E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Bendixen Der Tote im Camper
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8271-8371-2
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-8271-8371-2
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Britta Bendixen wurde im Juli 1968 in der Fördestadt Flensburg geboren. Bis 2007 arbeitete sie in ihrem Beruf als Rechtsanwaltsfachangestellte. Seitdem unterstützt sie ihren Ehemann in seinem Architekturbüro. Britta Bendixen hat weder bereits mit sieben Jahren ihre ersten Geschichten geschrieben noch Dutzende von Notizbüchern mit Gedichten gefüllt. Ihre Leidenschaft für Literatur beschränkte sich in den ersten 44 Lebensjahren fast ausschließlich aufs Lesen. Erst 2012 begann sie mit dem Schreiben - verursacht durch den Umstand, dass sie ein 20 Jahre altes Manuskript wiederfand, das sie während ihrer Ausbildungszeit verbrochen hatte. Die gründliche Überarbeitung dieses 'Werkes' löste den Schreibvirus mit voller Wucht aus. 2014 veröffentlichte sie im Boyens Buchverlag ihren ersten Regional-Krimi 'Höllisch heiß'. 2017 folgte 'Der Kuss des Panthers'. Schon ein Jahr zuvor - 2016 - erschien im Wartberg-Verlag ihr Buch 'Flensburg - Um drei bei Eduscho' mit Anekdoten über die Fördestadt. Seit 2013 ist Britta Bendixen Mitglied im Rindlerwahn-Autorenforum und erreichte sowohl 2016 als auch 2018 im dortigen Schreibwettbewerb jeweils den 1. Platz. Seit einigen Jahren veranstaltet sie mit dem Flensburger Autorentreff e. V. Lesungen in ihrer Heimatstadt und gehört mittlerweile zum Vorstand des Vereins. Zudem schrieb sie mehrere Artikel für das Magazin 'Friesenanzeiger', ist in 14 Anthologien vertreten und veröffentlichte drei Bände mit Kurzgeschichten. Britta Bendixen reist gern, interessiert sich für englische Geschichte und ist seit fast dreißig Jahren Fan des Handball-Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Töchtern und zwei Katzen in Handewitt bei Flensburg.
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KAPITEL 1
Lutz Weichert verspürte eine Euphorie wie schon lange nicht mehr. Als er den Raum betrat, sah sein Kollege, Hauptkommissar Carsten Andresen, von den Unterlagen auf seinem Schreibtisch hoch.
„Sie grinsen wie ein Honigkuchenpferd“, stellte er fest. „Dann ist es jetzt offiziell?“
„Allerdings.“ Lutz Weichert nippte zufrieden an dem Ingwertee, den er sich auf dem Rückweg ins Büro besorgt hatte. „Nach Ihnen durfte nun auch ich eine Stufe in der Hierarchie aufsteigen.“ Er ließ sich auf der Kante seines Schreibtischs nieder. „Kriminaloberkommissar“, murmelte er, die mittleren Silben besonders betonend. Der Klang dieses Wortes verströmte eine noch angenehmere Wärme als der heiße Becher in seinen Händen.
Andresen erhob sich schwungvoll aus seinem Bürosessel, was angesichts seiner Größe von knapp zwei Metern keine geringe Leistung war, und hielt ihm seine Hand entgegen. „Ich gratuliere Ihnen. Verdient ist verdient.“
Weicherts Finger verschwanden fast in der kräftigen Pranke seines Kollegen. Er zuckte zusammen und presste ein „Danke sehr“ hervor.
„Darauf müssten wir eigentlich anstoßen“, meinte Andresen, Weicherts Hand loslassend, der sie vorsichtig zur Faust ballte und wieder öffnete. Nichts gebrochen, stellte er fest. „Anstoßen? Ach, wissen Sie, ich …“
„Aber nicht mit diesem ekligen Gesöff.“ Andresen warf einen abschätzigen Blick auf den Becher, den Weichert in der linken Hand hielt.
„Was haben Sie bloß gegen Ingwertee?“, fragte er. „Er ist bekömmlich, ausgesprochen gesund und …“
„… stinkt gotterbärmlich“, vollendete Andresen naserümpfend den Satz. „Nee, nee, ich will ein schönes, dem Anlass angemessenes Feierabendbier. Sie dürfen mich also in die Hansens Brauerei einladen.“
„Nun ja, ich verdiene jetzt zwar ein kleines bisschen mehr, aber andererseits …“
„Was ist denn hier los?“
Die beiden Kommissare wandten die Köpfe zur Tür. Mirja Sommer, die junge Kommissarsanwärterin, stand im Rahmen und schaute neugierig von einem zum anderen. Wie immer trug sie eine knallenge Jeans, diesmal in Weiß, mit kunstvoll eingearbeiteten Schlitzen, die bei Lutz Weichert den Eindruck erweckten, das gute Stück sei einem durchgeknallten Schneider auf Speed in die Hände gefallen. Unversehrt dagegen war das T-Shirt in verwaschenem Dunkelgrau, auf dem die berühmte Rolling-Stones-Zunge prangte, garniert mit Glitzersteinchen. Mirjas kurzes schwarzes Haar, das am Scheitel frech in die Höhe stand, passte perfekt zu ihrem schmalen Gesicht mit den hohen Wangenknochen – und zu dem kleinen silbernen Ring in ihrer Nase, an den Weichert sich wohl nie gewöhnen würde.
„Unser lieber Kollege trägt ab Juli – also schon in zwei Tagen – offiziell den Titel Kriminaloberkommissar und darauf wollen wir anstoßen“, erklärte Andresen und rieb sich voller Vorfreude die Hände. „Begleiten Sie uns?“
Lutz versuchte noch einmal, zu intervenieren. „Äh … Was ich eben sagen wollte, ich denke nicht, dass …“
„Herzlichen Glückwunsch, Herr Oberkommissar“, schnitt Mirja ihm das Wort ab und schüttelte mit einem breiten Strahlen seine Hand, ehe sie Andresens Frage beantwortete. „Tja, eigentlich würde ich gerne, aber Philipp holt mich jeden Moment ab. Darf er denn auch mit?“
Andresen nickte. „Klar, wieso nicht? Ich rufe gleich mal Daniela an. Sie hat neulich erst gesagt, dass sie schon so lange nicht mehr in der Hansens Brauerei war, dabei mag sie das Bier dort so gern. Außerdem ist Antonia an diesem Wochenende bei ihrem Vater.“ Er griff nach dem Telefonhörer und wählte.
Lutz Weichert stand stumm daneben. Aus einem erzwungenen Feierabendbier mit seinem Kollegen war innerhalb von dreißig Sekunden eine Großveranstaltung geworden, die er finanzieren sollte. Dabei hasste er überflüssige Geldausgaben wie die Pest. Und wie er seinen Kollegen kannte, würde es nicht bei einem Bier bleiben.
Er spürte jedoch instinktiv, dass ein Veto an Andresen abprallen würde wie ein frisch aufgepumpter Handball an einer Backsteinmauer. Also fügte er sich leise seufzend in sein Schicksal.
Wenn jedoch seine Kollegen ihre Partner mitnahmen, wollte er nicht allein daneben sitzen. Auf eine Person mehr oder weniger kam es nun auch nicht mehr an. Während also Andresen seine Lebensgefährtin Daniela Mücke anrief, wählte Weichert die Mobilnummer seiner Freundin Verena. Sie war vermutlich im Stall, wie fast jeden Tag um diese Zeit.
Es dauerte eine Weile, bis sie sich meldete, und als sie es tat, spürte Weichert sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie klang, als würde sie weinen.
„Verena?“, fragte er vorsichtig. „Was ist los?“
„Es ist Tessa“, schniefte Verena. „Sie hat Koliken. Der Arzt ist hier, aber er … er kann nichts mehr für sie tun, sagt er.“
Weichert ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Das waren üble Nachrichten. Verena hing sehr an ihrer Stute, verbrachte seit Jahren so viel Zeit wie möglich mit ihr. Tessa war für sie nicht nur eine Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen. Sie war Freundin, Geheimnishüterin und Therapeutin in einem.
„Das tut mir wahnsinnig leid, mein Schatz“, sagte er.
„Lutz, kannst du herkommen? Bitte, ich brauche dich jetzt.“
„Natürlich. In einer halben Stunde bin ich bei dir. Halt durch, ja?“
„Okay“, antwortete sie bedrückt. „Beeil dich.“
Er versprach es und legte auf. „Schlechte Nachrichten“, sagte er zu seinen Kollegen. „Wir müssen die Feier verschieben.“
„Warte, Dany“, sagte Andresen in den Hörer, deckte ihn mit einer Hand ab und wandte sich an Weichert. „Was ist passiert?“
„Verena braucht mich. Ihr Pferd liegt im Sterben.“
„Ach du dickes Ei.“ Andresen schnalzte mit der Zunge. „Das müssen wir als Entschuldigung wohl oder übel akzeptieren. Ich weiß, wie viel Ihrer Freundin das Tier bedeutet. Richten Sie ihr mein Beileid aus.“
„Meins auch“, bat Mirja.
Weichert stand auf und schlüpfte in seinen grasgrünen Blazer. „Mach ich, danke.“
Fünfunddreißig Minuten später erreichte er Glücksburg. Dort ließ er das bekannte Wasserschloss links liegen, das an schönen Tagen wie diesem strahlend weiß leuchtete. Der Siebenschläfer hielt in diesem Jahr offenbar, was er versprach. Schon seit Tagen war es herrlich warm und sonnig.
Endlich hielt Weichert auf dem kleinen Parkplatz vor dem Reitstall, der einige Fahrminuten vom Ortskern entfernt lag. Oft war er nicht hier gewesen in den letzten Jahren, doch er kannte sich gut genug aus.
Zielstrebig steuerte er das lang gestreckte Gebäude an, in dem die Pferde untergebracht waren. Er entriegelte die große Tür und trat ein. Der typische Stallgeruch nach Heu, Leder und Pferdemist drang in seine empfindliche Nase, die sich wie von selbst rümpfte. Die Hitze draußen sorgte dafür, dass es hier drinnen furchtbar stickig war. Lutz wünschte, er hätte sein Sakko im Wagen gelassen.
Er hörte leises Schnauben, das Rascheln von Stroh unter aufstampfenden Pferdehufen und etwas entfernt Verenas Schluchzen. Langsam ging er die Stallgasse entlang, an Schimmeln, Braunen und Rappen vorbei, die zum Teil neugierig ihre Nüstern über das Gatter streckten, was Weichert den einen oder anderen Ausfallschritt machen ließ. Schließlich erreichte er die offene Tür von Tessas Box.
Der kräftige Kopf der Stute lag in Verenas Schoß. Die großen Augen waren stumpf vom Fieber. Sie atmete schwer, ihr Leib war aufgetrieben. Sogar Lutz, der von Pferden nur wenig Ahnung hatte, konnte mühelos erkennen, dass sie litt.
Seine Freundin streichelte mit einer Hand das feucht glänzende Fell, mit der anderen wischte sie sich die Tränen von den Wangen. Neben Tessa stand ein Mann und bereitete eine Spritze vor.
„Hey“, sagte Lutz mit gedämpfter Stimme. Verena sah auf. Ihre Augen waren rot vom Weinen und ihr Kinn zitterte. Aus ihrem Pferdeschwanz hatten sich einige der rotblonden Strähnen gelöst. „Da bist du ja endlich“, sagte sie hörbar erleichtert.
„Okay, ich wäre so weit“, sagte der Tierarzt.
„Gibt es denn keine andere Möglichkeit?“, fragte Lutz leise.
Der Arzt, ein breitschultriger Mann mit Stirnglatze, wandte sich ihm zu und schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider nein. Der Bauchraum ist voller Flüssigkeit und die Blutwerte sind extrem schlecht. Es tut mir leid, aber eine Operation würde auch nicht mehr helfen. Immerhin können wir die Leidenszeit verkürzen.“
Verena schluchzte erneut auf.
„Darf ich reinkommen?“, fragte Lutz den Arzt.
Das Schulterzucken genügte ihm als Antwort. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem todgeweihten Tier und kniete sich hinter Verena ins Stroh. Sie lehnte sich dankbar an ihn, ohne jedoch das tröstende Streicheln zu unterbrechen.
„Gleich tut’s nicht mehr weh, meine Süße“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. „Oh Gott, ich werde dich so vermissen.“ Ihre Schultern bebten.
Lutz hielt seine verzweifelte Freundin fest, als die Nadel langsam in den Pferdeleib eindrang.
Einige Herzschläge lang geschah nichts. Die Luft war erfüllt von den Geräuschen der anderen Pferde und Verenas leisem Weinen. Plötzlich lief ein Zittern durch Tessas angeschwollenen Leib. Sie schnaubte leise, als wolle sie Verena noch etwas mitteilen, dann schloss sie die Augen.
Mit Verenas Haltung war es nun endgültig vorbei. Sie brach über dem Kopf der Stute zusammen und schluchzte herzergreifend.
Lutz beobachtete, wie der Arzt...




