E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Beuse Kometen. Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-944818-38-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-944818-38-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Über das Buch Ein Hobby-Astronom entdeckt zufällig einen bisher unbekannten Kometen. Während dieser sich auf die Erde zu bewegt, kreuzen sich die Wege von neun verschiedenen Personen - Menschen voller Sehnsucht, Menschen auf ihrer Suche nach Glück und Liebe. Wie Kometen befinden sie sich auf den eisigen Bahnen ihres Lebens, und es bedarf bei allen eines Anstoßes, damit sie sich aus ihrer Starre lösen... Während der japanische Hobbyastronom Hyakutake nachts auf einem Berg einen bis dahin unbekannten Kometen entdeckt, bereitet sich in einem anderen Teil der Welt der Unternehmensberater Jakob Leitner auf einen Empfang vor. Marie Lorenzo, die Freundin seiner Mitarbeiterin Kyra, schreibt E-mails nach Amerika mit merkwürdigen Fragen und unvorhersehbaren Folgen. Dann betritt sie im Internet den erotischen chatroom 'Paradies' und verabredet sich zu einem 'Black Date' im Stadtpark. Stefan Beuses Debütroman, für den er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt ausgezeichnet wurde, umkreist seine Figuren, die sich nur flüchtig berühren. In kurzen, miteinander verwobenen Episoden erzählt er eine melancholische Geschichte über die Liebe und die Flucht aus der Einsamkeit.
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And though she feels as if she’s in a play She is anyway. Lennon/ Mc Cartney 1. »Guten Tag, hier ist das Emnid Institut für Marktforschung, Nürnberg, wir führen eine Verbraucherbefragung zu den Rasiergewohnheiten junger Männer durch. Sind Sie zwischen 18 und 24?« »Ja. Aber ich bin kein Mann.« »Oh. Das tut mir leid. Dann entschuldigen Sie die Störung.« Marie legte den Hörer auf und sah wieder zum Fernseher. Gerade lief der Pilotfilm einer neuen amerikanischen Serie. Die Sorte, in der glückliche Collegestudenten sich verlieben und immer die Sonne scheint. In der Stadt, in der Marie wohnte, schien fast nie die Sonne, und es war beinahe drei Monate her, dass sie zum letzten Mal verliebt gewesen war. Marie dachte daran, wie das ist, verliebt sein, und ihr fiel ein, dass sie seitdem nicht mehr in ihr Tagebuch geschrieben hatte. Als mit Tom noch alles schön war, hatte sie an manchen Abenden zwanzig Seiten vollgeschrieben und war dann mit dem Stift in der Hand und einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen. Der Collegestudent in der Serie, den die meisten Mädchen toll fanden, hieß auch Tom. Er stand gerade an seinen Stahlspind gelehnt und versuchte, einer Deirdre klar zu machen, warum er sie nicht mit zum Abschlussball nehmen kann, als Marie etwas auffiel, das sie zum ersten Mal bei Dallas bemerkt hatte: Grillenzirpen. Bei Dallas zirpten immer die Grillen. Selbst im Gerichtssaal. Jocks Anwalt hielt ein fesselndes Plädoyer, und im Hintergrund zirpten Grillen. Marie überlegte, ob der Toningenieur, der im Synchronstudio das Grillenzirpen angestellt hatte, wusste, was er da tat. Sie fragte sich, ob er damit eine Wette gewinnen wollte oder einfach vergessen hatte, das Band mit dem Zirpen auszuschalten, und nahm sich vor, beim Abspann der Serie auf seinen Namen zu achten. Sie wollte seine Adresse rausbekommen und ihn fragen, ob er früher Dallas synchronisiert hat. Was bedeutet es für dich, jede Szene mit Grillenzirpen zu unterlegen, würde sie fragen, und: Ich bin froh, dass dir das aufgefallen ist, würde der Toningenieur antworten. Das ist meine Art von Protest. Natürlich habe ich auch Spaß daran, aber es ist gleichzeitig eine Form des Protests. Und du bist die Erste, der das aufgefallen ist. Es ist unser kleines Geheimnis. Ein Geheimnis für Eingeweihte. Pass auf, in Folge 35 werde ich es einmal nur für dich zirpen lassen. Ich arbeite gerade an der Folge. Merk dir die Szene, wo Joey auf dem Ball der Sexclubbesitzer ... Vielleicht hat Tom ja Grillen in seinem Spind, dachte Marie plötzlich. Vielleicht sammelt Tom ja Grillen, vielleicht ist das ein liebenswerter Spleen von ihm, und der Drehbuchautor hat sich das ausgedacht, um Tom noch interessanter zu machen. Doch als das Zirpen auch in der nächsten Szene nicht aufhörte, in der Deirdre auf der Mädchentoilette mit ihrer besten Freundin über Tom sprach, schlief Marie ein. Sie wachte erst wieder auf, als der Abspann längst zu Ende war und sie keine Chance mehr hatte, die Adresse des Toningenieurs herauszufinden oder den Drehbuchautor zur Rechenschaft zu ziehen. »Mein Leben passt in einen Mercedes Sprinter«, sang Martin zu einer selbst erfundenen Melodie und trommelte auf dem Kunstlederbezug des Lenkrads einen Takt. Er hatte die Fenster runtergekurbelt und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Wie einer, der Zeit hat und genug Humor, sich über die Namensschilder von LKW-Fahrern lustig zu machen. »Mein Leben eine Ladefläche / drei Meter zehn – mal zwei Meter sechs ...« Er hatte die Wohnung erst einmal gesehen, kurz bevor sie den Vertrag unterschrieben hatten. In seiner Erinnerung war davon nur ein eigentümlicher Geruch geblieben, von dem er hoffte, er würde zusammen mit den Vormietern verschwunden sein. »Dreihundert Meilen von zu Hause / auf dem Weg nach Nirgendwo ...« Sieben Tage hatte er Zeit, alles vorzubereiten, dann kam Nora. Martin dachte an ihren Bauch und daran, wie das Baby angefangen hatte, sich zu bewegen; der Flügelschlag eines Schmetterlings, hatte sie gesagt, damals. Martin nahm eine Zigarette aus der Brusttasche, drückte den Anzünder in die Konsole und schaltete einen Gang höher. Als er die Wohnungstür aufschloss, rollten ihm zwei Murmeln entgegen. Ihre Vormieter hatten auch Kinder, und Martin konnte deren Erziehung an der Raufaser ablesen. Er bückte sich, um eine Dose mit eingetrockneter Fingerfarbe aufzuheben, dann ging er in die Küche und riss die Fenster auf. Dabei rollte ihm eine dritte Murmel vor die Füße. Sie sah aus wie eine Weltkugel. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1996 kletterte ein sechzehnjähriger Junge auf einen Berg in der Nähe des Dorfes Hayato, Kagoshima. Sein Atem ging schnell. Er bemühte sich, in Bewegung zu bleiben, um besser nachdenken zu können. Er stieg immer auf diesen Berg, wenn er nachdenken wollte. Je schneller sich sein Körper bewegte, desto ruhiger wurden seine Gedanken. Der Junge war kurz davor, die höchste Stelle zu erreichen, als er einen Moment stehen blieb, um Luft zu holen. Er ahnte nichts davon, dass zur gleichen Zeit, nur wenige Hundert Meter von ihm entfernt, ein fünfundvierzig Jahre alter Mann auf demselben Berg saß und die Sterne beobachtete. Er hieß Yuji Hyakutake. Sein Name bedeutete so viel wie »100 Samurai«, aber man konnte ihn auch mit »Ritterlichkeit« oder »Tapferkeit« übersetzen, wenn man wollte. Hyakutake war Kometensucher, und in dieser Nacht hatte er sein Teleskop auf den Berg gebracht, weil die Sicht besonders gut war. Dem Jungen gingen in dem Moment ganz andere Dinge durch den Kopf als Kometen. Er dachte an ein Mädchen aus Europa, das ihm vor wenigen Tagen eine E-Mail geschickt hatte. Sie hieß Marie Lorenzo, und sie hatte ihm etwas Sonderbares geschrieben, das ihn sehr beschäftigte. Es war nur ein Satz, aber der ließ ihm keine Ruhe. Er kannte Marie überhaupt nicht, und er fragte sich, was ein unbekanntes Mädchen aus Europa dazu trieb, ihm so einen seltsamen Satz zu schreiben. Jakob Leitner war gerade dabei, seinen Buttergipfel, einzeln verpackt aus dem gelöcherten Zellophan zu befreien und dachte daran, dass die MITROPA AG genauso gut Hamster darin verpacken könnte, als sein Sakko herzseitig klingelte. Er griff in die Innentasche seines Jacketts und beendete per Tastendruck den Beginn einer klassischen Melodie; Bizet, glaubte er, war sich aber nicht sicher. Was Kyra verkündete, riss ihn nicht gerade vom Stuhl: sechseinhalb Pfund, 53 cm; die Verwandtschaft aus dem Häuschen und die Agentur stand Kopf. Viktor Dominguez, sein aktueller Auftraggeber, war gestern Vater geworden und lud nun zu einer Feier im Stadtparkpavillon. Ganz spontan. »Na prima«, brachte Leitner hervor. »Dann gibt’s heute Abend bestimmt Lachs mit Prosecco. Nur schade, dass ich so spät dran bin.« »Komm, du bringst dich nicht um, wenn du zur Abwechslung mal eine menschliche Reaktion zeigst«, meinte Kyra. Leitner ließ das Ende seines Croissants zwischen den Zähnen verschwinden und schwenkte den letzten Schluck Kaffee, damit sich der Granulatrest auflöste. Dann drückte er den MITROPA-Becher zusammen und beobachtete, wie das Zeug dicht vor sein Gesicht stieg, zum Kotzen war das, er starrte auf den dünnen Schaumfilm und las das Etikett, Art. 5122, Buttergipfel, einzeln verpackt; Zutaten: Weizenmehl, Wasser, Markenbutter, Vollei, Hefe, Zucker, Backmittel mit Emulgator, Lecithin, jodiertes Speisesalz. »Also schön, hast gewonnen. Bist du fertig mit den Kalkulationen?« »Ich brauch noch ne Stunde.« »Gut. Und sieh bitte mal nach, ob das Diktaphon in Ordnung ist. Vielleicht führe ich heute Abend ein paar interessante Gespräche.« »Du denkst immer nur ans Geschäft, oder?« »Hätt’ ich fast vergessen: Besorg irgendwas Nettes für Dominguez. Strampler oder so. Was man halt schenkt. Kennst dich da sicher aus.« »Klar. Und ich leg noch ne Karte dazu: im Auftrag, nach Diktat verreist, dieser Glückwunsch wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig.« »Du machst das schon.« Leitner drückte Auflegen, knüllte das Zellophan in den Becher und quetschte beides in den Abfallkasten. Er versuchte, sich Dominguez mit einem Baby im Arm vorzustellen, dann rutschte er tiefer in den Sitz und schnappte sich das Zugjournal. Die Speisekarte kannte er bereits auswendig, badische Wochen, da war es schon interessanter, irgendwelche Porträtfotos von Hausfrauen zu betrachten, die im DB-Kreuzworträtsel der letzten Ausgabe Karten für das Phantom der Oper gewonnen hatten. »Zugestiegene die Fahrausweise bitte!«, rief der Schaffner, und Leitner erschrak. Bitte geben Sie Ihren Zugangscode ein, blinkte der Computer, und Marie hackte eine achtstellige Ziffernkombination in die Tasten. Sie hatte beschlossen, ihr neues Opfer unter den Studenten der UCLA zu suchen. Genauer: unter den Studenten der Anthropologie. Wenn mir einer bei dieser Sache helfen kann, dann sind es kalifornische Anthropologiestudenten, dachte Marie, und fünf Minuten später standen zwei Namen auf ihrem Bildschirm: Suzy Ramirez und Debbie Chang. Sie hatten einen Aufruf verfasst, der mit: Bored of life on land? Go diving in Monterey! überschrieben war, und damit hatten sie sich als würdige Auskunftgeberinnen qualifiziert. Marie klickte auf den blau unterstrichenen Link am Ende des Artikels, um Suzy und Debbie ihre amerikanische Nachricht zu schicken. Sie lautete: »Hi! Entschuldigt die komische Frage, aber ich muss wissen, ob euch jemand bekannt ist, der Grillen in seinem Stahlspind hält. Es ist sehr wichtig für...




