E-Book, Deutsch, 532 Seiten
Bayer Die Buchdruckerin von Köln
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-585-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein geheimnisvolles Manuskript - und eine mutige Frau auf der Suche nach der Wahrheit
E-Book, Deutsch, 532 Seiten
ISBN: 978-3-96655-585-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
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Ingeborg Bayer (1927-2017) studierte nach ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin Medizin und Hindi. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie in einem medizinischen Archiv. Ihre Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten wurden vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem deutschen Jugendliteraturpreis und dem Österreichischen Staatspreis. Ingeborg Bayer veröffentlichte bei dotbooks vier historische Romane: Ärztin einer neuen Zeit Die Buchdruckerin von Köln Der Maler von Florenz In den Gärten von Monserrate Weiterhin veröffentlichte sie bei dotbooks ihre Venedig-Trilogie »Die Töchter Venedigs« mit den Einzelbänden: Stadt der Tausend Augen Stadt der blauen Paläste Stadt der dunklen Masken
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Das schwarze Pergament
Sie kehrte spät in der Nacht nach Köln zurück. Sie näherte sich der Stadt auf einem Umweg, und die Stadttore waren bereits geschlossen. Und sie kam ohne Gepäck.
Der Wagen, mit dem sie von Frankfurt gekommen war, hatte am frühen Abend einen Radbruch erlitten. Der Kutscher hatte zunächst gehofft, daß sich der Schaden in kurzer Zeit würde beheben lassen, und der Wagner in einem Dorf hatte auch sofort mit der Reparatur begonnen, war aber dann, je später es wurde, immer langsamer geworden beim Arbeiten. Schließlich hatte er einen Gasthof zum Übernachten vorgeschlagen, der seinem Bruder gehörte. Alles sauber und sehr billig, hatte er weitschweifig erklärt, aber es war ihnen allen klar, daß es ihm nur um den Profit ging, denn die Reparatur hätte längst beendet sein können.
Bela hatte versucht, einen anderen Wagen zu finden, hatte auch – zusammen mit einer Mitreisenden – einen gefunden, aber dieses Gefährt fuhr gerade drei Dörfer weiter, und so hatte sie den Rest des Wegs zusammen mit dieser Frau, die außerhalb der Stadtmauer von Köln wohnte, zu Fuß zurückgelegt.
Inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Nicht sehr stark, aber immerhin so, daß der Boden bereits an manchen Stellen aufzuweichen begann. Die Holzbrettchen, die Bela bei Regen unter die Schuhe zu schnallen pflegte, waren in ihrem Gepäck, das sie hatte zurücklassen müssen und das der Kutscher versprochen hatte, gleich am anderen Morgen zu bringen.
Nun stand sie zu einer Zeit, zu der es für die Bürger dieser Stadt verboten war, auf der Straße zu sein, vor der Stadtmauer und überlegte, zu welchem Stadttor sie wohl am besten gehen sollte.
Die Stadtmauer hatte ursprünglich einmal zwölf Landtore und sechsunddreißig Rheintore besessen, aber im Laufe der Jahre waren immer wieder Tore geschlossen und andere geöffnet worden, so daß für die Bewohner oft nicht recht klar war, durch welches der Tore man am schnellsten in sein Viertel kommen konnte. Nachts waren ohnehin alle geschlossen, und nach elf am Abend durfte niemand mehr auf der Straße sein, auch nicht mit einem Leuchtenmann oder einem Diener, der einem mit einer Laterne voranleuchtete, was vor elf Uhr ganz gewiß sinnvoll war, da die Ratsherren für die ganze Stadt lediglich zwei Laternen als notwendig erachteten – eine davon vor dem Rathaus.
Nun stand sie vor der Mauer und versuchte sich zu erinnern, wer in dieser Woche wo Wache zu stehen hatte und wo sie deshalb hoffen konnte, noch hineingelassen zu werden. Die Stadtwache wurde von den Bürgern gestellt. Von Remigius bis Ostern hatten die Wächter in Waffen und Harnisch zur neunten Abendstunde an ihrem Platz zu erscheinen, von Ostern bis Remigius zur zehnten Stunde. Wer dazu nicht in der Lage war – wie zum Beispiel Belas Vater –, mußte mit einem Knecht erscheinen oder einen anderen Bürger dingen. Die Wächter auf den Türmen durften während des Dienstes ihre kleinen Häuschen nicht verlassen, nicht einmal um sich mit Nahrung zu versorgen. Befand sich die Stadt in Gefahr, so zogen die Büchsenmeister und die Schützen auf die Mauern, um jedweden Feind abzuhalten.
Der Regen war inzwischen stärker geworden, und Bela schwankte noch immer, ob sie es besser am Ehrentor oder am Cunibertstor versuchen sollte oder am Erbachertor, das zwar ziemlich weitab lag, aber die Möglichkeit bot, keinem der zwölf berittenen Nachtwächter zu begegnen, die ebenfalls von den Bürgern gestellt wurden und von denen sie niemand kannte. Als der Regen noch heftiger wurde, entschloß sie sich für ein viertes Tor, von dem sie wußte, daß es die Aufmerksamkeit der Wächter nicht besonders auf sich zog, da es für Wagen zu eng war und daher nur von Fußgängern benutzt wurde. Sie blieb vor dem Tor stehen und hörte, daß zwei Männer soeben dabei waren, die Schlösser zu kontrollieren, wie das Vorschrift war. Den einen der beiden hörte sie bereits weitergehen, der andere benutzte ganz offensichtlich einen der Seichsteine, die über die Stadt verteilt waren. Sie wartete, bis das plätschernde Geräusch verstummt war, dann rief sie leise, man solle sie einlassen. Sie hoffte, wenn es sich schon nicht um »ihren« Wächter handelte – das heißt um den von ihrem Vater zu seinem Stellvertreter bestellten Bürger –, so vielleicht um den ihr gut bekannten Bäckermeister aus der Nachbarschaft. Sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte und ein Riegel zurückgeschoben wurde. Eine Laterne leuchtete ihr ins Gesicht, und der Wächter zog sie rasch über die Schwelle.
Ist das nicht die falsche Zeit für die Tochter eines Druckers, noch auf der Straße zu sein, murmelte der Bäckermeister mißbilligend. Dann verschloß und verriegelte er das Tor wieder sorgfältig.
Sie erzählte ihre Geschichte, und er führte sie ein Stück an der Stadtmauer entlang. Schließlich entschuldigte er sich, da sein Gefährte ihn bereits erwarte. Nehmt die Kettenwege, sagte er leise, da können die Berittenen nicht durch!
Sie nickte, schlug die Richtung ein, die er ihr gezeigt hatte, und schlüpfte unter den Ketten hindurch, mit denen die großen Straßen bei Nacht abgesperrt wurden. Mit Hilfe dieser Ketten konnten die Straßen auch bei Tag abgesperrt werden, wenn es in der Stadt Unruhen gab. Die Ketten – es waren insgesamt dreiundfünfzig – wurden in kleinen Häuschen an bestimmten Straßen aufbewahrt, und die Rentmeister mußten sich alle sechs Monate davon überzeugen, daß ihre Schlösser intakt waren, damit sie ständig eingesetzt werden konnten.
Der Regen hatte die Pflastersteine glitschig gemacht, die Schlammlöcher vertieft und den Boden zwischen den Steinen aufgeweicht. Es hieß ohnedies, von gepflasterten Straßen könne in Köln keinesfalls die Rede sein, da sich die halbe Arche Noah hier versammle und Schlamm und Kot die Straßen bei Regen nahezu unbrauchbar machten. Der Rat der Stadt hatte zu wiederholten Malen versucht, diesem Zustand abzuhelfen. Er hatte zunächst den Unrat auf zwei unbebauten Plätzen abladen lassen, aber die Anhäufung von Kot, Unrat, Küchenabfällen und toten Tieren, die dort bei Nacht abgelegt wurden, erzeugte einen Gestank, den man den Bewohnern der umliegenden Häuser nicht zumuten konnte. Die Wegemeister predigten tauben Ohren, wenn sie die Bürger aufforderten, ihren Müll zumindest nicht bei den Tränken und an bestimmten Orten – zum Beispiel die Plätze an der Marspforte, vor dem Rathaus, vor der Stiftskirche St. Marien und dem dortigen Spital – abzuladen, um gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Aber sosehr sich der Magistrat auch bemühte – irgendwann hatte er einen Unternehmer mit der Säuberung der Straßen beauftragt, dann die Sache einem Bauern übertragen –, der Zustand der Straßen Kölns blieb unappetitlich, und keine Morgensprache des Rats hatte es bisher fertiggebracht, daß sich das änderte.
Bela schlich an den Hauswänden entlang und hielt sich den Hufschlägen der berittenen Nachtwächter fern, die um so besser wahrzunehmen waren, als sich die Stadt zu dieser nächtlichen Stunde in einem Zustand völliger Ruhe befand. Nur wenige Geräusche waren zu hören: ein paar schmatzende Schweine, die einen Haufen von Unrat durchwühlten, und die leisen Töne einer Orgel aus dem Fenster eines Orgelmachers, der das Instrument sicher bis zur anstehenden Orgelweihe fertigstellen mußte.
Als sie schließlich in St. Columba um die Ecke bog und ihre enge Gasse, die gewiß nicht zu den besseren Wohnvierteln dieser Stadt gehörte, vor sich liegen sah, atmete sie auf. Die letzten Schritte legte sie im Laufschritt zurück, und kurz vor ihrer Haustüre geriet sie noch in eine mit Schlamm und Kot gefüllte Pfütze. Dann stand sie endlich vor dem schmalbrüstigen Haus mit einem sehr spitzen Giebel, das sie sich mit einer Hebamme und deren altem Vater sowie einer Sengerse vom Domchor, deren Stimme an manchen Tagen die Wände durchdrang, teilten.
Sie waren in das Haus erst vor einem Jahr gezogen, obwohl der Mietzins ungewöhnlich hoch war, aber Wohnhäuser, in denen auch die Werkstatt eines Handwerkers unterzubringen war, gab es nicht eben viele. Es war auch nicht üblich, daß die Bewohner sich bereit erklären mußten, alle Schäden selbst zu beheben, aber da sie damals bereits eine Odyssee hinter sich hatten und dies das vierte Haus war, seit sie wieder in Köln wohnten, hatten sie zugestimmt, obwohl Berthe vehement dagegen war. Sie habe nun schon in einem Haus gewohnt, das neben einem Schießstand lag, beschwerte sie sich, dann neben einem Metzger, der sein Vieh durch den Gang des Hauses habe treiben dürfen, und schließlich neben einem Brauhaus, das kurz nach ihrem Einzug in eine Schmiede umgewandelt worden war. Sie habe schon genug erduldet.
Das Erdulden in diesem Haus sei mäßig, hatte der Vater behauptet, denn daß die Pütz im Hof des Nachbarhauses sei und die Kalle mit anderen geteilt werden müsse, sei zu alltäglich, um darüber zu reden.
Du hast den Abtritt im Hof vergessen, hatte Berthe voller Zorn erwidert, und daß der Duffesbach durch den Keller des übernächsten Hauses fließt und der Besitzer darin seine Felle gerbt. Eine Druckerpresse sei auch kein angenehmer Nachbar, hatte der Vater gesagt, und irgendwann werde er für seine Schwester gewiß einmal ein Schloß kaufen können.
Eines für die Haustüre, hatte Berthe mürrisch erwidert, das genüge ihr schon, und Bela stimmte dem nachträglich zu: Auch jetzt ließ sich die Tür nur mit einem harten Ruck öffnen, so daß sie Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Sie zog die nassen Schuhe aus und schlich auf Strümpfen durch den Flur, um ihren Vater nicht zu wecken, aber es gab kaum ein Dielenbrett, das nicht knarrte. In der Küche fand sie auf dem Tisch einen Zettel, auf dem Berthe in ihrer krakeligen und keineswegs fehlerfreien Schrift mitteilte, daß in der Speisekammer...




