E-Book, Deutsch, Band 1, 272 Seiten
Reihe: Die Private-Serie
Brian Private - Eine von euch
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21408-1
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 272 Seiten
Reihe: Die Private-Serie
ISBN: 978-3-641-21408-1
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als die 15-jährige Reed Brennan einen Platz an der elitären Easton-Academy ergattert, erhofft sie sich eine goldene Zukunft. Doch ihr Schicksal liegt in den Händen der Billings-Girls: reich, schön, intelligent, selbstbewusst – und die vier mächtigsten Mädchen der Highschool. Reed setzt alles daran, um in ihren exklusiven Zirkel aufgenommen zu werden. Doch hinter ihren Designer-Sonnenbrillen verbergen die Billings-Girls dunkle Geheimnisse und machen Reed das Leben schwer. Die neue Highschool würde zur Hölle, wäre da nicht der attraktive Thomas …
Kate Brian hat einen Bachelor-Abschluss in Englischer Literatur und Journalismus an der Rutgers Universität gemacht und arbeitete vier Jahre als Lektorin, bevor sie mit ihrer Private-Serie die New York Times- und USA Today-Bestsellerlisten stürmte.
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Wo die Schönheit zu Hause ist
Wo ich herkomme, ist alles grau. Die nichtssagenden kastenförmigen Einkaufszentren. Das Wasser im See des Stadtzentrums. Selbst das Sonnenlicht hat dort etwas Trübes. Frühling gibt es bei uns kaum und Herbst schon gar nicht. Bereits früh im September fällt das Laub von den kränklichen Bäumen, sodass es gar nicht mehr die Möglichkeit hat, seine Farbe zu verändern, und landet in den Dachschindeln der Standardhäuser, bei denen das eine vom anderen nicht zu unterscheiden ist.
Wer in Croton, Pennsylvania etwas Schönes sehen will, muss sich in sein neun Quadratmeter großes Schlafzimmer seines langweiligen Reihenhauses setzen und die Augen schließen. Und dann der Fantasie freien Lauf lassen! Manche Mädchen stellen sich vor, wie sie mit ihrem Freund, einem Filmstar, unter Blitzlichtgewitter über den roten Teppich gehen. Andere ziehen eher die Prinzessinnen-Nummer ab und beschwören Diamanten, Diademe und Prinzen auf weißen Rössern herauf. Ich aber dachte während meines gesamten neunten Schuljahrs immer nur an eines: die Easton Academy.
Wie ich letztendlich dorthin kam, an den Ort meiner kühnsten Tagträume, während meine ehemaligen Klassenkameraden an die dumpfe, trostlose Croton High wechselten, ist mir bis heute noch nicht ganz klar. Vermutlich habe ich das meinem Talent für Fußball und Lacrosse zu verdanken, meinen Noten, der euphorischen Empfehlung der temperamentvollen Easton-Absolventin Felicia Reynolds (die coole Ex meines Bruders Scott) und höchstwahrscheinlich auch ein wenig der Bettelei meines Vaters. Doch das war mir in diesem Moment egal. Ich war da, und es war genau so, wie ich es mir erträumt hatte.
Als mein Vater mit unserem zerbeulten Kleinwagen durch die sonnigen Straßen von Easton, Connecticut fuhr, musste ich mich zwingen, meine Nase nicht gegen die mit Hundesabber beschmierte Fensterscheibe zu pressen. An den Geschäften hingen bunte Stoffmarkisen und die Fenster glänzten sauber. Die Straßenlaternen waren zwar von der altmodischen Sorte, die früher einmal von einem Typen auf einem Pferd, der eine Fackel mit sich rumschleppte, entfacht wurden, funktionierten heute allerdings elektrisch. Von den Laternen hingen Topfpflanzen, deren knallrote Blüten leuchteten und die noch von der letzten Wässerung mit dem Gartenschlauch tropften.
Sogar die Gehwege waren schön: sauber, aus Pflastersteinen und von riesigen Eichen gesäumt. Im Schatten dieser Bäume traten zwei Mädchen in meinem Alter plaudernd aus einer Boutique namens »Ein Hauch von Nichts« und schwenkten ihre durchsichtigen Einkaufstüten voller ordentlich gefalteter Pullover und Röcke. Obwohl ich mich in meiner abgetragenen Lee-Jeans und meinem blauen T-Shirt deplatziert fühlte, gab es keinen anderen Ort, an dem ich lieber leben wollte als hier in Easton. Es war einfach unfassbar, dass mein Traum bald in Erfüllung gehen sollte. Ein warmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Ein Gefühl, das ich in den Jahren seit dem Unfall meiner Mutter immer seltener gespürt hatte. Ein vages Gefühl von Hoffnung.
Die Easton Academy ist über eine schmale zweispurige Straße erreichbar, die sich von der Stadt die Hügel hinaufwindet. Ein kleines Holzschild auf einem Steinsockel markiert den Eingang zur Schule. EASTON ACADEMY GEGRÜNDET 1858 steht dort in verblasster Schrift. Das Schild wird vom untersten Ast einer Birke verdeckt, wie um auszudrücken, dass derjenige, der hierher gehört, den Weg ja kennt und allen anderen nicht unbedingt geholfen werden muss.
Mein Vater lenkte das Auto durch den Torbogen aus Backstein und Eisenbeschlägen und ich war verzaubert. Hin und weg. Rote Backsteingebäude mit Schindeldächern und Türmen, die mit sämtlichen ihrer angestaubten Winkel und Ecken Tradition und Stolz verströmten. Uralte, verwitterte, gewölbte Eingänge, dicke, an Eisenscharnieren befestigte Holztüren, Kopfsteinpflasterwege, die von hübschen Blumenbeeten gesäumt waren. Makellose Sportplätze mit hellgrünem Rasen und leuchtend weißen Markierungen. Alles um mich herum war perfekt. Nichts erinnerte mich an zu Hause.
»Reed, du musst mir den Weg sagen. Wo muss ich lang?«, fragte mein Vater.
Der Lageplan von Easton in meiner Hand war mittlerweile zu einem schweißnassen, bröckeligen Ball geworden. Ich breitete ihn flach auf meinem Oberschenkel aus, als hätte ich ihn nicht schon etliche Male auswendig gelernt. »Bieg bei dem Springbrunnen rechts ab«, wies ich meinen Vater an und versuchte, ruhiger zu klingen, als ich mich fühlte. »Die Zimmer der Zehntklässler-Mädchen befinden sich ganz am Ende des Platzes.«
Wir fuhren an zwei farblich aufeinander abgestimmten Mercedes Cabrios vorbei. Ein blondes Mädchen stand untätig daneben, während ein Mann – ihr Vater? Ihr Butler? – einen Riesenstapel Louis-Vuitton-Gepäck auf den Gehweg ablud. Mein Vater pfiff durch die Zähne.
»Die wissen, wie man es sich gut gehen lässt«, sagte er, und ich war von seiner Ehrfurcht sofort genervt, obwohl ich genauso beeindruckt war. Er duckte sich, damit er die Spitze des Turms sehen konnte, über den ich durch mein stundenlanges Blättern in der Easton-Broschüre bereits wusste, dass sich darin die alte Bibliothek befand.
Eigentlich wollte ich »Da-a-ad!« sagen, doch dann antwortete ich nur: »Ich weiß.«
Bald würde er wieder weg sein, und wenn ich ihn jetzt anmotzte, würde ich es später – allein an diesem fremden, bilderbuchartigen Ort – bereuen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Mädchen, die wir gerade gesehen hatten, so etwas wie »Da-a-ad!« nicht sagen würden.
Vor den drei imposanten Wohnheimgebäuden, die den Platz auf der Mitte des Hügels säumten, verabschiedeten sich Eltern mit Küssen und Umarmungen von ihren Kindern und vergewisserten sich, dass sie auch alles Nötige hatten. Jungs in Khakihosen und weißen Hemden spielten mit fleckigen roten Wangen Fußball und hatten ihre Blazer beiseitegeworfen. Zwei streng dreinblickende Lehrer standen neben dem ausgetrockneten steinernen Springbrunnen und nickten, während sie leise miteinander redeten. Mädchen mit glänzenden Haaren verglichen ihre Stundenpläne miteinander und lachten dabei, zeigten auf etwas und tuschelten hinter vorgehaltener Hand.
Ich beobachtete die Mädchen und fragte mich, ob ich sie morgen schon kennen würde. Fragte mich, ob eine von ihnen vielleicht meine Freundin werden würde. Ich hatte noch nie viele Freundinnen gehabt. Oder auch nur eine, um ehrlich zu sein. Ich war Einzelgängerin aus der Notwendigkeit heraus, Menschen von meinem Haus und meiner Mutter fernzuhalten und damit auch von mir selbst. Außerdem interessierte ich mich für andere Dinge als die meisten Mädchen, die sich nur für Kleidung, Tratsch und Promi-Zeitschriften begeistern konnten.
Zu Hause hatte ich mich immer mit Jungs am wohlsten gefühlt. Jungs hatten nicht so ein Bedürfnis danach, Fragen zu stellen, dein Zimmer und dein Haus genau unter die Lupe zu nehmen und all die intimen Details deines Lebens zu erfahren. Deshalb hing ich am häufigsten mit Scott und seinen Freunden ab, vor allem mit Adam Robinson, mit dem ich den ganzen Sommer lang zusammen war und der dieses Jahr an der Croton High seinen Abschluss machen würde. Ich schätze, die Tatsache, dass ich mit ihm Schluss gemacht hatte und hierhergekommen war und dadurch auf den Ruhm verzichtete, als erste Zehntklässlerin einen Freund im Abschlussjahrgang zu haben und mit ihm am ersten Schultag vorzufahren, wäre eine weitere Sache gewesen, die die Mädchen in meiner Stufe bestimmt nicht hätten nachvollziehen können.
Aber die kapierten so einiges nicht.
Ich hoffte, dass es hier anders sein würde. Ich wusste, es würde anders sein. Man brauchte sich doch nur umzusehen. Wie könnte es nicht so sein?
Mein Vater hielt am Straßenrand zwischen einem goldenen Landrover und einer schwarzen Limousine. Ich schaute die efeubedeckten Außenmauern von Bradwell hinauf, dem Wohnheim der Zehntklässler, der dieses Schuljahr mein Zuhause sein würde. Einige Fenster waren bereits geöffnet und Musik drang zu den Schülern und Eltern hinaus. In einem der Zimmer waren rosa Vorhänge angebracht worden und ein Mädchen mit pechschwarzen Locken bewegte sich darin geschäftig umher, räumte Dinge um und richtete sich ein.
»So, da wären wir«, verkündete mein Vater. Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Und du bist dir bei der Sache auch ganz sicher, Kleines?«
Plötzlich konnte ich nicht mehr atmen. In all den Monaten, in denen sich meine Eltern wegen Easton gestritten hatten, war mein Vater der Einzige in der gesamten Familie gewesen, der nie auch nur den Funken eines Zweifels zum Ausdruck gebracht hatte. Selbst Scott, dessen Idee es ursprünglich gewesen war, dass ich Felicia an die Easton folgte – sie war für ihre letzten beiden Schuljahre hierhergekommen und hatte im Frühling ihren Abschluss gemacht, bevor sie sich nach Dartmouth und in eine ruhmreichere Zukunft aufmachte –, hatte gezögert, als er die wahnsinnig hohen Schulgebühren sah. Doch mein Vater war von Anfang an dafür gewesen. Er hatte die Videoaufnahmen von meinen Lacrosse- und Fußballspielen nach Easton geschickt. Und Stunden am Telefon verbracht, um finanzielle Unterstützung für mich zu organisieren. Und währenddessen hatte er mir immer wieder versichert, ich würde »es ihnen schon zeigen«.
Ich blickte in die Augen meines Vaters, die dasselbe Blau wie meine hatten, und ich wusste, er hatte keinen Zweifel daran, dass ich hier klarkommen würde. Er hatte nur Zweifel, ob er zu Hause klarkommen würde. Bilder von Tablettenfläschchen schossen mir in den Kopf. Kleine weiße und...




