E-Book, Deutsch, Band 38, 220 Seiten
Reihe: edition pace
Bernfeld / Bürger Sittlichkeit als Grundforderung des Judentums
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-5315-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nach den Quellen: Gleichheit aller Menschen, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Frieden, Universalismus
E-Book, Deutsch, Band 38, 220 Seiten
Reihe: edition pace
ISBN: 978-3-6951-5315-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dr. Simon Bernfeld (1860-1940): geboren in Stanislau (Galizien); Studium: 1881-1883 in Königsberg und 1883-1885 in Berlin; 1886-1894 (Groß-)Rabbiner von Belgrad und anschließend Rückkehr nach Berlin als Privatgelehrter; Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums; Bearbeiter des ab 1920 vom Verband der deutschen Juden herausgegebenen Sammelwerks "Die Lehren des Judentums nach den Quellen" (Teile: 1. Die Grundlagen der jüdischen Ethik, 2. Die sittlichen Pflichten des Einzelnen, 3. Die sittlichen Pflichten der Gemeinschaft, 4. Die Lehre von Gott - im Anschluss erschienen: 5. Judentum und Umwelt). - Weitere Buchveröffentlichungen von S. Bernfeld (Auswahl): Juden und Judentum im neunzehnten Jahrhundert (1898); Der Talmud. Sein Wesen, seine Bedeutung und seine Geschichte (1900); Die religiöse Poesie der Juden in Spanien (1901); Die Heilige Schrift. Nach dem masoretischen Text neu übersetzt (1902); Kämpfende Geister im Judentum. Vier Biographien (1904); Jüdische Geschäftsmoral nach Talmud und Schulchan Aruch (1924); Gedenkbuch für Moses Mendelssohn (1929). - Vgl. zu ihm auch www.talmud.de/tlmd/simon-bernfeld/
Autoren/Hrsg.
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Gleichheit aller Menschen 6
„Himmel und Erde rufe ich zu Zeugen an,
es sei Nichtjude oder Jude, Mann oder Weib,
Knecht oder Magd, nach dem Wirken jedes
Menschen ruht der heilige Geist auf ihm.“
(Jalkut § 42)
DIE ETHIK des Judentums wird beherrscht vom Prinzip des Universalismus, d. h. sie kennt in ihren Forderungen und Vorschriften keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Was sie befiehlt, gilt schlechthin; die Scheidung der Menschen nach Abstammung und Glauben ist für sie bedeutungslos. Es hieße die jüdische Sittlichkeitslehre nicht nur herabwürdigen, sondern völlig verkennen, wollte man annehmen, sie lege den Geboten der Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe eine größere Verbindlichkeit bei, wo es sich um Juden untereinander handelt, als wo die Ansprüche Andersgläubiger Berücksichtigung verlangen.
Wie bei der sittlichen Verpflichtung, so macht das Judentum auch hinsichtlich der Eignung zur Sittlichkeit keinerlei Unterscheidung zwischen Menschen und Menschen. Der Mensch als solcher ist sowohl Objekt als Subjekt der Sittlichkeit. Alle Erdenkinder sind zugleich Gotteskinder, fähig und berufen, das Gute zu verwirklichen und seine Herrschaft in der Welt immer mehr zu befestigen. Die sittliche Anlage ist jedem Menschen angeboren, es liegt ihm ob, sie im Kampf mit seinen Trieben und Begierden zu immer größerer Macht auszubilden.
Der grandiose Ausdruck dieser Anschauung vom sittlichen Beruf aller Menschen ist die Messiaslehre des Judentums geworden, jene Zukunftshoffnung, die auf ihrer höchsten Stufe unter dem Bilde des Gottesreiches auf Erden die Versittlichung der Völker und Nationen als Endziel der Menschheitsentwicklung schaut.
Der Gedanke der Auserwählung Israels, der auf den ersten Blick der Lehre von der sittlichen Gleichwertung aller Menschen zu widerstreiten scheint, ordnet sich ihr bei näherer Betrachtung vielmehr unter: Israel hat – das ist der tiefste Sinn seiner Begnadung durch Gott – die Aufgabe, beispielgebend auf die übrige Menschheit einzuwirken; es soll sein ethisches Gut nicht für sich behalten, sondern allen Völkern mitteilen, auf daß sie aufsteigen zu immer höherer Gesittung.
Das Judentum ist so weit davon entfernt, die sittliche Würdigkeit von der Übung seiner zeremoniellen Gebote abhängig zu machen, daß es den Frommen, d. h. den Sittlich-Guten aller Völker, Anteil an der ewigen Seligkeit verheißt. Aus diesem Grunde hat es auch auf eine großzügige Bekehrungspropaganda verzichtet, wiewohl es dem Proselyten, der freiwillig und ohne Nebenabsichten kommt, die Aufnahme nicht verweigert. Das Fehlen der eigentlichen Mission im Judentum der letzten zwei Jahrtausende bedeutet kein mangelndes Vertrauen in die Werbekraft des eignen Glaubens, sondern entspricht der Überzeugung, daß die Erfüllung ethischer Forderungen auch außerhalb seiner Kreise möglich ist.
I. Bibel
1. Und es wird geschehen in der Späte der Tage, da wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen hoch über alle Berge und erhaben über alle Hügel – und strömen werden zu ihm alle Völker, und gehen werden viele Völker und sprechen: Auf, laßt uns hinaufziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns belehre über seine Wege, und wir gehen in seinen Pfaden, denn von Zion geht aus die Lehre und des Ewigen Wort von Jerusalem. – Jesaja 2,2-3: Micha 4,1-2.
2. Nicht spreche der Fremde, der sich dem Ewigen anschließt: Absondern wird mich der Ewige von seinem Volke … – Jesaja 56,3.
3. Und die Fremden, die sich dem Ewigen anschließen, ihm zu dienen und den Namen des Ewigen zu lieben, auf daß sie seine Diener seien, ein jeder, der den Sabbat wahrt, ihn nicht zu entweihen, und alle, die an meinem Bunde festhalten – sie bringe ich zu meinem heiligen Berge und erfreue sie in meinem Bethause; ihre Ganzopfer und ihre Schlachtopfer sollen wohlgefällig sein auf meinem Altar, denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker. – Jesaja 56,6-7.
4. Sie [die heidnischen Völker] werden eure Brüder von allen Völkern als eine Gabe dem Ewigen bringen zu Roß, auf Wagen und in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren auf meinen heiligen Berg in Jerusalem – spricht der Ewige, so wie die Kinder Israel die Opfergabe in reinem Gefäß in das Haus des Ewigen bringen. Und auch von ihnen werde ich zu Priestern und Leviten nehmen, spricht der Ewige. – Jesaja 66,20-21.
5. In dieser Zeit wird man Jerusalem den Thron des Ewigen nennen, versammeln werden sich dahin alle Völker nach Jerusalem um des Namens des Ewigen willen, und nicht werden sie fürder der Verstocktheit ihres bösen Herzens folgen. – Jeremia 3,17.
6. Dann werde ich den Völkern reine Lippen schaffen, daß sie alle den Namen des Ewigen anrufen und ihm Schulter an Schulter dienen. – Zefanja 3,9.
IIa. Palästinische Apokryphen
1. Welches Geschlecht steht in Ehren? Das Geschlecht des Menschen. Welches Geschlecht steht in Ehren? Die, die den Herrn fürchten. Welches Geschlecht steht nicht in Ehren? Das Geschlecht des Menschen. Welches Geschlecht steht nicht in Ehren? Die, die Gebote übertreten. – Sirach 10,19.
III. Jüdisch-hellenistische Literatur
1. Und dann wird er ein Königreich errichten für alle Zeiten über alle Menschen, er, der einst das heilige Gesetz den Frommen gab, denen er verhieß, die ganze Erde zu erschließen und die Welt und die Tore der Seligen und alle Freuden und unsterblichen, ewigen Geist und ein frohes Herz. Von der ganzen Erde werden sie Weihrauch und Gaben zu dem Hause des großen Gottes bringen, und es wird kein andres Haus bei den Menschen sein auch der Nachwelt zur Kunde, als das, welches Gott den gläubigen Männern zu verehren gegeben hat. Denn den Tempel des großen Gottes werden es die Sterblichen nennen. – Sibyllinen III, 767–776.
2. Jeder Mensch ist seinem Geiste nach der göttlichen Vernunft verwandt, da er ein Abbild, ein Teilchen, ein Abglanz ihres seligen Wesens ist. – Philo: De opificio mundi (M. I 35, C.-W. 146).
3. Wenn es ein solches Volk [von Tugendhaften] gäbe, so würde es über die übrigen Völker hervorragen wie das Haupt über den Körper, nicht sowohl um sich auszuzeichnen, als vielmehr um den übrigen, die es bemerken, zu nützen. – Philo: De praemiis et poenis (M. II 426, C.-W. 114).
4. Von solchem Geiste sagt der Prophet, daß Gott „in ihm wandle wie in einem Königspalast – denn wirklich ist Gottes Palast und Wohnhaus der Geist des Weisen –; „sein Gott heißt eigentlich der Gott aller Wesen, und wiederum „das auserwählte Volk“, nicht das Volk einzelner Herrscher, sondern das des wahrhaften Herrschers, das heilige [Volk] des heiligen [Gottes]. Philo: De praemiis et poenis (M. II 428, C.-W. 123).
5. Gott heißt die Tugend willkommen; auch wenn sie aus niedrer Abkunft sprießt. – Philo: De praemiis et poenis (de execrationibus) (M. II 433, C.-W. 152).
6. Was haben wir also mit denen zu teilen, die auf den Adel, als wäre er nur ihr Eigentum, Anspruch erheben, während er ihnen [in Wahrheit] etwas Fremdes ist? Solche können, abgesehen von dem Gesagten, mit Recht als Feinde sowohl des jüdischen Volkes als auch aller Menschen allenthalben angesehen werden: des jüdischen Volkes, weil sie ihren Stammesgenossen die Freiheit gewähren wollen, ein vernünftiges und sittlich gekräftigtes Leben zu verachten im Vertrauen auf das Verdienst der Vorfahren; der andern Menschen, weil diese auch dann, wenn sie den Gipfel der Tüchtigkeit erreichen, keinen Nutzen davon haben sollen, weil sie nicht tadelfreie Eltern und Großeltern gehabt hätten. – Philo: De virtutibus (de nobilitate) (M. II 444, C.-W. 226).
V. Talmudisches Schrifttum
1. Mißachte keinen Menschen. – Sprüche d. Väter IV, 3.
2. Die Frommen der Völker der Welt haben Teil am Jenseits. – Tosefta Sanhedrin 13,2.
3. Rabbi Meir lehrte: Woher ist zu entnehmen, daß selbst ein Heide, der sich mit der Thora befaßt, dem Hohenpriester gleichzuachten sei? Es heißt [3 Mos. 18,5]: „Und ihr sollt wahren meine Satzungen und meine Rechte, die der Mensch üben soll, daß er in ihnen lebe.“ Es wird da nicht gesagt, Priester, Leviten oder Israeliten, sondern der Daraus kannst du lernen, daß selbst ein Heide, der sich mit der Thora befaßt, dem Hohenpriester gleicht. – Aboda sara 3a.
4. [Der Heide Antonius] fragte einst [den Patriarchen R. Jehuda]: Komme ich in die zukünftige Welt? Dieser antwortete: Ja. – Aber es heißt doch [Obadja 18]: „Niemand wird übrigbleiben vom Hause Esau“? – Nur wenn er die [gewalttätigen] Werke Esaus übt. – Aboda sara 10b.
5. Wer Weisheit lehrt, auch wenn er von den Völkern der Welt ist. wird ein Weiser genannt. – Pesikta hadata zu Purim (Bet ha-midrasch, ed. Jellinek, VI, S. 57).
6. Es ist gelehrt worden: Wenn ein Heide im Gebet den Gottesnamen gebraucht hat, so darf man am Schluß Amen!...




