E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten
Reihe: Ted-Garner-Reihe
Buchholz Blutrodeo
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86532-827-4
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der zweite Fall für Ted Garner. Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten
Reihe: Ted-Garner-Reihe
ISBN: 978-3-86532-827-4
Verlag: PENDRAGON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frauke Buchholz wurde 1960 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Sie studierte Anglistik und Romanistik und promovierte über zeitgenössische indigene Literatur. Sie liebt das Reisen und fremde Kulturen und hat einige Zeit in einem Cree-Reservat in Kanada verbracht. Heute lebt sie in Aachen und schreibt Romane und Kurzgeschichten, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind. Ihr Kriminalroman 'Frostmond' wurde 2021 mit dem Harzer Hammer ausgezeichnet und erhielt 2022 beim Stuttgarter Krimipreis den Debütpreis.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Samantha Stern
12. Juli 2022
Calgary Police Department
Bestimmt hatte sie sich getäuscht. Sie musste sich getäuscht haben. War der Strich wirklich blassrosa gewesen oder war es das fahle Licht in der Toilette?
Es war 15:10 Uhr, und Samantha Stern schaute ungeduldig aus dem Fenster ihres Büros. Wenn dieser Garner nicht bald käme, hätte er Pech gehabt. Ihr war schon seit dem Morgen übel, und sie würde ausnahmsweise pünktlich Feierabend machen. Schließlich hatte sie bereits das ganze Wochenende durchgearbeitet. Wahrscheinlich hatte sie etwas Falsches gegessen. Oder sich eine Sommergrippe eingefangen. Ein silberfarbener BMW preschte auf den Parkplatz und bremste mit quietschenden Reifen. Die Autotür ging auf, und ein Mann um die vierzig in grauem Anzug stieg aus. Nach allem, was Samantha über Garner gehört hatte, war er ein arrogantes Arschloch. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte er bleiben können, wo der Pfeffer wächst. Bisher hatte sie noch alle ihre Fälle alleine lösen können, und sie war sicher, dass sie auch dieses Mal keine Hilfe brauchte. Mit 32 Jahren war sie jüngster Chief Superintendent der Royal Canadian Police Albertas. Aber der Commissioner hatte darauf bestanden, einen Profiler heranzuziehen. Samantha schnaubte. Diese Psycho-Heinis hatten ja keine Ahnung davon, was wirklich abging! Realitätsfremde Spinner, die in abgehobenen Diagnosen schwelgten, während die Polizisten die Drecksarbeit machten. Es klopfte, und Samantha setzte ihr Haifischlächeln auf. Ihre wahren Gefühle gingen niemanden etwas an. Eines ihrer Grundprinzipien.
„Ja, bitte.“ Samantha versuchte, ein wenig Wärme in ihre Stimme zu legen. Die Tür ging auf, und der Mann im grauen Anzug stand vor ihr. Er war mittelgroß und drahtig, hatte ein hageres Gesicht und schütteres blondes Haar. Er lächelte nicht. Er stand da wie ein Stockfisch und schwieg. Seine Augen waren von einem merkwürdig changierenden Graugrün und Samantha beschlich ein ungutes Gefühl.
„Mr. Garner, nehme ich an.“
Knappes Nicken. Der Mann blickte wie eine Sphinx. Samantha hasste Psychologen.
„Samantha Stern. Meine Freunde nennen mich Sam.“ Samantha dachte, dass sie eine Spur zu jovial wirkte. Sie ließ ihr Lächeln ein wenig verblassen.
„Ich habe keine Freunde. Doch Sie können mich Ted nennen, Sam.“ Er betonte das ‚Sam‘ und verzog den Mund zu einem Grinsen.
Sie hatte richtig gehört. Dieser Garner war ein arrogantes Arschloch.
Sam beschloss, die Nettigkeiten ad acta zu legen und den Profi raushängen zu lassen.
„Ich habe Ihnen die Unterlagen zu den beiden Fällen zusammengestellt, Ted.“ Sie betonte ebenfalls das ‚Ted‘ und machte ein Pokerface. „Sie können sie gerne mitnehmen und erst einmal in Ruhe in Ihrem Hotelzimmer studieren. Sicherlich sind Sie müde von der langen Fahrt. Der Commissioner lässt sich für heute entschuldigen. Calgary Stampede, Sie wissen ja.“
Hauptsache, sie war diesen Garner erst einmal wieder los.
„Ich bin nicht müde, Sam.“
Wieder diese dämliche Betonung. Sie hätte sich mit Superintendent Stern ansprechen lassen sollen.
„Vielleicht können Sie mich kurz über die beiden Fälle informieren. Ihre persönliche Einschätzung ist mir wichtig.“
Er lächelte, doch sie war sich nicht sicher, ob das ironisch gemeint war.
„Okay“, sagte sie. „Setzen Sie sich. Ich werde meine Sekretärin bitten, uns einen Kaffee zu bringen.“
Während sie Tina anrief, meinte sie, einen Funken von Anerkennung in den grauen Augen blitzen zu sehen, doch vielleicht hatte sie sich auch getäuscht. Immerhin hatte sie eine Sekretärin, auch wenn Tina für die ganze Abteilung zuständig war. Wollte sie Garner etwa beeindrucken?
Garner hatte sich nicht gesetzt, sondern betrachtete die Wand, an der die Fotos vom Tatort hingen. Ein alter Mann lag mit aufgeschlitzter Kehle in einem Krankenhausbett. Nachthemd und Bettwäsche waren rot von all dem Blut, auf dem Fußboden hatte sich eine Pfütze gebildet. Es sah aus wie bei einem Schlachtfest. Die Handgelenke des Mannes waren bandagiert und verkabelt, der Blick starr, die Nase stach spitz aus dem ausgemergelten Gesicht. Nahaufnahmen der klaffenden Schnittstelle. Garners kalte Augen lagen ungerührt auf den grausamen Bildern.
„Der Mann hieß Gerald Steiner“, sagte Sam. „Er war 77 Jahre alt. Er hatte vor einigen Wochen einen Schlaganfall erlitten, der seine linke Seite vollständig lähmte, und sich dann noch eine Lungenentzündung eingefangen. Der behandelnde Arzt sagte aus, dass er höchstwahrscheinlich eh bald gestorben wäre.“
Tina klopfte und stellte zwei Tassen auf den Tisch, während sie Garner in einer Tour anlächelte, als mache sie Werbung für Zahnpasta. Der Mann war in Polizeikreisen eine Berühmtheit. Sie war ein blonder Wonneproppen von Mitte zwanzig, der aus dem engen Sommerkleid zu platzen schien, doch Garner würdigte sie keines Blickes. Vielleicht war er immun gegen weibliche Reize. An seiner rechten Hand trug er einen Ehering.
„Wann war der genaue Todeszeitpunkt?“, fragte Garner.
„Das EKG-Gerät zeigt an, dass die Herzkurve um 19:14 Uhr zum Stillstand kam. Die diensthabende Krankenschwester, Ruby Davis, hat den Patienten bis etwa 19:00 Uhr versorgt. Danach endete ihre Schicht. Als sie ging, war alles okay, obwohl sie fürchtete, dass er die Nacht nicht überleben würde. Er war sehr schwach, und sein Herzrhythmus unregelmäßig.“
Der Mord war erst Freitagabend passiert. Und bereits drei Tage später war ein Profiler angefordert worden. Wahrscheinlich hatte der Leiter des Rockyview Hospitals ordentlich Druck gemacht. Wenn einem sterbenskranken Patienten die Kehle aufgeschlitzt wurde, war das keine gute Werbung für ein Krankenhaus. Und natürlich war die Ärzte-Lobby eine der mächtigsten.
Sam deutete auf die Akte. „Die Protokolle der Aussagen von Dr. Anderson und Ruby Davis habe ich Ihnen kopiert. Alle relevanten Informationen können Sie ganz in Ruhe studieren und morgen mit dem Commissioner besprechen.“
Garner lächelte. „Danke“, sagte er. „Wollen Sie mich loswerden?“
Sam fühlte sich durchschaut und errötete. Gleichzeitig ärgerte sie sich über sich selbst und beschloss, die Frage zu ignorieren.
„Als die Nachtschwester, eine gewisse Miranda Martinez, den ersten Kontrollgang machte, war es 19:17 Uhr. Der Monitor in Steiners Zimmer piepste, und als sie nachsehen wollte, war er bereits tot. Sie rief sofort Dr. Anderson, der dann die Polizei alarmierte. Die Kollegen waren um 20:03 Uhr vor Ort.“
„Bleibt ein Zeitfenster von knapp 14 Minuten für den Mörder“, sagte Garner. „Ist jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Nein“, sagte Sam.
Garner schwieg.
„Gibt es Angehörige?“
Sam schüttelte den Kopf.
„Steiner lebte in einer Mietwohnung am Stadtrand von Calgary. Die Putzfrau hatte ihn wenige Stunden nach seinem Schlaganfall gefunden und den Krankenwagen gerufen. Anscheinend lebte er sehr zurückgezogen. Soweit wir wissen, hat ihn niemand im Hospital besucht.“
Keine Reaktion.
„Natürlich stehen wir noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen.“
Sam fand selbst, dass das wie eine Entschuldigung klang.
Garner schwieg weiter und starrte die Wand an. Sein Schweigen ging Sam allmählich auf die Nerven.
„Und der erste Fall?“, fragte er schließlich.
„Genau zwei Monate vorher, am 8. Mai, wurde ein anderer alter Mann hier in Calgary ermordet. Auch ihm wurde die Kehle aufgeschlitzt. Er litt an Lungenkrebs im Endstadium. Natürlich könnte es auch ein Zufall sein“, fügte Sam hinzu.
„Es gibt keine Zufälle“, sagte Garner. „Jede Begegnung ist eine Verabredung.“
„Aha“, sagte Sam. Was für ein Kauz! Diese war es mit Sicherheit nicht.
„Schopenhauer“, sagte Garner. „Die Welt als Wille und Vorstellung. Ein Meisterwerk. Sehr empfehlenswert.“
Angeber, dachte Sam. Sie hasste Menschen, die mit ihrem angelesenen Wissen prahlten. Wieder spürte sie eine Welle von Übelkeit aufsteigen. Sie war erst neun Tage überfällig. Er hatte ein Kondom benutzt. Auch wenn die Sache ziemlich außer Kontrolle geraten war, darauf hatte sie bestanden, hundertprozentig. Auch eines ihrer Grundprinzipien. Selbst mit ordentlich Whiskey und einer Line Koks im Blut. Oder etwa nicht? Die Wahrheit war, dass sie einen Filmriss hatte. Der Mord vor zwei Monaten hatte sich im Rosebud Palliative Center ereignet. Josh Armstrong war 79 Jahre alt, als er starb. Sam erinnerte sich an den Fall, als sei er gestern passiert. Sie hatte alles getan, um das grausame Verbrechen aufzuklären, doch es hatte sich...




