Buch, Deutsch, Band 2, 272 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm, Gewicht: 276 g
Reihe: Funtasy
Schwiegerdrachen inklusive
Buch, Deutsch, Band 2, 272 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 190 mm, Gewicht: 276 g
Reihe: Funtasy
ISBN: 978-3-948592-33-2
Verlag: Ashera Verlag
Ein Drache und eine Vampirin in trauter Ehe sind schon ungewöhnlich genug. Wenn dann noch ein Butler mit dunklem Geheimnis eine durchgeknallte Reporterin und allerhand Geistervölkchen hinzukommen, die sich im Schlosshotel der besonderen Art tummeln, ist Chaos noch das Harmloseste, was passieren kann.
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Middeath Crisis
„Ich bin hässlich!“, jammerte Lucretia nun zum sieb-zehnten Mal an diesem Morgen und schob angewidert das Frühstück von sich.
„Aber nein, Schatz. Du bist die bezauberndste Schwangere, die es gibt“, versuchte Gil seine Frau zu trösten und hauchte zärtliche Küsse auf ihre bleichen Wangen. Seit sie die Frucht seiner Lenden in sich trug, liebte er sie mehr denn je.
„Ich bin fett!“, widersprach sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du bist schwanger.“
„Ich sehe aus, wie ein überfressener Troll.“
„Nein, Schatz. Nein, wirklich nicht. Wie Cousin Flor-ewig siehst du nicht aus.“
Es war gut gemeint, aber der Vergleich ließ Lucy in Tränen ausbrechen. „Ich erinnere dich an Flo. Oh, ich bin noch fetter, als ich dachte.“
Was auch immer er jetzt sagte, wäre falsch. Lucy litt nach fünf Jahren Schwangerschaft sehr unter Depressi-onen. Welche Frau würde das nicht? Aber Drachen brü-teten nun mal zwischen zehn und fünfzehn Jahren.
Angesichts der sensiblen Stimmung seiner Liebsten entschied Gil, lieber das Thema zu wechseln. „Die Party heute Abend wird bestimmt ein voller Erfolg. Auch Mama muss dir zugestehen, dass du beeindruckend schnell den Stammhalter unseres Hauses unter dem Herzen trägst.“
Er nahm seine Frau in die Arme und mit einem Schmollmund kuschelte sich Lucy an seine Seite.
„Ja“, schniefte sie. „Ich hab Penelopee diesmal auch mit zwei ‚e’ geschrieben.“
Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Man musste es ihr hoch anrechnen, dass sie diesem Fest zugestimmt hatte. Die Beziehung zwischen seiner Frau und seiner Mutter war nicht die beste. Penelopee wollte nicht ver-stehen, warum ihr Sohn eine Vampirin geheiratet hatte, wo doch so viele junge Drachenmädchen im wahrsten Sinne des Wortes Feuer und Flamme für ihn waren, und er darüber hinaus in Kauf nahm, überwiegend in menschlicher Gestalt herumzulaufen. Lucys Bemühen, ihre Schwiegermutter zu versöhnen, war leider geschei-tert. Dabei hatte sie versucht, alles auf die angeheiratete Drachenfamilie abzustimmen. Vom Nobel-XXL-Grill bis hin zu den geräumigen Schlafhöhlen mit automati-scher Wärmeregulierung und Dampfabzugshaube. Die besondere Würdigung bei der Ankunft – das Willkom-mensbanner – war dann aber gründlich in die Hose ge-gangen. Obwohl Lucy keine Mühen gescheut und es eigenhändig aus in der Sonne glühendem Lavagarn ge-klöppelt hatte, war ihr der entscheidende Fehler unter-laufen, Penelope mit einem ‚e’ am Ende zu schreiben, wo diese doch so viel Wert auf das zweite ‚e’ in ihrem Namen legte. Seitdem hatte der Satz, ei-nen echten Dra-chen als Schwiegermama zu haben, eine besondere Be-deutung.
„Es wird schon alles gut gehen“, versuchte Gil seine Frau zu ermutigen. „Und jetzt trink brav dein sedatives Plasma, das Gerard dir heute früh frisch von der Blut-bank geholt hat. Das beruhigt die Nerven, dann geht es dir gleich wieder besser.“
***
Gerard, Butler des Hauses von Pyromenika zu Alabast, hatte in diesem Moment gänzlich andere Sorgen als den labilen Seelenzustand seiner Herrin. In einem hochherr-schaftlichen Hause dienen zu dürfen, war die größte Ehre, die einem Butler zuteilwerden konnte. Mit Stolz erfüllte er diese Rolle, hielt sich diskret im Hintergrund und war stets zur Stelle, wenn er gebraucht wurde. Bei der Erinnerung an diese Einleitungssätze des Studienlei-ters auf der Butlerschule fragte sich Gerard hin und wieder, welch verworrene Schicksalsfäden ihn wohl in das Haus derer von Pyromenika zu Alabast geführt hat-ten. Aber ja, er war stolz und willens, jede neue Heraus-forderung zu bewältigen, die diese Stellung mit sich brachte. Und an solchen mangelte es hier nun wirklich nicht.
Ein letztes Mal kontrollierte er alles, pflückte imaginäre Fussel von seinem Frack und zupfte an der Fliege, bis sie den perfekten Winkel in Relation zu seinem Hemd-kragen hatte. Er fuhr sich mit der Hand über das kurze, graumelierte Haar und vergewisserte sich, dass die Po-made einwandfrei hielt. Die hohen Herrschaften von Pyromenika würden bald eintreffen, und so nutzte er die letzte Gelegenheit, seine Fluglotsenkellen zu kon-trollieren. Nachdem sein Gesicht mühelos von der hochglanzpolierten Oberfläche widergespiegelt wurde, stellte er sich auf seine Position in der frisch angelegten Einflugschneise, um dafür zu sorgen, dass die Drachen ordnungsgemäß landeten.
Das A und O eines Staatsempfanges war die umfas-sende Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Gäste. Gut, das Eintreffen der Familie seiner Herrschaft war mit dem Besuch eines Staatsoberhauptes nicht gleichzu-setzen, aber La-dy Penelopee konnte es, was das Wich-tignehmen ihrer eigenen Person anging, mit jedem Staatsoberhaupt der Welt aufnehmen. Und davon abge-sehen nahm Gerard, was er kriegen konnte, um seine Qualitäten und Flexibilität ins rechte Licht zu rücken. Immerhin hatte er einen Ruf zu verlieren.
Wie unzählige Male zuvor verdrängte er den Gedan-ken, welcher Trubel in dem Schloss ausbrechen würde, wenn der Nachwuchs auf der Welt war. Wenigstens blieben noch mindestens fünf Jahre, bis das Chaos end-gültig über ihn hereinbrach. Er musste unbedingt den Vorrat an Asbestdecken aufstocken und sich informie-ren, wie er die antiken Möbel feuerfest bekam. Ehe er Gelegenheit hatte, an seinem Brand-schutzübungsplan weiterzuarbeiten, tauchten am Horizont kleine Punkte auf, die schnell näher kamen.
Es war soweit. Die Drachen – und das meinte er kei-neswegs abfällig, sondern voller Respekt – schwebten zur Babyparty heran.
Nun ja, schweben war angesichts der Ausmaße und der Auswirkungen der sieben Flugkörper wohl ge-schmeichelt. Umso wichtiger, eine sichere und zielge-naue Landung zu gewährleisten. Der Schaden an Château und Umgebung wäre sonst kaum abzuschätzen. Ganz zu schweigen davon, wenn es erneut zu Erschütte-rungen und Einstürzen in den benachbarten Zwergenstollen käme. Das kleine Volk war da äußerst sensibel und das Nachbarschaftsverhältnis seit dem letzten Landeunfall von Lord Gils Verwandtschaft oh-nehin angespannt.
Sich der Verantwortung auf seinen Schultern also be-wusst, hielt Gerard die Kellen über seinen Kopf und begann zu wedeln. Es dauerte nicht lange, bis die Dra-chen nahe genug waren, um ihre Gestalten zu erkennen. Die drei Vordersten mit der stattlichen Größe eines Ein-familienhauses, dahinter vier kleinere Jungdrachen, die sich im Flug gegenseitig ihre Hinterläufe in die Seiten rammten und hin und wieder Feuer spuckten. Gerard hob eine Augenbraue und beschleunigte seine Winkbe-wegungen, um den Herrschaften den perfekten Ein-flugwinkel zu zeigen. Die Ankömmlinge klappten ihre Flügel ein und setzten zum Sturzflug an.
Ihm traten Schweißperlen auf die Stirn. Mit einem ra-schen Seitenblick schätzte er ab, in welche Richtung er sich am schnellsten retten konnte, da sausten die ersten Drachen an ihm vorbei. Eine Sturmwelle wirbelte ihn herum, löste seine Frisur in Wohlgefallen auf und dreh-te die Fliege um neunzig Grad. Konfus wollte er re-flexartig das Haar glatt streichen und knallte sich dabei die Kellen an die Stirn. Bei der nächsten Böe wirbelte er mit einem „Oi!“ abermals herum und blieb schwankend stehen, gerade rechtzeitig, um der Nachhut ins Auge zu blicken, die – noch immer mit ihren Keilereien beschäf-tigt – in Knäuelformation flog. Entsetzt riss Gerard die Augen auf, wollte sich mit einem Hechtsprung aus der Gefahrenzone bringen, da war es schon zu spät. Die Flegel flitzten an ihm vorbei, trafen ihn hier mit einem Flügel, dort mit einer Schuppe und ließen ihn wie einen Kreisel trudeln.
Ihm war speiübel, als er endlich zum Stehen kam und sein brennendes Hosenbein löschte. Während er beglei-tet von leisem Donnergrollen aus den Zwergenstollen zum Haus zurücktorkelte, die Kellen unter die Arme geklemmt, dachte er nur: Das kann ja heiter werden.




