E-Book, Deutsch, Band 2, 213 Seiten
Reihe: Mitte
Behmel Mitte 2
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95865-243-9
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Berlin - eine Exzentriker-WG
E-Book, Deutsch, Band 2, 213 Seiten
Reihe: Mitte
ISBN: 978-3-95865-243-9
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Albrecht hat in Heidelberg und Berlin Geschichte, Philosophie und Politik studiert. Seit 1999 ist er Autor für Film, Print, Radio und TV, unter anderem für UTB, SR, ARTE, Pro7Sat1 und den RBB. Er lebt seit 2012 mit seiner Frau Afraa und seinen Söhnen Wieland und Orlando im Schwarzwald.
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Den ganzen nächsten Tag saß ich am Computer und hab an der Geschichte für Rami gearbeitet. Erst hab ich mir überlegt, was einen Vampir motiviert. Also, ich meine: Was bringt den Vampir eigentlich dazu, das zu machen, was er so macht? Und: Ist das mit dem Blutsaugen jetzt genetisch bei den Vampiren oder eher so was wie eine Angewohnheit oder eine Sitte oder eine Krankheit. Vielleicht ist das alles nur ein Virus und es gibt Hoffnung für alle, also außer für den Virus natürlich.
Also, wenn es genetisch ist, dann gibt es noch Hoffnung, aber bei schlechten Angewohnheiten sieht es: total schlecht aus. Und der Punkt ist: Erst, wenn es nicht klappt, dann ist es eine Geschichte. Schau mal, wenn die Geschichte so geht, dass es heißt:
1.) Der Vampir will Blut saugen;
2.) Er tut es.
3.) Ende
Dann kommt man irgendwie nicht so zufrieden aus dem Kino raus. Deswegen muss man dafür sorgen, dass es gleich mal genug Schwierigkeiten gibt, und zwar für alle Beteiligten. Weil: Überleg mal, wieso sollte es dann zu Explosionen und Verfolgungsjagden kommen?
Und jetzt muss ich halt doch noch mal auf den Wilhelm Tell zurückkommen, dieser Versager. Weil: Da geht einfach alles viel zu glatt! Der hat nie Schwierigkeiten: Er soll einen Apfel erschießen? Macht er. Er soll seine Frau heiraten? Hat er schon! Dann will er auch noch Freiheit für die Schweiz haben, Gott weiß warum, und was passiert? Haut genauso hin, wie er sich das vorgestellt hat. Aber das ganze Elend dauert vier Stunden - mindestens.
Jedenfalls sind das exakt die Fehler, die ich in unserem Film vermeiden will. Ich hab mir vorgestellt, wie das wäre, wenn die Hauptfigur an der Bar steht, und dann kommt Graf Dracula rein, vollkommen fertig mit den Synapsen und bestellt sich erst mal paar Kurze. Man kommt ins Gespräch und langsam stellt sich raus, dass er einen richtigen Scheißtag hinter sich hat:
Erst war Knoblauch im Curry, dann ist er gegen ein Kreuz gelaufen, weil es ihm vom Knoblauch kotzübel war: Zack, schlägt sich einen von den langen Zähnen aus und kriegt ein blaues Auge! Ergebnis: Noch mehr Kopfschmerzen und am Schluss rennt die ganze Zeit Van Helsing mit einem Pflock und einem Hammer in der Hand hinter ihm her, und dann fängt auch noch das Schloss an zu brennen, und während der ganzen Zeit muss er aufpassen, also Graf Dracula, dass er den Sonnenaufgang nicht verpasst, weil er sonst zu Staub zerfällt, aber das ist nicht so einfach, weil er ja ein blaues Auge hat und auf der einen Seite fast nichts sehen kann, und deswegen muss er sich ständig im Kreis drehen, ob irgendwo die Sonne aufgeht, weil ihm so kotzübel ist, dass er nicht mehr weiß, wo Osten ist.
Aber das ist noch nicht alles, denn dann kommt ihm die Familie zu Besuch! Noch so ein Ding. Ich meine: Man muss ja immer beide Seiten sehen, bei so einem Film über Vampire.
Die Vampire haben es familienmäßig sauschwer, weil die Verwandten von einem Vampir sterben nicht, sondern bleiben da und geben ihren Senf dazu, alle gleichzeitig, und es werden immer mehr, mit jeder Generation werden die Familientreffen unerträglicher.
Genau wie bei mir: meine Familie: Stell dir eine Betriebsrats-Versammlung von Mordor vor, dann hast du ungefähr das passende Bild auf dem Schirm. Zum Beispiel, meine Mutter. Die kann mit einem einzigen Blick Altbauten sanieren, oder Tante Schacki, eine berühmte Fürstin der Finsternis - wurde dreimal hintereinander zur Schrottpresse des Jahres gewählt.
Und wie das immer so ist, genau in dem Moment hat mein Handy einen seiner Bauchtänze gemacht und mit dem Display geleuchtet. Darauf stand: "Volle Deckung!"
Meine Familie ist ja der Meinung, dass ich besser in einem Gehege untergebracht wäre. Tante Schacki sieht das auch so und meine Schwester Feli auch. Was mein Vater denkt, das weiß ich nicht so genau, weil: Der kommt einfach nie zu Wort bei uns in der Familie; ich glaube, das macht der mit voller Absicht, weil: Ihn interessiert eigentlich nur seine Hütte in Norwegen, wo er jedes Jahr mindestens einmal hinfährt, um zwei Monate am Stück die Klappe zu halten.
Jedenfalls raten sie mir immer alle, zum Professor Thibaut zu gehen in diese Klinik. Das ist am Wannsee, hat eine stabile Mauer drum herum, und der ganze Westflügel ist voll mit bunten Pillen.
Das weiß ich noch bei dem ersten Termin, als wir dort waren vor ein paar Jahren, da musste ich versuchen, eine Abkürzung zu nehmen, weil ich bisschen spät dran war, und deswegen bin ich hinten über diese Mauer rein, und so hab ich auch den blöden Professor Thibaut kennen gelernt, weil: Der ging da grade mit meinen Eltern im Park spazieren und hat sich darüber unterhalten, was für ein Mensch ich so bin und wo es bei mir knirscht.
Und gerade als meine Mutter gesagt hat, dass sie glaubt, dass ich verrückt bin, weil sie in der Familie von meinem Vater auch den einen oder anderen Fall beobachtet hat. Und als mein Vater sagen wollte, dass er nur glaubt, dass ich halt gerade eine Orientierungspause durchmache, da haben sie mich gesehen, wie ich oben auf der Mauer versucht habe, eine Flanke abwärts zu machen, weil ich ja meinen Weg zu Professor Thibaut finden musste. Das Problem war nur, ich hing da irgendwie noch bisschen an so einem Ast fest und kam nicht gleich runter. Es war nicht so elegant alles in allem.
Und da hab ich mich gefragt, wie man einen weltbekannten Professor eigentlich begrüßt, wenn man oben auf einer Mauer festhängt, und vor allem, in welcher Reihenfolge man sich zuerst vorstellt, weil: Meine Eltern waren ja auch dabei. Und weil ich mir das nicht so schnell beantworten konnte, hab ich einfach gelächelt und mit der Hand in die Runde gegrüßt, während von allen Bäumen die Blätter abgefallen sind und die Altbauten auf dem Gelände sich ganz von selbst saniert haben.
Dann bin ich unter die Lupe genommen worden; das war ein sehr langes Gespräch, bei dem ich mir unglaublich viel anhören musste und dabei bin ich immer schläfriger geworden. Das ist dann bei mir oft so, wenn ich dann so dasitze, während ich vollgetextet werde, dass ich mir überlege: Was würde wohl passieren, wenn ich dem Professor Thibaut jetzt einfach so mal kurz eine scheuern würde? Einfach nur eins auf die Nase wischen. Er würde sicher ein interessantes Gesicht machen.
Ich meine, ich bin überhaupt kein aggressiver Typ oder so, ich war auch gar nicht wütend, es ist eher, dass es mich interessiert, wie die Leute wohl reagieren würden, wenn sie auf einmal einfach so eins zwischen die Ohren kriegen. Zumindest wäre das eine Überraschung für ihn gewesen. Soviel steht fest. Mal was ganz Neues, da in seiner Sprechstunde.
Aber, man macht es ja dann doch nie, und so ist bei dem Untersuchungsgespräch mit mir und dem Professor eigentlich nicht viel rausgekommen. Höchstens eben, dass ich meinen Fokus im Leben erst noch finden und nach jeder Mahlzeit eine von den grün-roten Pillen schlucken soll.
In den letzten Jahren ist es ja immer wieder so gewesen, dass meine Familie, also, die schicken mir eine Tante nach der anderen aufs Genick, um rauszufinden, ob ich jetzt endgültig um die Ecke geschlittert bin, oder ob doch noch Hoffnung besteht für alle Beteiligten, die bunten Tabletten mit eingeschlossen. Weil: Die hab ich aufbewahrt und gesammelt, aber dann hat Herta sie gefunden, und dann waren sie weg. Ich glaube, die Herta hat sie verhökert, irgendwo in Marzahn. Ich sagte zu meinem Handy:
"Hallo Mama, wie gehts?"
"Was ist mir da wieder zu Ohren gekommen, Albrecht?"
Eigentlich habe ich ja darauf antworten wollen:
"Wie ich dich kenne: Wasser, Seife und was Lautes von Richard Wagner, warum?", aber das hab ich nicht gesagt, stattdessen sagte ich:
"Danke gut, und dir?"
"Albrecht, mir ist durch verschiedene Kanäle zugetragen worden, dass du dich erneut beruflich umorientiert hast, und dass du anscheinend entgegen jeglicher Vernunft wieder einmal ..."
Aber da hab ich sie unterbrochen. Ich sagte:
"Mama! Ich hab mich noch nie irgendwie beruflich orientiert, und das weißt du selber ganz genau!"
"Eben dies ist uns nun erneut Anlass zu allergrößter Sorge!"
"Wie jetzt?"
Man konnte richtig dabei zuhören, wie ihre Medikamente aufhörten zu wirken.
Sie sagte:
"In deinem Alter solltest du langsam eine Entscheidung über deinen beruflichen Werdegang getroffen haben und eine Karriere verfolgen, die dich und deine Kinder später ernähren kann!"
Sie sprach das Wort "langsam" so langsam aus, wie sie konnte.
Mir wurde ganz schlecht vor lauter Entschleunigung. Ich sagte:
"Kinder? Welche Kinder denn? Ich hab im Moment nicht mal 'ne feste Freundin, Mama, eher nur eine ziemlich weiche."
Meine Mutter schaltete ihren Diplomatiefilter ein und schnauzte zurück:
"Wunderst du dich etwa darüber, dass es sich so verhält?"
"Nein, ich bin sogar sehr froh!"
Sie sagte:
"Sei bitte nicht immer so kindisch!"
"Dass ich ein Kind bin, ist deine Schuld, Mama, und nicht meine."
Meine Mutter schickte eine kleine eiskalte Pause zu ihrem Funk-Turm und brachte dort paar finnische Sicherungen an den Rand der Verzweiflung, bevor die Pause hier in Berlin bei mir wieder ankam. Und in...




