E-Book, Deutsch, Band 4, 336 Seiten
Reihe: Akyl Borubaew
Callaghan Erbarmungsloser Herbst
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-455-00661-2
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 4, 336 Seiten
Reihe: Akyl Borubaew
ISBN: 978-3-455-00661-2
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tom Callaghan, geboren in Nordengland, arbeitete viele Jahre bei Saatchi & Saatchi in London, New York und Philadelphia und lebt heute in Dubai. In seiner Thrillerserie um den kirgisischen Inspektor Akyl Borubaew erschienen zuvor Blutiger Winter (2015), Tödlicher Frühling (2016) und Mörderischer Sommer (2018).
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Widmung
Motto
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Danksagung
Über Tom Callaghan
Impressum
Kapitel 1
Sie hatte es nicht mehr geschafft, die Spritze aus der Innenseite ihres Oberschenkels zu ziehen, bevor das Heroin ihr Nervensystem mit der rücksichtslosen Grausamkeit eines Schneesturms traf, der vom Tienschan-Gebirge ins Tal fegt. Ihre Leiche lag ausgebreitet auf einem Chaos aus ungewaschenen Kleidern, leeren fettigen Pizzaschachteln und zerdrückten Baltika-Bierdosen; der Müll, den ein Junkie ansammelt, wenn nichts anderes im Leben zählt, als sich den nächsten Schuss aufzukochen. Ihre billigen weiten Jeans ohne Markenetikett bauschten sich um ihre Knie, sodass ich den Fortschritt ihrer Sucht an den Einstichmalen ablesen konnte, die wie Brandflecken von Zigaretten an ihrem linken Bein hinaufwanderten.
Vielleicht war sie einmal ein hübsches Mädchen gewesen, das von wahrer Liebe und der nächsten Party geträumt hatte, aber das war jetzt Geschichte. Kein erster Kuss mehr, keine Sommerabende mit Freunden am Yssykköl-See, nicht der satte Geruch von geschnittenen Lilien oder das Knirschen von Neuschnee unter den Schuhen. Sie war unter einer anderen Art Schnee begraben worden, den der Tod nach Zentralasien und Russland wehte.
An dem rohen Gestank von Jod erkannte ich, dass zumindest eine Person in dem verlassenen Gebäude gekocht hatte. Man kann es problemlos zu Hause herstellen; man braucht nur Kodein, gemischt mit Jod, roten Phosphor von Streichholzköpfen, einen feinen Hauch Benzin sowie alle anderen Gifte, die man in die Hände kriegt.
Wenn man sich spritzt, wird die Haut grün und schuppig, wo Wundbrand und Entzündungen zuschlagen. Daher der Name der Droge. Das Fleisch stirbt ab und verfault, hinterlässt nicht verheilende Wunden, die sich durch Gewebe und Muskeln bis zu den Knochen fressen.
Die Spuren am Bein des Mädchens waren zu klar und ausgeprägt, um von einem Krokodilbiss zu stammen. Wahrscheinlich eher Heroin. Vielleicht war sie ein altmodisches Mädchen, das seine Knie stets zusammengehalten hatte, außer für den Druck der Spritze. Ich wusste, dass Kenesch Jussupow die Antwort finden würde. Der leitende Pathologe von Bischkek hatte schon alles gesehen und auch aufgeschnitten.
Während meiner Laufbahn als Inspektor bei der Mordkommission habe ich genug Überdosis-Leichen gefunden, um zu wissen, dass »Opfer« das falsche Wort ist. Meines Erachtens ist es mindestens Torheit, sich Gift zu spritzen, in den verwinkelten und verborgenen Nischen des Bewusstseins vielleicht sogar Todessehnsucht, der Wunsch nach einem finalen Ende. Das Wort »Opfer« spare ich mir lieber für Menschen auf, die ihren Tod nicht selbst herbeigeführt haben, Menschen, deren unglücklicher Weg mit der Gier, Grausamkeit oder Lust eines anderen kollidiert und geendet war. Harsch? Kann sein, aber so sieht man das, wenn man derjenige ist, der hinterher aufräumen muss. Ich habe mein Mitgefühl für die Toten nicht verloren, aber es schließt nicht mehr alles mit ein.
»Inspektor.«
Ich wandte mich um, als Kenesch Jussupow neben mich trat, um auf das Wrack dessen zu starren, was einmal ein menschliches Leben gewesen war. Ich würde Jussupow nicht als Freund bezeichnen – er ist zu humorlos und mürrisch, um mit ihm einen trinken zu gehen –, aber wir arbeiten schon lange zusammen und achten unsere jeweiligen Fähigkeiten. Ich könnte meine Tage niemals damit verbringen, Schädel zu öffnen und Fleischpakete zu wiegen. Andererseits versuchen die Menschen, die er bei der Arbeit trifft, nicht, ihn umzubringen. Jedem das, was zu ihm passt.
»Die Wohnung ist leer, nehme ich an?«
Ich nickte. Es ist Standard, dass ein uniformierter mit gezückter Waffe den Einsatzort überprüft, um sicherzugehen, dass nicht irgendwo ein Irrer lauert, der seine HIV-verseuchte Spritze teilen will. Hygiene und Ordnung sind nicht das Einzige, was Süchtige aufgeben, sie warten auch nicht, bis sie sich unbequemen Fragen von missbilligenden Polizeibeamten stellen müssen. Alles Mitgefühl für die Leiche im Raum verschwindet durch die Tür und rennt die Treppe runter.
Wir waren in einer in Alamedin unweit der Eisenbahngleise, einem jener Plattenbauten, wie sie nach dem Großen Vaterländischen Krieg gegen Hitler in der gesamten Sowjetunion aus dem Boden geschossen sind.
Im Sommer kann man jeden Morgen einen Zug hören, der sich auf seiner fünfstündigen Fahrt nach Balyktschy am Ufer des Yssykköl mutlos durch Alamedin und die Boom-Schlucht wälzt, nur um am selben Abend die Rückfahrt anzutreten. Weiter östlich ist der See wunderschön mit ruhigem, klarem Wasser und umringt von schneebedeckten Gipfeln, aber Balyktschy ist ein fauliges Drecksloch, das man nicht zweimal besuchen möchte. Manchmal denke ich, als Kirgise kann man reisen, so viel man will – schließlich waren wir traditionell Nomaden –, und landet am Ende trotzdem immer dort, wo man aufgebrochen ist. Ich war mir nie sicher, ob das gut oder schlecht ist.
Kenesch und ich knieten neben der Leiche – unter lautem Protest meiner Gelenke. Noch ein Zeichen dafür, dass ich diesen Job schon zu lange machte. Aus der Nähe konnte ich den beißenden Uringestank riechen; ihre Blase hatte sie im Stich gelassen. Als ich mir vorstellte, wie beschämt und gedemütigt sie sich vermutlich gefühlt hätte, in diesem Zustand den unbarmherzigen, unpersönlichen Blicken von Fremden ausgeliefert zu sein, tat sie mir plötzlich leid.
Die unverputzten Wände waren von feuchten Streifen gezeichnet, der Linoleumboden war abgetreten, verschrammt und so gründlich verschmutzt, dass das ursprüngliche Muster zum Gespenst einer Erinnerung verblasst war, wie die verblichene Fotografie eines lange vergessenen Menschen. Ein billiger Holzstuhl war umgekippt; ich nahm an, dass das Mädchen darauf gesessen hatte, als es sich den Goldenen Schuss gesetzt hatte und kopfüber in den Tod getaucht war.
Jussupow tippte an meinen Arm und wies auf den Unterleib des Mädchens. Ein paar mittlerweile getrocknete dunkle Blutflecke waren auf ihren weißen Slip gespritzt.
»Ist das von Belang?«, fragte ich.
Jussupow zuckte mit den Schultern.
»Schwer zu sagen. Könnte auch ihre Periode sein. Jedenfalls nicht von der Spritze, die steckt noch. Sicher weiß ich das erst, wenn sie auf meinem Tisch liegt.«
»Hältst du es für einen verdächtigen Todesfall?«
Jussupow wandte sich mir zu und zuckte erneut die Schultern. Die blasse Sonne spiegelte sich in seinen Brillengläsern und verbarg seine Augen.
»Ich würde ihn als ungewöhnlich bezeichnen. Irgendwas passt nicht.«
Ich blickte wieder auf die Leiche und konnte nichts Außergewöhnliches erkennen. Der fahle dunkelblaue Fleck, wo die Schwerkraft das Blut zur Erde gezogen hatte, geschwollene aufgedunsene Haut, auf der alte Narben und Makel die Landkarte ihres Lebens hinterlassen hatten. Ich hatte das alles schon zu oft gesehen.
»Schau dir die Einstichmale an ihrem Bein an«, sagte Jussupow. »Alle relativ frisch. Vermutlich war sie Rechtshänderin, denn alle Einstiche sind an ihrem linken Bein. Leichter, sich eine Spritze zu setzen.«
Er packte einen Arm der Toten.
»Das ist ungewöhnlich. Keine Spuren an den Armen, nicht mal subkutan. Die meisten Fixer suchen erst nach frischen Venen in ihren Beinen, wenn es in den Armen nicht mehr geht.«
Nun war es an mir, mit den Schultern zu zucken. »Also wollte sie nicht, dass die Leute von ihrem Konsum wussten. Vermutlich wären Mama und Papa nicht einverstanden gewesen. Vielleicht war sie eitel, stolz auf ihre weiche Haut und ihre glatten Unterarme. Das scheint mir alles ein bisschen dünn.«
»Nach der Obduktion weiß ich mehr«, sagte Jussupow. »Du kannst gern zusehen. Wenn du dich bemühen willst, meine ich.«
Ich trat zur Seite, damit die Männer mit der Bahre ihrer Arbeit nachgehen konnten. Das war unter der Gürtellinie, leitender Pathologe, dachte ich, aber vielleicht steckte auch ein bisschen Wahrheit darin.
Die furchtbare Gebrochenheit durch den Tod offenbarte sich in den baumelnden Gliedmaßen und dem nach hinten gesackten Kopf. Als die junge Frau hochgehoben wurde, sah ich auf der linken Seite ihrer Stirn einen dunklen Bluterguss.
»Was hältst du davon?«, fragte ich Jussupow.
»Ist vielleicht beim Aufprall auf den Boden entstanden. Ihr Herz muss nicht sofort aufgehört haben zu schlagen, was den Bluterguss erklären würde. Aber wie gesagt, mehr weiß ich, wenn ich sie unter dem Messer habe.«
Während die Leiche abtransportiert wurde, konnte ich noch etwas in dem Raum riechen: Angst und Verzweiflung, so bitter und roh auf der Zunge, dass einem davon die Augen tränten. Ich war klug genug, es Jussupow gegenüber nicht zu erwähnen. Er hätte mich angesehen, als ob ich verrückt geworden wäre und begonnen hätte, meine Loyalität zum Genossen Stalin zu bekunden. Stattdessen legte ich den Gedanken in jener dunklen Nische ab, in der ich Impressionen, Ahnungen und Träume speichere.
»Ich mache die Obduktion morgen Vormittag«, sagte Jussupow auf dem Weg zur Tür. »Um zehn Uhr.«
Ich nickte und wartete, bis ich seine Schritte auf dem Treppenabsatz hörte, bevor ich nach Indizien zu suchen begann. Mordgeständnisse, zerknüllte Notizzettel mit der Adresse des Dealers, mysteriöse, mit billigem Lippenstift geschriebene Telefonnummern. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich würde mich an jeden Strohhalm klammern, also stöberte ich durch die erbärmlichen Überreste eines Lebens, als mein Telefon piepte.
Eine SMS: »Treffen so bald wie möglich.« Geschickt von Michail Tynalijew. Minister für Staatssicherheit. Jedes Treffen mit ihm, das ich bisher erduldet hatte, war...




