Bodenheimer Wandernde Schatten
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8353-2038-3
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Ahasver, Moses und die Authentizität der jüdischen Moderne
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-8353-2038-3
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
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Alfred Bodenheimer, geb. 1965 in Basel, ist, nach Tätigkeiten an der Hebrew University Jerusalem, der BarIlan University bei Tel Aviv und der Universität Luzern, seit 2003 Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel und leitet deren Zentrum für Jüdische Studien. 2005-2008 war er daneben Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, 2010-2012 war er in Basel der europaweit erste jüdische Dekan einer Theologischen Fakultät.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;6
2;1. Der projizierte und der reflektierte Jude – eine Einleitung;8
3;2. »Jene Volksmumie, die über die Erde wandert«. Heinrich Heines doppelte Inversion;30
4;3. Gras und Pflastersteine – Theodor Herzls mosaische Phantasien;46
5;4. Ahasveriaden. Fritz Mauthner, Ernst Toller und Jakob Wassermann;66
6;5. »Seltsames Wandern zum Rhein vom Nil«. Karl Wolfskehls Dialektik der Verheißung;90
7;6. »Kann denn ein Land Verheißung sein?« Das wandernde Volk und der sterbende Moses bei Else Lasker-Schüler, Hedwig Caspari und Rudolf Kayser;110
8;7. Das Denken des Unvorstellbaren. Arnold Schönberg;128
9;8. Die Entmaterialisierung Gottes und das Verhängnis der uneingestandenen Schuld. Sigmund Freud;152
10;9. Krakelschrift, Sinaisand. Heteronomie und Repräsentation in Gertrud Kolmars ›später‹ und Nelly Sachs’ ›früher‹ Dichtung;170
11;10. »Our face!« oder Authentisch antithetisch. Stefan Heyms Ahasver und Philip Roths Operation Shylock;190
12;11. Schlußwort: Die verlorene Abwesenheit;212
13;Anmerkungen;220
14;Literaturverzeichnis;266
15;Dank;284
(S. 151-152)
Hätte unsere Zeit noch Sinn für Formen, sie hätte für Freud jenen Titel erneuern müssen, den die geistigen Häupter der aus Palästina vertriebenen Juden um die Talmudzeit in Babylon trugen: Resch Galuthah, Fürst des Exils.
In den vergangenen Jahren hat sich ein zunehmendes Forschungsinteresse auf Sigmund Freuds Spätwerk Der Mann Moses und die monotheistische Religion zu richten begonnen. Es wurde unter den verschiedensten Aspekten neu gelesen, die letztlich eines gemeinsam hatten: Im Mittelpunkt stand für gewöhnlich weniger Freuds historische Moses-Konstruktion als die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Judentum in den Dreißiger Jahren und dem Ort, den er sich – als Forscher, als Religionskritiker, als Deuter von Tradition, als vom Exil Bedrohtem und schließlich Exiliertem – darin zumaß.
Es scheint aber, daß dieser Text etwas stärker vermittelt und in seinen Erklärungsversuchen zum Schicksal des jüdischen Volkes intensiver gelesen werden muß. Überdies ist es im Zusammenhang mit dieser Studie wichtig, daß Freud in der Zeit, da Der Mann Moses sich im fortgeschrittenen (vielleicht schon vollendeten) Stadium befand, in einem Brief vom 12. Mai 1938 seinem Sohn Ernst im Zusammenhang mit den Vorbereitungen der Tochter Anna für die Emigration aus dem besetzten Wien schreibt: »Ich vergleiche mich manchmal mit dem alten Jakob, den seine Kinder auch im hohen Alter nach Ägypten mitgenommen haben, wie uns Th. Mann im nächsten Roman schildern wird. Hoffentlich folgt nicht darauf wie dereinst ein Auszug aus Ägypten. Es ist Zeit, daß Ahasver irgendwo zur Ruhe kommt.«
Zur Zeit, als Freud sein Moses-Projekt wohl gedanklich bereits zu Ende gebracht hatte und nur aus politischen Rücksichten von der Niederschrift und Publikation des dritten, der Aussage nach entscheidenden Teils absehen mußte, war die Hoffnung auf das Ausbleiben eines Auszugs aus Ägypten persönlich sein tiefster Wunsch.
Ein Ahasver, der zur Ruhe kam (und zwar ausdrücklich »irgendwo« und nicht im Gelobten Land), also kein wandernder Jude mehr war, ließ auch die Moses-Komponente des Judentums, den finalen Exodus aus Ägypten, sich erübrigen. Dieser scheinbar dezidierte Rückzug aus dem Mythos des Judentums paßt sich in Wirklichkeit in jene Tarnungsstrategie ein, mit welcher Freud gegen Ende seines Lebens zum einen jeden parallelen jüdischen Anklang an die zeitgenössischen deutschen Mythisierungen der Vergangenheit, zum andern jede ›Re-Judaisierung‹ der ins Exil getriebenen Psychoanalyse selbst zu vermeiden trachtete, um zugleich unterschwellig die Harmonisierung zwischen jüdischem Erbe und Psychoanalyse erstmals radikal anzustreben.




