E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Bateman Glücksspuren im Sand
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-21604-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-641-21604-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rachel Bateman hat sich in den USA bereits einen Namen als Jugendbuchautorin gemacht. Neben dem Schreiben betreibt sie eine Verlagsserviceagentur und unterstützt unabhängige Autoren bei der Publikation ihrer Bücher. Mit ihrer Familie lebt Rachel Bateman auf einer Farm mitten in Montana - wo sie manchmal von den Weiten des Ozeans träumt.
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KAPITEL 1
Menschen strömen an Fotocollagen und einer ausufernden Ansammlung rührselig hübscher Blumen vorbei und kommen auf dem Weg zu ihren Plätzen an mir vorüber. Sie versuchen, mich nicht anzustarren, aber wie soll das gehen? Ich sitze da, nicht in traditionellem Schwarz, sondern in leuchtendem Blau, ein heller Stern, der sie in dunkelster Nacht blendet. Die zurückgelassene kleine Schwester. Schon bald werde ich die große Schwester sein. Die einzige Schwester.
Die Kirche ist gerammelt voll. In den Nebenräumen sind Bildschirme aufgestellt worden, um den Gottesdienst für diejenigen zu übertragen, die nicht in die Kapelle passen. Als Tante Morgan mich am Vormittag herführte, errichtete das Kirchenpersonal gerade eine Leinwand auf dem Rasen, da mit mehr Menschen gerechnet wurde, als in dem winzigen Gebäude Platz haben. Anscheinend ist man darauf gefasst, dass ganz Muscatine hier aufkreuzt.
Denn genau das passiert, wenn ein so junger Mensch tragisch ums Leben kommt. Die ganze Stadt war erschüttert, als sich die Neuigkeit herumsprach – Storm Holloway, funkelnder Stern der Muscatine Highschool, stirbt bei einem Autounfall auf der Heimfahrt von einer bis zum Morgengrauen andauernden Abschlussparty im Civic Center. Storm, die im Herbst mit einem Stipendium an die University of North Carolina in Wilmington gegangen wäre. Storm, die der Stadt als das tapfere kleine Mädchen in Erinnerung geblieben ist, hinter das sich vor zehn Jahren alle geschlossen gestellt hatten, als es gegen den Krebs ankämpfte und ihn besiegte.
Jovani verkrampft; sein Arm legt sich fester um mich, und Tante Morgan drückt meine Hand so fest, dass die Knochen aneinanderreiben. Ich zwinge mich, den Blick nach vorn in die Kapelle zu richten. Ein Junge steht vor einer Collage mit Bildern von uns dreien als Kinder, und selbst von hinten ist ihm anzusehen, dass er am Boden zerstört ist. Sein Körper besteht nur aus scharfen Ecken und spitzen Winkeln, wie von Kinderhand mit Klebeband und Klebestift zusammengesetzt. Nichts passt zusammen. Er hält die Taille so fest mit den schlaksigen Armen umklammert, dass es aussieht, als habe er Angst auseinanderzufallen, sobald er loslässt. Seine Schultern beben, und ich fürchte, sein ganzer Körper könnte durch die Vibrationen in Stücke gerissen werden.
Cameron Andrews: der Junge, der sie eigentlich nach Hause hätte fahren sollen.
Ich werfe einen verstohlenen Blick auf Mom und Dad. Ob sie Cam die Schuld geben, weiß ich nicht – ich weiß überhaupt nicht, was sie denken oder empfinden. Es ist, als hätte jener frühmorgendliche Anruf meine Eltern nicht nur aus dem Schlaf gerissen, sondern aus ihrem Leben. Die Tochter, bei der sie so hart gekämpft haben, um sie zu beschützen, sie gesund zu pflegen. Die Tochter, bei der sie entgegen aller Wahrscheinlichkeit gewonnen haben, ist tot. Sie reden nicht mehr mit mir oder sonst jemandem, nur noch miteinander. Tante Morgan musste den Gottesdienst planen, weil meine Eltern sich weigerten, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Sie haben völlig dichtgemacht, und ich habe keine Ahnung, wie man sie zurückholen kann.
Als Cameron sich von den Bildern wegdreht und mir direkt in die Augen sieht – seine blutunterlaufen und nass, umrahmt von fleckiger Haut und völliger Verzweiflung, meine klar und stählern –, sehe ich die Angst in seinem Gesicht. Er glaubt, dass ich ihn hasse, dass alle ihn hassen. Als er an unserer Reihe vorübergeht und kurz zögert, wird mir unvermittelt klar, dass er sich selbst die Schuld gibt.
»Ich …« Da ich nicht weiß, was ich sagen soll, weise ich unbestimmt auf den Mittelgang, den Cameron soeben frei gemacht hat.
Tante Morgan lässt zum ersten Mal seit unserem Eintreffen in der Kirche meine Hand los. »Komm aber schnell zurück«, flüstert sie. »Ich glaube, es fängt gleich an.«
Als ich Jovanis Arm abstreife und aufstehe, wird mein Rücken mit Blicken bombardiert. Ich spüre, wie sich die Augen sämtlicher Anwesenden in meine Richtung wenden, beobachtend, darauf wartend, dass ich eine Szene mache. Aber die liefere ich ihnen nicht. Stattdessen straffe ich die Schultern, schaue geradeaus und gehe auf den Mittelgang zu, indem ich über Jovani und meine beste Freundin Piper steige. Ich hole tief Luft und drehe mich dem Saal zu. Ich kämpfe die Panik nieder, die in mir aufsteigt und mit Tränen droht. Diese Menschen haben meine Tränen nicht verdient, werden nicht zu sehen bekommen, wie ich zusammenbreche. Sie sind nicht hier, um mich oder meine Familie zu unterstützen. Sie sind nicht hier, um zu trauern.
Nein, wenn so viele Menschen die Beerdigung einer Jugendlichen besuchen, die sie eigentlich nicht kannten, tun sie das allein aus einem Grund: um ihr eigenes Leben zu feiern. Um sich ins Gedächtnis zu rufen, wie kurz das Leben sein kann, und wie viel Glück sie hatten, es über achtzehn hinaus geschafft zu haben.
Eine Bewegung zu meiner Rechten erregt meine Aufmerksamkeit, und mein Blick huscht dorthin, bevor ich es verhindern kann. Taylor sitzt am anderen Ende der Reihe, umgeben von den übrigen Cheerleaderinnen. Sie sind meinetwegen hier, ermahnt mich der logische Teil meines Hirns. Piper und ich, wir gehören zu ihnen. Wir gehen auf ihre Partys, essen gemeinsam zu Mittag. Wir übernachten beieinander und weihen einander in Geheimnisse ein. Doch wenn ich Taylor jetzt sehe, geht mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, wie herzlos sie sein kann. Wie sie sich über jeden lustig macht, der nicht genau wie wir Übrigen ist.
Wusste es Storm damals? Wusste sie, dass meine Freundinnen sie verspotteten? Dass ich zu schwach, zu unsicher war, um dem einen Riegel vorzuschieben?
Zornig ballen sich die Hände an meinen Seiten zu Fäusten. Taylor lächelt traurig und winkt kurz, aber ich wende mich ab und gehe den Mittelgang weiter.
Cameron zuckt zusammen, als ich mich zwischen ihn und die Frau mittleren Alters quetsche, die beinahe ganz hinten neben ihm sitzt. Er starrt mich einen Moment mit unverhülltem Entsetzen an, bevor er einen Ton herausbringt.
»Hübsches Kleid«, sagt er tonlos.
»Danke.« Ich spiele an dem weiß-pinkfarbenen Tüll herum, der unter dem blauen Rock hervorschaut. Das Kleid ist beinahe lächerlich bunt. »Es war …«
»Ihr Lieblingskleid. Ich weiß. Ich war dabei, als sie es gekauft hat.«
Ich weiß nicht, warum mich das überrascht. Sie waren immer zusammen. Cameron und Storm. Storm und Cameron. Nur im Doppelpack erhältlich. So war es seit unserer Kindheit. Aber irgendwie habe ich nie darüber nachgedacht, was das bedeutete. Dass Cam dabei war, wenn sie ein Kleid kaufte, und dass er vor der Umkleidekabine wartete, bis sie etwas Perfektes gefunden hatte. Seit ich dem Cheerleader-Team beigetreten war und angefangen hatte, mit meinen eigenen Freunden auszugehen, statt den beiden hinterherzudackeln, habe ich wohl vergessen, wie das mit Storm und Cameron war.
»Es steht dir gut«, sagt er.
Ein kleines Lachen schleicht sich auf meine Lippen, und ich schlage mir die Hand vor den Mund. Ein paar Leute in der Reihe vor uns drehen sich mit zornigen Blicken um.
»Dieses Ding geht mir kaum bis über den Po«, flüstere ich. »Ich komme mir wie die wahr gewordene Fantasie irgendeines Perversen vor.« Das passiert wohl, wenn ich meine 1,78 Meter in ein Kleid zwänge, das für meine 1,52 Meter große Schwester gemacht ist.
»Es kann auch nicht kürzer als dein Cheerleader-Rock sein«, erwidert Cameron. Er verzieht das Gesicht zu seinem schiefen Grinsen, immer noch mit einem Hauch von Traurigkeit, aber er versucht offensichtlich, witzig zu sein. »Außerdem hast du tolle Beine. Sie hat immer gesagt, sie wünschte, sie hätte deine Beine. Wahrscheinlich freut es sie total, endlich eines ihrer verrückten Kleider an dir zu sehen.« Er schüttelt den Kopf. »Entschuldige. Das war so …«
»Nein, ist schon gut. Ich bin es so leid, dass die Leute mich behandeln, als könnte ich jeden Moment explodieren, wenn man sie erwähnt.«
Er zuckt die Schultern und senkt dann den Kopf, um auf seine Hände zu starren, die zwischen seinen Knien hängen. Die Brille mit dem dicken Gestell rutscht ihm die Nase hinunter. Ich greife nach seiner Hand. »Komm schon.«
Cameron schenkt mir einen verwirrten Blick, und ich ziehe ein wenig an ihm. »Du gehörst zur Familie, hast du schon immer. Komm und setz dich zu uns.«
Er starrt auf unsere ineinander verschränkten Hände. »Ich weiß nicht, Anna. Deine Eltern …«
»Meine Eltern stehen so neben sich, dass sie noch nicht einmal wissen, was im Moment vor sich geht. Aber wenn sie es wüssten, würden sie wollen, dass du bei uns bist.«
»Bist du dir sicher?« Seine Stimme bricht beim letzten Wort, und ein Schaudern durchläuft seinen Körper, durch seinen Arm hinab und bis in meine Hand. »Ich hätte – warum habe ich sie allein fahren lassen?«
Ein Riss tut sich in meinem Herzen auf, und ich schlucke die Tränen hinunter, bevor sie aus meinen Augen quellen. Ich lege die andere Hand um seine. »Ich...




