E-Book, Deutsch, 159 Seiten
Bröger Der Held im Schatten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2530-9
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe.
E-Book, Deutsch, 159 Seiten
ISBN: 978-80-272-2530-9
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Der Held im Schatten' von Karl Bröger wird die Geschichte eines ungewöhnlichen Helden erzählt, der in der Welt des Verbrechens und der Korruption lebt. Der Roman zeichnet sich durch seinen realistischen Schreibstil und seine eindringliche Darstellung der düsteren Seiten der Gesellschaft aus. Bröger setzt dabei auf eine klare Sprache und eine präzise Beschreibung der Charaktere und ihrer Motivationen. Das Werk steht in der literarischen Tradition des sozialen Realismus und zeigt die harten Realitäten des Lebens in der Weimarer Republik auf.
Weitere Infos & Material
Das Argus-Haus
Herzogstraße 9 lag mitten im Geschäftsviertel. Ernst Löhner stieg die breite, läuferbelegte Treppe des Kontorhauses »Argus« zögernd hinauf. Er überzeugte sich wiederholt, am rechten Ort zu sein. Hier stand es einwandfrei zu lesen, Seite drei des Stellenanzeigers, erste Spalte: »Intelligenter, junger Mann gesucht, der rasch und gut begreift, unbedingt vertrauenswürdig ist, und Lust zu kaufmännischen Spezialarbeiten hat. Beste Ausbildung zugesichert. Vorzustellen im Kontorhaus ›Argus‹, Herzogstraße 9.«
Zu dumm! Bis zum Augenblick hatte sich Ernst im sicheren Besitz aller verlangten Eigenschaften gefühlt. Warum traute er denn jetzt dem Gefühl nicht mehr ganz? Aufgeregt den schwarzen Tuchanzug glättend, klinkte Ernst endlich im zweiten Stockwerk die Türe auf, nachdem er das Emailschild lang und nachdenklich gemustert hatte. »Auskunftei Argus« war darauf zu lesen.
Zwei scharfe Brillengläser wendeten sich Ernst zu, und eine halblaute, verbindlich flötende Stimme fragte nach seinem Begehr. Er wolle sich also um die Stellung bewerben. Herr Alfons Beißer stand auf, ging um den betroffen äugenden Ernst im Kreis und lächelte höflich.
»Haben Sie Zeugnisse, junger Mann? ... Ein Schulzeugnis? ... In Stellung waren Sie noch nicht? ... Wollen Sie mal sehen lassen? ...«
Ernst errötete freudig. Der fein gekleidete Herr hatte »Sie« gesagt.
»Na ja ... Dumm scheinen Sie den Noten nach nicht zu sein ... Aber ›tadelnswertes Betragen‹ ... Was heißt das? ... Warum sind Sie eigentlich geflogen? ... Kneipereien ... hm, hm ... Etwas früh, junger Mann, etwas sehr früh ... Sie müssen sich jedenfalls das abgewöhnen, wenn ich Sie in meinem Haus anstellen soll.«
Natürlich beeilte sich Ernst, höchst und heiligst zu versichern, er wolle ganz nach Wunsch des Herrn Alfons Beißer leben.
»Wir werden das ja sehen, junger Mann ... In unserem Geschäft sind nur nüchterne Leute zu gebrauchen, die reinen Mund halten ... Verstehen Sie mich? ... Ich will Ihnen nichts dreinreden. O nein! Wir sind hier nicht in der Schule. Aber wenn Sie bei uns warm werden möchten, lassen Sie solche Dummheiten ... Fräulein Rascher! ...«
Ein untersetztes Mädchen erschien aus dem Nebenraum. Die sommerlich leichte Bluse bauchte um die volle Brust, und die stark geschnürten Hüften wölbten sich drängend aus dem platzend gespannten Rock. Runde, feuchte Kuhaugen schauten neugierig auf Ernst.
»Ich stelle Ihnen da den jungen Mann vor, der bei uns lernen soll. Nehmen Sie ihn unter Ihre schützenden Fittiche ... was Ihnen das Fräulein sagt, haben Sie zu tun, Herr Löhner ... Jetzt gehen Sie mal gleich mit Fräulein Rascher ins Archiv. Sie wird Ihnen zeigen, was dort zu tun ist.«
Das Archiv war ein gewöhnliches Zimmer. Regale standen an den Wänden, bis unter die Decke vollgestopft mit Mappen und Kästen. Die schwarzen Pappkästen waren alphabetisch geordnet und auf der Stirnseite sauber in Rundschrift beschrieben. Diese Kisten hatte Ernst abzustauben, eine Arbeit, die ihm ein bedenklicher Anfang seiner kaufmännischen Laufbahn schien.
Es gab aber doch bald andere Arbeit als Staubwischen. Ernst erwies sich gewandt und anstellig, was Herrn Alfons Beißer Anlaß war, ihn näher an den Geist des Betriebes zu führen.
»Sehen Sie, Herr Löhner, heute ist das nun mal im kaufmännischen Leben nicht anders. Vertrauen ist eine seltene Ware, aber jedes Geschäft muß auf Vertrauen gemacht werden, weil wir nicht mehr in der guten, alten Zeit sind, wo der Kaufmann seinen Kunden persönlich kannte und in die Verhältnisse eingeweiht war. Heutzutage überschaut der Geschäftsmann seine Verbindungen kaum noch im Hauptbuch. Von einer persönlichen Verbindung kann keine Rede sein ... Dazu sind eben wir da. Wir müssen uns um die Verhältnisse aller Leute kümmern. Wir müssen wissen, wie es um den Kredit, um den Ruf, um die Familienangelegenheiten der Leute steht ... Haben Sie wohl gedacht, daß in unserem Archiv das bürgerliche und geschäftliche Ansehen der halben Stadt liegt? Eine große Verantwortung lastet auf uns. Es heißt sehr aufpassen, wenn wir nicht zu Schaden kommen sollen. Die Haftpflichtgesetze sind streng ... Wir können von den soliden Leuten nicht leben. Wer heut mit dem Kommerzienrat Blaufeld Geschäfte machen will, fragt nicht uns, sondern die Bank ... Aber da haben Sie den Agenten Rothfuß. Der Mann ist schon dreimal verkracht und hofft noch dreimal pleite zu gehen, wenn er gesund bleibt. Bei Gott und der Welt bestellt er. Zahlen kann er nie. Jede Woche laufen sechs Anfragen nach Rothfuß ein, jede zu zwei Mark gerechnet ... Sie verstehen vielleicht, daß uns an dem Mann mehr gelegen sein muß als an dem Kommerzienrat Blaufeld, der immer zahlt.«
Ernst dachte bei sich, daß er dann ja von Spitzbuben lebe, hütete sich aber wohl, den Gedanken zu äußern. Er lauschte vielmehr hochachtungsvoll den Weisheiten seines Herrn und Meisters, der nachdenklich an seiner Zigarre sog und verklärten Gesichtes fortfuhr:
»Wir sind überhaupt nicht die gewöhnlichen Federknechte. Was heißt heute nicht alles Laufmann? Wir sind sozusagen eine Behörde, die kaufmännische Polizei, Spähleute des Kredites ... prägen Sie sich das nur recht fest ein und halten Sie stets auf die Würde unseres Hauses.«
Ernst prägte sich nicht alles ein, doch einiges behielt er immerhin. Daß er Behörde sei, erfüllte ihn mit Stolz. Daß er die Nase in anderer Leute Sachen stecken konnte, sagte ihm auch zu. Hoffentlich erkundigte sich recht bald wer nach dem Herrn Rektor von der Realschule oder nach dem Pedell. Er wollte schon mit einer Auskunft dienen.
Seine Stellung erheischte entsprechendes Auftreten. Gleich vom ersten Monatsgehalt erschwang Ernst ein zierliches Stöckchen, Tombakgriff (Täuschung für Nichtkenner: Silber). Das schlenkerte er leichtsinnig, hielt die Zigarette lässig im Mundwinkel und trabte schwungvoll morgens und abends durch die belebte Stadt. Kein Mensch sah, daß nur fünfundzwanzig Mark Monatsgehalt hinter dieser Kavalierspose standen.
Im Geschäft war Ernst eifrig und glückhaft bestrebt, hochzukommen. Er lernte Kurzschrift, hatte schnell alle Handgriffe der Schreibmaschine im Gelenk und schrieb Geschäftsbriefe in einem flotten und zutraulichen Stil. Herr Alfons Beißer rieb sich zufrieden die Hände und lobte mit berechnender Vorsicht den brauchbaren Jüngling. Nicht oft und ausschweifend, weil man junge Leute nicht verwöhnen darf und weil Herr Alfons Beißer nicht viel Zeit übrig hatte. Er kam morgens ins Kontor, hielt den Einlauf vor die kurzsichtigen Augen und empfahl sich dann mit höflichem Gruß. Vom Kaffeehaus rief er nachmittags gelegentlich an, doch nur, wenn ihn die ewige Tarockpartie einen Augenblick freiließ. Um sieben Uhr abends unterzeichnete Herr Alfons Beißer die Briefe, schwenkte gönnerhaft den steifen Filz und ward nicht mehr gesehen.
Fräulein Rascher versah in der Hauptsache das ganze Geschäft. Ernst war eine wertvolle Stütze geworden. Zu arbeiten gab es immer, doch hatten Einteilung und Berechnung der Zeit fertiggebracht, daß den zwei Leuten manche freie Stunde übrigblieb. Da drehte sich dann Fräulein Lene Rascher auf dem hohen Kontorbock abwärts, strich die Falten der Bluse aus und lächelte Ernst aufmunternd an.
Ernst wußte dunkel, wohin das Mädchen zielte. Aber Lene war fünf Jahre älter, sah in ihrer reifen Fülle einer wissenden Frau gleich und hatte kleine Annäherungen des jungen Menschen bisher stets zurückgewiesen. Ernst brachte nicht den rechten Mut seiner Begierde auf, wurde aber durch das zweideutige Verhalten Lenes in Spannung gehalten und schwankte unsicher in allen Vorsätzen.
An einem Tag der Faschingszeit war ihnen wieder ein freies Stündchen erblüht. Ernst überlegte ein vergnügtes Vorhaben für den Abend und guckte stirnrunzelnd über den Tisch fort gerade auf Lenes Bluse. Eine Papierkugel flog ihm ins Gesicht.
»Schauen Sie nicht so schafsdämlich, Herr Löhner! Was ist denn an meiner Bluse zu sehen? ...«
Fräulein Rascher strich langsam die stattliche Büste herab und sah hartnäckig in die jungen Augen, die ihrer Hand folgten. Richtig! Er hatte gar nicht nach der Bluse geguckt, sondern nach Lenes Busen. Das war Ernst aber erst deutlich geworden, als Lene über die Bluse fuhr.
Scheu wandte Ernst den Blick fort, drehte aber schnell den Kopf wieder nach dem Mädchen.
»Wir könnten übrigens das Kassabuch abschließen. Helfen Sie mir doch, Herr Löhner? Sie sind ja ein guter Rechner.«
Glutströme schossen Ernst durch den Leib, als er sich ganz dicht zu Lene setzen mußte. Die Wärme ihrer Körper mischte sich. Ein fast betäubender Duft hauchte von dem Mädchen, das lächelnd über Ernst gebeugt stand und die Hüfte gegen seine Schulter stemmte. Jäh warf Ernst den Arm um Lene und riß sie auf seinen Schoß. Sie drückte sein Gesicht mit beiden Händen von ihrer Brust, drängte langsam, ganz langsam den Leib aus der Umarmung und ging wiegend auf die andere Tischseite. Dort hob sie scheindrohend den Zeigefinger und – lächelte Ernst weiter an.
Fräulein Rascher wurde nie in Herrenbegleitung gesehen. Streng lebte sie nach den Sittenvorschriften ihrer kleinbürgerlichen Welt, und nur am Montag schatteten übernächtige Ringe die sonst wasserblauen Augen. Im Kontor nahm sich das Mädchen nicht ganz so sittsam aus. An der Bluse fingerte sie viel öfter, als ersichtlicher Grund war, und mit Ernst allein knöpfte sie auch beherzt die obersten zwei Knöpfe auf. Sie gönnte dem jungen Mann gern den Anblick ihres weißen Hemdbesatzes und der darunter wogenden Erhöhung. Das war doch auch weiter nichts! Der Bub war ja erst fünfzehn Jahre. Man konnte die Knöpfe ja schließen, wenn er frech werden sollte.
Ernst...




