E-Book, Deutsch, 377 Seiten
Bauer Von Homer zu Jesus
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-1978-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sinnangebote der klassischen und biblischen Antike
E-Book, Deutsch, 377 Seiten
ISBN: 978-3-7427-1978-2
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Gregor Bauer (*1961), wohnhaft in Wiesbaden, arbeitete unter anderem als Texter und Redakteur und ist heute Lehrer für Deutsch als Zweitsprache. 2008 veröffentlichte er im Pattloch-Verlag 'Das Rätsel von Hagalil', eine facettenreiche Schilderung des Alltags in Palästina zur Zeit Jesu (Besondere Empfehlung des Borromäusvereins).
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Thukydides: Unmenschlichkeit ist nicht irrational
Das grausame Scheitern der Vernunft, das Euripides in den „Bakchen“ schildert, hat seine Parallele in den politischen Geschicken Athens: Hier wurde immer offensichtlicher, wie sehr die sophistischen Träume von einem besseren, vernunftgeleiteten Leben sich selbst im Wege waren.
Durch pragmatische Ausrichtung auf den eigenen Vorteil hatten die Sophisten die Vernunft zu einem nützlichen Instrument formen wollen. In diesem Sinn hatten sie die Bürger geschult, ihre Interessen klar ins Auge zu fassen und auf der Volksversammlung durchzusetzen. Doch einige hochbegabte Machtmenschen unter den Schülern der Sophisten kamen zu dem Schluss, dass Ausbeutung der Nachbarstädte und kriegerische Expansion in ihrem Interesse sei. Ihre rhetorische Ausbildung wussten sie geschickt in diesem Sinne einzusetzen.
So kam es, dass wir den bis dahin wohl größten und brutalsten Krieg des Mittelmeerraums nicht auf das Konto des religiösen Fanatismus verbuchen können: den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta (431 – 404 v. Chr.). Vielmehr war offensichtlich rationales Machtkalkül ausschlaggebend für seinen Ausbruch und Verlauf. Jedenfalls vermittelt diesen Eindruck sein Chronist, der „stille Atheist“ Thukydides (Meister 131).
Wie die Naturforscher seiner Zeit, kommt Thukydides bei der Erforschung des Krieges, der für Athen einen sehr ungünstigen Verlauf nahm, ohne Götter aus. Er braucht auch keinen göttlichen Plan, wie ihn noch Herodot in der Geschichte zu erkennen glaubte. Stattdessen stehen bei Thukydides hinter den politischen und militärischen Ereignissen stets machthungrige Menschen, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Wo diesen Menschen unvorhersehbare Schicksalsschläge im Weg stehen, ungünstige Wetterbedingungen etwa oder der Ausbruch einer Pest, da deutet Thukydides diese Ereignisse nicht. Schicksalsschläge gilt es schlicht zu ertragen und das Handeln darauf einzustellen.
Als Historiker hat Thukydides also gezeigt, was das sophistische Denken für die Geschichtsschreibung leisten konnte: Es stellte den Mythos kalt und machte so den Weg frei für eine nüchterne, streng der historischen Wahrheit verpflichtete Geschichtsschreibung.
Doch leider hat das sophistische Denken nicht nur Geschichte geschrieben, sondern auch Geschichte gemacht.
Der erste der starken Männer Athens, die in diesem antiken Weltkrieg eine führende Rolle spielten, war Perikles. Thukydides achtete ihn höher als alle anderen Politiker. Dennoch schreibt er ihm einen Rat zu, der an Zynismus kaum zu überbieten ist. Die Empfehlung des Perikles für den Umgang der Athener mit den Städten des eigenen Einflussbereichs lautet: „Jetzt, wo ihr Tyrannen seid, müsst ihr es auch bleiben. Denn eine Zwangsherrschaft an sich zu reißen mag als Unrecht gelten; aber sie wieder aufzugeben, wäre zu riskant“ (Thuk 2,63).
Perikles war einer der Hauptverantwortlichen für den Ausbruch des Krieges. Er starb bereits im zweiten Kriegsjahr. Nach seinem Tod gewann der Einpeitscher Kleon an Einfluss. Aus einer Position der Stärke heraus stellte er den Spartanern unannehmbare Forderungen und ließ so die Gelegenheit zum Frieden ungenutzt verstreichen. Erst sein Tod 422 v. Chr. machte den Weg frei für Friedensverhandlungen. Sie mündeten 421 in den kurzen „Nikiasfrieden“, ausgehandelt von Nikias, dem einzigen Politiker, den Thukydides als tief religiös darstellt.
Was der Krieg in den Köpfen der Menschen anrichtete, hat Thukydides so skizziert: „Tobsüchtige Verwegenheit galt als treue Tapferkeit, wohlüberlegte Bedächtigkeit als Feigheit. Wer vernünftig handeln wollte, war ’träge zum Handeln’. Wer die anderen aufhetzte, galt als zuverlässig, wer dagegen zur Mäßigung riet, war verdächtig.“ Lieber, stellte Thukydides resigniert fest, „lassen sich die meisten Menschen pfiffige Verbrecher nennen als anständig und dumm“ (Thuk 3,82).
Je länger der Krieg dauerte, desto mehr verrohte Athen. Der Zynismus des Perikles war harmlos gewesen, verglichen mit der Boshaftigkeit seiner politischen Erben während der Kapitulationsverhandlungen mit den Bewohnern der Insel Melos (Thuk 5, 84–116).
Die Melier hatten sich im Peloponnesischen Krieg bisher neutral verhalten. Was die Athenischen Unterhändler von ihnen forderten, war ihre Unterwerfung unter die Athenische Herrschaft.
Angesichts der militärischen Übermacht, mit der die Athener vor Melos erschienen sind, wirkt das Gesprächsangebot der Athener zunächst überraschend freundlich. Sie schlagen vor, einen Dialog in sophistischer Manier zu führen: „Unterbrecht uns sofort, wenn euch etwas nicht richtig scheint. Und sagt uns doch gleich, ob ihr mit diesem Vorschlag einverstanden seid.“ Doch bald schon ist klar, wie dieses Gesprächsangebot gemeint ist.
Die Athener lehnen es ab, über Recht und Unrecht auch nur zu reden. Das wäre Zeitverschwendung, weil die Melier hoffnungslos unterlegen sind. Über Recht und Unrecht können nur gleich starke Partner verhandeln. So aber gilt: „Der Stärkere setzt durch, was in seiner Macht steht, der Schwächere fügt sich.“ Zu reden ist deshalb nur über die Wahl, vor der die Melier stehen: freiwillige Unterwerfung oder Vernichtung.
Die Melier halten dagegen, dass es auch im Interesse der Athener sei, ihre jetzige Machtposition nicht auszunutzen. Denn auch sie könnten einmal in eine schwächere Position geraten. Dann wären auch sie auf den Anstand anderer angewiesen. Doch die Athener verwerfen dieses Argument: „Wie wir es schaffen, immer in der Position des Stärkeren zu bleiben, ist unsere Sache.“ Hier geht es um etwas anderes, nämlich um folgenden Deal: Athen vernichtet Melos nicht, dafür unterwirft sich Melos und lässt sich von Athen ausbeuten.
So gesehen, machen die Athener ein echtes Win-win-Angebot. Die Melier sollten zufrieden sein. Doch die halten es für ehrlos und feige, sich freiwillig versklaven zu lassen. Aber wieso denn, halten die Athener dagegen: Was soll denn daran feige sein, sich in eine aussichtslose Lage zu fügen? Doch die Melier machen sich Mut: Weil sie im Recht sind, dürfen sie auf die Hilfe der Götter hoffen.
Hilfe der Götter? Diese Vorstellung halten die Athener für deplatziert: Auf Weissagungen, Göttersprüche und dergleichen zu setzen mag ja ganz nett sein, solange man es sich leisten kann. Doch wenn es, wie hier, um alles oder nichts geht, sind derlei vage Hoffnungen ein schlechter Ratgeber. Und was die Götter angeht. Falls es sie gibt, warum sollten sie nicht auf der Seite der Athener sein? Die Athener halten sich doch nur an ein Gesetz, das offensichtlich auch die Götter respektieren: Der Starke macht den Schwachen platt.
Die Melier fassen einen tapferen Entschluss: „Wir wollen nicht zulassen, dass ein Staat, der schon siebenhundert Jahre besteht, in kurzer Zeit seine Freiheit verliert. Sondern wir werden versuchen uns zu retten, im Vertrauen auf das Glück, das von den Göttern kommt, sowie auf die Hilfe der Menschen, vor allem der Spartaner.“
Ein halbes Jahr später sind alle Frauen und Kinder von Melos versklavt, alle Männer, die nicht fliehen konnten, tot.
Wahrscheinlich unter dem Eindruck dieser Ereignisse entwickelte sich der melische Sophist...




