Cantrell | Zeig mir das Morgen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Cantrell Zeig mir das Morgen

Roman.
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-96122-021-2
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman.

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-96122-021-2
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Millie Reynolds hat es nicht leicht. Mit einem prügelnden Alkoholiker als Vater und einer Mutter, die sich immer mehr in sich selbst zurückzieht, wächst sie in der Zeit der Wirtschaftsdepression in Colorado auf. Als Zigeuner durch die Stadt kommen, erlebt sie zum ersten Mal ein Gefühl der Zugehörigkeit. Als sie sich ihnen anschließen will, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall und Millie landet als Pflegekind in einer wohlsituierten, nahezu perfekten Familie. Doch der Schein trügt. Schon bald muss Millie eine folgenschwere Entscheidung treffen ... Dieser wunderbare Debüt-Roman wurde mit gleich zwei Christy Awards ausgezeichnet.

Julie Cantrell hat früher für ein Literaturmagazin Rezensionen geschrieben, bevor sie mit ihrem Erstlingswerk 'Zeig mir das Morgen' die New York Times-Bestsellerliste stürmte. Julies Vorfahren gehörten zu den ersten Siedlern des amerikanischen Westens und noch heute betreibt sie mit ihrer Familie eine Farm in Mississippi. Neben dem Schreiben ist sie als Sprachtherapeutin tätig und unterrichtet Englisch als Fremdsprache an einer Grundschule.
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KAPITEL 1

März 1936

Ein langer schwarzer Zug rattert über Mr Suttons Land. Seinen Pferden macht das so wenig aus, dass sie nicht einmal die Köpfe heben. Sie haben keine Angst vor den Rädern aus Metall und der Rauch speienden Lokomotive.

Jeden Tag kommen die Züge wie schnurgerade Linien übers Land gefahren, genauso schnurgerade wie die Säume der Hosen, die Mama für reiche Leute flickt. Das macht Mama nämlich für Geld – Bügeln und Nähen und Waschen und Flicken.

Und ich, ich sitze auf Mr Suttons Baum, wohne in einer von Mr Suttons Hütten, in denen früher die Sklaven untergebracht waren, verkaufe Mr Suttons Pekannüsse und träume davon, Mr Suttons Pferde zu reiten, und das alles im Schatten von Mr Suttons großem Haus.

„Ihm gehört die ganze Welt. Jeder Zentimeter, vom einen Ozean bis zum anderen!“, rufe ich von einem Ast meines Lieblingsbaums aus – einem Amberbaum – unserem Nachbarn Sloth zu. Seine Hütte steht in der Reihe von Arbeiterunterkünften neben unserer. Drei kleine, schmale Hütten sind es, die auf Stelzen gebaut sind, mit morschen Veranden und undichten Dächern. Wir wohnen in der mittleren, die von den anderen beiden wie von Buchstützen aufrecht gehalten wird. Alle drei stehen so nah beieinander, dass ich zu jeder hinspucken könnte.

Sloth kniet im Schatten seiner Hütte und buddelt nach Regenwürmern. Die braucht er heute Nachmittag, wenn er zum Angeln an den Fluss geht. Mit seinen runzeligen Händen lässt er ein paar dicke Würmer in eine Konservendose plumpsen, in der etwas Erde ist, und sagt: „Aber die Züge, die gehören ihm nicht.“

Ich kann nur raten, woher die Güterwaggons kommen und wohin sie fahren, und ich tue so, als ob darin „geschmeidige Tiger, starke Löwen und winzige Ponys mit türkisfarbenen kleinen Hüten“ transportiert werden. So steht es in dem zerfledderten Buch Fabeln und Märchen, aus dem mir Mama immer vorgelesen hat, als ich noch nicht selbst lesen konnte.

Ich zähle die Waggons, während der Zug vorbeidonnert. 15,16,17… „Was meinst du, wohin der fährt?“, frage ich Sloth.

„In die Freiheit“, antwortet er und lässt noch einen glitschigen Wurm in die Dose fallen, dann steht er auf und klopft sich den Staub von der Hose. Langsam wie eine Schnecke humpelt er zu seiner Veranda zurück. Vor ungefähr sechs Jahren hat Sloth sich in den Fuß geschossen, als er sein Jagdgewehr reinigen wollte. Seitdem hat er am rechten Fuß nur noch zwei Zehen und geht schief und gebeugt. Er hat irgendwann selbst angefangen, sich Sloth – also Faultier – zu nennen, weil Faultiere auch nur zwei Zehen haben, und irgendwie ist dieser Name an ihm kleben geblieben. Mama sagt „Mr Michaels“ zu ihm, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn jemals anders genannt habe als Sloth.

Ich zähle die Waggons des Güterzuges bis zum Ende – 27 sind es – und schaue dem Zug dann nach, bis er irgendwann nur noch als ein winzig kleiner Punkt hinter einem von Mr Suttons Pekannussbäumen zu erkennen ist. 17 Pekannussbäume stehen wie Soldaten aufgereiht am Weg zwischen den Hütten und dem großen Haus von Mr Sutton und bewachen die Grenze, durch die seine und meine Welt voneinander getrennt sind. Ein Glück, dass sich Mr Sutton nicht besonders für Pekannüsse interessiert, denn so kann ich sie aufsammeln und verkaufen und das Geld behalten.

Ich schaue dem Zug hinterher, bis er ganz verschwunden ist. Wie Sloth sich die Freiheit vorstellt, weiß ich nicht, aber ich stelle sie mir als einen Ort vor, an dem 9-jährige Mädchen keine Angst vor ihren Vätern haben, wo Mütter nicht ständig traurig sind und wo nicht die ganze weite Welt Mr Sutton gehört. Ich frage mich, ob die Freiheit vielleicht da ist, wohin Jack fährt, wenn er seine Sachen packt und mit der Mannschaft vom Rodeo loszieht.

Jack ist mein Vater, aber ich bringe es einfach nicht fertig, ihn so zu nennen.

Sloth humpelt jetzt die drei Stufen zu seiner Veranda hinauf. Mama ist in unserer Küche und singt traurige Lieder. Mr Suttons Pferde fressen in aller Seelenruhe Gras, so als ob sie wüssten, dass ich sie nicht reiten darf, weil sie mir nicht gehören. Ich klettere noch höher in den Amberbaum und hoffe, dass der Zug umkehrt und zu mir zurückkommt, um mich zu holen; dass er mich mitnimmt zu dem Ort, den Sloth Freiheit nennt.

* * *

„Ich fass es immer noch nicht, dass du meine Angel abgebrochen hast“, neckt mich Sloth und erinnert mich an unseren Angelausflug in der vergangenen Woche, als ich den dicksten Wels am Haken hatte, den ich jemals gesehen habe.

Jetzt ist Sloth dabei, die Angel mit Schnur zu umwickeln, damit er sie wieder benutzen kann. Er schüttelt den Kopf und sagt: „Ich hätte den Fisch ja nie und nimmer entwischen lassen.“

Ich klettere noch weiter hoch in meinen Baum und schaue Sloth zu, wie er sich für seinen Angelausflug fertig macht. Es ist kurz nach Mittag, und wenn ich mich anstrenge, kann ich von hier aus die schicken Hüte der Leute in der Stadt sehen. Wahrscheinlich haben die Leute, die solche Hüte aufhaben, noch nie erlebt, dass ein Wels ihre Angel zerbricht, und sie haben auch noch nie an einem schattigen Fleckchen zappelnde Regenwürmer ausgebuddelt.

„Freust du dich, dass heute Samstag ist?“, frage ich.

Sloth nickt bedächtig. Er weiß, wie froh ich darüber bin, dass ich heute nicht in die Schule muss. Wenn ich unter der Woche meiner Mutter bei der Wäsche für ihre Kunden und Sloth bei seinen Aufgaben helfe, kriege ich oft kaum noch die Schule dazwischengequetscht.

Ich schaue wieder in die Ferne, Richtung Stadt, wo jetzt Familien aus den Restaurants kommen. Sie sehen aus wie Ameisen, die sich genau nach Plan und ganz pünktlich wieder in ihre Ameisenhaufen begeben. „Was für eine Zeitverschwendung, den ganzen Tag irgendwo drinnen zu sitzen“, sage ich zu Sloth. „Wahrscheinlich können die nicht mal die Bäume singen hören.“

Sloth lacht, aber es ist ein freundliches Lachen, das bedeutet, dass er das auch so sieht.

In unserer Gegend singen nämlich die Bäume. Ich bin nicht die Erste, die das hören kann. Die Choctaw-Indianer haben diese Gegend Iti Taloa genannt, das heißt „singende Bäume“. Irgendwann hat dann ein reicher Mann aus Virginia das ganze Land aufgekauft, hat Eisenbahnschienen darauf gebaut und sogar extra ein Karussell aus dem fernen Europa geholt. Er hat wohl gedacht, wenn sich mitten im Park bunte Meerjungfrauen im Kreis drehen, würde es niemanden mehr interessieren, dass er die Choctaws vertrieben und an jedem Stadtausgang ein großes weißes Schild aufgestellt hatte, auf dem stand: Willkommen in Millerville. Aber der neue Name hat sich nie durchgesetzt. Die meisten Leute nennen den Ort immer noch Iti Taloa, und der Postvorsteher nimmt Briefe mit beiden Ortsnamen an. Aber egal, welchen Namen die Leute auf ihre Briefumschläge schreiben, ich nenne es einfach „zu Hause“.

Ich habe schon öfter gehört, wie Jack zu Mama gesagt hat: „Wahrscheinlich ist es deinen Leuten völlig egal, dass sie auf gestohlenem Land leben.“ Und wenn er die Worte deine Leute sagt, als ob er sie ausspuckt, dann hört sich das immer ganz bitter an. Ich glaube, das liegt daran, dass seine Mutter eine Choctaw ist.

Einmal habe ich gehört, wie Mama Jack darauf geantwortet hat: „Deinen Leuten war es doch auch egal. Dein Vater war doch Ire, oder?“ Ich bin ziemlich sicher, dass das das letzte Mal war, dass sie es gewagt hat, Jack Widerworte zu geben.

Und noch etwas sagt Jack über Iti Taloa: „Wir haben vielleicht kein Gold und keine Edelsteine, aber wir haben hier guten Boden.“

Und weil der Boden so gut ist, führen drei Bahnstrecken durch die Stadt, auf denen Baumwolle und Mais transportiert werden. Und deshalb verdienen die Leute hier auch während der Wirtschaftskrise immer noch so viel Geld, dass sie es in den Geschäften oder auch in der Rodeo-Arena ausgeben können.

Wenn Sie vom Himmel aus heimlich einen Blick auf die Stadt Iti Taloa werfen wollten, dann müssten Sie in der Nähe von Jackson suchen, an der Grenze zu Alabama. Da findet man bewaldete Berghänge, die fast tausend Meter hoch sind, mit tiefen Tälern dazwischen. Hier, wo um die vielen Arme des Mississippi fruchtbares Ackerland liegt wie eine Schürze, wachsen Fichten, Eichen, Magnolien und Zedern. Und genau dort, irgendwo in den Ästen von einem dieser Bäume, finden Sie wahrscheinlich mich – ein Kind der warmen, wilden Gegend.

Wenn ich nicht in der Schule festsitze oder Mama oder Sloth helfe, streife ich barfuß in der Gegend herum, klettere auf die roten Felsvorsprünge am Fluss und trinke Wasser direkt aus kalten Quellen. Jeden Tag streune ich durch struppiges Buschwerk und fruchtbare Felder und tue so, als ob ich einen Indianerstamm auskundschafte oder uralte Ruinen erforsche. Andere Kinder spielen mit Puppen oder üben Klavier, aber daraus mache ich mir nicht viel. Meine Freunde sind die Bäume, und mein Lieblingsbaum ist der Amberbaum. Hauptsächlich, weil er direkt vor unserer Veranda steht, so nah an unserer Hütte, dass ich sehen kann, wie locker Mamas Ehering an ihrem knochigen Ringfinger sitzt, während sie Möhren in den schwarzen gusseisernen Topf schneidet. Als ich noch zu klein war zum Klettern, habe ich meinem Baum den Namen Sternchen gegeben, weil seine Blätter die Form von Sternen haben. Und jetzt klettere ich jeden Tag in Sternchens Äste hinauf und lausche seinem Gesang.

Im Augenblick singt mein Baum gerade nicht, aber dafür Mama. Ich sehe, wie sie sich das blonde Haar aus dem schmalen Gesicht...


Julie Cantrell hat früher für ein Literaturmagazin Rezensionen geschrieben, bevor sie mit ihrem Erstlingswerk "Zeig mir das Morgen" die New York Times-Bestsellerliste stürmte. Julies Vorfahren gehörten zu den ersten Siedlern des amerikanischen Westens und noch heute betreibt sie mit ihrer Familie eine Farm in Mississippi. Neben dem Schreiben ist sie als Sprachtherapeutin tätig und unterrichtet Englisch als Fremdsprache an einer Grundschule.



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