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E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Becker Ooochtendung, mon amour
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9369-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Goldene Regel als globales Betriebssystem
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-6957-9369-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Arno Becker hat drei Kinderbücher mit pädagogischem Anspruch geschrieben ("Die fünf Müllerjungs"), gedacht weniger zum Vorlesen als zum kommunikativen Ins-Bett-Bringen mit aufmerksamen Zwischenfragen. Dann folgten zwei Biografien, aber nicht über sein eigenes Leben. Vielmehr hat Becker seine Stimme bzw. seinen Stift den Protagonisten geliehen: Es geht um DEREN Leben, geschildert aus Beckers Feder: "Wie ein Schmetterling - Mein Weg aus dem Kokon der Traditionen" (über eine zwangsverheiratete Marokkanerin) und "Fast das Leben verpennt - Einblicke in das Leben eines Koblenzer Obdachlosen". Es folgte ein nachdenklicher, dennoch humorvoller politischer Roman, der eine Rückschau aus dem Jahr 2071 auf die davorliegenden 48 Jahre bietet: "Blick zurück aus der Zukunft". Das, was die einen hoffen, die anderen fürchten. Schließlich erschien 2025 ein Buch, in dem Gott selbst zum Autor wird. "Guck mir in die Karten", geschrieben von einem humorvollen, nicht existierenden Gott, der trotzdem alles gesehen hat. Nicht nur für Atheisten, nicht verletzend für Gläubige.
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Wie alles begann: Das Experiment
Chills & Martins war eine Agentur, die alles konnte. Zumindest behauptete sie es – und das mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines Unternehmens, das seine Skrupel schon vor Jahren in einer gut organisierten internen Entsorgungsmaßnahme hatte verschwinden lassen.
„Wir schaffen Überzeugung, wo Argumente versagen.“
Dieser Satz glänzte auf ihrer Website direkt unter dem Firmenlogo: eine goldene Spirale, die ein wenig nach Esoterik aussah und ein wenig nach Hypnose – was, streng genommen, für ihre Arbeit kaum einen Unterschied machte.
Bekannt geworden waren sie vor allem durch die Kampagne – das legendäre Experiment von Ochtendung, einer Eifelgemeinde mit gut fünftausend Seelen und – laut Prospekt – „einer Kriminalitätsrate knapp über null, aber schon wieder unterhalb dessen, was Statistiker als messbar bezeichnen.“ Der Clou: Dort gab es keine Gesetze. Nicht ein einziges. Keine Polizeiverordnung, kein Paragraphenschild im Rathausflur, nicht einmal ein stapelbares Regelwerk im Archiv.
Kriminologen zerbrachen sich die Köpfe. Die einen witterten geheime Drohnen, die anderen halluzinogene Mineralquellen der vulkangeprägten Landschaft um Ochtendung.
Die Lösung war banaler: die Goldene Regel.
C&M hatte den Menschen schlicht beigebracht, einander so zu behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollten – und zwar nicht als Moralpredigt, sondern als Lifestyleangebot. Einsicht statt Sanktionen. Kooperation statt Zwang. Freiheit durch Verantwortung.
Die Idee stammte von Philippe Deflandre, einem Mann, der nicht etwa zu wenig Geduld für Demokratie hatte, sondern zu viel Respekt vor ihrem Versagen. Er glaubte, dass Freiheit nicht durch Gesetze, sondern durch Einsicht gesichert wird – und dass Menschen im Grunde kooperativ sind, solange man sie nicht dazu zwingt.
Die Demokratie, fand er, habe das nur vergessen. Und die Autokratie habe es nicht einmal geahnt.
Deflandres Fantasie von einer besseren Welt hatte allerdings einiges an Überzeugungsarbeit gekostet. Zwei Städte hatten sein Projekt abgelehnt, eine hatte gelacht, eine ihn hinauskomplimentiert. Ochtendung jedoch – vertreten durch Mo Bashar, den jungen Bürgermeister mit syrischen Wurzeln, deutschen Visionen und bemerkenswertem Mut – hob die Hand. Und wurde zur Pilgerstätte für Soziologen, Filmemacher und moralische Influencer.
Natürlich hatte es Zweifel gegeben. Vor allem am Anfang. Selbst Deflandre wusste: Wer eine Gesellschaft neu starten will, muss erst durch den deutschen Schutzwall aus Prinzip-Pessimismus – dieses ewige
Ein älterer Handwerker – dessen Name in den Akten liebevoll geschwärzt wurde – hatte in der ersten Bürgerversammlung gemurrt:
„Idealistischer Schwachsinn – Menschen tun doch nicht einfach das Richtige. Die brauchen Grenzen!“
Deflandre selbst war es, der solch skeptische Stimmen über die „Naivität“ der Goldenen Regel entzauberte. Er lächelte und antwortete ruhig, während er mit dem Daumen über seine Notizen strich:
„Nur weil etwas ungewohnt ist, heißt das nicht, dass es nicht funktioniert. Stellen Sie sich vor, wir betrieben noch immer Tauschhandel. Eier gegen Brot, Schuhe gegen Schinken, Heilung gegen einen Sack Reis. Und plötzlich käme einer und sagte:
Der Mann wäre für verrückt erklärt worden.
Und trotzdem hat die Menschheit genau das akzeptiert – weil sie verstand: “
Ein paar Leute lachten verunsichert.
„Auf dieser Idee basiert unser Wirtschaftssystem, und es soll Menschen geben, die wegen solcher Papierschnipsel andere totschlagen.“
Deflandre fuhr fort:
„Oder stellen Sie sich vor, jemand würde ein rotes Lämpchen erfinden – und sagen: Nur ein Symbol. Nichts Natürliches. Nichts, was auch nur den Hauch von Autorität hat. Außer der, die wir ihm gemeinsam geben. Und doch: Wir bleiben stehen. Millionenfach. Jeden Tag. Weil wir akzeptieren, dass Regeln funktionieren, wenn wir sie nicht gegeneinander, sondern miteinander denken.“
Der Skeptiker schwieg. Es war das höfliche Schweigen eines Mannes, der gerade merkt, dass das Absurde die stabilste Grundlage einer Zivilisation sein kann.
Ein kleines Leuchtsymbol – mehr war es nicht.
Erst dann sagte Deflandre:
„Die Goldene Regel ist weit weniger naiv, weit weniger absurd als beides. Wir folgen ständig Dingen, denen wir vertrauen. Das hier ist nur eine bessere Version davon.“
Dieser Moment – so unspektakulär er wirkte – war der Keim.
Ochtendung war Vorreiter – und wurde zum goldenen Labor.
C&M übersetzte Deflandres Idealismus in Programme, Programme in Kampagnen, Kampagnen in Wirklichkeit. Die Medien jubelten. Die Menschheit war kurz davor, wieder an sich selbst zu glauben.
Sagte zumindest der Werbetext.
Doch die Weltgeschichte war weitergezogen. Jetzt wartete auf C&M eine Aufgabe von ganz anderem Kaliber: größer, gefährlicher, in jeder Hinsicht hochexplosiv. Nicht mehr Kommunalromantik, sondern große Politik. Richtungsweisend für ein ganzes Land, eine ganze Epoche.
„Stoßen C&M nun an ihre Grenzen?“ „Wo endet Überzeugen – und wo beginnt Überreden?“ fragten die Schlagzeilen.
Ludmilla Chills, geschiedene Schwiegertochter des Firmengründers – vom Sohn, wohlgemerkt; vom Schwiegervater lässt sich schwer scheiden – und selbst ernannte Meisterin der Massenpsychologie, lächelte dazu ihr bestes PR-Lächeln in die Kamera: „Grenzen? Wir lieben Grenzen! Vor allem, wenn man sie verschiebt. Und nein – wir verkaufen keine Seelen, wir positionieren sie nur neu. Ein Zucken um den Mundwinkel begleitete ihren Satz: „Überreden? Dieses Wort existiert bei uns nicht mehr. Wir arbeiten ausschließlich mit Überzeugungen.“
Und dann mit einem Schuss Pathos: „Wir werden den Staat nicht enttäuschen. Im Gegenteil. Wir werden ihn überraschen.“
Das Verteidigungsministerium hatte beschlossen, neue Wege zu gehen. Teure Wege, gleichzeitig pragmatisch, politisch unauffällig und kommunikativ maximal aufpoliert.
Angesichts der „aktuellen Bedrohungslage“ kreierten C&M ein neues Wort, quasi ein Hochglanz-Cover. Das bisher in der Politik gebräuchliche hatte Chills & Martins durch – ersetzt. In einem internen Schreiben hieß es, dass diese wohlklingende Initiative, die der Bundeswehr das nötige Personal „“ sollte, bessere Assoziationen weckte. – das klang nach Wehrhaftigkeit, aber nicht zu martialisch. Die Wortschöpfung vermittelte die Selbstverständlichkeit einer Notwendigkeit.
„Stand Dezember 2025 hatten wir exakt 184.194 Soldaten“, dozierte Ludmilla, als wäre das eine Glückszahl. „Wir brauchen 260.000 plus 200.000 Reservekräfte.“ Sie bemühte sich um Strenge in ihrer Stimme.
Franziska Rothermel, die taz-Journalistin mit dem misstrauischen Blick, hob eine Augenbraue:
„Kürzlich haben Sie ein Friedensprojekt in Ochtendung unterstützt. Jetzt helfen Sie beim Aufrüsten. Wie passt das zusammen?“
Ludmilla blinzelte einmal – die Agenturversion eines Stoßseufzers.
„Wenn man nicht sehenden Auges in Unterdrückung und Gebietsverluste rutschen will, braucht man eine starke Armee. Abschreckung dient dem Frieden. Wo, bitte, sehen Sie da einen Widerspruch?“
„Ja nee, schon klar“, murmelte Franziska. „Mit tödlichen Waffen schafft man Frieden, Tod rettet Leben. Wie man auch ein Kind schlägt, um ihm beizubringen, dass man keine Kinder schlägt. Und man schreit, um endlich Stille zu erzeugen. Man säuft, um die Sucht zu besie.“
„Wir haben Verantwortung. Und einen staatlichen Auftrag.“ Ludmillas Stimme schnitt den Satz entzwei wie eine Guillotine. „Und wir werden ihn erfüllen.“
„Die jungen Menschen stehen also schon Schlange und warten sehnsüchtig darauf, endlich ihr Land verteidigen zu dürfen?“
„Das ist doch keine Frage!“
„Doch! Eine rhetorische.“
Eine Sekunde Stille, als würden beide abwägen, ob ein weiterer Satz sich lohnt. Dann lächelte Ludmilla wieder dieses perfekt trainierte, unbehaglich glatte Lächeln: „Rhetorik ist unser Geschäft, Frau Rothermel.“
Franziska machte sich eine mentale Notiz: Sie und Ludmilla Chills würden in diesem Leben vermutlich keine Freundinnen mehr...




