E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Biermann Violetta. Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95988-211-8
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-95988-211-8
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
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Berlin-Quartett, zweiter Streich: Hitzewelle im Sommer '89, Flimmern und grelle Farben: Lietze und Konsorten haben alle Hände voll zu tun. Am Winterfeldtplatz wird eine misshandelte tote Hure gefunden. Mit Stempel auf der Stirn. Was übelste Assoziationen weckt. Und jemand killt nette Männer nach dem Sex. Gibt's so was wie Serienmörderinnen? Hochgradig unwahrscheinlich, aber wer weiß das schon in dieser komplett durchdrehenden Stadt? »Der deutsche Krimi hat nicht nur eine Hauptstadt, er hat auch eine Autorin dafür!« Süddeutsche Zeitung »Zunehmender Fremdenhass, Gewalt gegen Frauen, die offenen Grenzen zu Polen und der Zulauf zu den Republikanern: Das ist der Stoff, mit dem Pieke Biermann arbeitet und spielt. Mit Ernst und Humor zugleich. Und mit Spannung bis zur letzten Seite.« Tages-Anzeiger Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.
Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journalistin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more), Fran Ross (Oreo) und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.
Autoren/Hrsg.
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Die 235. von allen
UM 6 UHR 30 an einem Montag im Hochsommer stand der Erste Kriminalhauptkommissar in der Eingangshalle einer normannischen Festung in der Keithstraße Nr. 28. Frisch erholt, frisch geduscht und schon wieder verklebt an Haupt und Gliedern. Kurzes Zupfen vorn am T-Shirt, kleine Brise für den Bauch. Eine Hand durch die feuchten blonden Haare. Blick auf das Schild: Direktion III – Delikte am Menschen und Organisierte Kriminalität. Ja, dies hier war ihr regulärer Arbeitsplatz. Sie nestelte an ihrer Schultertasche. Warum nicht Amrum?, schoss ihr durch den Kopf, während sie nach der Schachtel tastete. Sie musste grinsen. Die Vorstellung, sie, der EKHK Lietze (Vorname: Karin), verbrachte den Rest ihrer Tage mit dem Schieben ein und derselben ruhigen Kugel inmitten einer nordfriesischen Insel-Idylle, war harntreibend. Zumal sie sich da während der vergangenen vierzehn Tage mit der Abwehr spätadoleszierender Hofmacher hatte herumschlagen dürfen, ausnahmslos aus der Altersgruppe zwischen Faltenwurf und Fettleber. Durchschnittlich zweimal pro Tag hatte sie nach einer befriedigenden Antwort auf die Frage: Warum Amrum?, gefahndet. Denn das Vergnügen, nicht baden zu dürfen, hätte sie an der Adria ebenso gut haben können, den Genuss von Natur in homöopathisch kleinen Dosen in jeder Großstadt. Ach, Unsinn. Wer weiß, wozu’s gut war. Sie hatte eben ihre voyeuristische Kompetenz trainiert und sich auf die reine Kontemplation verlegt: Das genießerische Betrachten der seltenen Exemplare ansehnlicher Männlichkeit. Die waren ohnehin entweder pausenlos in modernes Familienglück verwickelte neue Väter oder schwul. Oder von der Jugendlichkeit, an der sie sich vor nicht sehr langer Zeit erst die Finger verbrannt hatte … Dann lieber die Welt durch die Brille der Vorstellung. »Morng, Frau Hauptkommissarin!« Der kleine dicke Uniformträger mit dem Walkie-Talkie vor dem Bauch kam aus dem Glaskasten am Ende der Halle und reckte schon von weitem beflissen die rechte Hand. »Guten Morgen, Ritter.« Lietze drückte zu und zog ihn dabei zu sich heran. »Ab sofort einfach Lietze, abgemacht?« Sie zwinkerte ihm vertraulich zu, und Ritter lief pünktlich rot an. Dazu war’s gut gewesen, befand Lietze befriedigt. Strapazierfähige Nerven. Sie hatte endlich die Schachtel Lucky Luciano aus der Tasche gefingert, steckte sich eine an und hielt ihm die Schachtel entgegen. »Nee, ick darf doch nich mehr. Meine Frau hat meine janzen Zigarilljos wechjeschmissen. Stinkt ihr, sagt se.« »Was – jetzt noch?«, platzte Lietze heraus. Ritter stand kurz vor der Pensionsgrenze. »Na wieso, ick hab doch ’ne Neue. Letzte Woche jeehelicht. Sie war’n ja nich da …«, sagte Ritter entschuldigend. »Ach so, na, herzlichen Glückwunsch! Und dann gleich eine echte Mimose!« Hoffentlich duftet sie entsprechend, dachte Lietze, behielt das aber für sich. »Greifen Sie trotzdem zu. Oder womit soll ich mich in Zukunft für Ihren Kaffee revanchieren?« Der Wachmann wurde wieder rot. »Na, wenn Sie det sagen. Ick muss se ja nich kurz vor Feierabend rauchen. Müssen sowieso nich alles wissen, die Wei–, äh, ’tschuldjunk! Die Frau–, ach du Scheiße!« Zu Ritters grenzenloser Erleichterung klingelte in diesem Augenblick das Telefon im Glaskäfig. Er griff sich eine Lucky Luciano und stürzte davon. Lietze steckte die Schachtel in die Tasche zurück und beobachtete, wie Ritter abnahm, dann eine Hand auf die Sprechmuschel legte und mit dem anderen Arm durch die Luft ruderte. Sie ging zu ihm. »Nischt für unjut, LIETZE!« Sie spreizte Zeige- und Mittelfinger zu einem V, nickte ihm zu und ging zum Fahrstuhl. Angenehm abgekühlt und in selten aufgeräumter Laune. Diese alten Gemäuer haben ihre Vorteile, dachte sie, während sie in den zweiten Stock hinauffuhr, drei tiefe Lungenzüge mit dem Rauchverbotsschild im Rücken. Halten Hitze und grelles Sonnenlicht ab. Das Dienstzimmer war düster, kühl und roch nach Bohnerwachs. Hoffentlich lassen die sich viel Zeit mit diesem Neubau. Sie zog die Füße aus den Tennisschuhen. Oder noch besser: Hoffentlich geht ihnen früh genug das Geld aus. Sie schob die Schuhe unter den Schreibtisch und schlenderte barfuß zu den beiden Fenstern, um sie aufzureißen. Polizeizentrale. Wer braucht denn so was! Lächerlich. Sie kehrte zum Schreibtisch zurück. Jetzt wird Geld für ganz andere Sachen gebraucht. Sie schloss die Rollläden auf. Wo die in Ungarn die ersten Laufmaschen in den Eisernen Vorhang gerissen haben. Sie holte Kalender und Zigarillos aus der Tasche, legte sie auf den Tisch und stand wieder auf, weil im Nebenzimmer das Telefon läutete. »Auf den Kaffee müssen Sie aber noch warten«, sagte eine Stimme, wohltuend wie ein kostbares Badeöl nach einem Feierabendbad. »Ungefähr eine Viertelstunde.« »Guten Morgen, Mimi. Lassen Sie sich Zeit, an Schweißausbrüchen wird heute kaum Mangel sein.« Lietze sah auf die Kaffeemaschine, die harmlos auf einem Aktenschrank im Schreibzimmer stand. »Gibt’s was, das ich schon lesen kann, oder war hier etwa nichts los die letzten zwei Wochen?« »Doch. Der mit den Stempeln hat –« Es war keine Hitze, die Lietze Schweißperlen auf die Hände trieb. Vor vier Monaten hatten sie sein letztes Opfer gefunden. Seitdem war Ruhe gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich verzogen. Oder er hielt sich zurück, solange diese Racheengel mit ihren nächtlichen Patrouillen die Gegend für Leute wie ihn unsicher machten. Hatte sie gedacht. »Wieso erfahre ich das erst jetzt? Wo war’s denn diesmal?«, fauchte sie Mimi an. »Dieselbe Ecke. Ich habe gestern den Bericht von Fritz getippt. Er liegt zusammen mit dem Obduktionsbefund in meiner Schublade.« Den Stempler hatten sie also nicht vertrieben, diese Patrouillentanten diese –! Lietze nahm die Akte und ging wieder an ihren Schreibtisch. Sie zündete sich hastig die nächste Lucky Luciano an. Rauch stieg ihr ins Auge und brannte. Fluchend knallte sie die Akte auf den Tisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Ahoi Erholung, sagte sie laut. Und leise, kaum hörbar für ihre eigenen Ohren: Nimm wenigstens den letzten Rest an Aufgeräumtheit und gesteh dir ein, dass du neidisch bist auf diese – diese –! Jawohl, diese hirnverbrannten Faustrechtlerinnen, die dir voraushaben, dass sie ihren Kiez kennen, verdammt noch mal. Du hast nicht die geringste brauchbare Spur! Und obendrein noch zwei männliche Leichen im Keller. DER 31. JULI war wieder so einer. Sie hatte es genau gespürt vorhin, als sie ihre täglichen tausend Meter durch den Kleistpark gelaufen war, in jeder Hand eine Kilohantel. Ein besonderer Tag, wie er auch in Sommern nur selten vorkommt. Und während der kalten, grauen Jahreszeit fast gar nicht. Es war nicht nur die Sonne, die Wärme. Die gab es seit Wochen täglich. Aber die Luft hatte wieder so gerochen, vorhin. Es war wieder dieses Klirren in der Atmosphäre, als bestände der Himmel aus Millionen hauchfeiner Glasscherben, die von der leisesten Luftbewegung aneinandergerieben werden. Es waren diese sterbensglückliche Süße, dieser pulsierende Duft, die ein schrilles Brennen zwischen die Schenkel treiben. Und das Licht. Als sie unter der Dusche stand, wusste sie, sie musste die enge violette Jeans anziehen und sich auf die Suche machen. Das Wasser, die Seife, die Bürste, alles fühlte sich anders an. Auf der Haut. Sie trat vor den Spiegel. Ja. Heute waren sie wieder schön. Sie konnte sie wieder anfassen, sogar ansehen. In ihrer ganzen fleischigen Schwere. An anderen, normalen Tagen hasste sie ihre Brüste. Sie waren der nicht wegzutrainierende Hinweis darauf, dass sie »von Natur aus« einen anderen Körper gehabt hatte. Scheiß auf Natur! Natur ist grausam! Jedes sonstige Gramm Fleisch, nein: Fett, hatten zwei Jahre Karate, dreimal in der Woche anderthalb Stunden, und tägliche Disziplin abgetragen. Übrig geblieben waren Muskeln, Sehnen, Knochen, Haut, die schiere Kraft. Aufreizender Gegensatz zu den langen weichen rotblonden Locken, dem großen weichen grellroten Mund, den ebenso roten langen Fingernägeln und ihrer Vorliebe für hochhackige Schuhe. Sie ließ Hemd, Trainingshose und Slip auf dem Badezimmerboden liegen und stieg nackt in die schmale, steife Köperhose. Besondere Tage waren spätestens daran zu erkennen: An dem Drang, Schritte zu machen und bei jeder Bewegung die harte, scharfe Naht einer etwas zu knappen Hose zwischen den Beinen zu spüren, den Druck des Stoffes unnachgiebig auf der Perle und den Hüften. An der Erregung, wenn er bei jedem Schritt, jeder Drehung des Oberkörpers Bruchteile von Millimetern über Nervenenden schabt, die roh aus der Haut zu ragen scheinen. Die Schritte sind auch anders. Sie kommen von ganz unten, direkt aus herrisch trommelnden Absätzen. Stahlbeschlagen. Punktförmig. Tak-tak. Tak-tak. Und ab und zu ein metallisches Raaatsch. Arhythmisch. Auf Steinplatten heller als auf Asphalt. Die Wirbelsäule aufwärts gespannt wie eine Harfensaite. Sie würde das Weitwinkelobjektiv auf die VX 1000 schrauben. Dies war kein Tag für Teleobjektive. Besondere Tage sind Tage auf Tuchfühlung. Sie legte die Armbanduhr um und kostete jeden Schritt in die Küche aus, das Brotschmieren, das Kaffeeaufgießen. Mit dem Toast im Mund und der Tasse in der Hand ging sie zurück ins Badezimmer. Sie schüttelte die nassen Haare und wühlte sie mit der freien Hand in die richtige, die wilde Form, jede Bewegung ein Lustgewinn. 7 Uhr 16. Aussehen wie gerade aus dem Lotterbett gezogen. Das war der Trick....




