Cartarescu Melancolia
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-552-07327-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-552-07327-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mircea C?rt?rescu schreibt über die Kindheit und das Heranwachsen. Und er enthüllt dabei die großen Themen des Lebens: Einsamkeit, Trennung, Liebe.
Als seine Mutter einkaufen geht, ist der fünfjährige Junge überzeugt, sie kehrt nicht mehr zurück. Zuerst erkundet er die Wohnung, dann die nahe Kautschukfabrik, schließlich träumt er sich in das Kaufhaus Concordia. Um seine kleine Schwester von einer Krankheit zu heilen, unternimmt Marcel eine nächtliche Reise zum 'Fuchsbau', vor dem sie sich am meisten fürchtet. Jahr für Jahr muss Ivan die Kleidungsstücke aussortieren, die ihm zu klein geworden sind. Als er Dora trifft und sich in sie verliebt, fragt er sich, ob auch Mädchen ihre Haut wechseln müssen.
Mircea C?rt?rescu wurde 1956 in Bukarest geboren und lebt in seiner Heimatstadt. Seit 1978 veröffentlicht er Lyrik und Prosa, sein Werk wird in vielen Sprachen übersetzt. Preise u.a.: International Dublin Literary Award (2024), FIL-Preis für romanische Sprachen (2022), Thomas-Mann-Preis, Premio Formentor (beide 2018), Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung und Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur (beide 2015). Auf Deutsch erschienen zuletzt der Roman Solenoid (2019), die Erzählungen Melancolia (2022) und der Roman Theodoros (2024).
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Der Tanz
Bei einer meiner unzähligen Reisen durch den Archipel traf ich auf eine Insel umgeben von grünem Wasser, auf dem die Lichthexagone farblich derart aufgehellt spielten angesichts des Miniumschimmers jener Meere und derart verschattet wurden von den riesigen Flügeln der Möwen, die über den unbefleckten Himmel glitten, dass allein der Anblick schon jedes menschliche Auge entzückte. Es war geradezu unmöglich, sich nicht zu fragen, ob sich an jenem felsigen Ort etwa der nicht von Menschenhand errichtete Palast befinde, von dem die kleinwüchsigen Menschen dieser Gegend mit ihren Fesen und den krummen Dolchen im Bauchgurt zur Zeit der Siesta sprachen. Es gebe da, sagten sie, sehr viele Zimmer im Palast, allesamt voller nie zuvor auf der Welt gesehener Wunderdinge, doch dafür lohne es nicht, sein Leben aufs Spiel zu setzen, auch lohne es nicht, neben einer Mauer auf dem Boden kauernd und an seiner Wasserpfeife nuckelnd, darüber zu reden; eine mit der Nadel in den Augenwinkel geschriebene Geschichte. Im innersten Kern des Palastes befand sich der Ausgang, und dieser wurde von einem wutschnaubenden Hüter bewacht, an dem niemand vorbeikam. Niemand hatte ihn jemals überwunden, und die von dort zurückkehrten, taten dies gebeugt und mit hängenden Köpfen wie nach einer verlorenen Schlacht. Was es jenseits des Ausgangs gab, wusste niemand, aber die Engel, die hin und wieder auf eine der Inseln herabstiegen, sei es, dass sie eine Prozession mit tränenden Ikonen zu heiligen hatten, sei es, dass sie einen leichtsinnigen Mann zurechtweisen mussten, weil er seine Frau zu der Zeit beschlafen hatte, da sie unrein war, oder sei es auch nur, um selber nicht untätig zu bleiben, sprachen von einer Tiefe wie die tiefsten Abgründe der Meere, wo die zerschellten Barkassen mit Bäuchen voller Schätze lägen, auch von den Fischen dort mit spitzen Schnäbeln und Oktopussen, den uralten Statuen mit Marmorhaut.
Jeder Seemann, so hieß es, komme wenigstens einmal im Leben auf jene Insel, denn die Diagramme des Sternkreiszeichens, unter dem er geboren wurde, lenkten ihn dorthin. Mithin wunderte ich mich nicht, als es auch mir im Alter von fünfzig Jahren, wenn der Mann mit salz- und sturmgegerbter Haut sich nach Hause zurückzieht, vergönnt war, den Fuß auf den heißen Sandstrand dieser Insel zu setzen. Weder fürchtete ich mich, noch war meine Freude übermäßig groß: Es hatte so sein sollen, wie ich mir stets angesichts eines neu beginnenden Tages, einer neuen Frau, eines neuen, aufgeschlitzten Fremden sagte. Der Mensch kann nichts anderes tun, als was ihm von oben aufgegeben wurde. In seinem letzten Augenblick schaut jeder auf sein Leben zurück und versteht, dass es so hatte sein müssen.
Ich fuhr mit einem Boot ans Ufer, ließ das Schiff hundert Armlängen von den Felsen entfernt ankern. Die Mittagssonne brannte herab, nirgends war irgendein Schatten zu sehen. Die Feigenbäume wuchsen von alleine und hingen voll violetter Früchte. In der Mitte der Insel gab es einen Ring schiefer und krummer Felsen, wie Zähne von Riesen. Schwer nur fand ich die Zahnlücke, durch die ich schlüpfen konnte. Eingefasst von den Felsen erhob sich mit gelben Mauern, über die sich eine schädelartig modellierte Kuppel wölbte, der nicht von Menschenhand errichtete Palast. Eher auf der Suche nach Schatten denn nach einem Abenteuer trat ich durch das große Tor, denn die Sonne brannte unbarmherzig herab, und meine Kleidung und mein Haar waren derart durchnässt, als hätte ich das Ufer schwimmend erreicht gehabt. In den geräumigen Sälen fand ich Schatten, dichten Schatten von allerbester Qualität.
Der Palast war riesig groß und leer. Die Wände waren voller Arabesken. In den Innenhöfen standen Wasserbecken, aus denen das Wasser schon lange verdunstet war. Auf ihrem muschelförmigen Grund hatten Spinnen ihre verstaubten Netze gespannt. Die Säle waren mit vielen Türen versehen, derer ich so viele öffnete, wie ich es vermochte. Jedes Zimmer, das von diesen Sälen abging, hatte ein Fenster, durch welches man das Meer sah. Jedes hatte in der Mitte auch einen Steinkubus, auf dem eine unbegreifliche Maschinerie surrte, ein goldglänzender Fisch zappelte, eine Kristallkugel darüber schwebte oder ein Mädchen mit herabhängenden Beinen darauf saß und mich gelangweilt anschaute, gekleidet war es wie eine seltsame Meeresfrucht in einen Panzer aus rosenfarbenem Perlmutt. Da und dort gab es auch eine Heuschrecke von der Größe eines stattlichen Hundes mit einem Wasserkorn zwischen den Kiefern, die einen in einer nächsten Stube mit blinden Augen anschaute.
Es folgten weitere und immer weitere Säle, aber bald schon verzichtete ich darauf, die geschlossenen Türen zu untersuchen, es kümmerte mich nicht mehr, welche Überraschungen mich noch in den Räumen dahinter erwarten mochten, denn ich war in Ungeduld danach erbrannt, vor die Ausgangspforte zu gelangen. Stundenlang ging ich über die feinen Bodenplatten aus glänzendem Stein. Da und dort gab es auch an den Außenmauern weite symmetrische Öffnungen, durch die man in alle Richtungen schauen konnte, auf das Meer hinaus und auf den Himmel. Die Möwen saßen auf den breiten Fensterbrettern und schauten mit einem roten Auge herein, wagten es jedoch nicht, mit ihrem Flug den Schatten zu beeinträchtigen. Als ich schon beinahe nicht mehr an die Geschichten von den Inseln glauben mochte und der Gedanke, auf das Schiff zurückzukehren, in mir zu nagen begonnen hatte, schritt ich durch einen hohen, in Porphyr gehauenen Bogen und betrat den Saal des großen Portals. Der Saal war kreisrund, und ich konnte ringsum noch elf solche Eintrittsportale zählen, die wie dieser in scharlachroten Stein gehauen worden waren. Die von der anderen Seite waren wegen der immensen Weite des Saales kaum auszumachen. Ich befand mich nun, so mein Kalkül, tatsächlich in der Mitte des Palastes und unter der wie ein menschlicher Schädel geformten Kuppel, die man schon von weit draußen auf dem Meer hatte sehen können, hier nun sah ich mit Verwunderung, dass diese Halbkugel mit den Windungen eines Hirns bemalt war — dem so lebendigen wie vergänglichen Thron der menschlichen Seele.
In der Mitte des Saales befand sich etwas, das unter der Kuppel mit einem extrem starken runden Beleuchtungskörper wie ein Blitz funkelte, eine senkrechte Säule reinsten Lichts fiel herab und zeigte an, dass sich die Sonne immerzu über jener Insel befand. Dieses ferne Funkeln war das Portal, das mich beim Vorangehen blendete, so dass ich den Arm vor die Augen hielt und Schritt für Schritt in die Tiefe des Saales eindrang. Auf die gleiche Weise war ich in meiner Jugend vom Bug der Barkasse ins ringsum funkelnde Meer gesprungen und auf ihrem Strahl aus Feuer und Wasser, die sich immerzu in neuen veränderlichen Proportionen wechselseitig durchzuckten und durchdrangen, direkt auf die Sonne zugeschwommen.
Als ich vor dem Ausgang anlangte, war ich verblüfft, das Herz stand mir still, denn im gleichen Augenblick, und als hätte er von den Uranfängen der Welt schon dort auf mich gewartet, tauchte aus dessen Tiefen der Wächter auf. Nun schauten wir uns grimmig an, entschlossen, um nichts auf der Welt beiseitezutreten, denn er hatte den Göttern geschworen, jeden Eindringling auch um den Preis seines eigenen Lebens anzuhalten, während ich wissen wollte, was sich jenseits befand, und mein Wille vertrat mir den Schwur ebenso wie den Gott. Wir standen uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber, das Portal zwischen uns, schauten uns wild entschlossen an.
Der Wächter war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren. Eine Narbe, ähnlich der Narbe, die meine linke Schläfe durchfurcht, zog sich auch durch seine Schläfe, jedoch die rechte. Er war ähnlich wie ich gekleidet, aber er war zweifellos Linkshänder, denn er hatte sein Schwert in der Scheide stecken, die an seiner rechten Hüfte angegurtet war. Seine Stiefel waren vielleicht von dem gleichen Schuster angefertigt worden, der auch die meinen gemacht hatte, aber dann musste er bei den beiden Buchstaben seines Namens, die in den Schaft eingestanzt waren, einen Fehler begangen haben: Die des Wächters waren auf seltsame Weise verdreht.
Ich ging einen Schritt...




