Behrend | Schuldig in 16 Fällen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 364 Seiten

Behrend Schuldig in 16 Fällen


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95765-998-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 364 Seiten

ISBN: 978-3-95765-998-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Menschheit bricht in die Zukunft auf - und das Verbrechen ist schon da! Wehrlose Kinder elektronisch indoktrinieren, Schwarze Löcher manipulieren, Planeten entvölkern, Energiemonopole erzwingen, Dyson-Sphären sprengen, Zukunft und Vergangenheit manipulieren - es gibt fast nichts, was die Übeltäter von morgen nicht zustande bekommen. Ihrer Macht, ihrem Einfallsreichtum und ihrer kriminellen Energie werden sich nur wenige Männer und Frauen entgegenstellen. Ermittlungsbeamte, Wissenschaftler, Reporter und Agenten setzen Scharfsinn und Courage ein, um ihre Gegner zur Strecke zu bringen und das zu erreichen, was sie für Gerechtigkeit halten. Auch ihre technischen Möglichkeiten gehen weit über das hinaus, was wir uns heute vorstellen können. Und dennoch - lässt sich der Kampf für eine gerechte Welt überhaupt gewinnen oder geht es nur darum, wie viel Schuld jeder am Ende auf sich geladen hat? Arno Behrend schreibt seit über zwanzig Jahren Science-Fiction-Kurzgeschichten, hauptsächlich solche mit kriminalistischem Einschlag. Renommierte Magazine wie c't, Andromeda, Alien Contact und NOVA haben seine Werke abgedruckt. 'Schuldig in 16 Fällen' enthält die zehn besten unter seinen bisher publizierten Geschichten und sechs noch völlig unveröffentlichte Storys, darunter den extra für diesen Band angefertigten Text 'In deinem Geiste'. Für die Story 'Small Talk' aus dem Jahr 2002 hat der Autor den Deutschen Science-Fiction-Preis für die beste Kurzgeschichte in deutscher Sprache erhalten. Titelbild und Illustrationen stammen von Lothar Bauer.

Arno Behrend lebt in Düsseldorf. Er hat Politikwissenschaft studiert, ist ein ausgebildeter Hörfunkjournalist und arbeitet heute im Vertrieb eines Finanzdienstleisters, der auf die Logistikbranche spezialisiert ist. In der deutschen SF-Szene ist Arno seit Anfang der Neunziger Jahre unterwegs. Kurzgeschichten von ihm sind unter anderem im Andromeda-Magazin des Science Fiction Clubs Deutschland (SFCD), in der c't - Zeitschrift für Computertechnik, dem Alien Contact-Magazin und in NOVA erschienen.
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Völkermord

Jenseits der Schöpfung


An den Direktor des

United Nations Department

of Defense Technology

Mr. A. D. Brownlowe jr.

Sehr geehrter Herr Direktor Brownlowe,

es ist zutreffend, dass ich Professor Theodore Vanderbildt umgebracht habe. Obwohl ich befürchten muss, klischeehafte Vorstellungen zu bestätigen, möchte ich dieser Erklärung eine Darstellung der dazu führenden Ereignisse beifügen, die mein Geständnis an Umfang weit übertreffen wird. Ich hoffe, Sie können nach der Lektüre die Gründe für meine Handlungsweise zumindest ansatzweise nachvollziehen.

Als ich Singularity Point vor einer Woche mit dem letzten Versorgungsschiff erreichte, war ich der Überzeugung, den Olymp der physikalischen Forschung bestiegen zu haben. Jenes sternenumkränzte Nichts, welches meine Augen als schwarze Kreisfläche interpretierten, stellte für mich das Tor zu Triumphen des Geistes und Einsichten in die Unendlichkeit dar. Bei der Annäherung schälten sich nach und nach die Umrisse der Station aus der Mitte des Schwarzschildradius heraus. Wie ein Felsen in den Stromschnellen eines Wasserfalles thronte sie über der Öffnung in andere Zeiten und Räume, trotzte der größten Kraft, die die Natur je hervorgebracht hat. In diesem Monument menschlicher Schaffenskraft sollte ich einen Platz einnehmen, weil sein Erbauer mich gerufen hatte.

Professor Vanderbildt erwartete mich auf der anderen Seite des Schleusenmoduls, obwohl ich eher mit seinem Assistenten gerechnet hatte. Ebenso wie Sie, Herr Direktor, kannte ich ihn damals nur von Holoprints. Ich hatte nie angenommen, dass seine Körpergröße eher durchschnittlich ist. Alles an ihm erschien kraftvoll, das Haupt, die Statur, die Hand, die er mir reichte. Der kühle Blick aus seinen Augen verriet über den Menschen so wenig, wie das von dem berühmten grauen Vollbart bedeckte Gesicht. Selbst heute glaube ich nicht, dass ich jemals wirklich etwas über ihn erfahren habe.

Er fragte mich nach den Unbequemlichkeiten der Reise, und ich gab eine zufriedenstellend unbeschwerte Antwort. Vergeblich versuchte ich, jenen schneidend scharfen Tenor mit der äußeren Erscheinung des Mannes in Einklang zu bringen. Weitere Konversation fand nicht statt. Meinen unsicheren Blicken schenkte Vanderbildt keine weitere Beachtung. Über den äußeren Radialgang erreichten wir das Hauptlabor, wo Dr. Hauke Willemsen gerade Einstellungen an der Emitterphalanx vornahm.

»Der Doktor glaubt, dass nur ein sphärisches Resonanzfeld im mittleren Abstand zur Singularität zu einer optimalen Schwingungsübertragung führen kann. Ich bestehe dagegen auf dem Einsatz eines birnenförmigen Feldes. Glauben Sie, dass das machbar ist?«, fragte Vanderbildt.

Zwei Augenpaare musterten mich, als meine Hände über die Sensoren der Kontrolleinheit flogen. Ich hatte alles über die Ausstattung der Station gelesen, und die beiden Physiker wussten dies. Die von einem Liniennetzwerk angedeutete pulsierende Kugel, die auf dem großen zentralen Holobild die Singularität umschloss, verwandelte sich in einen Tropfen. Die Linien, die zu seiner Spitze liefen, zuckten nervös mit jedem Pulsschlag.

»Es ist notwendig, den Schwingungsimpuls in der zulaufenden Hälfte um den Faktor zu erhöhen, um den sich der Endpunkt vom Zentrum entfernt. Die Schwingungsdiskrepanz pendelt sich auf ein vernachlässigbares Niveau ein, wenn sie die überschüssige Energie in der sphärischen Hälfte in der Expansionsphase aufnehmen und in die andere Hälfte rückführen.«

Willemsen, eine schlaksige Erscheinung mit schütterem rotem Haar, nickte zögernd, sich an die Idee gewöhnend. Vanderbildt verließ wortlos den Raum, ohne ein Anzeichen von Zufriedenheit oder Enttäuschung zu zeigen.

»Ich glaube, er ist sehr zufrieden.« Ein feines Lächeln umspielte die Lippen des Doktors. »Andernfalls hätte er mich gebeten, Sie zu ihrem Schiff zurückzubegleiten, solange es noch entladen wird.«

»Wie aufmerksam.« Ich hatte Mühe, an dem Ablauf der Dinge Gefallen zu finden.

»Sie werden sich an seine Art gewöhnen. Glauben Sie mir, wenn Sie bei diesem Projekt etwas leisten, dann wird er Ihnen Dinge zeigen, von denen kein Mensch außer ihm geglaubt hat, dass es sie gibt.«

Ich suchte nach einem ironischen Lächeln im Gesicht meines Gegenübers. Es war keines vorhanden.

Nach diesem irritierenden Anfang wurde mir schließlich doch noch ein Quartier zu Verfügung gestellt. Mit Willemsen und seiner Frau, Dr. Monica Regiani, arbeitete ich die Einzelheiten des Tropfenfeldes aus, sobald ich mein letztes Kleidungsstück verstaut hatte. Von einer Erholung von der anstrengenden Reise war nie die Rede. Ich fand mich damit ab, dass im Olymp nur Leistung zählt. Als die Stationsbeleuchtung Abend simulierte, fand ich mich zu einem Gespräch in Vanderbildts Quartier ein, so wie Willemsen es mir nahe gelegt, um nicht zu sagen befohlen hatte.

Als ich eintrat, stand der Professor an einer Luke und betrachtete die vor ihm ausgebreitete Schwärze. Mit einer knappen Fingerbewegung wies er mir einen Platz auf der Sitzkombination zu. Nach einer vollen, schweigsam verbrachten Minute konnte ich nicht mehr an mich halten und versuchte die Konversation in Gang zu bringen.

»Dr. Willemsen ist zuversichtlich, dass wir das Feld in wenigen Tagen aktivieren können. Es gibt zwar noch kleine Probleme mit der Energieaufnahme, aber …«

»Treiben Sie eigentlich Sport?«

Als ich nicht gleich eine Antwort gab, drehte sich Vanderbildt um und fixierte mich mit seinen kühlen, grauen Augen.

»Etwas Holocricket und Pedalfliegerei. Auf der letzten Station, auf der ich gearbeitet habe …«

»Wie war das mit der Energieaufnahme?«

Ich sammelte mich, um wieder auf mein eigentliches Thema zu kommen. »Wir wissen noch nicht, wie schnell wir einen der Emitter umpolen können, damit er die überschüssige Feldenergie aufnehmen kann. Ein Rhythmus im Nanosekundenbereich sollte genügen. Wir haben dem Simulationsrechner mehrere Modelle eingegeben und warten jetzt …«

»Wie müssen eigentlich die Flügelabmessungen eines Pedalgleiters aussehen, mit dem man in der Nähe der Null-G-Achse fliegt?« Der Professor hatte sich mir gegenübergesetzt, ohne auch nur einen Augapfel von mir zu lassen.

»Etwa 2,5 × 0,4 Meter, wieso?«

»Sie sind auch handwerklich begabt?«

»Ich habe auf unser Station ab und an etwas repariert – Installationen, Hydroponikanlagen …«

»Auch Holz- oder Steinarbeiten?«

Mühsam unterdrückte ich meine aufkommende Wut. »Nur zu Hause auf Terra, in der öffentlichen Gartenanlage. Hören Sie ich weiß nicht was Sie damit bezwecken, aber ich …«

»Es ist schon gut«, unterbrach er mich abermals. »Morgen sprechen wir über die Energieabnahme. Wir brauchen das Tropfenfeld unbedingt in zwei Tagen. Gute Nacht.«

Er nahm einen Ausdruck von einem der seitlichen Tische und beachtete mich nicht mehr. Vollständig konsterniert verließ ich den Raum.

Auf der gegenüberliegenden Seite war der Korridor durch eine transparente Wand begrenzt, die den Blick auf die Pflanzenanlagen des Biosphäresystems freigab. Eine grazile Gestalt verursachte Unruhe unter den dicht belaubten Zweigen. Sie streckte einen von schwarzen Locken umwogten Kopf aus, entdeckte mich, und lief dann mit katzenhafter Eleganz zu einer der Wartungsschleusen.

»Na, hat er Sie gehörig durch die Mangel gedreht?«, fragte sie mit kindlich interessiertem Blick.

»Wer?«, fragte ich, von der Selbstverständlichkeit dieser Feststellung indigniert.

»Na, mein Vater natürlich. Das macht er mit jedem. Möchten Sie gerne meinen Lieblingsplatz sehen?«

Alles ging mir auf dieser Station zu schnell, soviel war klar. Das Biosphäremodul war so gut wie jeder andere Ort, um etwas Klarheit in meine Erlebnisse zu bringen.

»Warum nicht?«, willigte ich ein. Meine Führerin lachte kurz und war im Nu in dem wuchernden Grün verschwunden. Nach einigem Umherirren, das für meine Lage symptomatisch zu sein schien, fand ich sie auf einer Bank unter einer Kokospalme sitzend, wo sie sich mit den Zehen ihrer bloßen Füße beschäftigte.

»Sie sehen gar nicht so aus wie die anderen«, sagte sie.

»Welche anderen?«

»Die, die mein Vater schon hierher geholt hat, damit sie mich kennenlernen.«

Ich beschloss, dass es keinen Sinn hatte, mir ob dieser Worte meine Verlegenheit anmerken zu lassen.

»Na, wenn ich Sie kennenlernen soll, könnten Sie mir ja mal Ihren Namen sagen.«

»Manou.«

»Hübsch!«

»Ich finde ihn langweilig, zu kurz. Wie Sie heißen, weiß ich...



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