E-Book, Deutsch, Band 618, 256 Seiten
Reihe: Historical MyLady
Burrows Das Mauerblümchen und der Marquess
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7515-1127-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 618, 256 Seiten
Reihe: Historical MyLady
ISBN: 978-3-7515-1127-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Normalerweise würde Miss Horatia Carmichael so schnell wie möglich von jedem Fest verschwinden. Heute aber muss das notorische Mauerblümchen über seinen Schatten springen. Um den Mörder ihres Bruders zu finden, muss sie Kontakt zu Nick Norrington aufnehmen, dem Marquess of Devizes. Leider stellt Nick sich als das genaue Gegenteil der sanften und schüchternen Horatia heraus. Dieser sture und arrogante Kerl treibt sie noch zur Weißglut! Wenn der verruchte Marquess nur nicht solch unangebrachte und aufregend neue Gefühle in ihr wecken würde ...
Annie Burrows wurde in Suffolk, England, geboren als Tochter von Eltern, die viel lasen und das Haus voller Bücher hatten. Schon als Mädchen dachte sie sich auf ihrem langen Schulweg oder wenn sie krank im Bett lag, Geschichten aus. Ihre Liebe zu Historischem entdeckte sie in den Herrenhäusern, die sie gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester besichtigte. Weil sie so gern las und sich Geschichten ausdachte, beschloss sie, Literatur zu studieren. An der Universität lernte sie ihren Mann, einen Mathematikstudenten, kennen. Sie heirateten, und Annie zog mit ihm nach Manchester. Sie bekamen zwei Kinder, und so musste sie zunächst ihren Traum von einer Karriere als Schriftstellerin vergessen. Doch ihr Wunsch zu schreiben blieb, und nach mehreren gescheiterten Versuchen wurde ihr Roman "His Cinderella Bride" angenommen und veröffentlicht. Inzwischen sind weitere Regency-Romane von ihr erschienen.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
Es half nichts. Horatia Carmichael würde zu drastischen Mitteln greifen müssen.
Sie ließ den Blick über die Kirchengemeinde schweifen. Gebetsbücher und Bibeln wurden zusammengesucht und eingepackt, während der betagte Kaplan des Duke of Theakstone den Gottesdienst vor sich hin murmelnd zu Ende brachte. Sie schluckte. Die private Kapelle des Dukes war voller Lords und Ladys. Vermutlich war niemand unterhalb des Ranges eines Viscounts eingeladen worden, die Woche vor der Hochzeit des Dukes auf Theakstone Court zu verbringen. Abgesehen von ihr. Weshalb sie sich ein bisschen so fühlte wie Aschenputtel auf dem Hofball, auf dem sich der Prinz seine Braut aussuchen soll. Oder so ähnlich. Sie hatte Märchen nie sonderlich große Aufmerksamkeit geschenkt. In Märchen ging es immer um schöne Menschen, die unglaubliche Belohnungen dafür bekamen, dass sie schön waren. Oder blaublütig. Horatia wäre um einiges beeindruckter gewesen, wenn zur Abwechslung einmal die Klugheit triumphiert hätte.
Aber wie auch immer, selbst wenn Aschenputtel zweifellos schön war, musste es doch ziemlich verunsichernd für sie gewesen sein, ein Schloss voller Adliger zu betreten. Und da ging es Horatia im Augenblick nicht anders.
Doch verzweifelte Zeiten verlangten nach verzweifelten Maßnahmen. Zwei Monate waren verstrichen, seit Herbert ermordet worden war. Zwei Monate, in denen sie mit wachsender Ungeduld darauf gewartet hatte, dass der Marquess of Devizes zu ihr kommen und ihr sein Beileid aussprechen würde, damit sie ihm die Information geben konnte, mit deren Hilfe sie möglicherweise Herberts Mörder finden würden.
Aber dieser … dieser … Sie suchte nach einem passenden Begriff, um den Charakter des Mannes zu beschreiben, der nicht nur der beste Freund ihres Bruders, sondern auch sein Mitstreiter in der Geheimarbeit gewesen war. Leider fiel ihr keine Bezeichnung ein, die in einer Kapelle vertretbar gewesen wäre. Selbst dann nicht, wenn man sie nur im Geist aussprach.
Wie auch immer, das Problem war, dass dieser … dieser … jetzt hatte sie es! Dieser aufgeblasene Pfau nicht einmal in ihre Nähe gekommen war. Und natürlich hatte sie nicht einfach zu ihm gehen können. Eine Frau konnte nicht einfach an der Tür eines ledigen Gentlemans klingeln, nicht, ohne dass es aufgefallen wäre. Ganz besonders nicht, wenn besagter Gentleman einen gewissen Ruf hatte. Der Marquess of Devizes gehörte zu jenen Männern, die sich jede Frau mit nichts als einem anzüglichen Lächeln in ihr Bett holen konnten. Und genau das tat er auch.
Darüber hinaus hätte sich Lord Devizes nicht über ihren Besuch gefreut, nicht einmal, nachdem er sich angehört hätte, was sie ihm zu sagen hatte. Wenn sie am helllichten Tag bis zu seiner Haustür marschiert wäre, hätte sie damit die Aufmerksamkeit genau jener Leute geweckt, die sie unbedingt im Ungewissen lassen mussten. Diese hätten daraufhin eins und eins zusammengezählt, und dann wäre es aus gewesen.
Was bedeutete, dass sie eine andere Möglichkeit finden musste, sich ihm zu nähern, ohne dabei Verdacht zu erregen.
Das Problem war nur, dass sie während ihrer Trauerzeit weder Bälle noch Feiern besuchen durfte, bei denen sie ihm einfach „zufällig“ begegnen könnte. Nicht, dass sie sonderlich oft an solchen Veranstaltungen teilgenommen hatte, auch schon vor Herberts Tod nicht. Damit hätte sie für ebenso viele missbilligende Blicke gesorgt, wie wenn sie in einer der Spielhöllen, bei einem Hahnenkampf oder in einer der Bergarbeiterkneipen aufgetaucht wäre, denen Lord Devizes und ihr Bruder hin und wieder einen Besuch abgestattet hatten. Auf Informationssuche, wenn man Herbert glauben wollte. Allerdings war er auch schon früher an solchen Orten zu finden gewesen, bevor er begonnen hatte, nach der Truppe von Verschwörern zu suchen, die sich bemühten, Unterstützer für den im Exil lebenden französischen Kaiser Bonaparte um sich zu scharen.
Es traf sich gut, dass Lord Devizes Halbbruder, der Duke of Theakstone, so plötzlich beschlossen hatte zu heiraten. Der Himmel wusste, zu welchen Kniffen sie andernfalls hätte greifen müssen. Glücklicherweise hatte eine Freundin von ihr, Lady Elizabeth Grey, eine Einladung zur Hochzeit erhalten, also hatte Horatia sie nur noch davon überzeugen müssen, sie mitzunehmen. Sie hatte angenommen, dass sie hier – zwischen Teestunden und Spaziergängen auf den Ländereien – irgendwann schon eine Möglichkeit finden würde, Lord Devizes ihre Übersetzung des verschlüsselten Briefes, den Herbert ihr gegeben hatte, zuzustecken. Herbert hatte sie an dem Abend, an dem er ermordet worden war, gebeten, den Brief zu entziffern.
Aber zum Teufel mit dem Kerl, nicht einmal hier bekam sie eine Chance, sich ihm zu nähern. Es gab einfach zu viele Frauen, die ihn ständig umflatterten wie geistlose Motten, die sich gegen eine leuchtende Laterne warfen. Oder vielleicht auch wie Tauben, die sich herausputzten und ihn gurrend anschmachteten. Nun ja, ganz gleich, wie sie sich aufführten, er jedenfalls benahm sich stets wie ein … Pascha. Umgeben von seinem ehrfürchtigen Harem. Als wäre weibliche Bewunderung etwas, auf das er ein Anrecht hatte. Er sog alles in sich auf und verteilte sein schiefes Grinsen wie eine Art Belohnung an jene, die ihn besonders amüsierten. Allerdings verliehen ihm seine schwerlidrigen Augen jederzeit den Ausdruck, als würde er gleich zu lachen beginnen. Als wäre das ganze Leben ein einziger Scherz.
Wofür sie ihm am liebsten den Hals umgedreht oder gegen das Schienbein getreten hätte. Oder etwas ähnlich Gewalttätiges. Denn während er umherschlenderte und mit jeder weiblichen Person unter fünfzig kokettierte, wurde die Spur, die möglicherweise zu Herberts Mörder führte, immer kälter.
Links von ihr erhob sich ihre Freundin, die den Part der guten Fee in ihrer Aschenputtelgeschichte spielte. Was bedeutete, dass Horatia ebenfalls aufstehen musste, um Elizabeth dann unterwürfig zurück zum Haupthaus zu folgen, wo Erfrischungen gereicht wurden. Sie brauchte sich gar nicht erst einzureden, dass es ihr vielleicht während der Teestunde gelingen würde, sich ihm zu nähern. Wahrscheinlich würde sie sich dort nur wieder vollkommen fehl am Platz fühlen, sich in irgendeine Ecke zurückziehen und dort kauern wie eine kleine schwarze Krähe, während die prunkhafteren Vögel Lord Devizes umschwärmten.
Also jetzt oder nie. Sie schob sich ihre Brille ein Stück den Nasenrücken hinauf, erhob sich und ging bis zum Ende der Bankreihe. Dort angekommen öffnete sie ihr Retikül und nahm ihr Taschentuch heraus. Hinter ihr schnaubte Lady Elizabeths Mutter, die Dowager Marchioness of Tewkesbury, vernehmlich durch die Nase. Etwas, das sie gewohnheitsmäßig tat, wann immer ihr Blick auf Horatia fiel. Die Dowager machte kein Geheimnis daraus, dass es ihr missfiel, wie gut sich ihre Tochter mit einer einfachen Miss verstand. Tatsächlich hätte sie ihrer Tochter vermutlich verboten, Horatia mitzubringen, wenn Mutter und Tochter nicht gerade beschlossen hätten, nur noch das Nötigste miteinander zu reden.
Wie auch immer, hier war sie nun. Und Lord Devizes würde gleich an ihrer Bankreihe vorbeikommen.
Sie putzte sich die Nase und warf ihr Taschentuch zurück in das Retikül. Ihr Herz pochte wie wild. Sie musste nicht darauf hoffen, dass er stehen bleiben und ihr einen guten Morgen wünschen würde. Seit ihrer Ankunft auf Theakstone Court hatte er reichlich Gelegenheit dazu gehabt, doch jedes Mal hatte er einfach durch sie hindurchgeschaut. Als wäre sie seiner Aufmerksamkeit nicht würdig. Als würde er sie nicht einmal erkennen.
Aber warum sollte er auch? Herbert hatte sie zwar miteinander bekannt gemacht – während ihrer einzigen Saison, als Herbert verkündet hatte, er werde sie schon „herausputzen“ –, doch Lord Devizes war eindeutig unbeeindruckt geblieben von der plumpen, schäbigen kleinen Schwester seines Freundes. Er hatte nur einmal mit ihr getanzt, und das ohne Frage nur aus Höflichkeit seinem Freund gegenüber. Lord Devizes hatte kaum ein Wort mit ihr gewechselt und kein Fünkchen seines berühmt berüchtigten Charmes an sie verschwendet. Ganz zu schweigen davon, dass er mit ihr kokettiert hätte.
Doch darum ging es jetzt nicht. Nun war nicht die Zeit, in altem Groll zu schwelgen, vor allem, weil er sie auch nicht schlechter behandelt hatte als alle anderen sogenannten Gentlemen, die dazu überredet worden waren, sich aus Mitleid eines so altmodischen Mauerblümchens anzunehmen. Er kam näher. Nur noch ein paar Schritte, und sie würde die Hand ausstrecken und ihn am Ärmel zupfen können.
Wie eine Bettlerin, die um Almosen bat.
Also, nein, das war nicht der richtige Weg. Es musste wie eine zufällige Begegnung wirken, sonst würde man merken, dass sie unbedingt mit ihm sprechen wollte. Was nicht geschehen durfte.
Als er fast bei ihr war, griff sie rasch nach ihrer Bibel, die neben ihr auf der Bank lag, und warf sie ihm vor die Füße, in der Hoffnung, dass es so aussah, als hätte sie das Buch versehentlich fallen gelassen.
Er blieb stehen. Blickte auf die Bibel hinab. Sah sie an. Stützte eine Hand in die Hüfte und hob einen Mundwinkel zu einem … einem spöttischen Grinsen.
Ihr Gesicht wurde heiß. Dieser … dieser schlimme Fluch. Dieser grässliche Ausdruck. Er schaffte es, den Eindruck zu erwecken, sie hätte absichtlich etwas vor seinen Füßen fallen lassen, wie es Frauen vor Jahrhunderten getan hatten, um die Beachtung eines Mannes zu erregen, den sie einfach nicht anders auf sich hatten aufmerksam machen können. Und genauso war es ja auch. Aber nicht, weil sie...




