E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
Ashley SARAH - SIE SIND ZAUBERHAFT
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95446-764-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical
ISBN: 978-3-95446-764-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Enttäuscht, weil ihr Vormund Marcus Ravenhurst sich in all den Jahren seit dem Tod ihrer Eltern nie um sie gekümmert hat, beschließt die entzückende Sarah, heimlich aufzubrechen und zu ihrer alten Erzieherin zu reisen. Doch das Schicksal will, dass just in dieser Zeit der äußerst vermögende Marcus sich auf den Weg macht, um sein Mündel in Bath zu besuchen. Als er Sarah dort nicht vorfindet, beschließt er, ihr nachzufahren. Durch einen aufkommenden Schneesturm muss er gezwungenermaßen in einem Landgasthaus übernachten. Eine ebenfalls dort wohnende junge Dame betört ihn sofort durch ihren ungewöhnlichen Liebreiz. Zufällig erfährt er, wer sie ist: seine verschwundene Sarah! Doch bevor Marcus sich zu erkennen gibt, geschieht im Gasthof ein Mord. Jetzt kann er beweisen, wie sehr ihr Wohl ihm am Herzen liegt...
Die Engländerin schreibt historical romances und entspannt sich gerne in ihrem Garten. Diesen hat sie bereits öfter zugunsten des Fondes der Kirche in ihrem Dorf der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
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1. KAPITEL
Das perfekt aufeinander abgestimmte Grauschimmelgespann fuhr unter einem der schönsten elisabethanischen Torbögen der Grafschaft Wiltshire hindurch, um im Hof vor den Stallungen anzuhalten.
Marcus Ravenhurst, viel beneideter Besitzer der Grauen, wartete, bis sein Stallbursche von der eleganten Rennkarriole heruntergesprungen war und die Zügel übernommen hatte, ehe er mit der federnden Geschmeidigkeit des geübten Sportsmannes seinem Beispiel folgte.
Als Marcus zum Haus ging, fing sich der Februarwind in seinem Kutschermantel mit dem breiten Schulterkragen. Trockenes Laub wirbelte vor ihm über den Boden und wurde zu kleinen Häufchen zusammengeweht. Ehe er unter den schützenden Vorbau trat, fiel sein Blick auf die hohen Bäume, die den Bau verdunkelten. Missbilligend zog er die dunklen Brauen zusammen, sodass sein Gesicht den für ihn typischen finsteren Ausdruck annahm.
Er griff nach dem schimmernden Türklopfer und pochte einige Male energisch. Es dauerte eine Weile, bis die schwere Eichentür von einem grauhaarigen Butler geöffnet wurde.
„Ach, Master Marcus!“, rief der Alte erfreut und mit jener Vertraulichkeit aus, die nur treuen und langjährigen Dienern zustand, ehe er den unerwarteten Besucher eintreten ließ. „Ihre Ladyschaft ließ nichts von Ihrer Ankunft verlauten, Sir.“
„Sie erwartet mich nicht, Clegg. Auf dem Weg nach Somerset fiel mir ein, dass ich kurz vorbeischauen könnte. Ich bleibe nur eine Nacht.“
Nachdem er Handschuhe und Biberfilzhut auf den Hallentisch gelegt hatte, zog Marcus seinen Mantel aus, unter dem ein blauer Rock von erstklassigem Schnitt und ein blütenweißes Halstuch zum Vorschein kamen. Dazu trug er braungelbe Pantalons, die faltenlos seine muskulösen Beine umspannten. Seine schlichte, zweireihige Weste wies weder Uhrketten noch sonstigen Zierrat auf. Sein einziger Schmuck war ein goldener Siegelring, der seine kraftvollen, wohlgeformten Hände betonte.
Von der dezenten und eleganten Aufmachung wie immer beeindruckt, dachte der betagte Butler bei sich, dass es nicht viele Gentlemen gab, die so untadelig gekleidet waren und eine so gute Figur machten wie der älteste Enkel seiner Herrin.
„Ihre Ladyschaft befindet sich in ihrem Salon, Sir“, sagte er, als er ihm den Mantel abnahm. „Ich werde ihr melden, dass Sie eingetroffen sind.“
„Sparen Sie sich die Mühe, Clegg. Ich melde meine Ankunft selbst.“ Marcus ließ ein Lächeln sehen, das seine scharf geschnittenen Züge weicher wirken ließ. „Damit erspare ich Ihnen die Peinlichkeit, Ohrenzeuge der Strafpredigt zu werden, die mir droht, weil ich mich so lange nicht blicken ließ.“
„Wie Sie wünschen“, erwiderte der Butler ernst, aber mit einem verräterischen Zucken der Lippen. „Ich werde ein Zimmer für Sie vorbereiten lassen.“
„Danke, Clegg. Sorgen Sie dafür, dass mein Bursche alles Nötige hat.“
Am oberen Ende der Treppe angelangt, wandte Marcus sich nach rechts und ging den schmalen Gang zu den Privaträumen seiner Großmutter entlang um nach kurzem Anklopfen einzutreten. Die Dowager Countess saß in einem Sessel vor dem Feuer, eine Decke über den Knien, auf dem Schoß ein offenes Buch.
„Ist Besuch gekommen, Clegg?“, fragte sie ohne sich umzublicken.
„Wie schön, dass dein Gehör noch so gut ist, Großmama.“
„Ach, Marcus!“ Sie drehte sich um und sah ihrem Lieblingsenkel, der zielbewusst auf sie zuging, mit gerunzelter Stirn entgegen. „Ein ganzes Jahr habe ich dich nicht mehr gesehen. Ich dachte schon, du wärst tot!“, bemerkte sie trocken.
„Ein Vierteljahr um genau zu sein, Madam.“ In seinen dunklen Augen blitzte es spitzbübisch, als er ihr einen Kuss auf die rosige Wange hauchte. „Sicher bist du überglücklich mich so gesund und munter wiederzusehen.“
Sie reagierte mit einem spöttischen Auflachen. „Marcus, um Gesundheit und Munterkeit mache ich mir bei dir keine Sorgen, da du das bei Weitem am besten geratene männliche Exemplar unserer Familie bist. Zwar ist es mit deinem Aussehen nicht weit her“, fuhr sie mit ungeschminkter Offenheit fort, „aber es fliegen ja nicht alle Frauen auf ein hübsches Gesicht.“
Er stellte sich ans Feuer und wärmte sich den Rücken, während er sie liebevoll betrachtete. Nur ihr Ebenholzstock und ihr weißes Haar, das unter dem Spitzenhäubchen hervorlugte, verrieten ihre fünfundsiebzig Jahre. Sie hatte sich ihre glatte Haut bewahrt und ihre grauen Augen waren wach und aufmerksam wie eh und je. Ihr klarer Verstand und ihre scharfe Zunge bereiteten ihrem ältesten Sohn oft genug Unbehagen und brachten seine Gemahlin immer wieder in Verlegenheit. Da sie stets offen ihre Meinung sagte und mit spöttischen Kommentaren nicht sparte, wirkte sie auf ihre Umgebung ziemlich einschüchternd – nicht aber auf Marcus. Seine Großmutter gehörte zu den wenigen Menschen, denen er Bewunderung und Respekt zollte.
„Mir liegt nichts daran, als Adonis zu gelten.“
„Sehr vernünftig, zumal das Aussehen eines Mannes für eine kluge Frau nur eine untergeordnete Rolle spielt, wenn er reich ist wie Krösus.“
„So reich auch wieder nicht“, konterte er.
„Schwindel mich nicht an! Du gehörst zu den reichsten Männern Englands.“ Sie sah ihn mürrisch an, ehe sie gereizt fragte: „Wie lange willst du noch herumstehen und dich an meinem Feuer wärmen, mein Junge? Hol dir ein Glas Madeira. Er stammt aus Henrys Keller. Dass er etwas von Wein versteht, ist das einzige Zeichen von Intelligenz, das ich an meinem Ältesten entdecken konnte. Und wenn du schon dabei bist, kannst du mir auch eines einschenken.“
Gehorsam kam Marcus der Aufforderung nach und füllte zwei Gläser, von denen er eines seiner Großmutter reichte, ehe er sich in dem Sessel ihr gegenüber niederließ. Nachdem er den edlen Tropfen gekostet hatte, erkundigte er sich höflich, ob der Earl of Styne anwesend sei.
„Nein“, gab die alte Dame befriedigt zurück. „Er weilt mit seiner bleichsüchtigen Frau bei ihrer Mutter in Kent. Ich erwarte sie erst in einer Woche zurück, mit etwas Glück sogar später. Wolltest du ihn sehen?“
„Ich kann mich nicht erinnern jemals den Wunsch verspürt zu haben meinen hochgeschätzten Onkel Henry zu sehen“, gab er zur Belustigung seiner Großmutter offen zurück. „Aber ich finde, dass er ein paar Bäume fällen lassen sollte, da sie zu viel Schatten werfen. Der Garten ist eine wahre Schande.“
„Marcus, ich wäre dir dankbar, wenn du das mir überlassen würdest!“, antwortete sie nicht ohne Schärfe. „Zu meinen Lebzeiten wird kein einziger Baum gefällt. Das dichte Laub schützt mich vor neugierigen Blicken vom Herrenhaus her. Wilkins wird den Garten in Ordnung bringen, sobald sein Rheuma sich gebessert hat.“
Das Herrenhaus des Earl of Styne lag inmitten eines ausgedehnten Parks eine gute Viertelmeile vom Witwensitz entfernt, sodass es wahrer Argusaugen bedurft hätte, um von dort aus die Dowager Countess zu beobachten. Marcus, der wusste, dass eine Debatte zwecklos war, wechselte das Thema und erkundigte sich höflich, wenn auch mit mäßigem Interesse, nach dem Befinden der übrigen Familienmitglieder.
Da die Dowager Countess of Styne dem verstorbenen Earl sechs Sprösslinge geschenkt hatte, dauerte es eine Weile, bis sie ihm alles über ihre fünf noch lebenden Kinder und deren zahlreiche Nachkommenschaft berichtet hatte.
„Dass deine Mutter Agnes, meine Älteste, mein Liebling war, habe ich nie verhehlt. Sie war bei Weitem die Beste“, schloss sie.
„Vielleicht bin ich voreingenommen, aber das war auch immer meine Meinung“, erwiderte er mit einem für ihn untypischen Anflug von Zärtlichkeit.
„Nie hätte ich gedacht, ich würde eines meiner Kinder überleben.“ Sie schüttelte betrübt den Kopf. „Und dass mir ausgerechnet meine Agnes genommen wurde … Sie hat den Tod deines Vaters wohl nie verwunden. Die beiden waren ein Paar, wie es nur wenige gibt, und führten eine richtige Liebesehe.“
Als er darauf nichts erwiderte, schüttelte sie ihre Trauer, die auch nach sechs Jahren nicht nachgelassen hatte, ab und fragte den einzigen Sohn ihrer Lieblingstochter mit strengem Blick nach dem Grund seines überraschenden Besuches.
„Ich kann doch auf dem Weg nach Somerset nicht einfach vorbeifahren, ohne meine Aufwartung zu machen.“
„Ach?“ Sie schaute ihn fragend an. „Hast du zufällig die Absicht, dein Mündel in Bath zu besuchen? Komisch, erst gestern dachte ich an das Mädchen. Agnes war mit Sarahs Mutter eng befreundet.“
Er wollte sein Glas an die Lippen führen und hielt in der Bewegung inne. „Nein, das wollte ich nicht.“
Sein spröder Ton entging ihr keineswegs. Sie musterte ihn eine Weile versonnen, ehe sie mahnend fragte: „Besuchst du das Kind denn niemals, Marcus?“
Er stellte sein Glas auf das Tischchen neben seinem Sessel und stand unvermittelt auf, um wieder vors Feuer zu treten. „Für das Mädchen wird großzügig gesorgt“, erklärte er beinahe brüsk. „Ich habe sie zunächst in einer Schule in Bath untergebracht und dann Cousine Harriet in Mamas altes Haus am Upper Camden Place geholt, damit sie sich um die Kleine kümmert. Vierteljährlich überweise ich eine Apanage und mein Sekretär kümmert sich außerdem darum, dass es meinem Mündel an nichts fehlt.“ Der vorwurfsvolle Blick wich nicht aus den Augen seiner Großmutter, sodass ihm die Zornader schwoll. „Was willst du eigentlich? Was hätte ich sonst noch tun sollen? Woher soll ich wissen, wie man mit Schulmädchen umgeht?“
„Mit Schulmädchen?“,...




