E-Book, Deutsch, Band 2, 364 Seiten
Reihe: Unerschrocken
Barsch Unerschrocken
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7460-8440-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der Domina zur Therapeutin Band 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 364 Seiten
Reihe: Unerschrocken
ISBN: 978-3-7460-8440-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pia leidet sehr darunter, nicht mehr als professionelle Domina arbeiten zu können. Dennoch lebt sie ihre Neigungen weiterhin aus. In ihren autobiografischen Texten, dazu gehören Tagebucheinträge, Sessionberichte (auch von Sklaven selbst) und erotische Geschichten erzählt sie, wie es weiter geht in ihrem Leben und wie sie zu einer anderen Berufung findet, die der Therapeutin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erschienen in der anthroposophischen Zeitschrift
Info3,
von Sebastian Gronbach
Reportage
Frau-Sein extrem: sechs Gesichter, und sechs Geschichten von Liebe, Tod und Gewalt in einer ungewöhnlichen Reportage. Zwischen Erschrecken und Erstaunen gelten lassen, was ist:
Sechs Frauen und ein Geheimnis
In den nächsten Minuten will ich Ihnen sechs sehr unterschiedliche Frauen und ihr gemeinsames Geheimnis vorstellen. Aus dem Geheimnis wird ein Rätsel. Dies ist eine Einladung in die Welt der Wunden, der Heilung und der Frage, was meine DVD-Sammlung damit zu tun hat.
Ich habe ein schönes Kinderbilderbuch mit dem Titel Die Wurzelkinder. In diesem Buch bereitet "Mutter Erde" mit ihren Wurzelkindern die Welt auf den Frühling vor. Sie leitet die emsige Kinderschar an, wie man Marienkäfer bemalt und Blumenkleider näht. "Waldorfmutter Erde" trägt ein braunes Kleid und alles an ihr ist Mutter und Erde. Duftende, vitale, gesunde Erde. Runde, liebe, sorgende Mutter. So ist "die Waldorfmutter", und wenn sie schwanger ist, dann näht, zupft und strickt sie alles das, was man auf einem Jahreszeitentisch findet. Sie macht alles schön und fein, und was sie macht, macht sie mit Liebe. Sie strahlt Fröhlichkeit aus und ihr Göttername wäre Demeter.
"Die Waldorfmutter" ist oft unsicher, ob sie alles richtig macht. Gerade diese Unsicherheit macht sie zu jemandem, der Waldorfpädagogik niemals normativ, sondern immer situativ am konkreten Kind entstehen lässt. "Die Waldorfmutter" weiß einiges über Waldorfpädagogik. Weil es ihr nicht genügte, in diverser Sekundärliteratur etwas über Waldorf und Anthroposophie nachzulesen, öffnete sie mit ihrem Ehemann einem anthroposophischen Arbeitskreis ihr Haus. Hier liest sie mit Freunden der "Szene" Texte von Rudolf Steiner und schafft sich so ein spirituelles Fundament für ihr Leben als Waldorfmutter.
Sie hat immer Schmerzen. Es sind Messerschmerzen, die von innen kommen und die ihren Körper verbiegen. Rheuma ist eine Qual und man kann diese Qual nie ganz wegmachen. Man kann das kranke Material in einer Operation abschälen. "Die Kranke" wurde operiert. Man kann an dieser Krankheit nicht sterben, aber Rheuma kann den Körper so schwächen, dass er keine Kraft mehr hat, um sich gegen banale Erkrankungen zu wehren. Die innig geliebte Schwester "der Kranken" hatte auch Rheuma und starb irgendwann an einer Grippe. Man kann Medikamente nehmen und Therapien machen. "Die Kranke" hat beides gemacht und wird ihr Leben lang eine Kranke sein.
Nach einer Operation hat sie vier Stunden geweint und geschrien. Wegen des Schmerzes, aber vor allem wegen der Angst vor der Zukunft. Sie sehnt sich danach, wieder Musik spielen zu dürfen und sie will die schmerzhafte Verformung ihrer Finger stoppen. Wenn man chronisch krank ist, dann ist es so, dass alles um einen herumgeht und das Einzige, was bleibt, die Krankheit ist. Irgendwann weigern sich die Füße zu laufen und die Hände wollen nicht mehr greifen, nur der Schmerz bleibt treu. "Die Kranke" ist eine Frau, der man ihr Leid nicht sofort ansieht, aber ein zweiter Blick verrät den Dauerschmerz, der die Knochen verbiegt.
Sie arbeitet in der mobilen Hospizbewegung - da wo Menschen sterben. Materialistisch gesehen ist ein Hospiz vor allem eines: unnütz. Viel Zeit und noch mehr Geld in jemanden zu stecken, der nichts anderes vor sich hat als den baldigen Tod, ist eine Erfindung, die sich nur Menschen ausdenken können. Ein Hospiz ist das Menschlichste, was es auf der Welt gibt.
"Die Sterbebegleiterin" macht diesen Menschenjob seit vielen Jahren. Sie ging in dieser Zeit viele Wege bis zur Grenze und war für viele Menschen das Letzte, was diese mit irdischen Augen sahen. So unterschiedlich die Menschen leben, so unterschiedlich sterben sie und so verschieden die Bedürfnisse der Lebenden, so verschieden sind die Bedürfnisse der Sterbenden. Manchen liest sie noch etwas vor, manchen sagt sie eines der vielen auswendig gelernten Gedichte auf, manche streichelt sie beim Gang über die Schwelle, anderen hält sie die Hand, und für wieder andere verlässt sie kurz das Zimmer, weil diese den letzten Schritt alleine tun wollen. "Die
Sterbebegleiterin" lebt mit dem Tod der anderen und sie wird in der Hospizbewegung gerne für die "besonders schweren Fälle" eingesetzt. Wer als Sterbender in ihre klaren, blauen Augen blickt, schaut etwas von seiner himmlischen Zukunft.
Ihr Job ist es, Macht auszuüben und Ohnmacht zu erzeugen. Männer zahlen viel Geld für noch mehr Qualen. Sie entrichten ihren Tribut für Nadeln in Penisse, Peitschenschläge auf den Hintern und abgebundene Gliedmaßen. "Die Domina" beschimpft ihre Kunden, sie vollzieht Scheinschlachtungen und verrichtet ihre Toilette in den geöffneten Mund ihrer Sklaven. Ihre Sklaven verehren "die Domina" besonders dafür, dass sie ein untrügerisches Gespür für ihre verborgenen Bedürfnisse hat, die sie besser zu kennen scheint als die Männer selbst. In ihrem Studio weinen starke Männer, winseln Söhne von antiautoritären Eltern, ejakulieren Ehegatten von ahnungslosen Frauen, knien gefesselte Priester und gehorchen Manager mit Führungsqualitäten. "Die Domina" verliert bei keiner Behandlung die Achtung vor ihren Kunden, sie würdigt den Wunsch nach Erniedrigung und sie empfindet selbst Lust an der Dominanz. Es ist diese Authentizität, die ihre zahlreichen Kunden an ihr schätzen und verehren. Sie spielt nicht Domina für Geld, sie ist eine Domina aus Neigung. Ihre großen Brüste, die weiche Stimme und das großflächige Gesicht bilden einen Raum, in den ein Mann sich fallen lassen kann. "Die Domina" schafft für ihre Kunden einen Ort mit harten Grenzen, strengen Gesetzen und einer alles dominierenden Weiblichkeit.
Der Schrei zerriss alles. Er zerriss alles bis in den tiefsten Grund ihrer Seele.
Damals wusste sie sofort, was geschehen war. Eine heimliche Angst und eine furchtbare Ahnung hatten es ihr vorausgesagt. Dieses nagende, unerschütterliche Gefühl, das sie nie loswurde. Hätten ihre Verdrängungsmechanismen nicht so gut funktioniert, hätte sie es als tiefe Gewissheit in sich getragen, dass ihr Sohn Felix sterben würde. Der "plötzliche Kindstod" war ein "erwarteter Kindstod". Am Anfang war sie selbst eine Trauernde, die nicht wusste, warum sie selbst weiteratmen konnte, als ihr Kind zur Obduktion in eine Plastikhülle gesteckt wurde. Danach lebte sie eine lange Zeit im reinen Schmerz. Die Zeit verging und der Schmerz veränderte sich. Jetzt wurde aus der Trauernden "die Trauerbegleiterin". Sie geht zu den Eltern, wenn das Liebste gegangen ist, sie steht mit ihnen im Feuer und verbrennt nicht und sie will ihnen das geben, was sie damals nicht bekommen hat: ein Ohr, ein Herz und eine Hand. Sie hört stundenlang zu. Sie öffnet ihre erfahrene Seele und sie kann zupacken und Dinge tun, von denen sie weiß, dass sie helfen, die Minuten, Stunden und Tage bis zum Begräbnis und die ewige Zeit danach zu überleben.
"Die Trauerbegleiterin" wird von den Müttern und Vätern als "ein Engel" bezeichnet. Sie ist es aber nicht nur den Eltern auf Erden, sondern auch den Kindern auf dem Weg zum Himmel, den sie nun freier gehen können, weil der Schmerz der Eltern sie nicht mehr am Boden hält.
Das Geheimnis der bisher geschilderten fünf Frauen wird - sofern Sie, liebe LeserInnen es nicht bereits ahnen - von der sechsten Frau gelöst. Nennen wir sie Gabriele. Sie sitzt neben mir auf dem Sofa und erzählt, dass ihr manchmal verwirrende Dinge passieren.
Einmal stand Gabriele vor einem kleinen Kind und wollte es fotografieren. Das Kind lag in einem Sarg und die Eltern fanden keine Kraft, ihr lebloses Baby in diesem Zustand zu betrachten. Gabriele wusste aus eigener, qualvoller Erfahrung, dass es für den inneren Abschied hilfreich sein konnte das Kind so zu sehen, wie es wirklich am physischen Ende aussah. In aller Regel - das war ihre Erfahrung, die sie seit Jahren als Trauerbegleiterin gemacht hatte - waren die Vorstellungen der Hinterbliebenen erdrückender als die Bilder der Realität. Darum das Foto. Sie nahm ihre Digitalkamera und schaltete sie an. Auf dem kleinen Display leuchtete hell das Bild, welches sie zuletzt mit dieser Kamera gemacht hatte: Ein Arsch mit feuerroten, blutigen Striemen starrte sie an. Gabriele hatte es von einem ihrer Sklavenkunden geschossen.
Gabriele ist die Trauerbegleiterin. Gabriele ist die Domina.
Wenn Gabriele ihren eigenen Kindern oder den Kollegen in dem anthroposophischen Lesekreis von ihrer ehrenamtlichen Arbeit als Sterbebegleiterin erzählt, dann muss sie sich manchmal auf die Zunge beißen, um nicht von jedem letzten Liebesdienst zu berichten, den sie gerade verrichtet hat. In das Bild, das sich ihre Freunde aus dem anthroposophischen Umfeld über die Arbeit in dem Hospiz machen, passen keine letzten Wünsche, die damit zu tun haben, dass alte, kranke Menschen noch einmal einen Orgasmus spüren wollen, bevor sie kurz darauf sterben.
Gabriele ist die Sterbebegleiterin, sie ist die...




