Bukowski | Die Kriegerin | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Bukowski Die Kriegerin

Roman
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8412-3048-5
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3048-5
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lisbeth und die Kriegerin kennen sich seit der Ausbildung bei der Bundeswehr. Sie haben sich für das Militär entschieden, weil sie einen Körper wollen, der nicht verwundbar ist -  als ließe sich der Welt nur mit einem Herzen begegnen, das zur Faust geballt ist. Dabei ist Lisbeth sehr empfindsam: ihre Haut reagiert auf Gefühle und Träume anderer Menschen; schützen kann sie sich nur, indem sie die Distanz wahrt. Als sich ein Feldwebel brutal von Lisbeth nimmt, was er will, schwindet auch diese Sicherheit. 
»Die Kriegerin« ist ein Roman über die besondere Freundschaft zweier Frauen, deren oberstes Gebot ist, sich nicht verletzlich zu machen. Helene Bukowski erzählt von den daraus entstehenden Wunden, der Gewalt, ihren Spuren und den Traumata - den erlebten, als auch den vererbten.

»Bukowski verfügt über ein scharfes Sensorium, mit dem sie politisch virulente Themen glasklar erfasst.« Der Tagesspiegel



Helene Bukowski, geboren 1993 in Berlin, lebt heute wieder in ihrer Geburtsstadt. Sie studierte am Literaturinstitut Hildesheim und leitet neben dem Schreiben auch Kurse und Workshops für Kreatives Schreiben. 2019 erschien ihr Debütroman »Milchzähne«, für den sie u. a. für den Mara-Cassens-Preis, den Rauriser Literaturpreis und den Kranichsteiner Literaturförderpreis nominiert war. Der Roman wurde ins Französische und Englische übersetzt und eine Verfilmung ist in Vorbereitung.
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Lisbeth schreckte auf. Die Dunkelheit war so dicht, dass sie nicht wusste, ob sie die Augen geöffnet oder geschlossen hatte. Sie tastete nach dem Nachttisch, fand ihr Handy, hielt es sich vor das Gesicht. Der Bildschirm leuchtete hell, für einen Moment sah Lisbeth nichts. Sie blinzelte. Drei Uhr dreißig. Malik seufzte im Schlaf, drehte sich zu ihr. Zwischen ihnen lag das Kind, atmete ruhig, schlief tief. Lisbeth schlug die Decke zurück, stand auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe, zog einen Pullover über, verließ das Zimmer, ging durch den dunklen Flur, schaltete die Lampe in der Küche an. Im Licht begutachtete sie ihre Arme. Die Haut war wund, in den Armbeugen blutverschmiert. Sie überprüfte ihre Fingernägel, pulte Schorf unter ihnen hervor, setzte Wasser auf, füllte Kaffeepulver in eine Tasse.

Im Badezimmerspiegel sah sie, dass sie auch ihren Hals aufgekratzt hatte. Sie duschte kalt, spülte das Blut von ihrem Körper, trocknete sich vorsichtig ab, cremte sich ein, aber ihre Haut hörte nicht auf zu brennen. Zurück in der Küche trank sie den Kaffee, aß eine Scheibe Toast, schlüpfte in ihre fliederfarbene Daunenjacke und verließ die Wohnung.

Sie hatte den Transporter des Blumengeschäfts in einer Seitenstraße geparkt, unter einer Linde, die bereits ihre Blätter verlor. Lisbeth sammelte einige von der Frontscheibe, setzte sich ins Auto, startete den Motor.

Die Straßen waren leer. Sie kam zügig voran. Das Radio hatte sie so leise gestellt, dass sie nicht verstand, worüber gesprochen wurde, nur ein leises Murmeln war zu hören.

Auf dem Großmarkt war noch nicht viel los, der Geruch der Blumen füllte die Halle. Lisbeths Bewegungen wurden ruhiger. Systematisch ging sie alle Stände ab, griff nach den Blüten, überprüfte ihre Stabilität, feilschte, reichte Geld hinüber, unterhielt sich über das Wetter. Nachdem sie alles bekommen hatte, was auf ihrer Liste stand, verstaute sie die Blumen im Transporter und rauchte auf dem Parkplatz eine Zigarette, den Rücken gegen das kühle Metall des Autos gelehnt. Eine Sirene erklang, schnitt durch die Nacht. Lisbeth roch Verbranntes, sah sich um, glaubte für einen Moment, in einem Regen aus Asche zu stehen, blinzelte, sofort war es still. Sie rieb sich über ihre Arme, verstärkte den Druck.

»Verdammt«, fluchte sie und schüttelte ihre Hände aus, widerstand dem Drang, sich zu kratzen, warf die Zigarette fort und stieg ins Auto.

Lisbeth fuhr aus der Stadt hinaus, parkte an einem Kanal, lief durch das hochstehende Unkraut. Blätter und Kletten blieben an ihrer Hose haften. Sie holte ihr Klappmesser aus der Jackentasche, schnitt im Licht ihres Handys Spitzwegerich, Kerbel, Wiesen-Goldhafer, ein paar Schlehenzweige. Langsam ließ der Juckreiz nach. Am Horizont war ein erster Streifen Licht zu sehen.

Als sie zurück in die Stadt fuhr, ging die Sonne auf. Rot glühte sie im Rückspiegel.

Das Blumengeschäft befand sich nahe der Spree. An diesem Tag konnte Lisbeth das Wasser riechen. Sie stellte den Transporter an der Uferkante ab und trug die Blumen und das geschnittene Unkraut zum Laden, verteilte sie dort auf die Emaillekübel, sortierte über Nacht Verwelktes aus, schrieb neue Preise auf die Schilder, sah die Bestellungen durch, arrangierte Töpfe und Pflanzen draußen vor der Tür und fuhr die Markise aus.

Es blieb ein ruhiger Tag. Nur ein paar Menschen kamen in den Laden und kauften Blumen. Lisbeths Hände rochen nach Pistaziengrün, sie hatte mehrere Sträuße mit den Gräsern vom Kanal gebunden und war immer wieder nach draußen in den Hinterhof gegangen, um dort auf einem ausrangierten Stuhl zu sitzen und zu rauchen.

Am Nachmittag rief die Besitzerin des Geschäfts an, gab die Blumenwünsche für die Gestecke einer Hochzeit durch, legte grußlos auf. Lisbeth schrieb eine Liste, fegte die abgeschnittenen Blätter und Stiele zusammen, die sich über den Tag angesammelt hatten und als dichte Schicht den Boden bedeckten, wechselte das Wasser in den Kübeln, heftete Quittungen ab, legte den Schlüssel des Transporters in die Kasse und rauchte eine letzte Zigarette, bevor sie alle Töpfe von draußen wieder nach drinnen räumte, die Markise einfuhr, einen der Sträuße mit den Gräsern und Zweigen vom Kanal in Papier einschlug und sich unter den Arm klemmte.

Um achtzehn Uhr schloss sie die Tür des Blumengeschäfts ab, hielt den Strauß kopfüber. Sie spürte das Gewicht ihrer Hände, die raue Haut, die Schnitte, schob die Finger tief in die Taschen ihrer Daunenjacke und lief unter den schon fast kahlen Platanen hindurch, den Gehsteig entlang, unter ihren Füßen vibrierte die U-Bahn.

In ein paar Wochen würde es dunkel sein, wenn sie das Geschäft am Morgen aufschloss, und es würde dunkel sein, wenn sie es abends verließ.

Ein feiner Nieselregen setzte ein. Lisbeth zog sich die Kapuze ihrer Jacke tief ins Gesicht. Sie spürte die Kälte des Wassers, die Straßenlaternen waren angegangen. In dem orangenen Licht sah der Regen aus wie Schnee. Zu Lisbeths Linken tat sich eine Lücke zwischen den Häusern auf. Hoch standen die Brennnesseln. Lisbeth verließ den Bürgersteig, lief hindurch, kümmerte sich nicht darum, dass die Nässe der Blätter auf ihrer Hose zurückblieb. Im Frühling hatte jemand in die Mitte der Brache Herbstastern gepflanzt. Noch blühten sie. Lisbeth sah sich um. Am Boden zwischen den Blumen kauerte ein weißer Hund. Sie fing an zu schwitzen. In ihrem Kopf verhallte ein Schuss. Sie blinzelte und erkannte, dass es kein Hund war. Eine weiße Plastiktüte hatte sich zwischen den Stielen verfangen. Auf Lisbeths Haut brannte der Schweiß. Sie schob die Ärmel ihrer Daunenjacke nach oben, fuhr über ihre Armbeugen, die Handgelenke, versuchte, nicht die Fingernägel zu benutzen, pulte am Schorf. Dann bückte sie sich nach der Plastiktüte, ging das Beet einmal ab, fand auch noch eine zerknüllte Alufolie, ein leeres Trinkpäckchen und drei Plastikkorken. Sie verließ die Brache, warf alles in einen Mülleimer und lief weiter.

Lisbeth schloss die Haustür auf, stieg die Treppe nach oben, merkte, wie sie immer langsamer wurde. Vor der Wohnungstür blieb sie stehen. Neben der Fußmatte lagen Maliks Turnschuhe, daneben die gelben Gummistiefel des Kindes und noch drei andere Paar Schuhe, die Lisbeth nicht kannte. Sie fühlte ihren Körper schwer werden, in Zeitlupe drehte sie den Schlüssel im Schloss, öffnete die Tür. Die Wohnung war hell erleuchtet. Warme Luft schlug ihr entgegen. Es roch nach Essen. Ein Stimmengewirr kam aus der Küche. Lisbeth hängte ihre Jacke an die Garderobe, ging durch den breiten Flur, stieg über Spielzeug, blieb im Türrahmen zur Küche stehen, hielt den eingeschlagenen Strauß vor der Brust. Malik hantierte am Herd. Drei Freunde von ihm saßen um den ausgezogenen Küchentisch. Sie grüßten Lisbeth. Eden befand sich in ihrer Mitte, mit einem Lätzchen um den Hals. In dem Moment, in dem Eden Lisbeth sah, reckte Eden die speckigen Arme in die Luft und gluckste.

»Da bist du ja«, sagte Malik, drehte sich zu ihr, lächelte sie an. »Wir wollten gerade anfangen.«

Lisbeth hielt den Strauß fester. Vom hellen Licht brannten ihre Augen. Eden streckte noch immer die Arme nach ihr aus, aber sie schaffte es nicht, den Schritt über die Türschwelle zu machen, ganz in den warmen Raum hineinzutreten, sich an den gedeckten Tisch zu setzen, nach einem Weinglas zu greifen, mit den anderen anzustoßen, sich am Gespräch zu beteiligen.

Malik hatte sich wieder den Töpfen zugewandt, öffnete eine Packung Nudeln, entleerte sie in das kochende Wasser. Sein Körper wirkte dabei so leicht, dass er Lisbeth hohl vorkam. Sie schaute zum Tisch, auch das Kind sah mit einem Mal aus, als wäre es aus Pappmaschee.

»Ich habe etwas im Laden vergessen«, murmelte sie, drehte sich um, nahm hastig die Jacke von der Garderobe und verließ die Wohnung. Als sie unten war, hörte sie, wie oben die Tür aufging, hörte, wie Malik nach ihr rief, hörte das Kind weinen, aber sie blieb nicht stehen.

Unten auf der Straße schnappte sie nach Luft. Der Regen war stärker geworden, sie lief durch die Pfützen, ihre Schuhe wurden nass. Lisbeths Auto stand im Halteverbot, sie knüllte den Strafzettel zusammen, setzte sich hinein, hielt das Gesicht in den Blumenstrauß, brüllte, biss zu. Die Dunkelheit schlug hohe Wellen, füllte Lisbeths Lungen, zerdrückte ihre Brust,...



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