Brunner | Schafe blicken auf | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Brunner Schafe blicken auf

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-10055-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 0 Seiten

ISBN: 978-3-641-10055-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



„Sauerstoff – 25 Cent!“

Kurz nach der Jahrtausendwende steht die Menschheit am Abgrund: In den Städten ist die Luftverschmutzung so stark, dass man ohne Filtermasken das Haus nicht mehr verlassen kann; die Sonne sieht man nur noch selten; Meere und Seen sind verseucht; Leitungswasser zu trinken birgt ein unkalkulierbares Risiko. Die Verbrechensrate ist explodiert, die Menschen sind krank, immer mehr Kinder kommen missgebildet zur Welt. Wie bei einem Puzzle setzt sich nach und nach aus verschiedenen Handlungssträngen, Nachrichtenfetzen, Listen von Umweltgiften und Werbeslogans das erschreckende Bild einer Zukunft zusammen, die immer noch Wirklichkeit werden kann.

John Brunner wurde 1934 in Preston Crowmarsh, Oxfordshire, England geboren und studierte moderne Sprachen. Er begann sehr früh mit dem Schreiben und konnte im Alter von 17 Jahren, seinen ersten Roman verkaufen. In den Sechzigerjahren war er einer der ersten Autoren, die auf die Gefahren der Umweltzerstörung hinwiesen und den Datenmissbrauch sowie den modernen Kolonialismus der Industriestaaten und die rücksichtslose Ausbeutung der Dritten Welt anprangerten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er in der englischen Anti-Atomwaffen-Bewegung tätig. Er starb am 24. August 1995 in Glasgow.
Brunner Schafe blicken auf jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


JANUAR


Marschbefehle


So geh und trage Licht

Zum weit entfernten Strand.

Bring dorthin Gottes Recht

Wo Ungnade sich fand.*

Juden und Heidenseelen,

Die Götzen noch verehren,

Sie mögen sich erwählen

Nun unsres Herren Lehren.

Geh, wo der gute Gott

Bislang ist unbekannt.

Geh hin in jedes Land

Dem mangelt Gottes Hand.

Karibier und Kannibale werden

Als Feind sich stellen dir,

Menschen, die auf Erden

Niedriger als jeglich Tier.

Bedecke des Körpers Blöße!

Bekleide den nackten Fuß!

Ersticke die heidnische Weise!

Bezwinge die gottlose Brut!*{2}

Bring ihnen die Botschaft der Liebe

Die Predigt von unserem Herrn

Wirf nieder die Götzenumtriebe!

Gott mag ihnen Gnade gewährn!

Der gottgefällige Sämann – Eine Sammlung

frommer Lieder zum Nutzen unserer Missionare, 1887.

Überschall


RM-1808, auf dem Weg von Phoenix nach Seattle, hatte Turbulenzen bei klarer Atmosphäre in der Nähe von Salt Lake City gemeldet. Als er das vernahm, schob der Navigator der TW-6036, Direktverbindung Montreal–Los Angeles, die Schlüssel in seinen Computer und übergab dem Piloten eine Kurskorrektur. Dann lehnte er sich zurück, um sein Nickerchen fortzusetzen.

Sie hatten noch tausend Meilen weit zu fliegen.

Wintersport


Unbeachtet flimmerte der Farbfernseher Aufnahmen der Gewalttätigkeiten des Tages herunter. Die Kamera fuhr gemächlich durch die Gossen des weit entfernten Noschri, verweilte gelegentlich auf Leichen. Ein Hund, der wie durch ein Wunder jene Zeit im letzten Sommer überlebt hatte, als die Menschen hundert einheimische Francs für eine Ratte und fünfzig für eine Handvoll Mais zahlten, schnüffelte am Leichnam eines Kindes, und ein hünenhafter schwarzer Soldat brach ihm mit dem Gewehrkolben das Rückgrat. »Teufel! Hast du gesehen, was diese schwarze Sau mit dem armen Hund angestellt hat?«

»Was?«

Aber der Bildschirm zeigte bereits ein Flugzeugwrack.

Sie befanden sich in Towerhill, dem jüngsten der in Colorado im Aufblühen begriffenen Wintersportgebiete, und sie hielten sich im Apennine Lodge auf, dem vornehmsten und teuersten der dortigen Hotels. Das Haus war brandneu, aber man legte allerhöchsten Wert darauf, alt zu wirken. Skier hingen an Plastikbalken, ein vorgetäuschtes Feuer loderte in einem steinernen Kamin. Hinter der Scheibe aus Doppelverglasung, die den größten Teil einer der Wände einnahmen, schimmerte das Licht starker Bogenlampen auf dem herrlichen, von dunklen Streifen durchfurchten Schneehang, der sich fast bis zum Gipfel des Mount Hawes erstreckte. Bis zum letzten Jahr war die Straße, obschon der Ort nur fünfzig Meilen von Denver entfernt lag, in schlechtem Zustand gewesen, und nur eine Handvoll Besucher hatte sie benutzt. Die wachsende Neigung, den Urlaub in den Bergen zu verbringen, weil das Meer unerträglich schmutzig geworden war, hatte man nicht ignorieren können. Die Straße befand sich nunmehr in vorzüglichem Zustand, und die Ortschaft hatte sich ausgedehnt. Es gab drei ultramoderne Skilifte und eine Filiale der Puritan-Reformsupermärkte. Es war Gelegenheit zum Skilaufen hinter Schneemobilen vorhanden, und die Colorado Chemical Bank peilte die Verdoppelung ihrer Transaktionen an. Man konnte Schlittschuh laufen und Eiskegeln, und American Express hatte sich bereits in mehreren Einrichtungen etabliert. Für das kommende Jahr versprach man sich ein Skispringen in olympischen Maßstäben.

Der Bildschirm zeigte eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, die vor einer Reihe unmöglich konstruierter Häuser standen und zitterten. Sie waren ärmlich gekleidet, aber sahen im Durchschnitt ganz anständig aus. Inzwischen durchsuchte Polizei mit Hunden die Wohnungen.

Aha. Trainisten. So etwas …?

Nach dem zweiten Drink fühlte Bill Chalmers sich besser. Es war ein scheußlicher Tag gewesen: Am Morgen die Fahrt nach Denver, über Straßen, die durch Schneepflüge gesäubert und mit Sand bestreut, aber immer noch glatt waren; das miese Essen der Masons bei ihnen ausgeschwitzt, im Bewusstsein einer gespannten Atmosphäre, ohne die Ursache feststellen zu können; den Besuch schließlich abgebrochen, als ihr sechsjähriger Sohn Anton in eine Rauferei mit den Kindern der Masons geriet, fünf und vier Jahre alt, und unter Geschrei die Flucht ergriff …

Doch nun waren sie wohlbehalten zurück, und Towerhill war ihm sympathisch: Er mochte diesen Überfluss, der allen Schwarzmalern eine Nase drehte, die Berge ringsum, die unglaublich frische, gesegnete Luft. An ihrem ersten Aufenthaltstag sahen sie Besucher aus großen Städten mit Filtermasken ausgehen, noch nicht davon überzeugt, dass es ohne sie möglich sei.

Auf dem Fernsehschirm zeigte man eine Karte von Mittelamerika mit einem Pfeil, der irgendwohin deutete, dann Fotos zweier Männer, beide weiß. »Tania!«

»Ja, ich hätte gerne noch ein zweites«, sagte seine Frau und verglich unverdrossen Symptome mit der Frau des Rechtsanwalts aus Oakland, die sie gestern kennengelernt hatte. »Und ich, ich hatte diesen komischen Ausschlag und ein Jucken am ganzen Körper …«

Herr im Himmel! Konnte denn heutzutage kein Mensch mehr über etwas anderes als Allergien und Neurosen quatschen? Früher konnte ein Mann zufrieden sein, war er ein guter Ernährer. Nun musste er auch noch die Versorgung mit teuren Medikamenten garantieren. Und es war zu nichts gut.

»Ja, genau«, sagte die Frau des Rechtsanwalts. »Ich habe jetzt diese Schüttelfrostanfälle, und bisweilen akute Schwindelgefühle.«

Plötzlich bemerkte er, dass sie über Schwangerschaft sprachen, und statt aufgebracht zu sein, begann er selbst zu zittern. Als Anton unterwegs war, hatte er selbstverständlich für ungewöhnlich guten Versicherungsschutz gesorgt, aber trotz seiner Position bei der Angel City war es ihn nicht billig gekommen, und als Anton glücklich geboren war, hatte Tom Grey ihm auseinandergesetzt, welche Risiken sie abgedeckt hatten; die Begriffe glitten durch sein Gedächtnis und machten ihn beben: Zystitische Fibrose, Phenylketon-Urämie, Hämophilie, Hypothyreose, Mongolismus, Alexie, Dichromasie, Fallot-Tettralogie … Eine schier endlose Liste, die den Glauben erweckte, es sei ein wahres Wunder, wenn jemand sich schließlich doch zu einem normalen Erwachsenen entwickelte!

Es war verständlich, warum Grey Junggeselle blieb. Er selbst würde kein zweites Kind riskieren.

Das Fernsehen ging zu den Sportergebnissen über. Erstmals schenkten einige Leute ihm ihre volle Aufmerksamkeit. »Tania!« Sie wandte sich schließlich um. Die Anwaltsfrau entfernte sich, um ihren Mann am anderen Ende des Raumes aufzusuchen. »Hast du das Schwätzchen mit Denise gehalten?«

»Ach, Gott«, sagte Tania, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Das also war der Grund, warum wir hierher gefahren sind – um die Masons auszuspionieren!«

»Nicht deshalb.«

»Dann frage ich dich, was daran so wichtig ist? Vor Montag wirst du das Büro nicht betreten. Und warum hast du dich nicht unterwegs erkundigt, statt mich nun ständig zu unterbrechen, wenn ich mich unterhalte?«

Ringsum schauten die Leute herüber, als sie die scharfen Stimmen hörten, die einen zänkischen Tonfall annahmen. Insgeheim verlegen, schaltete Chalmers auf eine versöhnliche Note um. »Tania, Liebling, es tut mir leid, aber es ist wichtig.«

»Offensichtlich! Wichtiger als ich oder Tony! Wichtiger als meine erste Gelegenheit seit Jahren, mich zu entspannen und neue Bekanntschaften zu schließen! Sieh nur, was du angestellt hast – du hast Sally vertrieben!«

Er saß nur da.

Einen Augenblick später gab sie auf. Schon vor vier Jahren hatte er die Altersgrenze überschritten, bis zu welcher man Leute noch einstellte; sie wusste, was es bedeutete, verlöre er seinen Job. »Ach, es ist ein Jammer … Ja, ich habe ihr die Würmer aus der Nase gezogen. Sie ist ein verdrehter Mensch. Praktisch eine Trainistin.«

Chalmers' Aufmerksamkeit erwachte. »Wie meinst du das?«

»Völlig verdreht, wie ich sagte. Will ihn nicht fliegen lassen. Erzählte mir, sie wolle, dass ihre Urenkel die Sonne sehen. Welchen Unterschied es macht, wenn ein Sitz im Flugzeug leer ist, darfst du mich nicht fragen! Jedenfalls glaubt sie, dass Phil in Schwierigkeiten steckt, weil sie ihn gedrängt hat, mit dem Auto nach Los Angeles zu fahren, aber er rückt nicht mit der Sprache heraus. Und sie möchte ganz verzweifelt wissen, was für ein Problem es ist. Sie kam von selbst auf das Thema zu sprechen. Ich brauchte sie gar nicht hinlenken. Anscheinend war er über Weihnachten unerträglich. Es bedrückt sie am stärksten, dass er den körperlichen Kontakt meidet. Er hätte sie nicht einmal an Neujahr angerührt, sagte sie, hätte sie ihn nicht regelrecht verführt …«

Das letzte Wort verklang in einem plötzlichen, dumpfen Knall vom Himmel, als habe ein Gigant seine Hände um eine Mücke zusammengeklatscht. Die Gäste zuckten zusammen. »Da hat schon wieder einer die Schallmauer durchbrochen«, bemerkte eine fremde Stimme. »Findest du das nicht auch rücksichtslos?«

Doch innerhalb eines Augenblicks hätte die Belästigung vorbei sein müssen. Sie war es nicht: Auf den Knall folgte ein dunkles Grollen, das anhielt, wie von Steinen, die ein reißender Strom...


Brunner, John
John Brunner wurde 1934 in Preston Crowmarsh, Oxfordshire, England geboren und studierte moderne Sprachen. Er begann sehr früh mit dem Schreiben und konnte im Alter von 17 Jahren, seinen ersten Roman verkaufen. In den Sechzigerjahren war er einer der ersten Autoren, die auf die Gefahren der Umweltzerstörung hinwiesen und den Datenmissbrauch sowie den modernen Kolonialismus der Industriestaaten und die rücksichtslose Ausbeutung der Dritten Welt anprangerten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er in der englischen Anti-Atomwaffen-Bewegung tätig. Er starb am 24. August 1995 in Glasgow.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.