Boldt | Hauptsache gesund! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 392 Seiten

Boldt Hauptsache gesund!

Science-Fiction-Geschichten zum MediKonOne 2016
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95765-984-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Science-Fiction-Geschichten zum MediKonOne 2016

E-Book, Deutsch, 392 Seiten

ISBN: 978-3-95765-984-2
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kann der Tod besiegt werden? Hat das überhaupt Sinn? Wird Gesundheit zu einem Luxus, der die Menschheit spalten wird? Oder ist gesundes Leben in der Zukunft selbstverständlich und kostenfrei? Wie sehen neue Therapien aus? Wird sich der Mensch an lebensfeindliche Umgebungen anpassen? Haben Klone Rechte? Und wenn ja, welche? Gibt es im Jahr 2500 noch Mann und Frau? Wie werden unsere Kinder aussehen? Und wer entscheidet das? Wird der Mars eine planetenweite Kurklinik? Und wird Unsterblichkeit wirklich Spaß machen? Das Feld der Themen ist ein weites, und die in diesem Band vertretenen Autoren haben einige Furchen eindrucksvoll beackert. Und gleichgültig, was die Zukunft der Medizin uns bringen wird - es bleibt die 'Hauptsache gesund'.

Ralf Boldt wurde am 11.06.1962 in Norden (Ostfriesland) geboren und verbrachte dort auch seine Schulzeit. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt der Angewandten Informatik arbeitete er zunächst in Emden, Leer und Wilhelmshaven bevor es ihn Richtung Oldenburg zog. Die Science Fiction faszinierte ihn schon früh. Und der SF ist er bis heute treu geblieben. Mit seiner Frau, drei Katzen und einem Rudel Hunde wohnt er nun im schönen Ammerland. Die drei Kinder sind mittlerweile flügge geworden und wohnen nicht mehr zuhause. So bleibt manchmal etwas Zeit zum Schreiben.
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Ralf Boldt: Hauptsache gesund


Es begann mit einem leichten Kribbeln in der Nase.

Wie jeden Morgen die letzten Jahre fuhr ich mit der U1 in die Hamburger Innenstadt zu meiner Arbeitsstelle. Ich war während dieser Zeit noch nie krank gewesen. Doch heute fühlte ich mich nicht ganz fit. Schon beim Aufstehen deutete sich ein ungewohnter, leichter Druck hinter der Stirn an, doch dieser war verschwunden, als ich unter der Dusche stand.

Dann passierte es: Ich musste niesen. Schlagartig entlud sich die Luft aus meinen Lungen in die Umgebung. Bestimmt fünfzig Augenpaare starrten mich an. Alle, aber auch alle Mitfahrer schauten von ihren Tablets, Smartphones, ihren Büchern und Zeitungen auf und fixierten mich wie einen tollwütigen Fuchs. Eine Mutter nahm ihre kleine Tochter auf den Arm und entfernte sich hastig von mir in die entgegengesetzte Ecke des Wagens. Ein älterer Mann hob sein Handy ans Ohr. Dabei blickte er abwechselnd mich und die anderen Fahrgäste an. Er wollte sicherlich die Gesundheitspolizei anrufen, denn es gab immerhin fünfhundert Euro Prämie für einen freilaufenden Kranken. Langsam wurde die Situation unangenehm für mich.

»Hier!«, rief ich. »Alles im grünen Bereich!«

Ich zeigte auf meinen Health-Button und drehte mich einmal im Kreis, damit sich auch jeder vergewissern konnte, dass er wirklich in einem strahlenden Grün leuchtete.

»Kein bisschen orange und schon gar nicht rot!«

Der Mann mit dem Smartphone am Ohr machte ein enttäuschtes Gesicht. Langsam beruhigten sich auch die anderen. Eine Frau riet mir noch, morgens mehr Prophylaktika zu nehmen und steckte mir eine Probepackung Bonsana®-Dragees zu. Ich entschwand wieder aus dem Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit und jeder wandte sich seinen privaten allmorgendlichen U-Bahn-Tätigkeiten zu.

Das war auch dringend notwendig, denn ich bemerkte, dass ich vor Aufregung zu schwitzen begann. Ein nasses Gesicht wäre für einige der Anwesenden sicher ein weiteres Indiz für eine Krankheit und einen Anruf bei der Gesundheitspolizei wert.

Die U-Bahn erreichte endlich meine Station und ich war froh, aussteigen zu dürfen. Nur ein paar Schritte und ich erreichte meine Firma. Im Büro angekommen, schloss ich die Tür hinter mir und ließ mich in meinen Stuhl fallen. Doch schon öffnete sie sich wieder und mein Kollege Jörg steckte den Kopf ins Zimmer.

»Keinen Kaffee heute zum Start?«, fragte er.

»Ich komme gleich. Muss nur die Mails zum aktuellen Projekt checken. Ich melde mich bei dir.«

Damit gab er sich zufrieden und ich war wieder allein im Büro.

Irgendwie ging es mir heute wirklich nicht gut. Das kannte ich nicht. Aber das Grün des Health-Buttons sagte doch, dass ich kerngesund sein musste. Ich schaltete meine Workstation an und musste den Daumen auf die Entnahmefläche drücken. Ein kurzer Pikser und ich war etwas Blut los. Vorher hatte der Rechner mit dem Health-Button kommuniziert und Daten ausgetauscht. Das Ergebnis der Schnellanalyse wurde in meiner elektronischen Personalakte gespeichert und der Rechner gab den Desktop frei, denn das war eindeutig meine DNA.

Auf dem Desktop schaltete sich die Health-Ampel oben rechts auf dem Monitor ebenfalls auf Grün. Ich war demnach gesund und leistungsbereit, hatte ausreichend geschlafen und alle Blutwerte waren okay. Dennoch kribbelte es schon wieder in meiner Nase und ich musste den Niesreiz unterdrücken. Dabei schossen mir Tränen in die Augen. Hoffentlich sieht mich keiner so! Ich sah auf der Abteilungs-App, dass alle Kollegen bereits in ihre Projektaufgaben vertieft waren. Mein Team war schon fleißig und auch ich musste mich ranhalten, um das heutige Pensum zu schaffen. Also machte ich mich an die Arbeit und vergaß mein leichtes Unwohlsein. Ich trank sogar einen Kaffee mit den anderen Kollegen und war früher als geplant mit meinen Arbeiten fertig.

Nach der Mittagspause nahm ich mir etwas Zeit, nachzudenken. Inzwischen hatte sich zu dem Kribbeln in der Nase wieder ein leicht bohrender Schmerz in der Schläfe hinzugesellt. Das war schlimmer als der Druck heute Morgen. Doch der Health-Button blieb beharrlich grün.

Es war Pflicht, diese Buttons seit der Einführung des »Gesetzes zur deutschen Volksgesundheit« – kurz GzdV – im Jahre 2022 jederzeit offen zu tragen. Sie waren gewissermaßen eine sichtbare Ergänzung zum Personalausweis. Dieser wurde zwar erstmals im Alter von sechzehn Jahren ausgestellt, doch den Button gab es mit der Einschulung. Die »Deutsche Gesundheitspartei« DGP hatte das Gesetz als Koalitionspartner der CDU durchsetzen können. Die DGP war zur Bundestagswahl 2021 erstmalig angetreten. Man munkelte, dass namhafte Unternehmen aus dem Gesundheitssektor den Wahlkampf dieser Partei mit nicht unerheblichen Geldern unterstützt hatten. Die DGP übersprang die Fünfprozenthürde mit Leichtigkeit. Achtzehn Prozent der Bundesbürger wählten die Partei und die seit 2017 wieder im Bundestag vertretende FDP musste die gerade warm gewordenen Sitze wieder räumen. Der CDU blieb außer der Möglichkeit einer Großen Koalition mit der SPD nur die Verbindung mit der DGP.

Die Baupläne für die Buttons wurden aus irgendeiner Schublade gezogen und schon wenige Monate später bekam jeder Bürger, der das sechste Lebensjahr erreicht hatte, ein persönlich adressiertes Päckchen nach Hause. Der Button musste sofort angesteckt werden. Ein Merkblatt mit Verhaltensregeln war beigelegt: Leuchtete der Button grün, durfte man sich frei bewegen und am allgemeinen Leben teilnehmen. Gelb bedeutete, dass die Menschen ihre Wohnung nicht mehr verlassen durften und sich spätestens am nächsten Tag beim zuständigen Arzt melden mussten. Dieser würde zu einem Hausbesuch vorbeikommen. Dafür hatte man mehrere Tausend neuer gut bezahlter Arztstellen geschaffen. Diese waren beim Staat angestellt und bekamen sogar einen eigenen Dienstwagen.

Sprang der Button auf Rot, wurde automatisch eine Meldung abgesetzt und ein Notarztteam brachte den Patienten unverzüglich in ein Krankenhaus. Der Button war dafür ständig mit dem flächendeckenden HealthCareNet, dem HCN, verbunden. Erst bei Grün durfte man wieder nach Hause. Damit waren die Gefahren von Grippewellen und anderen Epidemien nahezu gebannt worden.

Lebensmittel mussten nun per Gesetz gesund sein. Koffein, Nikotin und Zucker fanden sich auf einer Verbotsliste wieder.

Die Produktivität der deutschen Volkswirtschaft steigerte sich nachweislich schon nach einem Jahr um fünf Prozentpunkte. Die erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur und für die neuen Stellen amortisierten sich also blitzschnell. Das europäische Ausland war davon so begeistert, dass zuerst die Beneluxstaaten, dann Österreich und die Schweiz nachzogen. Frankreich, Großbritannien und die skandinavischen Länder folgten ebenfalls. Nur die südlichen Nachbarn zierten sich. Die deutsche Regierung übte aber über die EU Druck aus. Sollten die Staaten bis 2023 die deutsche Gesetzgebung nicht für sich adaptieren, drohte der sofortige Ausschluss aus der Union und das bedeutete Staatsbankrott für solche Länder.

Die USA diskutierten noch kontrovers, da die eine Hälfte des Kongresses das deutsche Gesetz für faschistisch hielt, während die anderen Senatoren eine kommunistische Schweinerei linker Parteien witterten.

Es gab ein paar nicht vorauszusehende positive Effekte in Deutschland, die man zu gerne mitnahm. Im Profifußball konnte ein Schiedsrichter sofort erkennen, ob ein Stürmer wirklich gefoult worden war. Blieb sein Button grün, bekam er sofort die gelbrote Karte, denn er hatte ja eine Schwalbe hingelegt.

Mein Button schien also nicht richtig zu funktionieren. Zumindest in diesem Moment. Denn früher war er durchaus auf Gelb gesprungen. In meiner wilden Phase hatte ich mit meiner damaligen Freundin Monika das eine oder andere Mal die Nacht zum Tag gemacht. Auch während der Woche. Morgens ließen Restalkohol, vermehrte Leber- und Nierenfunktion den Button die Farbe wechseln. Doch dank der Pharmaindustrie gab es schnell wirkende, nicht ganz preiswerte Mittelchen dagegen und ich konnte mit einem grünen Signal zur Arbeit fahren.

Ach! Monika! Was waren das für Zeiten gewesen! Vielleicht sollte ich sie nach all den Jahren noch mal anrufen …

Ich begann also, im Netz zu suchen, ob es technische Hinweise zum Button gab. Ich fand nicht viel. Um genau zu sein, gar nichts. Die Technologie war streng geheim. Nicht einmal den Ursprung oder den Hersteller konnte ich feststellen.

In diesem Moment ploppte ein Fenster auf dem Monitor auf. »Hör sofort auf zu suchen. Der Feind liest mit und wertet deine Anfragen aus!«, las ich dort. Es gab nur die Möglichkeit »OK« zu drücken, was ich auch tat. Das Fenster schloss sich.

Ich war immer der Ansicht gewesen, dass unser Firmennetzwerk und die Verbindungen ins Internet sicher und geschützt wären. Doch das schien so nicht ganz richtig zu sein. Jemand las auf meinem Computer mit!

Ein neues Fenster entfaltete sich. »Wir müssen uns treffen! Hauptbahnhof. Vor dem McDonald’s. 18:00 Uhr.«

Ich hatte die Nachricht gerade erst erfasst, als das Fenster schon wieder verschwand. Diesmal ohne Bestätigung von mir.

Das wurde immer verschwörerischer....



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