Biermann | Herzrasen. Kriminalroman | E-Book | www.sack.de
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Biermann Herzrasen. Kriminalroman


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95988-212-5
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

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Berlin-Quartett, dritter Streich: Großstadtmief bis zur Atemnot: Die Mauer ist weg, die Quote da. Nun soll man zusammenwachsen, aber es fremdelt gewaltig. Ob Wessibullen und Ossibullen oder Huren aus allen Himmelsrichtungen: die Gerüche, Reflexe, Bezugssysteme sind nicht kompatibel. Und während in Lietzes Team Verliebtheit grassiert, steigt der Gewaltpegel in der Stadt. »Großstadtliteratur ohne Luft zu holen in Sätzen wie Hiphop und Jazz auf der Höhe der Zeit.« Andreas Ammer, Bayerischer Rundfunk »Sie macht Ernst mit ihren Themen, sie macht Spaß, sie gebraucht die Metapher Herz häufiger als Weltmeister Goethe - die Inthronisierung des Herzens als Zentralorgan nicht nur der Liebe, sondern auch der Humanität.« Georg Hensel, Frankfurter Allgemeine Zeitung Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journalistin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more), Fran Ross (Oreo) und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.

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II
Ehe er sieben ist
DER WIND DER WIND DAS HIMMLISCHE KIND hatte sich in dem engen Hinterhof verfangen und packte und schüttelte die morschen Fensterrahmen, als wären sie eine schon lange nicht mehr frisch geknotete Krawatte. Das war alles. Kein Orkan. Kein geschundener Leib. Keine ausgekugelten Äste. Es brauchte eines langen Atems Reise durch die Nacht, bis es Roboldt in die Glieder fuhr. Der Tag war noch keine fünf Stunden alt. Roboldt reckte die Beine, aber nur das linke wurde länger. Das rechte klemmte unter etwas fest. Das war länglich. Und weich. Und warm wie – Haut. Fleisch. Ein Schenkel! Der Schenkel. Um den er seine Schenkel geschlungen hatte wie um sein Schaukelpferd. Früher. Als Kind als Kind als himmlisches – war er doch eingeschlafen? Er versuchte, das Rückgrat zu strecken, aber die Dehnung drückte nur seine rechte Schulter sanft gegen einen Oberarm und schob seinen Kopf aus der Höhle, in die er gebettet gewesen war, hoch in die Mulde zwischen Schulterkugel und Brust. Sein linker Arm, der diagonal über der großen fleischigen Fläche mit den vielen winzigen dünnhäutigen Linien gelegen hatte, rutschte abwärts und ließ die Hand gegen etwas stoßen, das einfach da war, eingerollt in ein Nest aus dichten Locken, so klein, so zart, so verletzlich, dass es Roboldt wie ein gellendes Heischen nach Zärtlichkeit durch alle Muskeln schnitt und seinen ohnehin fast gerichtsnotorischen Beschützerinstinkt bis über die Wolken trieb. Wenn ihn in diesem ­Augenblick eine Fee gefragt hätte, er hätte nur einen Wunsch gewusst: die Gesamtheit aller UNO-Blauhelm-Kontingente verkörpern zu dürfen, um diese Zartheit zu verteidigen, und das für immer. Und gegen jeden. Er schlug die Augen auf, und die Fee war ein kleiner Hügel aus dunkelbrauner Haut mit vielen klitzekleinen Haarkringeln, und dann wurde sein Kopf von einer Hand umfasst, seine Nase tauchte in ein seidiges, duftendes Gemisch aus Haut und Haar, und ein schwerer Schenkel legte sich über seine linke Lende. »Bist du wach?« Der Atem, der die Wörter aus seinem Mund transportierte, brachte das Aroma vervielfacht in seine Nase zurück. Kopfschütteln und ein kehliger Wohllaut, gefolgt von einer Umarmung, unduldsam wie Dementis zu sein haben. »Machst du das immer im Schlaf?« Er saugte sich voll mit dem erregenden Gefühl, so an einen begehrten anderen Körper gezogen zu werden, er atmete die Düfte dieser anderen Haut, die auch seine waren, er überließ sich dem Genuss, ein Objekt zu sein und keine Tücke zu kennen, spürte dem aufrichtigen Gemenge zwischen seinen Schenkeln nach und regis­trierte mit kindlichem Stolz, wie sich an seiner Lende Hitze und Härte entfalteten. »’sch gann gornisch wach sein …!«, lautete der für die nächsten zwanzig, dreißig Ewigkeiten letzte, die grammatikalischen und artikulationstechnischen Geschäftsgrundlagen zwischenmenschlicher Kommunikation halbwegs beherzigende Beitrag. Der Rest war eine wundersame Vermehrung aller denkbaren Glieder und Gerüche und Gischten und Hitzewellen und, para­doxerweise, deren gleichzeitige Vereinigung zu einem einzigen Höhen- und Tiefen- und Längen- und Breitenrausch, in dem sämtliche Säfte dieses ineinandergelaufenen und aneinanderreibenden einen Leibes im selben Blues strömten und sprotzten und sich verschleuderten, und der eine besonders begehrte Saft goss einfach nur irgendwann besonders schlüpfrige Sudelmuster in die Ebenen neben den Becken­knochen. »… odor hast du sohn Draum schomor woch ärläbt! Ähh, shit!« Roboldt löste seinen selig verschwitzten Leib Pore für Pore aus der Umklammerung, gluckste und schraubte seinen Kopf zurück in den Achselhöhlendschungel seines – genau! Traum war das Stichwort. Seines Traummanns! »Red doch weiter. Du glaubst gar nicht, wie vernarrt ich sogar in deine Sächsismen bin …« Was folgte, war ein Vokalriff auf einer blue note namens »Näh!«, die unter Ganzkörperkonvulsionen so lange die fifths flattete, bis die »äh-äh-ähs« sich zu heil- und haltlosen Lach­spiralen zurechtgedehnt hatten. Roboldt gab den Schutz seiner Höhle auf und starrte fassungslos auf seinen lachenden Liebhaber. Sollte ihm tatsächlich ein Witz gelungen sein oder –? »Sächsismen, wääßte!«, riffte es weiter. »Hörmor, du bist do’ gorkään Bulle!« »Was? Wieso!« Oder lachte er ihn aus? »Näähäh! Bullen sind nich nonsensfähch!« Es bedurfte zweier Zigaretten danach, bis Roboldt wahrhaben wollte, dass es leider Gottes noch ein Leben außerhalb dieses real-existierenden Lotterbettes gab, das aus einer enormen japanischen Strohmatte auf frisch lackierten Holzdielen unter dem Dachboden des vergammeltsten Hauses bestand, das er in den vergangenen Jahrzehnten seines sexuellen wie berufstätigen Lebens betreten hatte. Ein letzter wehmütiger Gedanke an das Pathos des lakenverhängten Reichstags, das ihn all die Jahre über eine Sehnsucht nach einem andern Körper, nach Sex, nach Fleisch, nach Verstandverlieren, Verknalltheit, Verrücktheit, nach aus der Bahn fliegen und dennoch mit den festesten aller Füße auf dem festesten aller Böden stehen hinwegge– Nein! Getröstet hatte es ihn nicht. Es hatte nur seine Begierde beschützt. Das Verlangen hatte, in warme ­Decken gehüllt, auf der Lauer gelegen. Er sah auf die Uhr, fuchtelte Beine und Rumpf aus einem Gewirr von Laken und Decken, sprang hoch und trudelte augenblicklich in einen Korbsessel, der liebenswürdigerweise just da stand, wo die zwei anmutigen Halbkugeln seines Arsches niedergingen. »Achtung – dein Greischloaf!«, kreischte es hinter ihm her. Roboldt ignorierte die Schilfrohrenden, die sich liebevoll in seine hinteren Weichteile bohrten. War er schon so alt, dass er nach einer Liebesnacht nicht mehr aufrecht stehen ­konnte? Anfang vierzig war doch kein Alter – oder? »Mensch, es ist fünf! Mein Dienst fängt um halb sieben an. Ich muss noch nach Hause und duschen. Obwohl –!« Er beschnupperte sich ausführlich. »Muss ich? Heh! Wo bist du denn – Ssätschmou?« Aus dem Nebenzimmer kamen ein paar gezupfte Gitarren­saiten, merkwürdige kurze Jodler, Rasseln und dann eine Stimme, so was hatte er noch nicht gehört. Der Mann ­musste Zungenküsse mit dem Mikrofon tauschen! Remember your feelings as a child, when you woke up and morning smiled … »Wenn schon, dann Sättschmoh! Gefällt dir nicht, der Name, hm?« Der weiche schwarze Körper erschien im Türrahmen. »Nee, absolut nicht!« Schon die vier Meter Entfernung von diesem Körper waren Roboldt zu viel. Irritiert angelte er seine Kleidungsstücke mit einem Fuß vom Boden. »Wieso sagen die das eigentlich alle?« »Was sollen sie sonst sagen? Ich meine, die, die irgendwie sagen wollen, dass sie ›Neger mögen‹? Für die andern bin ich sowieso ›der Nigger da‹. Ist doch bei euch genauso – wer kennt’n Schwarze außer Louis Armstrong!« »Ähm – Martin Luther King und … Malcolm X und … Miles Davis und …« Roboldt staunte über sich. »Mr. Miles – harfharf! Von dem hat Amiga hier mal ’ne ­Platte zusammengekloppt, kennt doch keiner. Und die beiden andern sind politisch, da ist man lieber vorsichtig, könnt ja sein, dass man bei denen als Weißer nicht für abendfüllend gehalten wird, die sind ja immer so – so empfindlich, diese Neger, wääß ma ja, so gomisch, wor? Wo man doch bloß mal fühlen wollte, wie sich ’ne Näschergrause anfühlt, wor donnisch bees – oh shit! Come on. Gimme a break!« Er verschwand wieder im Nebenzimmer. Roboldt wollte ihm nachlaufen, wusste aber nicht, ob das richtig war. Was hatte er anzubieten, das solche Wunden heilen konnte? Oder wenigstens den uralten Eiter stoppen, der immer wieder aus ihnen sickern musste. Er zog sich hastig an und schlich ins Nebenzimmer. Ssätschmou-Sättschmoh-Satchmo stand vor der Stereoanlage und ließ die CD zurücklaufen. Er war immer noch nackt. Roboldt stellte sich hinter ihn und legte ihm eine Hand vorsichtig auf die Schulter. Er war überrascht, dass Gänsehaut auch schwarz sein konnte. »Hier – die Stelle!« Warum wollte er die Hand nicht? »Hör doch mal zu!« … come with me, leave your yesterday, your yesterday behind/ and take a gi-iant step outside your mi-i-nd … »Wieso sachste nicht einfach Neumann – das passt doch!« Roboldt stand im Raum und fühlte sich, als hätte er die ­Bodenhaftung verloren. Er traute sich nicht, noch einmal irgend­einen Teil seines Körpers sprechen zu lassen. Er wusste schon gar nicht, was er sagen sollte. Warum durfte er nicht – wieso will der meine Hilfe nicht –? »Neumann? Ja, äh – ja! Klar. Aber – was für dich – tun kann ich – nicht?« Satchmo Neumann drehte sich um, legte ihm eine Hand um die Taille, streichelte ihm mit der anderen den Kopf, als wäre er, Roboldt, wieder der kleine Detlev, dem die Panik wegliebkost werden musste, und sah ihn aus funkelnden Augen an. »Doch, Baby! Indem du nie Detlef Zwoo zu mir sagst, okay?« Als er ein paar Minuten später auf der Mulackstraße stand und überlegte, wo er sein Auto geparkt hatte, war Roboldt noch immer so benommen, dass er nicht mal die wässrigen mageren Schneeflocken spürte, die ihm eine Bö aus der Rosen­thaler Straße ins Gesicht peitschte. Er hatte auch die Frau in den besten Jahren mit dem verzweifelt verhärmten Gesicht nicht gesehen, mit der er fast zusammenstieß, als sie...



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