E-Book, Deutsch, 185 Seiten
Beuse Meeres Stille
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95988-035-0
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 185 Seiten
ISBN: 978-3-95988-035-0
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fast zwanzig Jahre liegt das alles zurück. Doch als der erfolgreiche Journalist und frischgebackene Kulturchef Viktor Callner seine Frau und seine beiden erwachsenen Kinder in das entlegene Ferienhaus im Périgord einlädt, wird die verdrängte Vergangenheit noch einmal lebendig. Die ganze Familie soll noch einmal Atem holen können in dem gemeinsamen Urlaub und nun schimmert das Triebwerk der Boeing wie eine Bowlingkugel unter ihnen, der Tomatensaft schwappt in den transparenten Bechern. Doch schon jetzt liegt eine unerklärliche Stimmung über den Eltern und den beiden Kindern, eine nervöse Unruhe, die sicher nicht daher rührt, daß Viktor wieder einmal alles allein entschieden hatte. Diese Unruhe, vielleicht war es auch eine Vorahnung, ist älter. Sie reicht weit zurück - zu dem verzweifelten Moment, in dem Viktor versagt und das Leben seiner Frau Helen eine tragische Wendung nahm. Stefan Beuse entwirft mit großer Suggestion und Sensibilität das packende Psychogramm einer Familie. »Nur schwer kann man das Buch aus der Hand legen. Man will wissen, welches Geheimnis auf der Familie Callner lastet.« Norddeutscher Rundfunk »Eine teuflisch gute Konstruktion.« Focus »Stefan Beuse hat ein äußerst kunstvolles Buch über das alte Thema Traumatisierung geschrieben: romantisch in den Motiven, aber brutal in der Analyse, dramatisch im Entwurf, aber sparsam und kühl in der Metaphorik.« DIE ZEIT
Stefan Beuse, 1967 in Münster geboren, lebt in Hamburg. Er hat u. a. als Fotograf, Texter und Journalist gearbeitet. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Alles was du siehst«. Stefan Beuse gewann zahlreiche Preise und Stipendien, u. a. den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 1999 und den Hamburger Förderpreis für Literatur (1998, 2006 und 2013). Im Frühjahr 2005 war er Writer in Residence an der Cornell University in Ithaca, New York. Bei CulturBooks sind bisher die Single »Der Wal«, die Alben »Warten auf die Löwen« und »Wir schießen Gummibänder zu den Sternen« sowie die Longplayer »Kometen« und »Die Nacht der Könige« erschienen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
4
Es war nicht das erste Mal, daß sie mit ihren Eltern in ein Ferienhaus fuhr. Zwar hatte sie schon auf der Karte gesehen, daß der Ort im Landesinneren lag, aber trotzdem war sie bis zuletzt davon ausgegangen, daß sie auch diesmal am Wasser wohnen würden. Ein mäßig gefüllter Strand vielleicht, aber immer noch genug Leute; ein Dorf, eine Disko und ein Volleyballnetz: Ohne diese Grundausstattung hatten sie noch nie ihren Urlaub verbracht, und jetzt fuhren sie einen Schotterweg hoch, den sie selbst nach Madame da Silvas ausführlicher Erklärung zweimal verpaßt hatten. Nicht mal Verrückte, dachte sie, kämen auf die Idee, daß von der schmalen Straße Richtung Castelnaud noch ein Weg abgehen könnte. Obwohl das Anwesen nur etwa fünfhundert Meter über dem Haus von Madame da Silva lag, war es so verborgen am Hang, daß man es von unten nicht hatte sehen können. Ein handtellergroßes Schild zeigte Privatbesitz an, kleine Steine knallten unter den Reifen; das Haus erinnerte Frances an eine Villa aus den englischen Filmen, die ihre Mutter mit Begeisterung sah: An der Sandsteinfassade rankten sich Wein und Rosen hoch, das Dach war mit braunen Schindeln gedeckt, und auf der hüfthohen Mauer, die die Terrasse zum Tal hin begrenzte, standen Krüge voller Geranien. Viktor parkte den Wagen an der rechten Längsseite, so daß zwischen dem bewaldeten Steilhang und dem Haus gerade noch genug Platz blieb, die Türen zu öffnen. Helen streckte sich und gab diese Laute von sich, die sie immer machte, wenn sie im Wagen gesessen hatte, dabei waren sie nicht mal fünf Minuten gefahren. »Wollen wir Ritterspiele veranstalten, oder liegt da oben«, David deutete mit dem Kopf in Richtung Wald, »noch ein Clubhotel versteckt, das ihr uns verheimlicht habt, mit Shuttle-Service zum Strand und so.« Helen lachte, als hätte er einen Witz gemacht; Frances schlug ihre Tür zu und ging langsam um das Haus herum. »Schwesterherz«, David rannte hinter ihr her, »gibst du mir ein paar von deinen Büchern ab?« Er legte eine Hand auf ihre Schulter, gemeinsam betraten sie die Terrasse. »Siehst du das, Liebling?« David breitete die Arme aus wie ein Großgrundbesitzer. »Das hier wird uns für all das entschädigen, was wir jetzt eine Woche lang entbehren müssen. Freunde ...«‚ er imitierte die Art von Pause, die man macht, um Tränen zu ersticken, »Kinos. Kneipen. Und jede Form des gesellschaftlichen Lebens.« Frances ignorierte seinen Auftritt, stieg auf die Mauer und blickte ins Tal. Unterhalb der Burg am Hang gegenüber gruppierten sich die Häuser von Castelnaud wie Ringe einer halbierten Zwiebel. Ein leichter Wind strich ihr durchs Haar, und plötzlich hatte sie Angst, daß sie da runterfallen könnte. David ging an den geschlossenen Fensterläden vorbei, klopfte wahllos gegen eine weiße Holzblende. »Das ist mein Zimmer!« rief er, aber Frances reagierte nicht. Sie streifte Schuhe und Strümpfe ab und balancierte auf der Mauer, folgte ihr über einen rechten Winkel Richtung Hinterhaus. In regelmäßigen Abständen mußte sie über die Geranien hinwegsteigen; sie machte weite Schritte und blieb erst am Ende der Mauer stehen. Etwa siebzig Meter vom Haus entfernt, eingebettet in eine terrassenförmig ansteigende Rasenfläche, lag ein Pool, hinter dem ein kleiner Turm aufragte. Vier Plastikliegen standen an der Stirnseite des Beckens, neben einem Sonnenschirm aus weißem Stoff. Hinter ihr klapperten Fensterläden. Frances hörte ihre Mutter geräuschvoll Luft holen. Eine Angewohnheit, die sie genauso irritierte wie das Seufzen beim Aussteigen. »Ist das nicht herrlich«, fragte Helen, aber der Satz verlangte keine Antwort. Er gehörte einfach in ihr Programm. »Nein«, versuchte Frances. »Ich möchte lieber das neben der Küche.« Ihre Mutter blickte weiter in die Ferne, als hätte sie nichts gesagt. Der Ausdruck in ihrem Gesicht erinnerte Frances an die Namen von Filmschauspielerinnen: Grace Kelly, Greta Garbo, Ingrid Bergmann. In ihrer Vorstellung sahen sie alle gleich aus, sie trugen das blonde, gewellte Haar zurückgekämmt und schauten schwarzweiß und entrückt und irgendwie schmerzhaft auf einen Punkt außerhalb des Filmplakats. Überhaupt waren Helens Gesten immer die einer künftigen Berühmtheit gewesen, eines möglichen Stars, der lange für den entscheidenden Auftritt geprobt hatte. Aus ihren Bewegungen meinte Frances manchmal die Trauer über verpaßte Gelegenheiten zu lesen, den Widerschein eines Glanzes aufleuchten zu sehen, der tief in ihr noch immer zu existieren schien. Frances hatte oft darüber nachgedacht, wie eine Geschichte angelegt sein müßte, in der ihre Mutter die Hauptrolle spielte, aber sie war zu keinem Ergebnis gekommen. »Holst du bitte deine Sachen aus dem Kofferraum, ich würde das Auto gern abschließen.« Sie drehte sich um, aber ihr Vater war schon wieder verschwunden. Frances sprang von der Mauer. Helen hatte die Terrassentür geöffnet, und die Art, wie sie ihr Kinn nach vorn reckte und sich durchs Haar fuhr, mußte sie sich einprägen: Das Bild versiegeln, tief in sich versenken und zu gegebener Zeit wieder hervorholen. Frances ging ins Haus und wischte sich mit dem Ärmel ihres T-Shirts Schweiß von der Stirn. Ein Holztisch mit vier Stühlen. Kühlschrank, Herd. Regale mit Töpfen. Und eine Kuckucksuhr ohne Vogel. Frances hatte mal gelesen, daß es Orte gibt, die Zeit speichern können, daß alles, was passiert ist, dort noch immer geschieht, jederzeit abrufbar, wie übereinander laufende Filme, von denen in bestimmten Momenten einer sichtbar werden kann. Den Gedanken, daß die Vergangenheit ein Raum ist, den man immer wieder betreten kann, daß sich jeder Ort an das Geschehene erinnern, seine Gespenster jederzeit preisgeben kann, hatte sie immer reizvoll gefunden, und gern wäre sie jetzt unter das Zelt des Moments geschlüpft, in dem der Vogel aus der Kuckucksuhr gerissen worden war. Wer konnte das getan haben? Und warum? Frances stellte sich nacheinander ein spielendes Kind, einen gelangweilten Jugendlichen und eine, zornige Ehefrau vor, aber keines, der Bilder nahm wirklich Gestalt an. Über die braunen Fliesen der Küche, quer durch den Flur ging sie zur Haustür. Ihr Vater beugte sich in den Kofferraum. »Und«, fragte er, »was sagst du?« Frances stellte sich neben ihn und nahm eine Tasche. »Bißchen ruhig«, sagte sie, und Viktor knuffte ihr mit der Faust an die Schulter, eine Geste, die er bestimmt aus amerikanischen Filmen hatte. »Hey, komm«, sagte Viktor, »wir werden es uns schon schön machen.« Frances wußte, wie schwer es ihm fiel, Wörter wie »hey« zu benutzen, und diesmal war ihr Mitleid stärker als die Scham, die sie sonst empfand, wenn Viktor so mit ihr sprach. Sie wollte, daß ihr Vater redete wie ihr Vater und nicht wie jemand, der besonders jugendlich klingen will. Manchmal fragte sie sich, wie Viktor sprechen würde, wenn er mit irgendwem beisammensäße, vor dem er keine Rolle spielen mußte. Ob er überhaupt so was hatte wie eine eigene Sprache. Frei von den Anführungszeichen der Ironie, die er immer dann setzte, wenn Feuilleton-Kollegen zum Essen da waren. Von dem ausgestreckten Arm, mit dem er Helen auf Distanz hielt, den unbeholfenen Versuchen, männerfreundschaftliche Nähe zu David aufzubauen. Der bildungsbürgerlichen Angeberei, die ihn Dinge sagen ließ wie: »Mein lieber Herr Sohn« oder »Wir geruhten uns ein Fahrzeug mit Klimaanlage zu mieten«. Allein ihr selbst gegenüber glaubte Frances manchmal so etwas wie einen ehrlichen Ton herauszuhören, aus dem sie folgerte, daß Viktor sie zumindest als gleichwertige Gesprächspartnerin ansah. Aber sogar diese zarten Anklänge von Aufrichtigkeit galten, so glaubte sie, nicht ihr, sondern einzig der Tatsache, daß sie seine Tochter war, daß sie Geschichten schrieb und er vielleicht später einmal Grund haben würde, stolz auf sie zu sein. Vor allem deswegen, vermutete Frances, arbeitete er an den Wochenenden und manchmal auch abends an ihren Texten. Sie war ihm näher, weil sie näher an seiner Welt war. Die Unsicherheit, die er dagegen David gegenüber zeigte, gründete sich wohl auf eine Mischung aus Neid und Unverständnis. Neid, weil er auch gern einen durchtrainierten Körper hätte und diese »No sports«-Attitüde nur vorschob, um sich nicht seiner Eitelkeit stellen zu müssen: aus Angst, dem Spott seiner Kollegen ins Messer zu laufen, vor seiner Familie das Gesicht zu verlieren. Unverständnis, weil er nicht begreifen konnte, daß jemand seine Freizeit damit verbrachte, nichts Vernünftiges zu tun – also nichts, das dazu angetan war, die Welt zu verbessern, und an der Verbesserung der Welt hatte Basketball in Viktors Augen vermutlich nur geringen Anteil. Frances fragte sich, ob ihr Vater vielleicht manchmal tanzte, nur für sich, wenn er allein war und sicher sein konnte, daß ihn niemand beobachtete. Sie ging hinter ihm her ins Haus und betrachtete seine Bewegungen, kam aber zu keinem Ergebnis. Sie stellten die Sachen in den Flur, und als sie wieder am Auto standen, zog Viktor seine Aktentasche aus dem Kofferraum. Etwas rumpelte. Frances' Schreibmaschine hatte sich unter der Rückbank verkeilt. »Auch das noch«, sagte Viktor und stellte die Tasche ab. »Geh du nach vorn. Vielleicht kannst du ...« »Klar«, sagte Frances. Sie kletterte auf die Rückbank, schob ihren Arm unter den Sitz und drückte nach. Als erstes errichtete ich einen Spähposten, oben im Wald. Es gab dort einen umgestürzten Baum, etwa zwanzig Meter den Steilhang hoch, von dem aus man das Haus gut im Blick hatte. Ich richtete mir...




