Von der Liebe leben
Die Sache, die wir alle fürchteten und über die wir nie sprachen, hatte etwas mit Sex zu tun. In den Vierzigerjahren hatten nur wenige meiner Freundinnen Erfrahrungen in dieser Hinsicht. Außerdem hatten wir die Befürchtung, dass die „Erfüllung der ehelichen Pflichten“, also etwas, was die katholische Kirche guthieß, nicht viel Spaß machen konnte.
Das größte Problem mit dem Sex aber war, ihn in unsere Terminkalender reinzukriegen. Samstags zwischen zwei und drei kam Sex nicht in Frage, weil da der Altpapiersammler kam. Vor dem Frühstück ging auch nicht, weil wir regelmäßig verschliefen. Nach dem Abendessen konnten wir's ohnehin vergessen – um diese Zeit rief immer jemand von unseren Eltern an, und wenn wir nicht ans Telefon gingen, benachrichtigten sie die Polizei. Dienstagabend war Bowling, da kam Bill spät nach Hause, und freitags wusch ich mir immer die Haare und schlief mit Lockenwicklern, um eine formvollendete Frisur zu kriegen. Also war der Freitag auch gestrichen.
Eines Abends erzählte mir eine meiner Freundinnen im Kartenklub von einem Artikel, den sie gelesen hatte. Darin stand, dass der sexuelle Reiz sich nach zwei Jahren Ehe bereits abgenutzt hätte.
Bei den Versuchen, uns auszumalen, was ihn ersetzen könnte, reichten die Antworten von Fruchteis mit heißer Schokolade bis zu Zahnregulierung.
Die Sache mit dem Sex zählte nicht mal zu den ersten zehn dringlichen Fällen auf unserer Hitliste.
Die echten Probleme waren die, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Frischvermählte sollten den ganzen Quatsch von Zärtlichkeit und Liebe in guten wie in bösen Tagen, in Reichtum und Armut, Krankheit und Gesundheit vergessen und sich lieber der großen Frage befassen: „Können wir uns ernähren und erhalten?“ Meinen Sie, irgendjemand würde zu den in die See der Ehe stechenden Paare sagen: Nehmt belegte Brote mit!?
Ich erinnere mich schwach, dass meine Mutter mich eines Abends, als ich noch alleinstehend und unbedarft war, bat: „Wenn du gerade schon stehst - könntest du mir ein Glas Wasser aus der Küche bringen?“
Ich fragte: „Wo?“
Sie fragte zurück: „Wo was? Das Wasser oder die Küche?“
„Die Küche“, gab ich zur Antwort.
„Ist das Zimmer mit der großen Uhr an der Wand.“
„Aha.“
Solange ich zu Hause lebte, hat sie immer mal wieder versucht, mich dazu zu kriegen, ihr bei der Küchenarbeit zuzuschauen, aber ich war nicht neugierig darauf, wie man ein Ei richtig aufschlägt oder ein Huhn zubereitet. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren hielt ich Aspik immer noch für einen Wintersportort.
Ich hatte auf der Highschool einige wenige Male Hauswirtschaft belegt, aber es war jeweils nur eine Frage der Zeit, bis uns der immer wiederkehrende Speiseplan samt der Götterspeise mit Vanillesoße zum Hals heraushing.
Eines Abends legte Bill seine Gabel auf die undefinierbare (und unangerührte) Speise auf seinem Teller und überlegte: „Vielleicht sollten wir einige Hochzeitsgeschenke zurückgeben und gegen was Nützliches eintauschen.“
„Und das wäre?“
„Eine automatische Würstchenbude, zum Beispiel.“
Tatsächlich ging uns jetzt die Bedeutung des alten Spruches auf: „Der Mensch ist, was er isst.“ Solange wir verliebt und dann auch verlobt waren, hatten wir von der Liebe gelebt, die weder Kalorien noch Nährwert hat und nur geringen Vorbereitungsaufwand erfordert.
Jetzt entdeckten wir, dass die nächste Mahlzeit nicht nur der Grund unseres Daseins war, sondern darüber hinaus die Basis aller unserer Gespräche, ein immer wiederkehrendes Thema.
„Was gibt es zum Abendessen?“
“Soll ich das Essen machen?“
„Bist du zum Einkaufen gekommen?“
„Hast du es aufgetaut?“
„Macht das deine Mutter so?“
„Ist es zu hart?“
„Ist es zu sehr durch?“
„Sind Koteletts zu teuer?“
„Soll ich es aufheben?“
„Du isst ja gar nichts.“
Wenn wir nicht über unsere Essgewohnheiten sprachen, dann rief meine Mutter an, um sich zu erkundigen, was ich kochte, oder meine Schwiegereltern kamen vorbei, um nachzusehen, ob ihr Sohn auch etwas Anständiges zu essen bekam.
Keiner von uns beiden wollte es zugeben, aber das Essen, das wir jede Woche bei unseren Eltern abstaubten, war unsere Rettung. Sozusagen eine verlängerte Nabelschnur.
Wir waren mit gänzlich überflüssigen Dingen in die Ehe gegangen. Warum nur hatte ich mir eingebildet, ich brauchte silberne Platzkartenständer in meiner Vitrine? Ich werde das nie verstehen. Jeder wusste, dass man an meinem Tisch keine Platzkarten brauchen würde: Man blieb nicht lange genug, um neue Bekanntschaften zu machen.
Unsere Hochzeitsgeschenke waren in keiner Hinsicht hilfreich. Wohlmeinende Freunde hatten uns kleine Pfännchen in Igelform geschenkt. Wir brauchten einen Badezimmerboiler. Wir besaßen zwar gravierte Teelöffel, aber keine Matratze für unser Bett. Wir waren Besitzer zweier Wohnzimmertischlampen. Aber die Tische, auf die man sie hätte stellen können, die fehlten uns noch immer.
Unsere Wohnung sah aus, als hätte sie jemand eingehäkelt ... dank Tante Mae. Als sie hörte, dass ich heiratete, häkelte sie sich bewusstlos. Es gab einen gehäkelten Überzug für den Klodeckel und den Wasserboiler, eine gehäkelte Fußmatte vor dem Waschbecken, einen gehäkelten Überzug für die Toilettenpapier-Reserverolle und eine gehäkelte Schnur zum Auf- und Zuziehen des Duschvorhangs.
Des Weiteren waren da noch: gehäkelte Überzüge für Seifenschachteln, Taschentuchpäckchen, die Reinigungsmilch, Schminktücher und ein dekoratives Hütchen als Wandschmuck.
Sie hatte nichts unbekleidet gelassen, soweit das Auge reichte. Selbst über die Tabascosoße war ein mexikanischer Riesenhut mit Poncho gestülpt, und die Weinflasche war als Pudel verkleidet. Jeden Türknauf in unserem Haus hatte sie kostümiert, dazu gab es feine Spitzendeckchen für Rückenlehnen und Armstützen jedes Sessels; die Fußbank war mit einem Afghanteppich bekleidet, auf den Tabletts lagen Sets, und sinnigerweise gab es sogar Deckchen für Tische, die wir noch gar nicht besaßen.
Konnte ich in der Küche keinen Preis gewinnen, so glänzte Bill seinerseits gewiss nicht als Handwerker.
„Vielleicht könnten wir ein paar unserer Hochzeitsgeschenke gegen einen Hammer eintauschen“, schlug ich eines Tages vor.
„Wozu?“, fragte er scharf.
„Nun, beispielsweise, um einen Briefkasten aufzuhängen und eine Handtuchstange im Bad.“
„Ich habe nie behauptet, handwerklich begabt zu sein“, verteidigte er sich.
„Ich spreche nicht von komplizierten Maschinen, für deren Bedienung man Schutzanzüge braucht. Ich spreche von einem Hammer.“
„Mein Vater hat so was im Keller“, murmelte er.
„Es wäre auch toll, wenn du einen kleinen Bohrer hättest und vielleicht einen Schraubenzieher. Wer weiß, vielleicht könntest du eines Tages ...“
„Moment mal“, unterbrach er mich. „Jetzt sind wir bei Toms und Jeannes Pingpongballuhr, oder? Darauf läuft diese ganze Unterhaltung doch hinaus.“
Tom und Jeanne sind gute Freunde, die drei Wochen vor uns geheiratet hatten. Ihre Wohnung war sozusagen „handmade“. Die Wände waren tiefgrün gestrichen. Sie hatten alte Möbel gekauft und sie weiß und gelb lackiert. Sie rahmten Plakate und hängten sie auf, und Jeanne hatte aus getrockneten Blumen Collagen gemacht, die in der Küche hingen. Tom hatte aus aufeinander gesteckten Blumentöpfen eine Lampe angefertigt, und beide zusammen hatten Bücherborde aus Ziegelsteinen und Brettern entworfen. Aber der Blickfang schlechthin war Toms Uhr. Er hatte die Innereien einer alten Uhr genommen und um sie herum ein Ziffernblatt aus bemalten Pingpongbällen angelegt, die an Holzdübeln befestigt waren.
„An unserer Wohnung gibt es nichts auszusetzen“, verteidigte sich Bill.
„Sie ist so gemütlich wie eine öffentliche Bedürfnisanstalt.“
„Ich habe einiges daran gemacht“, sagte er.
„Die Regalborde mit Klebefolie bezogen und einen Nagel über der Spüle für die unbezahlten Rechnungen eingeschlagen, ja. Große Dekorationsleistungen sind das nicht gerade.“
Ich glaube, unser größtes Problem war, dass wir ziemlich knapp bei Kasse waren und gänzlich unvorbereitet für die Ehe. Um ehrlich zu sein, ich hatte es mir schöner vorgestellt – und romantischer. Unsere Eltern hatten von den mageren Jahren, „arm, aber glücklich“, mit so viel Begeisterung und Gelächter erzählt, dass wir grün vor Neid darüber waren, dass wir die...