E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Brunngraber Karl und das 20. Jahrhundert
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-902950-68-0
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-902950-68-0
Verlag: MILENA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rudolf Brunngraber (1901-1960) gehört zu den interessantesten österreichischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, in 18 Sprachen übersetzt und erreichten eine Millionenauflage. Angeregt durch Otto Neurath gelang Rudolf Brunngraber 1932 mit 'Karl und das 20. Jahrhundert' ein Roman, der nicht nur inhaltlich bedeutsam ist, sondern auch formal neue Wege beschreitet. Brunngrabers Werk erschien zuerst im Zentralorgan der SDAP, der Arbeiter-Zeitung, und wurde dann zum internationalen Bucherfolg. Vor seinem literarischen Durchbruch schlug sich der ehemalige Schüler Gustav Klimts jahrelang als Wanderredner, Holzfäller und Totensänger durch.
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1880–1893
Die größtmögliche Ordnung
Als Frederick W. Taylor (Philadelphia) 1880 als Erster konsequent den Gedanken der Rationalisierung faßte, war der Wiener Karl Lakner noch nicht unter den Lebenden. Das entschied sich zu seinem Nachteil. Denn er hätte ebensogut damals schon achtzig Jahre alt sein können. Wäre er vierzehn gewesen und mit einem Kropf behaftet und hätte er sich einer Operation unterzogen, dann würde man ihm allerdings mit dem Kropf die Schilddrüse herausgeschnitten haben und er wäre ein Kretin geworden. Von dem Stand der medizinischen Wissenschaft jedoch abgesehen, war das Leben damals verhältnismäßig noch ungefährlich. Allein Karl Lakner war weder in der einen noch in der anderen Form vorhanden. Das Schicksal hatte ihn mit achtzehnhundert Millionen anderen ausersehen, am bislang gewalttätigsten Zeitalter dieser Erde teilzuhaben.
Mr. Taylor trug indessen das seine dazu bei, die Schienen, auf denen dieses Zeitalter rollen sollte, straffzuziehen. Er hatte den Nerv für das, was man Zivilisation nennt. Obgleich ihm das Reifezeugnis für die Harvarduniversität ausgestellt worden war, trat er bei der Midvale Steel Company als Hilfsarbeiter ein. Mit der Zielbewußtheit freilich, die nur Naturen eignet, in denen die Familie ihren biologischen Höhepunkt erreicht hat. Die Midvale Steel Co. war auch der properste Boden für einen solchen Mann. Durch ihren Betrieb waren die bekannten Pioniere der Neuzeitigen Betriebsführung gegangen, Henry R. Towne, Wilfred Levis, Carl G. Barth. Das bewies, daß der Kopf des Unternehmens, Mr. William Seilers, seine Sinne offen hielt für das Kommende.
Die Arbeiter der Midvale Steel Co. fanden sich ungefähr in der Lage von Menschen, die man in die Zugluft gestellt hat. Daß das Land eine Menge Eisenbahnen erhalten hatte, wußte jeder Zeitungsleser. Desgleichen, daß man in Chikago den ersten Wolkenkratzer baute (1883), daß man im Osten mit elektrischen Lifts in die Häuser hinauffuhr und im Westen aus jedem Kartoffelacker eine Petroleumfontäne stach. Hier innen aber spürte man die Bedeutung von all dem, den Wind, der damit anhob. Was gestern Arbeit gewesen war, war heute Engagement innerhalb etwas, das man Neuzeitige Betriebsführung nannte. Es wurde einem wie Verbrechern auf die Finger gesehen. Zudem wandelten sich die Werkzeuge von Schicht zu Schicht, und der Werkgang erfuhr, mit und ohne Zuwachs neuer Apparaturen, fortwährend Umstellungen. Zugegeben, verdammt, daß sich alles handlicher gestaltete; der Vorgang an sich aber war unheimlich. Hier wurde die Vertrautheit zwischen Mann und Maschine, und damit die zwischen Leben und Arbeit, in einer Weise gestört, die ein Grauen vor der Zukunft einflößte.
Das war es: die Neuzeitige Betriebsführung war ein System. Keine Angelegenheit von Fall zu Fall und nach gegebenen Anlässen, sondern etwas Drohendes, voll fremdartiger Willkür, das allgegenwärtig und unentrinnbar zu werden versprach. Die Zeit schickte sich eben sichtbar an, exakt zu werden, das will sagen erbarmungslos. Man griff von oben und von unten nach dem kleinen Mann. Ging nicht im Augenblick (1882) auch ein Sturm der Empörung durch alle Staaten gegen die Standard Oil Co.? Sie hatte die großen Ölgesellschaften zu einem Trust, wie man das nannte, zu dem ersten Ding dieser Art vereinigt. Das sollte der Anfang einer wundervollen, längst fälligen Ordnung sein, die nun in die Wirtschaft gebracht würde. So umstritt man es wenigstens in den Enqueten, die drumherum veranstaltet wurden. Die Konzentration, ließ der sattsam bekannte Rockefeller verkünden, brächte nur Vorteile – für die Allgemeinheit natürlich. Denn sie würde über die Ersparnisse und Intensivierungen, die sie ermöglichte, den Trust, zumal er auch den gesamten Markt in Händen hielte, in die Lage versetzen, die Preise im Inland fortschreitend zu senken. Zu schweigen von der Macht, mit der der Trust auf den Plan der Weltwirtschaft zu treten vermöchte, Amerika sei imstande, drei Viertel des Ölbedarfs der Erde zu decken, das müsse endlich seinen handelspolitischen Ausdruck finden. So weit Rockefeller, der Oktopus, der Polyp. Die Allgemeinheit aber hielt sich an die Vordergrundserscheinung der Dinge. Ihr lag der Jammer der ungezählten Kleinunternehmen in den Ohren, die als unwirtschaftlich durch den Trust der Vernichtung anheimfielen. (Rockefeller: to carry on a business of some magnitude and importance in place of the small business.) Und dann dachten selbst die Fortschrittlichen, daß ihnen der Wirtschaftsapparat abermals einen Schritt näher auf den Leib rückte.
Als man Farmer gewesen war, hatten die Händler und Reedereien an einem verdient: siehe die Gerards. Beim Städtebau war man auch von den Bodenspekulanten angezapft worden: siehe die Rhinelander, Shermenhorn, Field und Astor. Beim Ausbau des Verkehrs hatten sich die Eisenbahnmagnaten, die Harriman, Gould, J. J. Hills und Vanderbilt, auf Kosten der Allgemeinheit bereichert. Und nun ging es um das Letzte, um die Bewirtschaftung der Rohstoffe, und man sollte nicht nur die Carnegie und Rockefeller als besonders resolute Persönlichkeiten gegen sich haben, sondern es sollte die ganze Wirtschaft im Sinn ihrer Entschlossenheit systematisiert und geeinigt werden. Man sollte vor dem Teufel der Profitwirtschaft nicht einmal den Beelzebub der freien Konkurrenz mehr haben. Man sollte ausgeliefert sein. So lag der Fall und so stand die Frage. Der Mensch war nicht mehr das Erste und die Erde zu seiner Versorgung das Zweite, sondern da war die Erde und da war – ab nun also zu lesen – der Trust, der sie restlos an sich riß. Die Wirtschaft präzisierte sich zu einer Ausbeutungsmaschinerie, die sich lückenlos zwischen dem Menschen und seiner Erde zusammenschloß. Seiner Erde! Hier senkten die Resolutionen und Leitartikel die Augen. Der Mensch hatte immer weniger Anlaß gehabt, sich als den Herrn der Erde zu betrachten. Dieses Vorrecht war groteskerweise auf die Einrichtungen übergegangen, die er entwickelt hatte. Um so energischer aber – hier reckten die Proteste sich wieder – war der Mensch davor zu behüten, nun vollends zum Außenseiter herabgesetzt zu werden.
In der Tat die Leute der USA dachten in ihrem Schrecken 1882 plötzlich wieder patriarchalischer als seit Jahrzehnten und sie stemmten sich gegen den Öltrust wie gegen ein unheilvolles Schicksal, Mr. Rockefeller jedoch hielt sich mit dem Gebrause keine Minute lang auf. Offenbar dachte er in anderen Grundbegriffen (und er hatte das schon als Handlungsgehilfe in Cleveland getan, als er noch Hustensirup und Strumpfbänder verkaufte). Außerdem war sein Gesicht nach Baku gewendet. Die Menge des russischen Petroleums stand 11 zu 12 zu der des amerikanischen. Da saß der wahre Gegner, nicht in einer Industrial Commission in Ohio oder auf einer Trustkonferenz in New York. Was die Menschheit doch für ein zappeliges Phänomen war! Hätte sie sich dagegen wehren können, daß die Städte, daß Chikago und Atlanta, Birmingham, Buffalo und New Orleans, Denver und Pittsburgh wie der Sand in kreisenden Trommeln um sich griffen? Oder hatte diese Menschheit den Schritt vom Einzelunternehmer zur Aktiengesellschaft zu bremsen vermocht? Würde sie es demnach vermögen, den Schritt von der Aktiengesellschaft zum Trust zu verhindern? Der Trust lag überreif im Schoß der Zeit wie die Kunstseide und der Benzinmotor. Im zwanzigsten Jahrhundert würde es das Weltkartell sein! Zumindest wies die Einsicht, von der man besessen war, geradlinig dort hinaus. Die Einsicht, die im Augenblick auch der Vater des Trusts war. Seine Mutter war die staatliche Zollgesetzgebung, die mit ihren Schutztarifen die Unternehmen wie die Ratten züchtete, auf daß sie einander totbissen. Alles Wirkende war wertvoll, auch die Zollgesetzgebung. Nur mußte man sich so einrichten, daß sie der Sache zugute kam, der sie zugedacht war, und nicht den schlechten Dienern der Sache. Die schlechten Diener waren mithin auszuschalten und der Zollschutz der eigenen Verantwortlichkeit dienstbar zu machen. So wollte es die Ordnung zwischen den Dingen, auf die es allein ankam. Zumindest vom Standpunkt einer verantwortungsbewußten Rasse. Was hieß dagegen: der Untergang des Trusts sei im Interesse des politischen und sozialen Gemeinlebens zu fordern? Selbstredend würde der Trust verdienen, anders wäre er nicht wirtschaftlich. Und zwar mußte man im Inland den Preis möglichst hochhalten, um daraus eine Exportprämie gegen Baku zu beziehen. Das legte den Landsleuten ein Opfer auf, zweifellos. Doch waren sie dagegen wehrlos? Warum kauften sie, beispielsweise, statt zu protestieren, nicht die Telephonaktien Bells? Dieses Papier wurde halb verschenkt, weil es nicht an den Mann zu bringen war, obgleich doch auf der Hand lag, daß das Land in einigen Jahren Millionen Telephone haben würde? Zugegeben, die Dinge auf Erden waren hart eingerichtet. Man war selbst nur ein Diener der Dinge. Daß man dabei im Begriff stand, wohlhabend zu werden, blieb für die Überlegung belanglos. Von Belang war lediglich: daß Amerika heute (1882) 30 Millionen Barrels Petroleum förderte, gegen 5 Millionen vor zehn Jahren. Und daß der Preis des raffinierten Öls seit 1866 um 88 Prozent zurückgegangen war. Hierin mußte Wandel geschafft werden und das naturgegebene Mittel dazu war der...




