiner mehr an eine Busse für ihn. Sie dachten alle nur daran, dass der Abt in den Fürbitten um göttlichen Schutz für die dreizehn Gefährten auf ihrer bevorstehenden Reise gebetet hatte. Also hatte Columba seinen Willen durchgesetzt: Er würde Bangor verlassen.
Gallus ist älter, als ich mir vorgestellt habe, seine Schultern sind gebeugt, als drücke sein halbgeschorener Schädel ihn nieder, und seine Glieder hängen lose unter seiner Kutte wie die einer Puppe. Aber sein Geist scheint klar. Ich werde mit ihm sprechen können und aus seinem Mund erfahren, was ich wissen möchte. Ich habe eine Liste meiner Fragen gemacht, chronologisch geordnet, als seien alle von gleicher Bedeutung, und ich werde mit Columbanus beginnen, der sein Lehrer war, sein Wesen und seine Haltung geformt haben muss. Gallus wird ins Erzählen geraten, alte Männer erzählen gern, und ich kann zuhören. Einsam steht er nun vor dem Altar im schnarrenden Gesang der Männer, die sich lieber an die Wände des Bethauses drängen, als ihm zu nahe zu kommen. Würde er den Kopf heben, würde er sie alle überragen.
»Ihr wart ein Schüler von Columbanus.«
Die Frau wartet vor dem Bethaus. Die Männer haben sich bereits zerstreut. Die Tage sind immer noch kurz, und zwischen Morgen- und Abenddämmerung bleibt kaum Zeit für die Arbeit. Auch Magnoald ist nicht zu sehen. Gallus zögert, aber er findet keinen Vorwand, die Frau zu vertrösten, und sie folgt ihm zum Esshaus.
»Ein Schüler von Columba«, wiederholt Gallus.
»Ihr habt ihn gekannt.«
Die Frau setzt sich am Tisch ihm gegenüber. Sie hat ein Heft in der Hand und einen Stift. Sie will aufzeichnen, was er sagt, so wie der Gelehrte vor ein paar Jahren, der die Lebensgeschichte von Columba niederschrieb – Columbanus, wie sie ihn nun nennen, als sei er in dem Land, in dem er begraben liegt, auch geboren worden. Die Frau hat kurzes Haar, und ihre Nase ist von der Kälte gerötet. Sie muss in warmen Räumen aufgewachsen sein, aus vollen Tellern gegessen haben, und sie hat gelernt, geduldig zu sein.
»Niemand hat Columba gekannt.«
»Aber Ihr habt mit ihm die Insel verlassen. Ihr wart von Anfang an zusammen.«
Wartet! Gallus lief hinter Columba her. Der Wind, der vom Strand heraufwehte, schmiegte die Kutte an seinen Rücken, Gallus sah die knochigen Schulterblätter unter dem Stoff. Was willst du? Columba wandte sich um und musterte ihn. Mitkommen. Wohin? Dorthin, wo Ihr hingeht. Die Sonne stand in Gallus’ Rücken, und er sah, wie die Haut sich über Columbas Wangenknochen spannte, seine dünnen Lider und die kleinen Kerben über den Lippen. Warum? Ich will Euch folgen. Gallus versuchte sich an die Bibelstelle zu erinnern: So wie Abraham Gott folgte, als der ihn hiess, sein Vaterland zu verlassen, um in das Land zu ziehen, das er ihm zeigen werde. Columba schnaubte. Abraham war ein erwachsener Mann. Gallus schob die Schultern zurück, er überragte Columba. Erwachsen im Geist, entgegnete er. Ich werde von Euch lernen. Columbas Miene verhärtete sich. Er musste wissen, wie sehr die Schüler, die er in der Abteischule unterrichtete, ihn fürchteten. Du wirst deine Familie nie wiedersehen, sagte Columba. Ich habe keine Familie. Dein Vater? Ich kenne ihn nicht. Deine Mutter? Tot. Um Columbas Mund zuckte es, und einen Moment überlegte Gallus, ob die eisblauen Augen ihn erkannten. Er war ein Kind gewesen damals im Turm, keine sieben Jahre alt. Aber Columba schwieg. Ich werde Euch dienen, versicherte Gallus, und einen Augenblick dachte er an den Hund am Strand. Du kannst nichts, was uns in der Fremde von Nutzen sein wird. Gallus zögerte einen Moment: Ich kann Fische fangen.
Gleich bei meiner Ankunft in der Einsiedelei habe ich den modrigen Geruch bemerkt, und nun, da ich neben Gallus sitze, wird er stärker. Das Esshaus, wie sie es nennen, ist ein langer, niedriger Raum, in dem Leute kommen und gehen. Es dauert eine Weile, bis ich Gallus zum Sprechen bringe, aber ich bin vorbereitet. Ich kenne die Orte, die Personen, ich habe eine Karte von seinem Weg gezeichnet, auf der alle Ereignisse eingetragen sind, und als er endlich zu erzählen beginnt, ist mir jedes Wort vertraut: Nach langen Jahren im Kloster gestand Columbanus dem Abt von Bangor sein Verlangen, die Insel zu verlassen, und schweren Herzens erteilte ihm dieser die Erlaubnis, versprach, ihn in seinem Vorhaben zu unterstützen und ihm zwölf Reisegefährten mitzugeben. Nur das Knirschen in Gallus’ Stimme befremdet mich, als habe die Zeit die Sätze verkrustet. Sie verliessen die Insel, sagt er, im Wissen, sie niemals wiederzufinden.
Als die Glocke zum Mittagsgebet läutet, klappt die Frau ihr Heft zu; sie hat kein Wort aufgeschrieben. Während sie zum Bethaus gehen, schaut sie sich um, und Gallus überlegt,...




