E-Book, Deutsch, Band 1, 464 Seiten
Reihe: Nick Flynn
Brown Polarsturm - Arctic Storm Rising
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98676-072-4
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 1, 464 Seiten
Reihe: Nick Flynn
ISBN: 978-3-98676-072-4
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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PROLOG
Flugzeugfabrik Kasan, Russland
Ende Juli
Sommersonnenlicht strahlte durch die Fensterreihen hoch oben in der tristen Betonwand einer riesigen Fertigungshalle. Es schien auf einzelne Partien eines großen, futuristisch wirkenden Flugzeugs mit harmonisch geschwungener Flügelform herab: auf den ersten flugfähigen Prototyp von Tupolews streng geheimem PAK-DA-Tarnkappenbomber. Seine vorspringende Nase und die große abgerundete Cockpit-Kuppel, flankiert von schmalen Ansaugschlitzen längs der Flügelvorderkanten, hatten ihm während der Bauzeit den Spitznamen Skat eingebracht – Teufelsrochen. Dazu passten auch die ganzen Ruder- und sonstigen Steuerflächen an den Flügelhinterkanten. Von oben sah das ungewöhnlich geformte Flugzeug aus wie ein lautlos über den Meeresboden hinweggleitender Manta.
Konstruiert, um mit dem von den Amerikanern bereits eingesetzten B-2 Spirit und der nächsten Generation von B-21 Raider Stealthbombern gleichzuziehen oder sie gar zu übertreffen, sollte der mit Unterschallgeschwindigkeit fliegende PAK-DA über eine Reichweite von mehr als 12.000 Kilometern verfügen. Zwei kraftvolle KN-65-Mantelstromtriebwerke mit jeweils über 30 Kilopond Schubkraft reichten für eine Ladekapazität von bis zu 30 Tonnen – sowohl an Tarnkappen-Langstrecken-Marschflugkörpern als auch an Luft-Luft-Raketen kürzerer Reichweite zur Selbstverteidigung – in den integrierten Waffenschächten. Die Tarnvorrichtungen des Bombers sowie seine neuartigen Sensor-, Elektronik- und Manövriersysteme ermöglichten es seiner vierköpfigen militärischen Crew im Kriegsfall, von modernster gegnerischer Luftabwehr unbemerkt, tief hinter die feindlichen Linien vorzudringen. Kurz gesagt, dieser Prototyp stellte das Endprodukt eines streng geheimen Forschungs- und Entwicklungsprogramms dar, das viele Jahre Arbeit und Hunderte Milliarden Rubel gekostet hatte.
Alexei Petrow, Oberst der russischen Luftwaffe, glitt aus einer Öffnung am Bauch der Maschine und ließ sich gelenkig auf den Boden der Fertigungshalle herabfallen, ohne die am Ausstieg befestigte Leiter zu Hilfe zu nehmen. Mitte 40, hatte sich der erfahrene Testpilot schlank und fit gehalten, nur sein dunkelbraunes Haar war bereits grau meliert. Mit einem breiten Lächeln nickte er dem Grüppchen aus einigen Entwicklungsingenieuren, Führungskräften und Testpiloten der Tupolew-Werke zu, das ihn erwartete. »Glückwunsch, meine Herren. Da haben Sie eine schöne Maschine konstruiert. Ich kann’s kaum erwarten, sie in den nächsten Wochen und Monaten auf Herz und Nieren zu prüfen.«
Sein Lob für ihre Arbeit entlockte den Ingenieuren und verantwortlichen Chefs ebenfalls ein Lächeln, wohingegen die verkniffenen Mienen der bewährten zivilen Tupolew-Piloten sich eher noch mehr verhärteten, weil seine letzte Bemerkung sie darauf stieß, dass sie hier übergangen wurden. Im verzweifelten Bemühen, aller Welt zu beweisen, dass Russland militärisch immer noch auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten und China agierte, hatte der Kreml den schnellstmöglichen erfolgreichen Abschluss dieser Langstreckenbomber-Entwicklung mit allen Mitteln forciert. Den PAK-DA-Prototyp direkt an Petrow und dessen Team zu übergeben, ohne die sonst üblichen akribisch begutachteten Tupolew-eigenen Testflüge, würde die Prüfungsverfahren vor der Serienproduktion und der Bereitstellung für die Luftwaffe um Monate verkürzen.
»Wann möchten Sie die formale Übergabe abwickeln?«, fragte Mikhail Iwanin, Tupolews dicklicher Generaldirektor, zaghaft.
»So bald wie möglich«, antwortete Petrow. »Aber nicht hier in Kasan. Lassen Sie uns das lieber unten in Tschkalow über die Bühne bringen.«
Sein Gegenüber spitzte die Lippen. Die Waleri-Tschkalow-Luftwaffenbasis für Testflüge lag fast 900 Kilometer südlich von Kasan. Benannt nach einem der berühmtesten und waghalsigsten Testpiloten der UdSSR, verfügte man dort über die nötige Spezialausrüstung, um in der Entwicklung befindliche Tarnkappenflugzeuge zu prüfen. Den Bomberprototyp unverzüglich dorthin zu überführen würde das Austesten seiner technischen Systeme und Flugeigenschaften tatsächlich deutlich beschleunigen. Andererseits würde es die Tupolew-eigenen Spezialisten leider für einen längeren Zeitraum auf diese weit entfernte Basis verbannen. Sie würden dort gebraucht werden, um das Luftwaffen-Bodenpersonal im Umgang mit der komplexen Avionik und den weiterentwickelten radarabsorbierenden Oberflächen des PAK-DA vertraut zu machen. Erhebliche Mühen und Umstände für das Flugzeugwerk und seine Mitarbeiter. Zudem erhebliche Mehrkosten. Die Befehle aus Moskau ließen allerdings keinen Spielraum: Petrow und dessen Team sollte jeder Wunsch erfüllt werden.
Angesichts der betretenen Mienen der Tupolew-Piloten kam ihnen Petrow einen Schritt entgegen. »Ihre Leute können den Bomber da runterfliegen. Nur fair, alles in allem, dass ihnen diese Ehre gebührt: der Jungfernflug mit dem Teufelsrochen.«
Iwanin nickte kurz, und mit gekrümmtem Zeigefinger winkte er seinen dienstältesten Werkspiloten zu sich heran. Georgi Remizow war ein untersetzter Mann mit rundem Gesicht, einige Jahre älter als Petrow. Er besaß Flugerfahrung mit modernsten Kampfbombern, hatte jedoch die Luftwaffe zugunsten der Firma Tupolew verlassen, als im postsowjetischen Militärapparat wieder mal Stellen abgebaut wurden. Der Generaldirektor stellte sie einander kurz vor und verabschiedete sich dann. »Ich überlasse Sie jetzt Georgi, Oberst, damit Sie mit ihm die Einzelheiten regeln können. Falls ich aber noch irgendetwas für Sie tun kann, stehe ich Ihnen natürlich jederzeit zur Verfügung.«
Er eilte von dannen, fast so, als fürchtete er, Petrow könne noch weitere kostspielige Ungeheuerlichkeiten von ihm verlangen, wenn er nicht schnellstens verschwand. Leicht amüsiert verfolgten die beiden Piloten seinen Abgang. »Generaldirektor Iwanin ist eher ein Experte für Zahlen und Bilanzen«, murmelte Remizow.
»Aber kein Pilot?«
»Manchmal glaube ich, er würde lieber Lokomotiven oder Autos bauen statt Flugzeuge«, erwiderte Remizow vertraulich. »Angeblich kriegt er schon im vierten Stock eines Hauses Höhenangst.«
Begleitet vom Tupolew-Testpiloten schlenderte Petrow dem nächsten Ausgang aus der riesigen Flugzeugfertigungshalle entgegen. Die bewaffneten Wachposten dort nahmen Haltung an. Er grüßte sie lässig und blickte dann zu dem kleineren Mann hinab. »Und? Irgendwelche Fragen?«
Remizow schüttelte den Kopf. »Keine.« Kurz zeigte er ein schiefes Lächeln. »Ich habe schon mit Ihrem … Anliegen gerechnet. Also hab ich einen Flugplan ausgearbeitet, der alle Eventualitäten berücksichtigt, was irgendwelche Kinderkrankheiten betreffen könnte. Auf der ganzen Route nach Süden, nach Tschkalow, werden wir nie mehr als einige Minuten Flugzeit entfernt sein von einem potenziellen Notlandeplatz.«
»Ausgezeichnet«, lobte ihn Petrow und meinte es auch so. Die ersten paar Flugstunden waren immer die gefährlichsten mit einem neuen Flugzeug. Man konnte ein revolutionäres Design noch so sehr in Windkanälen und Computersimulationen testen, und trotzdem konnte dann unter realen Bedingungen alles Mögliche katastrophal schiefgehen. »Ihre Gewissenhaftigkeit gefällt mir.«
Remizow zuckte nur mit der Schulter. »Ich hatte einen guten Lehrer.« Dann zeigte er ein wärmeres Lächeln. »Als junger Pilot habe ich unter Ihrem Vater gedient, Oberst.« Voller Bewunderung schwenkte er den Kopf hin und her. »Der General war ein harter Brocken, ganz klar. Ließ einem nichts durchgehen, wenn einer Mist gebaut hat. Aber am Ende hatte er uns so geschliffen, dass wir richtig auf Zack waren.« Er kniff die Augen zusammen und zitierte aus dem Gedächtnis: »Unerbittliches Üben. Gründliches Planen. Unverzügliches Handeln. Das sind die Schlüssel zum Sieg.«
Petrow musste sich beherrschen, um nicht das Gesicht zu verziehen. Würde er denn niemals aus dem Schatten seines Vaters heraustreten? Selbst jetzt noch, Jahre nach dem tödlichen Herzinfarkt seines alten Herrn, lief er immer wieder Bewunderern dieses Helden der Sowjetunion, Generalmajor Wladimir Petrow, über den Weg. Zum Verrücktwerden, wenn auch verständlich. Als junger Fliegerleutnant hatte Petrow senior sich seine Sporen und Orden verdient, indem er sich »freiwillig« meldete für geheime Kampfeinsätze gegen die Amerikaner über Nordvietnam und später gegen die Israelis während des Jom-Kippur-Krieges 1973. Ihm wurden mehrere Abschüsse zugeschrieben, sodass er als der erfolgreichste russische Kampfpilot seit dem Koreakrieg galt. In den folgenden Jahren war er rasch die Karriereleiter emporgeklettert und hatte immer größere Luftwaffeneinheiten mit den modernsten Flugzeugen befehligt. Hätte sein Herz nicht ausgesetzt, so wäre der ruhmreiche Generalmajor Petrow eines Tages vielleicht oberster Chef der russischen Luftwaffe geworden.
Im Gegensatz dazu war sich Alexei Petrow nur allzu bitter bewusst, dass seine eigene Lebensleistung, obgleich bezeugt von Beförderungen, Belobigungen und verschiedenen Fliegerauszeichnungen in Friedenszeiten, nie an die seines Vaters heranreichen würde. Und inzwischen hatte er ein Alter erreicht, in dem dieses Testflugprogramm für den PAK-DA-Tarnkappenbomber sozusagen seine letzte Chance darstellte, sich noch einmal hervorzutun. Sobald er diese Aufgabe, das Einfliegen dieses Bombers mit seinen neuen Systemen, hinter sich gebracht hatte, würde man ihn unweigerlich abservieren und auf einem ruhigen Schreibtischposten irgendwo in der Bürokratie des Verteidigungsministeriums entsorgen. Dann stünden ihm noch Jahre bevor, die er mit langweiligen Akten vergeuden würde, bevor man...




