Barbey D`Aurevilly / Krämer | Die Gebannte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 312 Seiten

Reihe: Französische Bibliothek

Barbey D`Aurevilly / Krämer Die Gebannte


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95757-299-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 312 Seiten

Reihe: Französische Bibliothek

ISBN: 978-3-95757-299-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In dem normannischen Örtchen Blanchelande entfaltet sich ein Drama von archaischer Wucht: Jeanne, die adelige Frau eines Großbauern, verfällt einem dämonischen Mönch, der sich als Soldat und versuchter Selbstmörder gleich zweifach an seinem Priesteramt vergangen hat. Haben die heidnischen Wanderhirten, die in der nahen Heide von Lessay ihr Unwesen treiben, sie verhext? Wird sie von dem Mönch benutzt oder ist dieser selbst nur Mittel zum Zweck in einem unheilvollen Spiel? Nachdem sie tot aufgefunden wird, rächt sich ihr Mann grausam an dem Mönch, der seither sein Unwesen in der Gegend treibt. ?Die Gebannte?, einer der wichtigsten Romane von Jules Barbey d'Aurevilly, ist ein stilistisch herausragender Versuch über unerfüllbares Begehren und die Kraft des Glaubens und Aberglaubens. Fast 30 Jahre vergriffen, erscheint dieser Roman nun in der Reihe ?Französische Bibliothek? in der neu durchgesehenen klassischen Übersetzung von Alastair mit Beiträgen von Maximilian Woloschin, Mario Praz und Jacques Petit sowie Illustrationen von Félix Buhot.

Jules Barbey d'Aurevilly (1808-1889), Romancier, Essayist und seinerzeit berühmter Dandy, stammte aus der Normandie, wo die Mehrzahl seiner Bücher spielt, lebte jedoch in Paris. Daß er sich ab Mitte der 1840er Jahre zum Katholizismus bekannte, hielt ihn nicht von unfrommen und gewagten Stoffen ab und bewahrte ihn auch nicht vor einer Anklage wegen Verletzung der öffentlichen Moral und guten Sitten. Alastair (d. i. Hans-Henning von Voigt, 1887-1969), Bohemien, Künstler, Schriftsteller, übersetzte u. a. Werke von Théophile Gautier, Émile Zola und Robert Louis Stevenson. Gernot Krämer, geboren 1968, lebt als Redakteur der Literaturzeitschrift SINN UND FORM in Berlin und hat neben Barbey d'Aurevilly u. a. Werke von William Blake, Marcel Schwob, Apollinaire und Joris-Karl Huysmans übersetzt bzw. ediert.
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I

Die Heide von Lessay ist eine der ausgedehntesten jenes Teiles der Normandie, der die Halbinsel des Cotentin genannt wird. Ackerland, fruchtbare Täler, grüne Heidegründe, fischreiche Wässer finden sich dort; doch ist das Cotentin, diese fette und ertragreiche Scholle, wie die Bretagne, der Pauvresse-aux-Gênets benachbart, einem jener brachen und kahlen Gebiete, die der Wanderer meidet und wo nichts gedeiht außer spärlichem Gras und kargem, bald verdorrtem Heidekraut. Solch unbebaute Landstriche, des Wachstums bare Strecken, kahlköpfige Hügel stechen gemeiniglich von den sie umgebenden Ländereien auffallend ab. Sie sind inmitten der Fülle Oasen der Unfruchtbarkeit, so wie im Wüstensand sich grünende Oasen finden. Sie unterbrechen die lachenden, frischen und fruchtbaren Landschaften mit herben Bildern der Traurigkeit und Sorge. Sie lassen ihre Schatten dunkler werden … Zumeist ist der Horizont der Heidegründe wenig weit. Betritt der Wanderer sie, überfliegt sein Blick sie bis an ihre Grenzen. Allseits frieden die Hecken bebauter Felder sie ein. Findet man hier ausnahmsweise Heidegebiete, die sich weitflächig breiten, so ist schwer zu schildern, welchen Eindruck sie in dem Beschauer hervorrufen. Ihr tiefer und seltsamer Zauber fesselt Blick und Herz. Wer kennte nicht den Zauber der Heide? Nur Seelandschaften, Meer und Dünen sind vielleicht von gleich ausdrucksvoller Eigenart und vermögen noch stärker zu bewegen. Sie sind wie letzte Fetzen ursprünglicher und wilder Poesie auf der von des Menschen Hand und Werkzeug verwandelten und verwundeten Erde. Heilige Überreste, die schon morgen vom Atem modernen Industrialismus verweht sein können; denn unsere grob materialistische und nutzgierige Epoche müht sich, jegliche Unberührtheiten und Unbezähmtheiten auf dem Erdkreis wie in der Menschenseele zu tilgen. Immer gewinnlüstern, ist die Gesellschaft, greise Haushälterin, die von der Jugend einzig die Gelüste bewahrt und sich mit ihren Einsichten brüstet, ebenso unfähig, das Göttlich-Unbewusste des Geistes, die Poesie der Seele zu begreifen, stets gewillt, sie gegen unselige immer unvollständige Kenntnisse einzutauschen, wie sie unfähig ist, die unter scheinbarer Nutzlosigkeit der Dinge verborgene und sichtbare Poesie der Schau anzuerkennen. Wenn diese furchtbare Regsamkeit des modernen Denkens anhält, so wird es in wenigen Jahren kein armes Stücklein Heide mehr geben, auf dem die Phantasie träumend ruhen könnte, wie der Reiher gedankenvoll auf einem Bein steht an abendlicher Tränke. Unter der Herrschaft des schwergewichtigen Genius leiblichen Behagens, die man für Zivilisation und Fortschritt ausgibt, werden weder Ruinen noch Bettler, weder Einöden noch Aberglauben bestehen, wie sie Gegenstand dieser Geschichte sind, wenn unsere weise Zeit uns überhaupt den Mund nicht verbietet.

Eben diese zweifältige Poesie unberührter Scholle und Unaufgeklärtheit ihrer Bewohner war es, die man vor kurzen Jahren noch in der wilden und unberührten Heide von Lessay finden konnte. Jene, die sie damals kannten, können es bezeugen. Zwischen La Haye-du-Puits und Coutances gelegen, eignete dieser normannischen Wüste eine großartige Verlassenheit und trostlose Traurigkeit, die sich unvergesslich einprägten, wo nicht Baum noch Haus, Hecke und irgend Zeichen menschlichen Lebens zu finden waren, außer Spuren des Wanderers oder der Herden vom gleichen Morgen im Staub bei trockenem Wetter, oder im aufgeweichten Lehm der Straße bei Regen. Die Heide erstreckte sich, wie es hieß, sieben Meilen weit. Um geradenwegs hindurchzukommen, brauchte ein gutberittener Mann gewiss mehr als zwei Stunden. Nach Meinung der ganzen Gegend war es ein gefahrvoller Weg. Wenn man von Saint-Sauveur-le-Vicomte, diesem Flecken, so hübsch wie ein schottisches Dorf, wo Du Guesclin seine Burg gegen die Engländer verteidigte, oder von der Küste der Halbinsel aus in Coutances zu tun hatte und der Zeitersparnis wegen den Heideweg einschlagen wollte – denn Landstraßen und öffentliche Postkutschen gab es auf jener Seite nicht – so tat man sich zu mehreren zusammen, um die bedenkliche Einöde gemeinsam zu durchqueren; dies war so üblich, dass man lange in den Gemeinden die wenigen Männer, die bei Tag oder Nacht alleine den Weg nach Lessay wagten, tollkühn nannte.

Es wurde unbestimmt von Morden gesprochen, die zu anderen Zeiten dort begangen worden waren. Und nicht verwunderlich war, dass solche Überlieferungen dieser Gegend anhafteten. Denn es ließ sich wohl kaum eine geeignetere Örtlichkeit finden, um Reisende zu überfallen oder Feinde zu beseitigen. Das Land ringsum erstreckte sich so weit und kahl, dass man aus größter Entfernung schon Leute wahrnahm, die den Überfallenen hätten Beistand leisten wollen, und ihnen ausweichen und entfliehen konnte. Bei Nacht wurden Hilferufe auf der Heide von der schweigenden Weite verschlungen. Dies aber war nicht alles.

Wollte man den Erzählungen von Fuhrleuten Glauben schenken, die sich dorten verspätet hatten, so war die Heide von Lessay der Schauplatz noch seltsameren Geschehens. Rings im Lande raunte man, es ginge dort um. Für diese muskelstarke, mutige und vorsichtige Bevölkerung, die gegen greifbare und gewisse Gefahr unerschrocken ihre Vorkehrungen trifft, war dies die wahrhaft bedrohliche und unheimliche Seite der Heide, denn lange noch wird die Phantasie im Leben der Menschen die machtvollste Wirklichkeit sein. Nur dies, nicht der Gedanke an nächtlichen Überfall, ließ den Knotenstock in der Faust auch des kräftigsten Burschen beben, der bei sinkendem Tag sich nach Lessay wagte. Zumal, wenn er sich’s bei einem Schoppen oder Maß im »Roten Ochsen« hatte wohl sein lassen, einem Wirtshaus von recht üblem Ansehen, das einsam nach Coutances zu vor kahlen Horizonten sich erhob, sah der Gevatter unzweifelhaft in der Umwölkung seines Hirnes aus den ungewissen Linien der von taubleichen Abendnebeln durchschwelten Einsamkeit Dinge, die, erzählte er sie am nächsten Tag, den Ruf der Unheimlichkeit des verlassenen Ödlandes mehrten. Eine der unerschöpflichen Quellen der schlimmen, über Lessay und die Umgegend verbreiteten Mären war eine alte, in der Revolution von 1789 zerstörte Abtei, die, berühmt und reich, dreißig Meilen in der Runde unter dem Namen der »Abtei von Blanchelande« bekannt war. Im zwölften Jahrhundert von dem Günstling Heinrichs II., Königs von England, dem Normannen Richard von la Haye und seiner Gattin Mathilde von Vernon gegründet, lag diese Abtei, Lessay benachbart, vormals in einem geräumigen flachen Tal, von Wäldern umgeben zwischen den Gemeinden von Varenguebec, Lithaire und Neufmesnil. Vor wenigen Jahren waren ihre Trümmer noch zu sehen. Die Mönche, die sie immer bewohnt hatten, gehörten zu jenen mächtigen Kapitelherren des Ordens vom heiligen Norbert, die allgemein Prämonstratenser genannt wurden. Was den so malerischen und poetischen Namen der Abtei von Blanchelande angeht – Name, letzter Hauch, der von den Dingen bleibt –, so wissen die Forscher ihm nur höchst ungewisse Deutungen zu geben. Leitete er sich davon her, dass die Färbung des Erdreiches um die Abtei fahlbleiche Töne aufwies, oder kam er von den weißen Kutten der Kapitelherren oder von zum Gebrauch des Ordens bestimmtem Linnen, das rings um das Kloster ausgebreitet ward, um es vom Nachttau bleichen zu lassen? Wie dem auch sei: der unehrerbietigen Chronik der Gegend nach hatte das Kloster von Blanchelande von Jungfräulichem stets nur den Namen besessen. Man erzählte leise, es hätten sich dort in den Jahren vor Ausbruch der Revolution arge Dinge begeben. Wie weit war solchen Mären Wert beizumessen? Warum sollten die Feinde der Kirche, die Gründe benötigten, um die religiösen Denkmale eines anderen Zeitalters zu vernichten, nicht den Abbruch beginnen mit der Verleumdung dessen, was sie mit Axt und Hammer gänzlich fällen sollen? Oder hatte tatsächlich in jener Zeit, da der Glaube im welkenden Herzen der Völker zu wanken begann, der Zweifel die Verderbnis in den frömmster Tugendlichkeit geweihten Stätten keimen lassen? Wer konnte das sagen? Niemand! Ob nun wahr oder erfunden, diese angeblichen Gräuel vor Altären, dieser böse Überschwang hinter Klostermauern, diese Schändung des Heiligen, die Gott endlich durch soziale Stürme, zerstörerischer als die Wetter seiner Wolken, strafte, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, erfüllten das Gedächtnis des Volkes mit einer Flut von Geschichten. Die Menge ist stets durch eingeborene menschliche Veranlagung allem Verbrecherischen, Verruchten, Unseligen, ebenso wie allem Wunderbaren zugewandt.

Schon eine Reihe von Jahren ist’s her, da bereiste ich jene Gegend, deren eindrucksvolle Eigenart ich dem Leser gerne vermitteln möchte. Ich kam zurück von Coutances, einer trübdüsteren, wenngleich bischöflichen Stadt, mit engen, feuchten Gassen, in der ich mich mehrere Tage hatte aufhalten müssen und die mich vielleicht für das Besondere der Landschaft, durch die ich kam, empfänglich stimmte. Meine Seele fand sich damals in vollkommenem Einklang mit aller Einsamkeit und Traurigkeit. Es war Oktober. Jahreszeit der Reife, die gleich einer durch ihr Fallen versehrten Goldtraube in den Erntekorb der Ewigkeit sinkt, und bin ich auch nicht sehr träumerischen Gemütes, so genoss ich die rauschhafte Melancholie dieser letzten, rührend schönen Tage des Jahres doch in vollen Zügen. Ich schenkte allem, was mir auf meinem Wege begegnete, rege Aufmerksamkeit. Ich reiste zu Pferde, nach der Weise jener, die nicht nur auf großen Straßen einherziehen. Da ich Mondschein und Abenteuern nicht abgeneigt war als rechter Nachfahre meiner Ahnen, der Chouans, hatte ich mich bewaffnet wie Surcouf, der Korsar, aus dessen Stadt ich gerade...



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