Behmel | Mitte 1 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 208 Seiten

Reihe: Mitte

Behmel Mitte 1

Berlin - eine Exzentriker-WG
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95865-241-5
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Berlin - eine Exzentriker-WG

E-Book, Deutsch, Band 1, 208 Seiten

Reihe: Mitte

ISBN: 978-3-95865-241-5
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was kann in Berlin-Mitte schon schief gehen, wenn man ein enthusiastischer Schussel ist? 'Mitte' ist eine Komödie über eine Exzentriker-WG, deren Bewohner sich gegenseitig das Leben schwer machen, die Partner suchen, finden und es wieder bereuen; die Karrieren bauen und zerstören, während sie sich fragen, wohin es mit der Selbstverwirklichung ihrer Mitbewohner noch führen soll. 'In erster Linie wollte ich den Geist der späten Neunziger Jahre einfangen und zu leichter Lektüre machen, lustig, fies, frivol, realistisch - mit viel Berliner Lokalkolorit: Sex, Clubs, Gym, Musik, Mode, Drogen, Alkohol, Kunst... der ganz alltägliche Mix eben. Es ist damit auch ein ironischer Blick auf mich selbst geworden, wobei ich betonen will, dass sämtliche Figuren rein fiktiv sind, inklusive des Erzählers. Allein die Kulisse der Stadt ist real.'

Albrecht hat in Heidelberg und Berlin Geschichte, Philosophie und Politik studiert. Seit 1999 ist er Autor für Film, Print, Radio und TV, unter anderem für UTB, SR, ARTE, Pro7Sat1 und den RBB. Er lebt seit 2012 mit seiner Frau Afraa und seinen Söhnen Wieland und Orlando im Schwarzwald.
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Die nächsten Tage über war unsere Wohnung immer noch erfüllt von Jennys Gesang ... aber das klingt jetzt viel besser, als es wirklich war, weil: Die Jenny, wenn sie singt, dann singt sie meistens nur so Teile von Liedern, wenn ihr versteht, was ich meine; sie hat nämlich ein noch schlechteres Gedächtnis als ich, wenn es um Texte geht, oder um Namen ...

Jedenfalls läuft das dann immer so: Erst singt sie zur Musik und dann macht sie die Musik aus und singt selber, also: Extrem-Solo: Karaoke, ohne Hintergrundmusik, eine tödliche Waffe.

I think I'll take my foolish heart my friend

an head right for the door...

So klingt das, wenn Alison Krauss das singt, weil: Ich kenn ja die Lieder auch alle auswendig. Aber bei der Jenny geht das nicht so. Das geht dann nämlich vielmehr ungefähr so, dass sie eine Zeile singt, dann wird es wieder leise, weil sie sich zu erinnern versucht, wie es eigentlich weitergeht, und dann klappt es nicht und sie fängt wieder von vorne an. Stundenlang, bis die Blumen welken.

Ich saß an meinem Computer und hab versucht, meine Mails in Ordnung zu bringen und mein neues Kunstprojekt zu planen, dass mit den Schweinen, was die Wibke Schmidt nicht mag, weil sie meine Schweine unmoralisch findet. Da hat die Jenny gesungen:

I think I'll take my foolish heart my friend... äh...

lalala...

"Quatsch", funkte mir die Wibke direkt in mein Oberbewusstsein rein:

"Ich find es nur moralisch nicht okay, dass du lebendige Schweine anmalen und an die Wand werfen willst. Die armen Tiere."

"Ahso, das ist, doch was ganz anderes", funkte ich zurück, "Soll ich etwa tote nehmen, oder was? Da heb ich mir 'n Bruch, Wibke ..."

"Du bist sooo blöööd", ich konnte sie über Funk kichern hören. Weil: Ich bring die gern zum Lachen, die Wibke Schmidt.

I think I'll take my foolish heart my friend...

mmmmhhhemmmm öh...mehhhheemmmmm.... if i do!

Es wurde langsam etwas voll in meinem Hirn: Das ist nämlich unglaublich schwer sich zu konzentrieren, wenn ständig die Funkstille gebrochen wird und dann dazu mit der Jenny im Hintergrund, die plärrt wie ein Feueralarm, der seinen Text vergessen hat:

I think I'll ... nee!

Da hing sie schon wieder im Gestrüpp und hat wütend gegen die Noten getreten.

I think I'll take my foolish...

"Jenny", sagte ich mit meiner John Wayne Stimme, "Jetzt reichts mir aber!"

"Äh", sagte sie und streckte mir ihr Kinn entgegen, das tut sie meistens, bevor es Schläge setzt zwischen uns.

"Zieh dich an, my foolish friend, oder ich sperr dich in den Keller zu den anderen Flaschen."

Sie nahm die Fäuste hoch, instinktiv, und das, obwohl sie ein Einzelkind ist. Jenny ist jemand, der sich mit Türstehern rumprügelt und dabei auch noch gewinnt; ein großes Mädchen, wenn ihr versteht, was ich meine, und sie trifft ziemlich gut. Ich sagte:

"He, kannst du lesen, Jenny?"

"Natürlichkannichlesen."

Die Jenny redet oft so, als hätte sie nicht genügend Leerzeichen auf Lager. Das nuschelt dann so aus ihr hervor. Sie sah eindeutig gekränkt aus. Ich sagte:

"Na dann, komm, wir müssen rausgehen."

"Vor die Tür, okay; ichmachdichnieder!"

"Na, auf, ich mein es im Ernst: Stiefel dich, Black Beauty, und raus mit uns!"

Ich musste sowieso zum Zahnarzt, weil mir der eine Schneidezahn immer noch gewackelt hat, er wurde auch langsam blau, aber das war alles schon okay, weil: Man hat ja mehr als einen Zahn im Sortiment.

Wir gingen raus und machten einen Spaziergang, der uns nicht zum Zahnarzt, sondern zum Dussmann brachte, fast ganz zufällig, aber ich glaube ja eh nicht an den Zufall, vor allem nicht bei der Friedrichstraße. Die geht nämlich immer geradeaus. Kein Raum für Zufälle.

Ich sagte:

"Glaubst du an den Zufall, Jenny?"

"Bei dir? Nee!"

"Eben, komm mit, hier geht´s lang!"

Sie wollte instinktiv zu den DVDs. Ich hab sie auf einen Alternativkurs geschoben. Sie sagte:

"Waswillst'n beid´n Büüüchern?"

"Schnauze!"

Und ich schob sie in zu der Abteilung für Notfall-Notenhefte und setzte sie in einen der Sessel, aber das ist fast unmöglich, sie irgendwohin zu platzieren, wenn sie nicht will, aber sie musste.

"Jetzt setz dich halt hin, du Gaul, ich hol kurz den Wärter ..."

"Warumbist'n heuteso gemeinzumir?"

Weil, schau mal: Mit der Jenny muss man derb umgehen, wenn man ihr was Gutes tun will, sonst fängt sie an und wird selber grob. Und deswegen war ich so gemein zu ihr, also zur Jenny, und natürlich auch, weil es mir Spaß macht, ihr solche Sachen zu sagen wie:

"Du Gaul!"

Man kann dann nämlich an ihrem Gesicht immer so schön mitverfolgen, wie sie innerlich die aktuellen Informationen aus dem Tierreich verarbeitet. Der Punkt war aber ein ganz anderer: Ich wollte ihr Noten für ihre Lieder kaufen, alles, was man für ein gutes Reservoir an Countryliedern haben muss.

"Es heißt aber Repertoire", funkte mir die Wibke Schmidt ins Gehirn hinein.

"Repertoire mein ich", sagte ich zu der Bedienung im Dussmann; ich sagte weiter:

"Was wir brauchen, das ist ein richtig gutes Repertoire an Countrysongs", und dann hab ich die ganzen Namen aufgezählt, die wir so mögen:

"Alison Krauss, Don Williams - the Gentle Giant of Country Music, Linda Rhonstadt, Jim Reeves, Charly McClain und Gretchen Wilson und so weiter. Gibts da was? Und Dolly Parton."

"Wie bitte?"

Sie hatte überhaupt nicht zugehört, diese Verkäuferin. Vielleicht hatte sie es auch nicht kapiert. Zu viele Informationen auf einmal. Deswegen hab ich es mit einer Schlagzeile versucht:

"Der Wilde Westen! Cowboys und Indianer. Lalalala?", hab ich ganz freundlich gesagt, aber sie kapierte es immer noch nicht. Weil: Sie sagte nämlich:

"Ja, also wir hätten da: Das Kleine Cowboy-Handbuch, für die Musikalische Früherziehung Hochbegabter Kinder - von Bernhard Claudius Möchtenberger.

Die Frau war ein absolut hoffnungsloser Fall von Buchverkäuferin, würde ich sagen, und ich frag mich echt, wo die ihr Personal herkriegen, da beim Dussmann, vermutlich aus dem Schlachthof heimlich befreit. Aber ich hab das Eine von der Feli gelernt: Man muss Geduld haben, und so hab ich ganz langsam gesprochen:

"Kein Problem: Ich hab heut sowieso Sprechstunde: Führen sie nicht was für blutige Anfänger und solche die es werden wollen? Sehen sie: Da drüben sitzt das begabte Kind. Alle Erziehungsversuche sind bislang gescheitert; die frühen genauso wie die späten. Und außerdem: Es geht mir um Countrymusik."

"Achso, ja, dann kann ich ihnen die '250 Greatest Country-Hits' empfehlen. Kostet allerdings 139,70 Euro."

"Hm ... und was kosten die begabten Kinder?"

"Die sind günstiger: 4,80 Euro."

Ich sagte:

"Schauen Sie, da haben wir unsere ganze Welt in Kurzfassung. Traurig, was?"

Die 250 Hits sind so schwer, man kann es bestimmt auch als Felsblock verwenden, deswegen hab ich das einfach gekauft und der Jenny in die Hand gedrückt, als wir wieder auf der Friedrichstraße standen; da hat mich die Jenny in den Arm genommen und versucht, mich mit ihrem Busen zu erwürgen. Dann hab ich gesehen, dass sie aus Wut schon fast Tränen in den Augen gehabt hat, aber das kenn ich, weil: Mir geht es im Dussmann auch fast immer so. Die Jenny sagte:

"Danke! Dasis'lieb vondir!"

Ich hätte ihr gleich auch noch einen Beutel Leerzeichen kaufen sollen.

Als wir zuhause waren, da ist die Küche schon wieder richtig voll gewesen, und ich mein das jetzt genau im Wortsinn: kaum Platz mehr für Luft drin, weil: Erstens war der Chris da, und der wiegt so viel, dass er während des Berufsverkehrs nicht in die S-Bahn gelassen wird, sondern auch, weil da noch einer saß, der sogar noch fetter war:

Sah dem Chris ähnlich, aber das ist wohl, weil alle fetten Kerle mit Bart irgendwie gleich aussehen - so als gäbe es irgendwo im Wald einen Verein für Fleischberge mit sehr strengen Vorschriften für das äußere Erscheinungsbild. Ganz zuerst hab ich ja gedacht:

"Oh Gott, Chris hat einen Spiegel in der Küche aufgestellt, haha; da sitzt er gleich zweimal.”

Ich sagte:

"Hi"

Die beiden Buddhas schauten mich an und nickten voller Würde.

Chris sagte:

"Darf ich dir meinen Bruder Timo vorstellen, Albrecht? Timo, das ist mein Mitbewohner, Albrecht."

"Hi", sagte ich noch mal.

Dann bin ich ins Bad, weil: Ich wollte mich rasieren.

"Albrecht", sagte ich zu meinem Spiegelbild, "hör mal kurz zu!"

Der Spiegel-Albrecht hat den Rasierer wieder weggelegt und mich angeschaut. Er hob die Augenbrauen ... Ich sagte zu ihm:

"Neeneee, du kannst ruhig schon mal...



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