E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Akyl Borubaew
Callaghan Blutiger Winter
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-455-17014-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 336 Seiten
Reihe: Akyl Borubaew
ISBN: 978-3-455-17014-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Seit 'Kind 44' habe ich nichts mehr so Eindringliches gelesen. Dieser Thriller ist gnadenlos, atmosphärisch stark und unglaublich spannend. Callaghan weiß, genau, wovon er schreibt!"
Tote Augen, kalter Wodka, roter Schnee. Der erste Fall für Akyl Borubaew
Ein klirrender Wintermorgen in Bischkek. Leblos im Schnee eine junge Frau, in deren aufgeschlitztem Leib Inspektor Borubaew eine grauenvolle Entdeckung macht. Das Werk eines Perversen?
Borubaews Ermittlungen führen ihn durch die unglaublichen Landschaften Kirgisistans und in Kreise, deren einzige Sprache die Gewalt ist.
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Kapitel 2
Es war später Nachmittag, als mich einer der Uniformierten am Ende seiner Schicht unweit vom Leichenschauhaus absetzte. Direkt neben dem Krankenwagen zu parken, der gerade den Sack Knochen und Eingeweide des Abends entlud, kam mir immer respektlos vor. Außerdem gab es mir Zeit, meine Gedanken zu sammeln und ein bisschen frische Luft in die Lungen zu saugen, bevor ich den säuerlichen Gestank eines frisch geöffneten Magens einatmete. Das Leichenschauhaus des Bezirks Sverdlowsk ist ein schäbiges, unansehnliches Gebäude in allseits beliebter Dreckiger-Beton-Optik; eine angemessene Unterbringung für die Toten in einem Land, in dem es selbst für die Lebenden schwer ist, eine Behausung zu finden. Nur ein kleines verwittertes Schild weist auf die Funktion hin; es ist kein Ort, den viele Menschen besuchen, und die es tun, kommen meist mit den Füßen zuerst an. Zu viele Abende habe ich hier verbracht, unter Glühbirnen, die flackern, wenn die Spannung im Stromnetz absackt, zwischen gekachelten Wänden, von denen jeder Laut abprallt, bemüht, die durchdringenden Schlachtergerüche zu ignorieren. Der Widerschein der Heckleuchten des davonfahrenden ment im Schnee erinnerte mich an das Blut, das aus der Kehle des Schafs gespritzt war, das wir zu Tschinaras toi geopfert hatten, der Gedenkfeier vierzig Tage nach dem Tod eines Verstorbenen. Der Imam hatte ein paar Gebete gemurmelt, das Schaf hatte sich im Hof vollgeschissen und fand sich fünf Minuten später in Stücke gehackt wieder. Ich bin ein Junge aus der Stadt, geboren und aufgewachsen in Bischkek: Ich denke, ein Tier zu töten ist eine höllische Art, der Verstorbenen zu gedenken, aber so wurde es in den Dörfern schon immer gemacht. Ich schob alle Gedanken an Schlachtermesser beiseite und stieß die Schwingtür auf. Die eigentlichen Arbeitsräume der Leichenhalle liegen im Keller, zu dem man über eine mit gebrochenen Kacheln geflieste Treppe gelangt. An einer Wand ist ein großer smaragdgrüner Fleck, wo letzten Winter der Schnee eingedrungen ist, wahrscheinlich auf der Suche nach Wärme. In jeder zweiten Fassung fehlt die Glühbirne, doch es gibt ausreichend Licht, das sich in den Metalltüren am Ende des Flures spiegelt. Ich trat den gröbsten Schnee von meinen Schuhen, froh, dass keine Babuschka in der Nähe war, die mich für die Sauerei tadeln konnte, die ich auf dem Fußboden hinterließ, und atmete ein letztes Mal tief ein. »Inspektor«, murmelte Kenesch Jussupow, ohne von der formlosen Masse auf dem Stahltisch vor sich aufzublicken. Das Licht der Neonlampen spiegelte sich blitzend in seiner randlosen Brille. »Ich nehme an, du kommst wegen der Frau? Noch fünf Minuten, ich mach gerade noch diesen krokodil fertig.« Ich verzog das Gesicht und bemerkte den Geruch von Jod, der den üblichen Gestank von Blut, rohem Fleisch und Scheiße überlagerte. Ich habe ein paar furchtbare Dinge gesehen: von Babys, denen die Eltern jeden Knochen im Leib gebrochen hatten, bis hin zu Großmüttern, die vergewaltigt und für ihre zweihundert Som Rente totgeschlagen worden waren. Aber ein krokodil ist eine Vision aus der Hölle. Krokodil ist die neueste Modedroge aus Mütterchen Russland, billiger und viel stärker als Heroin. Man stellt es zu Hause selbst her, aus frei verkäuflichen Arzneimitteln wie Kodein, die mit Jod, rotem Schwefel aus den Zündköpfen von Streichhölzern, einem Spritzer Benzin und was man sonst in die Hände kriegt, aufgekocht werden. Reines Gift. Krokodil wird es genannt, weil die Haut um die Einstichstelle der Spritze grün und schuppig wird, wenn Entzündungen und Brand schwelen. Das Fleisch beginnt beinahe unmittelbar zu faulen und abzusterben, löst sich und hinterlässt nicht verheilende Wunden, die sich durch Gewebe und Muskeln bis zu den Knochen fressen. Ich habe Süchtige ohne Fleisch an den Armen gesehen, Elle und Speiche entblößt und grauweiß, Frauen mit Löchern in den Beinen, so groß, dass man seine Faust hineinstecken konnte, Männer, deren Wangen aufgeplatzt waren, nachdem ihr Zahnfleisch zu einem blutigen Brei geworden war. Der Gestank von Jod durchdringt Kleider, Haut, Haare, sogar die Wände der billigen Wohnungen und Fixerstuben, wo die Süchtigen sich die Droge tagelang ununterbrochen aufkochen. Wenn man mit dem Krokodil schwimmt, hat man wahrscheinlich noch sechs Monate zu leben, wenn man es denn so nennen kann. Weil Kirgisistan so nahe an Afghanistan mit seinem leicht verfügbaren Angebot an billigem Heroin liegt, hat krokodil uns noch nicht in dem Maße gefressen, wie es die Süchtigen von Moskau bis Wladiwostok verschlungen hat, aber das ist nur eine Frage der Zeit. »Ein schlimmer Fall?«, fragte ich und bemühte mich, nicht hinzusehen. »Im Vergleich mit was?« »Du weißt, was ich meine. Schlimm?« »Eigentlich nicht. Der hier ist an einem Herzinfarkt gestorben. Kaum Nekrose, bis auf die Finger. Sie sind alle weg, nur rohe Stümpfe, aus denen die Knöchel ragen. Oh, und sein Penis. Er konnte nicht mehr pissen, selbst wenn er noch Finger gehabt hätte, um seinen Schwanz zu halten. In dem Zustand konnte er natürlich auch keine Spritze mehr bedienen, also muss ihm jemand den Schuss gesetzt und sich mit der Dosis vertan haben.« »Oder auch nicht. Eine Vene weniger zu füttern, umso mehr Stoff bleibt.« »Schon möglich, Inspektor, aber schwer zu sagen.« Das Jod ließ mich würgen. Ich wusste, dass ich faulendes Gewebe in meine Lungen saugte, doch der Spott der Kollegen würde kein Ende nehmen, wenn ich dazu überging, bei Obduktionen einen Mundschutz zu tragen. »Ich könnte auch wiederkommen. Wenn du hier fertig bist. Wegen der Frau.« »Keine Sorge, Inspektor, der hier läuft mir nicht weg, der ist in einer Sackgasse gelandet.« Damit wären wir schon zwei, dachte ich, während Jussupow ein zerschlissenes Laken über die menschlichen Überreste vor sich warf. Ich versuchte zu übersehen, wie der Stoff sich sofort mit irgendeiner grässlichen Flüssigkeit vollsaugte, und folgte Bischkeks leitendem Pathologen zu dem Seziertisch auf der anderen Seite des Raumes. »Deine Freundin. Sieht viel zu gut aus für dich, die spielt in einer anderen Liga. Oder spielte«, verkündete Jussupow und zog einen der überdimensionierten Aktenschränke auf, in denen er seine frischen und nicht mehr ganz so frischen Toten aufbewahrte. Die Metallschienen quietschten wie eine Rasierklinge, die über Rost kratzt, und ein Schwall kalter Luft wehte heraus. Wie jedes Mal schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass die Leiche gar nicht tot war, sondern gerade ausgeatmet hatte. Es gibt Nächte, in denen ich nicht schlafen kann und meine Augen sich blasig und rissig anfühlen von den Dingen, die sie gesehen haben, Nächte, in denen die Toten an mir vorbeidefilieren wie Models bei einem makabren Catwalk. Ich drückte gegen die schlimmsten Gerüche meine Zunge an den Gaumen und machte mich daran, die Totenruhe des Mädchens erneut zu stören. Einer von Jussupows Assistenten hatte sie nackt ausgezogen, um ihre Kleider zur spurentechnischen Untersuchung zu geben oder, wahrscheinlicher, um sie auf dem Basar zu verkaufen. Seit der Erklärung unserer Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 haben wir die Korruption und Gier diverser Regierungen ertragen, die sich die eigenen Taschen vollgestopft haben. Also sieht jeder, wie er zurechtkommt, und nutzt jede Gelegenheit, ein paar Som zu machen. Und wenn das bedeutet, die Kleider der Toten zu verkaufen – nun, dies ist ein armes Land. Das Gesicht des Mädchens wurde aufgedeckt, eisweiß und friedlich. Um die Hüften und auf dem Rücken hatten sich bereits blassbläuliche Flecken gebildet, wo sich das im Körper verbliebene Blut, von der Schwerkraft angezogen, unter der Haut ablagerte. Ich konnte an ihrem Körper den Verschleiß durch das alltägliche Leben erkennen; eine Blinddarmnarbe, alte Kerben und Kratzer, eine Schramme aus der Kindheit, die auf einem Knie ein Muster hinterlassen hatte. Nackt sah sie jünger und verletzlicher aus, eins der natürlichen Opfer des Lebens, geboren, um hier zu enden, ohne etwas von meinen Blicken und Jussupows Instrumenten zu ahnen. Die Sorte Frau, die ständig gegen Türen läuft, bis eines Tages eine zu hart zuschlägt und sie draußen stehenlässt. Aber sie wirkte mehr im Frieden mit sich als Tschinara, nachdem sie von ihren Schwestern in ein Grabtuch gewickelt und für die letzte Nacht auf Erden auf die rechte Seite der Jurte gelegt worden war – die Seite der Frau –, bevor die Männer sie am Morgen hinunter zu dem Friedhof mit Blick ins Tal trugen. Ich konnte ihre Eingeweide riechen, den Gestank und Geschmack von Eisen, als hätte ich meinen Kopf zwischen ihren Beinen gehabt und sie während ihrer Periode geleckt. Ich musste hart schlucken, bevor ich die Wunde widerwillig betrachtete. »Mein Gott«, murmelte ich. Aber falls es einen Gott gab, war er ziemlich sicher nicht im Dienst gewesen, als das passierte. »Interessant, nicht wahr?«, sagte Jussupow ruhig, als würde er das Bouquet eines edlen Weines genießen oder eine kunstvoll mundgeblasene Vase bewundern. »Ich muss ehrlich gestehen, dass ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen habe.« Die meisten Wunden werden willkürlich zugefügt, zögernd, ein Stoß hier, ein Schnitt da, sodass es mehrerer ängstlicher Anläufe bedarf, bevor der Tod eintritt. Oder der Mörder wird von einer wilden Heftigkeit angetrieben, einem Hass, der aus billigem Wodka hochkocht, Kindern, die nie aufhören zu schreien, einer Frau, der man schon lange egal ist. Die Schnitte sind planlos, zerfetzen und zerschneiden,...




