Becker Gesundheit durch Bedürfnisbefriedigung
1. Auflage 2006
ISBN: 978-3-8409-2029-5
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
E-Book, Deutsch, 325 Seiten
ISBN: 978-3-8409-2029-5
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Körperliche und psychische Gesundheit, was ist das und wie kann man diesen Zustand erreichen? Das Buch informiert über den neuesten Forschungsstand zur Diagnostik, zu den biopsychosozialen Bedingungen und zur Förderung der Gesundheit. Nach der Behandlung etablierter Modellvorstellungen über Zusammenhänge von Lebensbedingungen, Persönlichkeit und Gesundheit wird ein neues systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell (SAR-Modell) der Gesundheit von hohem integrativen Wert vorgestellt.
Besondere Aufmerksamkeit wird der Bedürfnisbefriedigung als neuer Leitidee gewidmet. Empirische Untersuchungen belegen diese Gesundheitstheorie, welche sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit mit einbezieht. Abschließend werden Maßnahmen zur Gesundheitsförderung abgeleitet.
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- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Medizinische Fachgebiete Psychosomatische Medizin
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Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;6
2;Vorwort;10
3;1. Gesundheit und Krankheit;14
3.1;1.1 Paradoxa der Begriffe Gesundheit und Krankheit;14
3.2;1.2 Gesundheitsbegriff;15
3.2.1;1.2.1 Gesundheitsbegriff in der Wissenschaft;15
3.2.2;1.2.2 Gesundheitsbegriff von Laien;18
3.3;1.3 Krankheitsbegriff;20
3.3.1;1.3.1 Konzeptuelle Differenzierungen;20
3.3.2;1.3.2 Allgemeiner Krankheitsbegriff in der Wissenschaft;21
3.3.3;1.3.3 Allgemeiner Krankheitsbegriff von Laien;24
3.4;1.4 Gesundheit und Krankheit als Dichotomie und als Kontinuum;25
3.5;1.5 Zwischenbilanz zum Gesundheits- und Krankheitsbegriff;27
3.6;1.6 Differenzierung von Gesundheitsbegriffen;27
3.6.1;1.6.1 Aktuelle und habituelle Gesundheit;28
3.6.2;1.6.2 Körperliche und psychische (seelische) Gesundheit;28
3.6.3;1.6.3 „Objektiv“ erfasste und subjektiv eingeschätzte Gesundheit bzw. Krankheit;31
3.7;1.7 Psychometrische Diagnostik von Gesundheit und Krankheit;33
3.7.1;1.7.1 Diagnostik der aktuellen körperlichen Gesundheit;34
3.7.2;1.7.2 Diagnostik der aktuellen psychischen Gesundheit: Skala zur Globalen Erfassung des Funktionsniveaus;37
3.7.3;1.7.3 Diagnostik der aktuellen (psychischen und körperlichen) Gesundheit;39
3.7.4;1.7.4 Diagnostik der habituellen körperlichen Gesundheit;43
3.7.5;1.7.5 Diagnostik der habituellen psychischen Gesundheit;46
3.7.6;1.7.6 Vergleichende Gegenüberstellung der acht Verfahren zur Diagnostik von Gesundheit und Krankheit;48
3.8;1.8 Zusammenhang von körperlicher und psychischer Gesundheit bzw. Krankheit;50
3.8.1;1.8.1 Komorbidität von körperlichen und psychischen Erkrankungen;50
3.8.2;1.8.2 Zusammenhang von aktueller körperlicher und psychischer Gesundheit bzw. Krankheit, ausgehend von Symptomen;53
3.8.3;1.8.3 Zusammenhang von habitueller psychischer und körperlicher Gesundheit bzw. Krankheit;56
3.8.4;1.8.4 Diskussion der Zusammenhänge von körperlicher und psychischer Gesundheit bzw. Krankheit;57
3.9;1.9 Zusammenfassung;59
4;2. Modellvorstellungen über Zusammenhänge von Lebensbedingungen, Persönlichkeitseigenschaften und Gesundheit/ Krankheit;62
4.1;2.1 Stressor-Stress-Modelle;62
4.1.1;2.1.1 Stress aus biologischer Perspektive: Hans Selye;63
4.1.2;2.1.2 Stress aus integrativer psychobiologischer Perspektive: Bruce McEwen;64
4.1.3;2.1.3 Stress aus psychosozialer Perspektive;68
4.2;2.2 Diathese-Stress-Modelle;80
4.3;2.3 Stressor-Ressourcen-Modelle;82
4.3.1;2.3.1 Demand-Control-Modell;82
4.3.2;2.3.2 Modell der beruflichen Gratifikationskrisen (Effort-reward imbalance- Modell);85
4.3.3;2.3.3 Stressbewältigungsmodell von Lazarus;87
4.3.4;2.3.4 Salutogenese-Modell von Antonovsky;91
4.3.5;2.3.5 MASH-Modell;95
4.3.6;Anpassung Stress;96
4.3.7;Ressourcen;96
4.3.8;Circumplexmodell;96
4.3.9;2.3.6 Modell der Vereinbarkeit von Familie und Beruf von Kupsch;98
4.4;2.4 Zusammenfassung;100
5;3. Ein systemisches Anforderungs-Ressourcen- Modell ( SAR- Modell) der Gesundheit;104
5.1;3.1 Systemtheoretische Überlegungen zu Gesundheit und Krankheit;104
5.1.1;3.1.1 Ansatz von von Uexküll und Wesiack (1986);105
5.1.2;3.1.2 Bewältigung von Anforderungen mithilfe von Ressourcen;109
5.2;3.2 Anforderungen;112
5.2.1;3.2.1 Interne Anforderungen;112
5.2.2;3.2.2 Externe Anforderungen;128
5.3;3.3 Ressourcen;132
5.3.1;3.3.1 Externe Ressourcen;134
5.3.2;3.3.2 Interne Ressourcen;138
5.4;3.4 Diagnostik externer Anforderungen und Ressourcen;168
5.4.1;3.4.1 CEPAR;169
5.4.2;3.4.2 Trierer Inventar zum chronischen Stress (TICS);170
5.5;3.5 Allgemeines Modell zur Entstehung von Störungen/Krankheiten;173
5.5.1;3.5.1 Prädisponierende und immunisierende Bedingungen;174
5.5.2;3.5.2 Auslösende und Pufferbedingungen;176
5.5.3;3.5.3 Aufrechterhaltende und kurative Bedingungen;176
5.6;3.6 Stellenwert des Gesundheits- und Bewältigungsverhaltens innerhalb des SAR- Modells;177
5.7;3.7 Vergleich mit verwandten Modellen;179
5.7.1;3.7.1 Lazarus;179
5.7.2;3.7.2 Antonovsky;180
5.7.3;3.7.3 Hobfoll;182
5.7.4;3.7.4 Siegrist;183
5.8;3.8 Zusammenfassung;184
6;4. Empirische Überprüfung des SAR-Modells;188
6.1;4.1 Stabilität und Veränderung von Persönlichkeitseigenschaften;188
6.1.1;4.1.1 Effekte auf die Stabilität von Persönlichkeitseigenschaften;189
6.1.2;4.1.2 Einfluss von Psychotherapie auf Persönlichkeitseigenschaften;191
6.1.3;4.1.3 Einfluss von Umweltbedingungen auf den Neurotizismuse;194
6.2;4.2 Ausgewählte pfadanalytische Studien zur Erklärung von Gesundheitsvariablen;197
6.3;4.3 Eigene pfadanalytische Studien zur Überprüfung des SARModells;203
6.3.1;4.3.1 Eine Untersuchung an Lehrern;203
6.3.2;4.3.2 Untersuchung beruflich Hochambitionierter;211
6.3.3;4.3.3 Längsschnittstudie von Becker und Jansen mit einer Trainingsgruppe und einer Kontrollgruppe;215
6.3.4;4.3.4 Zusammenfassende Schlussfolgerungen aus eigenen pfadanalytischen Studien;221
6.4;4.4 Zusammenfassung;225
7;5. Förderung, Bewahrung und Wiederherstellung der körperlichen und psychischen Gesundheit;228
7.1;5.1 Gesundheitsförderung, Prävention und Therapie: Gemeinsamkeiten und Unterschiede;228
7.2;5.2 Übergeordnete Leitideen für gesundheitsbezogene Maßnahmen;233
7.2.1;5.2.1 Gesundheitsförderung nach den Leitideen der Weltgesundheitsorganisation ( WHO);233
7.2.2;5.2.2 Gesundheitsbezogene Maßnahmen nach den Leitideen des systemischen Anforderungs- Ressourcen- Modells;235
7.3;5.3 Gesundheitsbezogene Maßnahmen, ausgehend von internen Anforderungen;236
7.3.1;5.3.1 Diagnostische Aspekte;237
7.3.2;5.3.2 Förderung der Bedürfnisbefriedigung durch Psychotherapie;239
7.3.3;5.3.3 Förderung der Bedürfnisbefriedigung durch Veränderung von Zielsetzungen und des Lebensstils;240
7.4;5.4 Gesundheitsbezogene Maßnahmen, ausgehend von externen Anforderungen;242
7.4.1;5.4.1 Analyse und Veränderung beruflicher Anforderungen;242
7.4.2;5.4.2 Reduktion familiärer Anforderungen;244
7.4.3;5.4.3 Koordination beruflicher und familiärer Anforderungen: Verbesserung der Balance von Beruf und Familie;246
7.5;5.5 Gesundheitsbezogene Maßnahmen, ausgehend von externen Ressourcen;248
7.5.1;5.5.1 Ressourcen am Arbeitsplatz;248
7.5.2;5.5.2 Ressourcen in Partnerschaft und Familie;249
7.5.3;5.5.3 Ressourcen in der Gemeinde (gemeindeorientierte Gesundheitsförderung);250
7.6;5.6 Gesundheitsbezogene Maßnahmen, ausgehend von internen Ressourcen;252
7.6.1;5.6.1 Förderung psychosozialer Kompetenzen;252
7.6.2;5.6.2 Förderung der körperlichen Fitness;259
7.7;5.7 Zusammenfassung;268
8;6. Anwendung des SAR-Modells auf das Phänomen Mobbing am Arbeitsplatz;272
8.1;6.1 Definition und Prävalenz von Mobbing;272
8.2;6.2 Ursachen und Folgen von Mobbing: Die Perspektive des SARModells;273
8.2.1;6.2.1 Ursachen von Mobbing;274
8.2.2;6.2.2 Gesundheitliche Folgen von Mobbing;279
8.3;6.3 Therapie von Mobbing;280
9;7. Bedingungen der Gesundheit. Bilanz und Ausblick;284
10;Literaturverzeichnis;288
11;Sachverzeichnis;317
(S. 103-104)
In diesem zentralen theoretischen Kapitel des vorliegenden Buches wird ein systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell (SAR-Modell) der Gesundheit vorgestellt. Ausgehend von einigen Grundannahmen der Systemtheorie, insbesondere der Leitidee einer Hierarchie von Systemen, wird Gesundheit mit der Bewältigung externer und interner psychosozialer und physischer Anforderungen mithilfe interner und externer psychosozialer und physischer Ressourcen in Verbindung gebracht. Dies geschieht in mehreren Schritten: Zunächst werden systemtheoretische Grundkonzepte dargestellt und erläutert, was unter externen und internen psychosozialen und physischen Anforderungen zu verstehen ist. Es folgen eine ausführliche Betrachtung verschiedener interner und externer psychosozialer und physischer Ressourcen und die Darstellung eines allgemeinen Modells zur Entstehung von Störungen und Krankheiten. Den Abschluss des Kapitels bildet der Vergleich des SAR-Modells mit verwandten Modellen.
3.1 Systemtheoretische Überlegungen zu Gesundheit und Krankheit
Dass sich systemtheoretische Konzepte für das Verständnis von Gesundheit und Krankheit als fruchtbar erweisen, erkennt man bereits an Begriffen wie Nervensystem, Herz-Kreislauf-System, Verdauungssystem, Atemsystem, Stoffwechselsystem oder Immunsystem, auf die auch Laien zurückgreifen, um sich ein Bild von biologischen Strukturen und Prozessen im menschlichen Körper zu machen. In ähnlicher Weise wird der Begriff des „Apparates“ verwendet, indem zum Beispiel das motorische System als Bewegungsapparat bezeichnet wird. Es stellt sich die Frage, was genau unter Systemtheorie und was unter einem System zu verstehen ist. Die erste Darstellung der Grundzüge der Systemtheorie erfolgte durch von Bertalanffy (1940), der drei Jahrzehnte später die kumulierten Erkenntnisse zu einer allgemeinen Systemtheorie integrierte (von Bertalanffy, 1968, 1975; siehe zusammenfassend Miller, 1975). Etwa zur selben Zeit führte Cannon (1939) das Konzept der Homöostase ein, und um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts entstand die Informationstheorie (Shannon & Weaver, 1949). Die Systemtheorie ist ein Teilgebiet der Kybernetik, das in sehr allgemeiner Weise die Zustandsänderungen und Prozessabläufe in unterschiedlichen Systemen analysiert und die Zusammenhänge zwischen der Struktur und Funktionsweise von Systemen zum Gegenstand hat. Da ihre Aussagen unabhängig von der konkreten Realisierung der Systeme sind, lassen sie sich auf eine Vielzahl von Wissenschaften, darunter die Biologie und die Psychologie, anwenden.
Der Begriff „System“ wird in unterschiedlicher Bedeutung gebraucht. Eine sehr allgemeine Definition lautet: Ein System ist eine Menge von Elementen, zwischen denen Beziehungen bestehen, wobei der Zustand jedes Elementes durch den Zustand der anderen Elemente beeinflusst wird. Unter anderem lassen sich konzeptuelle, technische und lebende Systeme unterscheiden. Ein Beispiel für ein einfaches technisches System ist ein Thermostat zur automatischen Temperaturregelung zu Einzelheiten siehe Becker, 1995). Hingegen dient eine aus Eltern und Kindern bestehende Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig beeinflussen, als Beispiel für ein lebendes (soziales) System.
Ein lebendes System setzt sich aus Subsystemen zusammen und ist selbst Subsystem eines übergeordneten Suprasystems (Abbildung 3.1). Es kann mithin auf hierarchisch angeordneten Ebenen – zum Beispiel von Zellen über Organe, Organismen (Personen), Gruppen, Gesellschaften bis zur Biosphäre – beschrieben werden siehe Abbildung 3.2). Verschiedene Wissenschaften – von der Physik und Chemie über die Anatomie, Physiologie, Biomedizin, Psychologie, Soziologie bis zur Ökologie – haben sich auf die Erforschung der jeweiligen Strukturen und Prozesse auf den unterschiedlichen Hierarchieebenen spezialisiert und dabei jeweils Problem angemessene eigene Sprachen entwickelt. Konkrete Beispiele für systemische Prozesse auf verschiedenen Ebenen werden unten gegeben (Abbildungen 3.3 bis 3.5 sowie in Kapitel 6 die Abbildungen 6.1 und 6.3).




