E-Book, Deutsch, 617 Seiten
Bayer Ärztin einer neuen Zeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-560-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Eine mitreißende Saga über eine Frau, die für ihren Traum der Freiheit kämpft!
E-Book, Deutsch, 617 Seiten
ISBN: 978-3-96655-560-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
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Ingeborg Bayer (1927-2017) studierte nach ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin Medizin und Hindi. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie in einem medizinischen Archiv. Ihre Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten wurden vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem deutschen Jugendliteraturpreis und dem Österreichischen Staatspreis. Ingeborg Bayer veröffentlichte bei dotbooks vier historische Romane: Ärztin einer neuen Zeit Die Buchdruckerin von Köln Der Maler von Florenz In den Gärten von Monserrate Weiterhin veröffentlichte sie bei dotbooks ihre Venedig-Trilogie »Die Töchter Venedigs« mit den Einzelbänden: Stadt der Tausend Augen Stadt der blauen Paläste Stadt der dunklen Masken
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Die Villa
Viktor hob Laura der Sonne entgegen und wunderte sich, daß sie nicht schrie.
Später, viel später, sagte Viktor, es sei dies ihr erstes Rendezvous gewesen, schließlich habe er sie liebevoll im Arm gehalten und ihr zu ihrem Recht verholfen. Aber es war klar, daß zu diesem Zeitpunkt von einem Rendezvous kaum die Rede sein konnte: Laura war an jenem Tag genau drei Wochen alt, und Viktor hatte seinen achten Geburtstag gerade hinter sich, sie steckte in einem Wickelkissen, und er hatte sie mehr oder weniger entführt. Auf den Feuerplatz. Dort durfte ihr Bruder Wilhelm, der ebenso alt war wie sie – oder allenfalls zwanzig Minuten jünger –, das erste Feuerwerk seines Lebens sehen, ein Akt, dem er allerdings wenig wohlgesinnt beiwohnte. Als die erste Rakete zischend den Boden verließ und der Großvater das Gesicht seines Enkels hochhielt, damit das Kind den silbernen Regen, der vom Himmel fiel, besser sehen konnte, stieß Wilhelm einen schrillen Schrei aus, der sich beim Fortgang des Feuerwerks zu einem martialischen Gebrüll steigerte, was die Familie jedoch lachend zur Kenntnis nahm.
Diesen Initiationsritus kannst du wohl kaum als geglückt bezeichnen, verspottete Onkel Heinz seinen Vetter. Dein Enkelsohn verheult seinen Ehrenakt, nachdem er bereits heute morgen in der Kirche seine Taufe durch permanentes Brüllen gestört hat. Er jedenfalls, meinte Heinz, habe von den Worten des Pfarrers kaum etwas verstanden.
Der Großvater gab Wilhelm der Amme zurück, wischte mit einer schroffen Handbewegung den Einwand zur Seite und sagte, es sei gut, wenn Kinder sich möglichst früh an die Unbilden des Lebens gewöhnten.
Die Sonne, der Laura entgegengehoben wurde, war der Abschluß des Feuerwerks, das zu Ehren Wilhelms stattfand. Es sei gut, hatte der Clan befunden, den Jungen bereits in den ersten Tagen seines Erdenlebens mit dem Familienerbe vertraut zu machen, das eines Tages in seine Hände übergehen würde. Der Fortbestand der Dynastie der Hagemanns war mit diesem Sohn gesichert. Nach übereinstimmender Meinung hätte Laura jedoch dieses Feuerwerk nicht sehen sollen. Ein zartes Mädchen im Alter von drei Wochen wollte man nicht dem Zischen von Raketen und der Detonation von Knallern aussetzen. Vermutlich bekommt sie Krämpfe, hatte Tante Minchen befürchtet, oder gar noch Schlimmeres.
Vermutlich braucht sie den Geruch verbrannter Federn oder ein Riechfläschchen, wenn sie beim ersten Knallen in Ohnmacht fällt, hatte Onkel Heinz gelästert und damit sein Konto für diesen Tag überzogen, wie der Großvater befand.
Viktor, der die Ferien in der Hagemann-Villa verbringen durfte, war anderer Meinung gewesen. Er, von dem es bereits jetzt hieß, er werde eines Tages ganz gewiß die Rechtsanwaltspraxis seines Vaters übernehmen, weil er sich stets für die Schwächeren einsetzte, sorgte für Gerechtigkeit: Er holte Laura, als draußen das Fest, an dem auch die Amme hatte teilnehmen dürfen, in vollem Gange war, aus dem Kinderzimmer, schleppte sie im Wickelkissen zunächst vorsichtig die Wendeltreppe hinunter und dann behutsam über die Veranda zur breiten steinernen Freitreppe der Terrasse, wobei er Laura gut zuredete, obwohl das Baby diesen Zuspruch ganz offensichtlich nicht nötig hatte, sondern interessiert in den Nachthimmel blickte. Dann stieg er langsam, sorgsam Schritt vor Schritt setzend, den Abhang zu der großen Wiese hinter dem Garten hinab, die sie den Feuerplatz nannten, weil hier die pyrotechnischen Experimente stattfanden. Nachdem er dies zu seiner vollen Zufriedenheit geschafft hatte, zeigte er Laura die Sonne, die ihr Vater soeben gezündet hatte. Und dann rief er voller Triumph: Sie weint überhaupt nicht!
Das Entsetzen der Familienangehörigen und ihre Schrekkensrufe brachen über ihn herein, aber es störte ihn wenig. Um Himmels willen, die steinerne Freitreppe! Das nasse Gras! Und erst die Wendeltreppe! Viel zu groß und zu schwer! Viktor ließ sich widerstrebend das Bündel, aus dem keinerlei Protest hörbar wurde, während die Sonne mit wildem Zischen ihr Rad schlug, abnehmen und wurde dann vom erzürnten Großvater ins Haus verbannt – zusammen mit Laura, nun in den Armen der Amme, die, obwohl unschuldig, sich einiges anhören mußte.
Dieser Knabe wird uns allen noch Kummer bereiten, seufzte Tante Minchen, als man aus dem Fenster den zornigen Verweis des Großvaters hören konnte, gekontert von der ebenso zornigen Widerrede Viktors, der nicht oft genug wiederholen konnte, daß es Unrecht gewesen sei, Laura vom Feuerwerk auszuschließen. Großes Unrecht. Schließlich seien Wilhelm und Laura Zwillingsgeschwister.
Die Großmutter teilte Viktors Meinung. Ja, es sei ungerecht gewesen. Nur weil es sich um ein Mädchen handle, habe man nicht das Recht gehabt, Laura Dinge vorzuenthalten, die ihr Bruder haben dürfe. Schließlich lebe man in Berlin und nicht in China.
Aber so ungebärdig, dieser Junge, und dauernd diese Widerreden, klagte Tante Minchen. Ich habe noch nie gehört, daß einem Kind in diesem Alter Widerrede überhaupt erlaubt ist. Und ich frage mich ernsthaft, wie das sein wird, wenn er erst einmal dreizehn oder vierzehn ist.
Bei einem Kind, das in einem Boheme-Haushalt aufwachse, könne man nichts anderes erwarten, sagte eine der eingeladenen Tanten. Schließlich sei Viktors Vater fast sechzig gewesen, als er diesen Sohn gezeugt habe, und die Mutter des Jungen zwanzig Jahre jünger. Und dazu noch Sängerin! Was die Hagemanns aber nicht sonderlich zu interessieren brauche, denn Gott sei Dank sei man mit Viktors Eltern nur mäßig verwandt. Genaugenommen eigentlich gar nicht.
Lauras frühe Kindheitserinnerungen blieben spärlich.
Sie war sicher, daß man ihr das meiste, was sie später über sich wußte, erzählt hatte.
Ganz sicher hatte man ihr erzählt, daß sie und Wilhelm Bruder und Schwester waren, freilich eine besondere Art von Bruder und Schwester: Zwillinge, da sie am gleichen Tag geboren seien. Ähnlich sähen sie sich nicht, weil sie keine eineiigen Zwillinge seien. Daher dürfe auch alles so sein, wie es war, das heißt, die Geschwister konnten so verschieden sein, wie sie nur wollten. Sie mußten weder zum gleichen Zeitpunkt sprechen können oder sitzen und laufen und sauber sein.
Sie, Laura, kann alles rascher als Wilhelm. Sagt brav Aa, während Wilhelm noch die Windeln durchnäßt, macht die ersten Schritte, während Wilhelm sich gerade einmal mühsam in seinem Kinderwagen aufsetzt, und später kann sie nahezu schon wortreich Konversation machen, während Wilhelm sich noch mit Gesten durch die Welt hindurchdeutet. Das bedeutet, daß er mit gestrecktem Fingerchen auf die Gegenstände zeigt, die er jeweils haben will. Ein Umgang mit der Welt, der ihm allerdings genau den gleichen Erfolg beschert, wie wenn Laura sagt, daß sie, bitte, Butter und Marmelade haben oder spazierengehen möchte.
Die frühesten Worte, die sie hört und sofort nachplappert – so erzählt man es ihr später lachend –, sind Sonne, Sterne und Tirpitz. Tirpitz, wenn auch das schwierigste der drei, kann sie am besten, und bei Familienfesten wird sie deshalb regelrecht vorgeführt. Man läßt sie zum x-ten Male Tirpitz sagen, kann sich vor Lachen kaum fassen, besonders dann, wenn sie bei dem tz am Ende des Wortes eine feuchte Aussprache hat, weil sie sich große Mühe gibt, ihren Erfolg jedesmal zu übertreffen. Daß Wilhelm früher weiß als sie, was das Wort bedeutet, zählt nicht; sie kann es aussprechen, er nicht.
Zunächst nimmt sie an, dieser Tirpitz sei jemand, mit dem ihre Eltern oder Großeltern befreundet oder verwandt sind, oder jemand wie Onkel Erwin und Onkel Norbert, Großvaters Freunde. Wilhelm, als sie zum erstenmal diese Vermutung äußert, lacht sie aus und deutet auf die Büste auf einer Kommode im Arbeitszimmer des Großvaters.
Tirpitz scheint nicht nur durch diese Büste allgegenwärtig zu sein. Kaum ein Gespräch am Mittagstisch, wenn die beiden Freunde des Großvaters, Reichstagsabgeordnete wie er, anwesend sind, bei dem nicht gemutmaßt wird, daß dieser Tirpitz gewiß der kommende Mann in Deutschland sei, was die Flotte betreffe. Noch sei er zwar lediglich im Auftrag des Kaisers Wilhelm I. mit der Entwicklung der neuen Wunderwaffe betraut, den Torpedos, noch sei er nichts weiter als ein äußerst geschickter Waffenstratege, aber bald werde er ganz gewiß mehr sein. Deutschland müsse eine Seemacht werden, die Zukunft des Landes liege auf dem Wasser, sagen die Freunde des Großvaters, und dieser Tirpitz habe das Zeug zu einem Admiral, sagen sie. Zu einem Großadmiral, sagt der Großvater. Aber er sei sich darüber im klaren, daß dies noch warten müsse.
Vorläufig also ist dieser Alfred Tirpitz – erst später wird er für seine Verdienste geadelt werden – noch ein Geheimtip für national gesinnte Deutsche, aber es gilt, diesen Tirpitz schon jetzt zu unterstützen, seine und des Kaisers Marinebegeisterung zur Sache des ganzen Volkes werden zu lassen. Diese Begeisterung auch in die Herzen der Kinder zu pflanzen, damit sie dann, wenn es Zeit ist, abgerufen werden kann.
Wilhelm weiß so gut über Tirpitz Bescheid, weil sein Lieblingsspiel, das er mit seinen Freunden spielt, Schiffe versenken heißt. Jeder Teilnehmer bekommt zwei große hölzerne Boote zugeteilt, Schlachtschiffe, in deren hohlem Rumpf sich eine Federvorrichtung befindet, die es ermöglicht, die gesamten Aufbauten in die Luft zu schleudern: Brücke, Masten, Kanonen, Beiboote. Damit dies eintritt und das Schiff auf diese Art und Weise versenkt werden kann, muß von einem kleinen hölzernen U-Boot ein Torpedo abgeschossen werden. Trifft dieses Torpedo exakt den Auslöser der Federvorrichtung, so fliegt das Kriegsschiff in die Luft. Gewinner ist, wer möglichst viele Schiffe mit möglichst wenigen Torpedos zerstört.
Als Laura...




