Brunner Redigieren
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7445-0304-4
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 71, 138 Seiten
Reihe: Praktischer Journalismus
ISBN: 978-3-7445-0304-4
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stefan Brunner ist Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München. Er hat die Deutsche Journalistenschule in München absolviert und über 20 Jahre als Journalist gearbeitet und geschrieben, u. a. für die »Süddeutsche Zeitung«, »Spiegel Online« und »Marie Claire«.
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[18][19]1 Im Anfang war das Wort
Keine gering zu schätzende Aufgabe, der sich ein Journalist stellen muss: der Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache, samt all ihrer versteckten Tücken. Der Autor sollte, der Redigierende muss sich auskennen; und auch die theoretische Herleitung verstehen. Er muss Paradoxien – etwa, dass , Komparativ hin oder her, kleiner sind als – erkennen, meistern und vermitteln. Und er muss sich keine geringere als die neue deutsche Rechtschreibung einverleiben, versuchen, sich auch Unerklärliches zu erklären oder wenigstens zu merken – etwa, dass und inhaltlich, aber auch orthographisch nicht identisch sind.
Er muss Pleonasmen erkennen und den Korrekturstift zücken, wenn er auf im Text findet. Auch , , , , , , und ü, Stammgäste im Textangebot, hat er um ihre Vorsilben zu tilgen. Und er sollte all die Floskeln aufspüren, die sich seit jeher in unserer Sprache niederlassen und journalistische Texte überdauernd bevölkern – Unarten wie und ; ständig wird der (vor allem: geprobt!), und irgendetwas , am besten gleich und noch bevor sich die . In den Köpfen der Leser wird sodann . Zu all dem gibt es dann (also ob Ovationen stehen könnten?!). Etwas weniger kreative Journalisten lassen Parteien, Gremien, auf jeden Fall Kontrahenten der Wirtschaft oder Politik um ihre Ziele oder sich per messen. Immer wieder, jahraus, jahrein. Es wird übertrieben und generalisiert, die kleinen Wörtchen , , und treiben ihr Unwesen und machen das Geschehen 100-prozentig (am liebsten und unsinnigerweise ). Alles ist vollkommen, und wenn es supervollkommen ist, dann wird, vom Sprachrausch ganz duselig, in den Text geschrieben – jegliches Gefühl für inhaltlich korrekte Maximierung missachtend. Doch Sprachdesaster und nominalisierte Adverbien lassen sich noch weiter steigern, glorifiziert wird der und , the one and only. Allerdings ist einzig ein sprachlich erlaubter Superlativ. Auch Wörtern, die auf enden und keine noch so dezente Steigerung vertragen, wird munter der Komparativ und Superlativ übergestülpt. Und versagt die Steigerung, dann wird gebläht, dann kommt man mit und statt mit und . Eine Art falscher Superlativ ist auch der , der in der Journaille unheimlich schnell eintritt. Der steigerbare Wortschatz ist damit im Nu erschöpft und der [20]Schreiber sprachlos, wenn auf einmal wirklich ein Skandal eintritt. Vorsicht auch bei , , : Die drei »n«-Wörter bezeichnen die Perspektive: weg von mir.
Mittlerweile weiß der Leser, dass oder , , und sind. Eben hier setzt eine wichtige Aufgabe für den Redigierenden an: den Text speziell von floskelhaften und generell von unnötigen Adjektiven zu befreien. Das betrifft auch die Adjektive, die eigentlich Substantive sein sollten. Die ist nicht gleich die . Wer Gegenteiliges behauptet, der irrt. Auch wenn es im journalistischen Text immer wieder probiert wird. Eine leichte Erklärung hätte der Redigierende, falls nötig, mit der Gegenprobe zur Hand: Die Legende ist himmlisch. Also, weg damit! Die ist, analog, keinesfalls (allenfalls eine ), ebenso wie nicht unbedingt entsprechen müssen.
Viele Magazine und Zeitungen haben Indexlisten mit Unwörtern, die aus jedem Text vor Veröffentlichung zu streichen sind. Allen voran Wörter mit Bezug zum Nationalsozialismus und generell fehlender Political Correctness. Aber auch weniger heikles Vokabular sollte diese Listen vervollständigen, etwa: (gibt es nicht, denn eine Sache kann es ja nicht wert sein, sich zu lohnen), und (weil es meist ohne diese Wörter geht, auch ohne Verlust von Inhalt), (eine Analogie zur Mund-zu-Mund-Beatmung, korrekt heißt es: ), (ein Zugang ist meistens neu, das Präfix ist überflüssig), , , , , , (das vermeintliche Plural-S muss weg – was übrig bleibt, ist bereits Plural). Und dann noch das martialisch angehauchte Wortmaterial: , , ; in der Sportberichterstattung schlagen auch schon mal ein. Und in allen Ressorts findet sich die , die der alten Griechen. Man sollte sich den Spaß einmal gönnen und die beiden Wörter gegeneinander austauschen. So wäre dann am 23. September 2010 in der FAZ »dank einer von Sponsoren« gestanden. Und das Kohleland China hätte in der zeit vom 16. September 2010 »innerhalb kürzester Zeit die weltweit zweitgrößte von Windkraftanlagen« montiert. Im KÖLNER STADTANZEIGER hätte am 8. November 2010 gar ein »48-Jähriger eine leerer Wassergläser« zurechtgerückt. Und die MAIN post in Würzburg sah, um wieder auf Originallautung zurückzugreifen, am 16. August 2010 »unter den Teilnehmern die gesamte an Motorradfahrertypen«. Man stellt sich jetzt die einschlägigen Motorrad-Gangs vor. Doch nach dem Doppelpunkt folgen keine berüchtigten Banden, sondern »der schnieke gedresste Schönwetterfahrer, der im Jahr keine 500 Kilometer auf den Tacho bringt; der Senior, der sich einen Jugendtraum erfüllt«. Erst dann ist zumindest vom »ewigen Rocker [21]« die Rede. substituiert also allgemein und falsch den Schulterschluss, das Aufgebot, die Formation. Schlachtreihe passt selten.
Generell seien »Agenturfloskeln, falsche Bilder, abgegriffene Ausdrücke, zu dramatische Begriffe« aus dem Verkehr zu ziehen, so René Hofmann von der süddeutschen ZEITUNG. Hans-Joachim Nöh, Textchef und Mitglied der Chefredaktion des HAMBURGER ABENDBLATTS, streicht u. a.: »Bei Katastrophen das Wort , bei Verwüstungen , bei Vergewaltigung , bei Raritäten , dazu , , , , , , , – sowie alle -Wörter, die verzichtbar bzw. ersetzbar sind.«
Jens Bergmann, geschäftsführender Redakteur von brand eins, spricht sich gegen (statt ) Jahr, (statt ) und generell gegen aus. Auf dem Index von Stefan Plöchinger, geschäftsführender Redakteur bei SPIEGEL ONLINE, stehen z. B.: , , , , , , . Sein Kollege Jochen Leffers, Ressortleiter von UNI-SPIEGEL und SCHUL-SPIEGEL, fügt ergänzend hinzu, »dass manche Vokabeln zeitweise so beliebt sind, dass sie dringend Schonzeit brauchen: , etc.« Zu viele , , und würden den Lesefluss hemmen. Bastian Sick spricht von einem »roten« Buch, »ein Regelbuch, die Hausbibel, die jeder Redakteur und jeder Dokumentar an seinem Arbeitsplatz stehen hatte. Darin war festgehalten, wie bestimmte Wörter zu schreiben sind. Zum Beispiel Transkribierungen aus dem Arabischen oder dem Chinesischen. Oder ob und wie Wörter mit Bindestrich geschrieben werden. Ziel ist die einheitliche Orthographie innerhalb des Magazins. Denn ob man El-Kaida oder al-Qaida schreibt, ist nicht eine Frage der Rechtschreibregeln, sondern eine Frage der Festlegung« (siehe Interview Seite 115).
Journalisten sollten möglichst nicht glauben, eigentlich Literaten zu sein. Das führt schnell zur eigenen Überhöhung und verstellt den Blick auf die anderen, die Kollegen, die sich als Journalisten sehen. Erlaubt und empfehlenswert ist aber der Austausch mit den Textkollegen, die wahrhaftig Literaten sind. Wie gehen sie vor, wenn sie eine Geschichte schreiben? Der Journalist Lars Reichardt (1/2011: 16) fragte den weltbekannten Krimi-Autor Elmore Leonhard nach seinen Regeln. »Niemals ein anderes Verb außer bei Dialogen verwenden, denn der Satz gehört der Figur; das Verb ist der Autor, der sich einmischt. Das Verb ist weit weniger aufdringlich als , , , .« Wobei als Variante von sowieso außerhalb der journalistischen Reichweite liegen sollte. Ebenso die gern genommenen Verben und : »Ach wie lustig«, er und klopfte...




