Bernried | Alpengold 364 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 364, 64 Seiten

Reihe: Alpengold

Bernried Alpengold 364

Liebe kleine Vreneli
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-2407-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Liebe kleine Vreneli

E-Book, Deutsch, Band 364, 64 Seiten

Reihe: Alpengold

ISBN: 978-3-7517-2407-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit vor Zorn blitzenden Augen steht Vreneli vor dem Stiefvater und klagt: 'Du bist gemein ... ein ganz böser Mensch bist du! Mein Hund hat dir nichts getan, und du wolltest ihn töten lassen. Und jetzt soll er zum Dodler-Matthias gebracht werden. Aber ich werd' ihn jeden Tag besuchen!'
'Dann werd' ich dich einsperren', antwortet Rochus ungerührt. 'Stubenarrest bekommst du, damit du nicht ständig hinter dem grässlichen Vieh herläufst. Du bist ja verrückt!'
'Und du bist gemein!' Zitternd läuft das kleine Mädchen davon, voll ohnmächtiger Wut, die jedoch nichts ausrichten kann. 'Ich hasse dich! Wärst du doch nie hierhergekommen!'

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Liebe kleine Vreneli

Sie war dem Stiefvater im Weg

Von Kathi Bernried

Mit vor Zorn blitzenden Augen steht Vreneli vor dem Stiefvater und klagt: »Du bist gemein ... ein ganz böser Mensch bist du! Mein Hund hat dir nichts getan, und du wolltest ihn töten lassen. Und jetzt soll er zum Dodler-Matthias gebracht werden. Aber ich werd' ihn jeden Tag besuchen!«

»Dann werd' ich dich einsperren«, antwortet Rochus ungerührt. »Stubenarrest bekommst du, damit du nicht ständig hinter dem grässlichen Vieh herläufst. Du bist ja verrückt!«

»Und du bist gemein!« Zitternd läuft das kleine Mädchen davon, voll ohnmächtiger Wut, die jedoch nichts ausrichten kann. »Ich hasse dich! Wärst du doch nie hierhergekommen!«

»Wir sind uns also einig, Herr von Alz, nicht wahr? Für die Grabrede nehmen wir den Text aus der Bibel, Sprüche 16, Vers 9.«

Der weißhaarige Pfarrer Sebastian Marnacher, der schon seit vierzig Jahren in dem Dorf Alzenau im Berchtesgadener Land als Seelenhirte tätig war, sah den alten Gutsbesitzer fragend an.

Seit gut einer Stunde war er jetzt im Herrenhaus auf Gut Alzhöhe und sprach mit den trauernden Eltern, die ihren einzigen Sohn und Erben durch einen Autounfall verloren hatten.

Obwohl überall am Gebäude deutlich der Zahn der Zeit nagte, hatte es sich noch eine gewisse Großartigkeit bewahrt. Dem fünfundsechzigjährigen Wendelin von Alz und seiner drei Jahre jüngeren Frau Mathilde, die von der Trauer tief gebeugt waren, hatten die ständigen Sorgen noch nicht die stolze Haltung einem schwierigen Dasein gegenüber rauben können.

»Ja, ja«, murmelte der alte Herr, der sein Leben lang ein Schöngeist gewesen war und zu einer philosophischen Betrachtung aller Dinge neigte, »diesen Text haben Sie sehr gut ausgewählt, Herr Pfarrer. Er scheint mir genau der richtige zu sein. ›Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.‹ Genauso ist es. Ortwin war ein tüchtiger Landwirt, und als er das Gut vor fünf Jahren übernahm, dachten wir, dass es aufwärts gehen würde. Er hatte das Glück, eine Frau wie Therese zu finden, so schön, klug und gut. Sie haben ein schönes und gesundes Kind bekommen, unsere Enkelin Verena, und vielleicht wäre auch noch irgendwann ein Bub geboren worden. Jedenfalls dachten wir, dass nun alles aufs Beste geordnet sei, und richteten uns innerlich auf einen ruhigen Lebensabend ein. Aber der Herrgott hat es anders beschlossen. Das erkennen wir ja jetzt, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns demütig seinem unerforschlichen Ratschluss zu fügen und mit der misslichen Lage fertig zu werden.«

Mathilde von Alz, die unglückliche Mutter, die nicht die philosophische Gelassenheit ihres Mannes besaß und während dieses Gesprächs mit dem Pfarrer mehrmals geweint hatte, betupfte schon wieder mit dem weißen Taschentuch die feucht werdenden Augen.

»Es ist so bitterschwer für uns«, flüsterte sie vor sich hin.

Der Pfarrer wusste selbstverständlich, wie schlecht es um den unrentablen Besitz stand, und er war sich auch klar darüber, dass die Sorgen durch Ortwins Tod noch größer geworden waren.

Die alte Dame krankte an einem Herzleiden. Ihr Mann wurde von Rheuma und Arthrose geplagt, und konnte sich, je nach Wetterlage, manchmal nur auf einen Stock gestützt fortbewegen.

Wendelin von Alz war immer ein schlechter Verwalter des Gutes gewesen. Er verstand nicht, zu rechnen und klug vorauszuplanen.

Obwohl er in seinen persönlichen Bedürfnissen bescheiden war und auch seine Angehörigen nicht üppig lebten, hatte sich die Finanzlage von Jahr zu Jahr veschlechtert. Es waren manche Fehlentscheidungen getroffen worden, die Verluste gebracht und später verheerende Auswirkungen gehabt hatten.

Hilfe von anderen Familienmitgliedern war nicht zu erwarten, da es keine mehr gab. Der jetzt so jäh verstorbene Ortwin war der letzte seines Namens gewesen.

Auch Thereses Eltern konnten nicht helfen, denn sie waren schon tot, und Geschwister hatte sie nicht. Außerdem hatte sie nichts mit in die Ehe gebracht. Ihr Vater war ein höherer Beamter in Salzburg gewesen und hatte niemals Reichtümer ansammeln können.

Der Geistliche erhob sich, um ins Pfarrhaus zurückzukehren. Hier gab es für ihn nichts mehr zu tun. Er hatte mit den trauernden Eltern gebetet und ihnen, so gut es ging, Trost gespendet. Sie hatten alles Notwendige wegen der Beisetzung besprochen, und nun war es gewiss besser, sie allein zu lassen, weil die Anwesenheit eines Fremden eine zusätzliche Anstrengung bedeutete, wenn man sich in einem solchen Nervenzustand befand.

Auch Wendelin von Alz stand auf, um den Pfarrer hinauszugeleiten.

In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertür, und Ortwins Witwe Therese erschien auf der Schwelle.

Sie hatte eine zarte Haut und schulterlanges silberblondes Haar. Durch die schwarze Trauerkleidung wirkte sie schlanker, als sie tatsächlich war.

Wenn man sie genauer betrachtete, erkannte man, dass sich unter dem schwarzen Kleid kräftige Schultern abzeichneten. Ihr Busen war voll, ihre Hüften sanft gerundet. Sie hatte die straffe Haltung einer guten Reiterin. Ihre Hände, obwohl gepflegt, verrieten, dass sie in Haus und Garten zuzupacken verstand.

Dieses Mädchen aus der Stadt war mit Leib und Seele Landfrau geworden. Sie hatte ihren Mann in allem, was er tat, zur Seite gestanden.

Der Pfarrer sah, dass sie geweint hatte. Ihre Augenlider waren gerötet und etwas geschwollen. Wahrscheinlich hatte sie es nicht über sich gebracht, früher zu erscheinen, weil sie fühlte, dass sie sich nicht in der Gewalt hatte.

,,Oh, Sie wollen schon gehen, Herr Pfarrer?«, erkannte sie. »Es tut mir sehr leid, dass ich nicht eher gekommen bin. Ich bitte Sie um Verständnis. Es ist ja erst vierundzwanzig Stunden her. Ich muss mir so große Mühe geben, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich jetzt ohne Ortwin leben muss.«

Der Geistliche sah, wie sie in ihrem Bemühen, Haltung zu bewahren, die Hände umeinanderrang.

»Ich verstehe Sie vollkommen, meine Liebe«, sagte er. »Sie haben auch nichts versäumt. Wir haben alles Notwendige besprochen und als Beisetzungstermin den 23. März festgelegt. Sie können nunmehr die Trauerbriefe drucken lassen und verschicken. Möge der Herrgott Ihnen allen Kraft schenken, um das durchzustehen, was jetzt vor Ihnen liegt! Es ist nicht einfach, sich mit wunder Stelle auf solche profanen Äußerlichkeiten konzentrieren zu müssen. Aber andererseits bedeutet der Zwang eine Ablenkung.«

Er drückte den beiden Damen mit einer tiefen Verbeugung die Hand. Dann ging er zusammen mit dem alten Gutsherrn hinaus.

Während er in seinen Wagen stieg, sagte er noch: »Wenn ich mich daran erinnere, dass ich Ortwin getauft habe, kann ich es kaum fassen, dass er jetzt im Sarg liegt.«

Wendelin von Alz sah dem davonfahrenden Geistlichen noch eine Weile nach. Er hatte das wohltuende Gefühl, dass dieser Mann am Leid der Familie wirklich innerlich Anteil nahm. Er tat nicht nur seine Pflicht, sondern er fühlte mit ihnen.

***

Die Zufahrt zum Herrenhaus war rechts und links von hohen Pappeln umsäumt. Dicht vor dem Haus begrenzten Rosenrabatten den Rasen, die um diese Jahreszeit – man schrieb den 20. März – nur kurz geschnittenes braunes Gestrüpp in fleckig gewordenem Schnee waren. Im Sommer blühte es auf diesen Beeten in verschwenderischer Fülle rosa und rot, und hinter den Pappeln dehnten sich satte grüne Wiesen.

Der alte Pfarrer musste vorsichtig fahren, denn auf der Auffahrt kam ihm jetzt ein achtjähriges Mädelchen entgegen, das von einem halbhohen Mischlingshund mit Schlappohren umtanzt wurde. Das Tier war wirklich alles andere als schön, aber es hatte wundervolle goldbraune Augen, die vor Liebe zu dem kleinen Mädchen und vor Freude über dieses Spiel leuchteten.

Sebastian Marnacher wusste, wer dieser Hund war. Es handelte sich um die zugelaufene Mischlingshündin Heißa, der die kleine Verena diesen originellen Namen gegeben hatte, weil sich das Tier offensichtlich so sehr zu freuen verstand und dieser Freude durch Hüpfen und Drehen Ausdruck gab.

Es war bei beiden eine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Verena hatte Heißa sofort ins Herz geschlossen, als der zweifellos von gefühllosen Menschen ausgesetzte Hund halbverhungert und scheu mit eingefallenen Flanken aus dem Wald auf sie zugekommen war. Und Heißa hatte, als das Kind sie streichelte und seine Arme um sie schlang, gespürt, dass ihr hier Wohlwollen entgegenflutete und dass sie im Heim dieses Kindes künftig auch zu Hause sein würde.

In der Tat hatte auf Gut Alzhöhe niemand etwas dagegen einzuwenden, dass die kleine Verena den Hund bei sich behielt und zu ihrem ständigen Gefährten machte. Platz war auf dem Gut mehr als genug vorhanden, und von den Resten aus der Küche wurde ein Hund immer noch reichlich satt.

Das Kind trug eine Latzhose mit Trägern und einen leuchtendroten Pullover. Sein hellblondes Haar, das Haar der schönen Mutter, wurde am Hinterkopf durch eine Spange zu einem Pferdeschwanz zusammengehalten und wippte beim Laufen anmutig.

Der Pfarrer...



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