E-Book, Deutsch, Band 3, 216 Seiten
Reihe: Mitte
Behmel Mitte 3
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95865-245-3
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Berlin - eine Exzentriker-WG
E-Book, Deutsch, Band 3, 216 Seiten
Reihe: Mitte
ISBN: 978-3-95865-245-3
Verlag: 110th
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Albrecht hat in Heidelberg und Berlin Geschichte, Philosophie und Politik studiert. Seit 1999 ist er Autor für Film, Print, Radio und TV, unter anderem für UTB, SR, ARTE, Pro7Sat1 und den RBB. Er lebt seit 2012 mit seiner Frau Afraa und seinen Söhnen Wieland und Orlando im Schwarzwald.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Impressum:
Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency
Foto: Tilman Hampl
© 110th / Chichili Agency 2014
EOUB ISBN 978-3-95865-245-3
MOBI ISBN 978-3-95865-246-0
Urheberrechtshinweis:
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Die Wibke Schmidt war diesmal aber so richtig sauer. Sie sagte zu mir:
“Hör endlich auf mit dem Mist, Albrecht, ich brauch das echt nicht!”
Weil: Ich hatte kurz vorher zu ihr gesagt:
“Alles Gute zum Geburtstag! Hier, hab dir was mitgebracht.”
Und dann hat sie ganz wütend auf die Blumen geschaut, die ich ihr hingehalten habe. Also, ich fand die schön, ich meine die Blumen jetzt, rot und grün und unten dran so Blätterkram, da, wo die aus dem Topf rauskommen.
Okay, das Zeug war vielleicht bisschen zerknittert, weil: Ich hab das alles zusammen in meiner Sporttasche transportiert auf dem Heimweg vom Gym, und da ist immer eine Menge Gerät drin, allein meine beiden Kurzhanteln wiegen locker 25 Kilo zusammen. Klar, dass die Blumen da nicht voll dagegen angekommen sind. Ich trainiere nämlich am liebsten mit meinen eigenen Hanteln. Das ist moralisch besser, wenn ihr versteht, was ich meine. Im Gym haben die sich auch schon dran gewöhnt.
Aber, was die Wibke Schmidt überhaupt nicht honoriert hat, das war der Gedanke, weil: Blumen sind Blumen, vor allem, wenn sie im Sonderangebot waren - da kann man nichts falsch machen, und das ist immer ein super Geschenk für jeden Geburtstag seit der Steinzeit. Das ist jedenfalls meine Meinung.
Die Wibke Schmidt hat erst aggressiv an den Blumen rumgestrubbelt und mich dann vorwurfsvoll angeschaut, aber auf so eine nervöse Art und Weise. Kein Wunder, dass die Blumen langsam verwelkt aussahen, bei den ganzen Todesstrahlen in der Atemluft.
Pflanzen sind ja unfassbar sensibel für schlechtes Karma und machen dir sofort schlapp, wenn du nicht aufpasst oder hinter ihrem Rücken schlecht über sie sprichst. Die Wibke Schmidt sagte zu mir:
“Du weißt ganz genau, dass ich erst übermorgen Geburtstag hab, Albrecht; hör bitte auf, darauf rumzureiten. Ich bin jetzt noch zwei volle Tage lang 29, und ich werd jede Sekunde genießen! Und jetzt sei bitte endlich mal still; ich muss mich nämlich grad konzentrieren …”
Ich sagte:
“Wie jetzt?”
Sie sagte:
“Was denn noch?”
Und gleichzeitig hat sie die Raumtemperatur nach unten korrigiert. Ich sagte:
“Du meinst, du hast gar nicht heute Geburtstag?”
Weil: Ich hatte ihr nämlich schon viermal gratuliert an dem Tag, jedesmal mit was anderem. Zuerst Kaffee mit Sahne, dann Dreiphasen-Reiniger, dann Klosterfrau Melissengeist und dann, am Schluss mit den Blumen, weil: das davor waren nur kleine Witze gewesen über ihr Alter. Bei Geburtstagen, da kommt allgemein viel zu wenig Humor vor. Das ist echt eine Lücke in unserer Kultur von Zentraleuropa, und ich hab mir halt gedacht, ich muss da was gegen unternehmen. Deswegen hab ich auch sofort gesagt:
“He, ich gründe einfach meine eigene Kultur; bist du dabei, Orest?”
Da hat er gebellt, der Orest. Ich muss ja zurzeit immer auf den Orest aufpassen, wenn die Feli zum Arzt geht. Es ist nichts Ernstes, hat sie gesagt, die Feli, nur paar Tests und die üblichen Frauensachen, also deswegen ist das schon okay, wenn ich auf den Hund aufpasse, findet sie.
Die Felizitas, das ist meine Schwester, und wer mich kennt, der weiß, dass ich das nicht verdient habe, also, ich meine, dass sie meine Schwester ist, die Feli. Sie hat weniger Humor als eine Familienpackung Senfgas, aber das liegt auch an ihrem Job als Premium Promigriller in der Redaktion von der Zickengazette, für die sie schreibt.
Und wegen diesen Tests sitzt jetzt ständig der Orest bei mir in der Küche und wartet auf seine Chance, dass er an den Kühlschrank kann, aber damit er das nicht tut, hab ich wiederum die Wibke Schmidt davor gesetzt. Ganz nah vor den Kühlschrank.
Die Wibke hat zwar nur einen Kopf und nicht drei, wie sich das für den Job gehören würde, aber für den Orest funktioniert das. Der hat voll den Respekt von der Wibke Schmidt - wie wir anderen alle auch.
Aber sie sagte zu mir:
“Nein, stell dir vor, hab ich nämlich nicht.”
Sie meinte immer noch die Sache mit dem Geburtstag. Ich sagte:
“Oha! Nicht heute?"
Ich hatte das ernsthaft ganz anders in Erinnerung. Sie sagte:
“Allerdings! Ich werd nämlich erst übermorgen …, also ich hab erst übermorgen Geburtstag.”
“Aber dreißig wirst du schon, oder?”
Sie knirschte irgendwas auf Altbabylonisch und spuckte danach ein paar Stoßzähne aus, aber es waren nicht ihre eigenen. Ich sagte:
“Dreißig ist ein cooles Alter für ne Frau. Schau: Meine Großmutter zum Beispiel, die ist schon über neunzig, und die hat zwei Weltkriege verloren, also natürlich nicht allein, sondern sozusagen als Zeitzeuge und nur auf einer Seite, wenn du verstehst, was ich meine, und: Neunzig ist immerhin genau drei Mal dreißig. Wibke, stell dir vor, eines Tages wirst du sechzig, und es geht immer noch weiter, und wenn du Glück hast, gewinnst du sogar einen Weltkrieg, aber das wollen wir mal nicht hoffen. Ich meine, ich will auch nicht, dass du einen verlierst, aber du weißt ja, was ich meine, oder?" Bei dem Wort "Weltkrieg" musste ich an die Feli denken.
Aber: Ich hab das eigentlich echt lieb gemeint mit den Weltkriegen, nur: Die Wibke Schmidt hat mich nicht mal angeschaut, als sie sagte:
“Vielen Dank!”
Im Grunde hab ich mich die ganze Zeit über mich selber geärgert, als ich das alles gesagt habe, weil: Ich hab ganz genau gesehen, dass ich die Wibke damit nicht gerade aufgeheitert habe, aber: Irgendwie konnte ich nicht damit aufhören, einen Witz nach dem anderen zu reißen. Mein Gehirn hat sich da irgendwie in einer Witzkurve festgefressen und ist nicht mehr auf die Fahrbahn zurückgekommen. Immer, wenn mein Gehirn das macht, muss ich das Warndreieck aufstellen und Richtung Notrufsäule traben.
Ich glaube ja, dass der eigentliche Grund, warum die Wibke Schmidt so kitzlig war mit ihrem Geburtstag, war, dass ich ihr gesagt habe, dass ich mir überlege, die Jenny zu fragen, ob sie mich heiraten will, also die Jenny meine ich, weil: Schau mal: Die Jenny und ich: Wir wohnen jetzt schon ewig in meiner Wohnung, und der Punkt ist, dass wir die ganze Zeit miteinander zusammen sind, egal, ob nüchtern oder total blau; wir finden uns nie langweilig, uns jetzt gegenseitig, weil: andere Leute finden uns schon ab und zu langweilig - und das sagen die auch ganz offen, weil: Das hängt halt wieder mit der Kultur von Zentraleuropa zusammen, von der ich vorhin gesprochen habe. Der Punkt ist: Die Jenny und ich, also das rockt.
Deswegen hab ich mir gedacht: Ich mach der Jenny jetzt einen echt tollen Heiratsantrag, und da hab ich die Wibke gefragt, ob sie denkt, dass das eine gute Idee ist. Weil: Die Wibke Schmidt, die ist nicht dumm! Aber seitdem ich das erwähnt habe, da hat die Wibke mehr Stoßzähne bekommen als ein ganzer Elefantenfriedhof. Ich sagte:
“Tut mir leid, Wibke, ich wollte dich echt nicht ärgern mit deinem Alter.”
“Schon gut.”
“Aber warum bist du auch so mies drauf, Wibke, weil: Schau mal: Deswegen mach ich doch überhaupt nur die ganzen Witze.”
"Du willst mich aufheitern, weil ich alt werd?"
"Nee, Quatsch!"
Aber dann hat sie gesagt, die Wibke Schmidt, nein, sie ist eigentlich gar nicht “mies“ drauf, sondern sie ist nur ein wenig emotional, weil das ein runder Geburtstag ist, den sie da hat, übermorgen.
Also, ich finde ja: Das ist perfekter Quatsch, diese Theorie mit den runden Geburtstagen … Erstens: Wie kann ein Tag überhaupt rund sein? Und dann: Warum soll ein Geburtstag wichtiger sein als ein anderer, nur, weil man ihn durch zehn teilen kann?
Ich habe es schon mal gesagt, und ich sage es wieder: Runde Geburtstage sprechen Leute an, die mathematisch in der ersten Klasse kleben geblieben sind, jedenfalls ist das meine Meinung. Also zum Beispiel ein Primzahlengeburtstag, das wäre viel eher ein Grund zu feiern. Dass wir das nicht tun, das werfe ich auch wieder diesem Zentraleuropaquatsch vor, dem alle hinterher laufen. Wie die Lemminge.
Das mit der Kultur: Das haut vorne und hinten nicht hin, und alle sind trotzdem wahnsinnig stolz drauf, vor allem die Leute, die eigentlich überhaupt nicht gründlich darüber nachdenken.
Zum Beispiel: Ich bin bei vielen Sachen aus der Kultur absolut dagegen, dass wir das so machen, wie wir es machen. Ich meine diese ganzen Regeln, die keiner gemacht haben will, aber an die sich alle halten, also etwa das mit den Büros, in denen alle arbeiten wollen, aber dann, kaum haben sie den Job, da freuen sie sich wie die Bekloppten, Tag für Tag auf das Wochenende. Das hab ich ziemlich früh rausgefunden, dass das nichts für mich ist, das mit den Büros.
Aber die Wibke Schmidt ist krasser an der Kultur festgeschraubt als das Höhenruder an der Hindenburg. Sie sagte:
“Werd du erst mal selber...




