E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Rivers Die Sehnsucht ihrer Mutter
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-96122-173-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-96122-173-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Francine Rivers war bereits eine bekannte Bestsellerautorin, als sie sich wieder dem christlichen Glauben ihrer Kindheit zuwandte. Danach schrieb sie 1986 ihr bekanntestes Buch, 'Die Liebe ist stark', dem noch rund 20 weitere Romane folgten. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Nordkalifornien. © Foto: Elaina Burdo
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Kapitel 2
Marta arbeitete zwei Jahre lang für die Beckers, Zimmers und Gilgans. Während der Wintermonate half sie auch Frau Fuchs. Gemeinsam betäubten sie die Bienen mit Rauch, um den Honig aus den Bienenstöcken zu holen. Marta betätigte die Schleuder, damit der Honig aus den Waben floss. Nach vielen Tagen harter Arbeit gab Frau Fuchs ihr als Bezahlung zwei kleine Gläser Honig. Als sie damit nach Hause kam, wurde Papa sehr zornig und warf eines davon gegen die Wand.
Zumindest freuten sich Mama und Elise über das frische Brot, das Marta immer aus der Bäckerei mitbrachte. Manchmal steckten ihr die Beckers sogar Kekse zu. Zu Weihnachten bekam sie eine Marzipan- und eine Schokoladentorte geschenkt. Dr. Zimmer behandelte Mama nun alle paar Wochen, obwohl Papa statt der Umschläge und Elixiere, die der Doktor Mama verschrieb, lieber Franken auf der Hand gesehen hätte. Im Frühling und Sommer entlohnte Frau Zimmer Marta für ihre Hilfe mit frischem Gemüse und Blumen aus ihrem Garten. Mama brauchte nicht mehr auf dem Markt einzukaufen.
Nur die Gilgans bezahlten sie in Franken, aber Marta bekam keinen einzigen zu Gesicht.
„Herr Gilgan sagt, du seist klug genug, um eines Tages selbst ein Hotel zu führen.“ Papa lachte spöttisch, während er sein Brot in geschmolzenen Käse tauchte. „Da du so klug bist, kannst du sicher dafür sorgen, dass Hermann die Prüfungen das nächste Mal besteht.“
„Und wie soll ich das bewerkstelligen, Papa?“, schnaubte Marta. „Hermann will nicht lernen.“
Sein Gesicht rötete sich vor Zorn. „Hör nur, was sie sagt, Hermann! Sie hält dich für dumm und meint, du könntest nicht lernen. Sie hält sich immer noch für etwas Besseres.“
„Ich habe nie gesagt, dass ich etwas Besseres bin!“ Marta schob ihren Stuhl zurück. „Aber ich habe mehr Interesse am Lernen gehabt als Hermann!“
Papa erhob sich und starrte auf sie herab. „Sorg dafür, dass Hermann sich für den Lernstoff interessiert, und vielleicht schicke ich dich dann doch wieder zur Schule. Wenn er erneut versagt, ziehe ich dich dafür zur Verantwortung!“ Er beugte sich über den Tisch und stieß sie zurück auf ihren Stuhl. „Hast du verstanden?“
Tränen des Zorns traten in Martas Augen. „Ich habe verstanden, Papa.“ Sie hatte nur zu gut verstanden.
Er schnappte sich seinen Mantel und stürmte zur Tür hinaus. Elise hob nicht einmal den Kopf, und Mama fragte nicht, wo er hinging.
„Es tut mir leid, Marta“, sagte Hermann, der ihr am Tisch gegenübersaß.
Marta lernte jeden Abend mit Hermann, aber es nützte nichts. „Das ist alles so langweilig!“, stöhnte Hermann. „Und draußen ist es so schön.“
Marta gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Das ist nichts im Vergleich zu dem, was mich erwartet, wenn du dich nicht konzentrierst.“
Er schob seinen Stuhl zurück. „Sobald ich alt genug bin, gehe ich von der Schule ab und trete in die Armee ein.“
Marta ging zu Mama. „Bitte sprich mit ihm, Mama. Auf mich hört er nicht.“ Wenn Mama ihm ins Gewissen redete, gab er sich vielleicht größere Mühe. „Wie kann ich darauf hoffen, wieder zur Schule gehen zu können, wenn dieser Dummkopf sich weigert, den Verstand, den Gott ihm gegeben hat, auch zu gebrauchen?“
Dr. Zimmers Umschläge und Elixiere konnten Mamas Husten nicht lindern. Sie wirkte ausgezehrt und blass; ihre Kleider hingen lose an ihrem Körper herunter. Die Knochen ihrer Handgelenke wirkten so zerbrechlich wie Vogelflügel.
„Was soll ich tun, Marta? Aus einem Hund kannst du keine Katze machen.“
Marta warf sich auf einen Stuhl und barg den Kopf in den Händen.
„Weil er ein hoffnungsloser Fall ist, habe ich keine Hoffnung.“ Mama steckte ihre Nadel in ihr Stickmuster und legte die Hand auf Martas Kopf. „Jeden Tag lernst du von den Gilgans und den Beckers etwas Neues. Du musst abwarten, was Gott tun wird.“
Seufzend fädelte Marta eine Nadel ein, um Mama zu helfen. „Jeder Franken, den ich verdiene, wird für Hermanns Schulkosten verwendet. Und er zeigt keinen Funken Interesse, Mama. Es ist ihm vollkommen egal.“ Ihre Stimme brach. „Das ist ungerecht!“
„Gott hat einen Plan auch für dich, Marta.“
„Es ist Papa, der hier die Pläne schmiedet.“ Sie stach die Nadel in die Wolle.
„Gott möchte, dass wir ihm vertrauen und gehorchen.“
„Dann muss ich mich also jemandem unterwerfen, der mich ver- achtet und jede Hoffnung, die ich habe, zerstört?“
„Gott verachtet dich nicht.“
„Ich meinte Papa.“
Mama widersprach nicht. Marta hielt inne und beobachtete, wie die schlanken Finger ihrer Mutter die Nadel in den schwarzen Wollstoff stachen. Ein zartes weißes Edelweiß nahm langsam Gestalt an. Mama vernähte den Faden und schnitt ihn ab. Mit einem gelben Faden fertigte sie winzige französische Knoten in der Mitte der Blume an. Als sie fertig war, lächelte sie Marta an. „Du kannst Freude finden an einer Arbeit, die dir gelungen ist.“
Martas Brust krampfte sich schmerzhaft zusammen. „Ich bin nicht wie du, Mama. Du siehst die Welt mit anderen Augen.“ Mama konnte in allem etwas Gutes entdecken, weil sie aufmerksam danach suchte. Wie oft hatte Marta beobachtet, wie Mama erschöpft vornübergebeugt in der Küche an der Arbeitsplatte lehnte und die Bergvögel in der Linde vor ihrem Fenster beobachtete, die von Ast zu Ast hüpften. Ein liebes Wort von Papa zauberte ein strahlendes Lächeln auf ihre Lippen. Trotz seiner Brutalität und seiner Selbstsucht fand Mama auch an ihm etwas Liebenswertes. Manchmal beobachtete Marta, wie ein Ausdruck des Mitleids über das Gesicht ihrer Mutter huschte, wenn ihr Blick auf Papa ruhte.
„Weißt du denn, was du willst?“
„Ich will aus meinem Leben etwas machen. Ich möchte nicht nur die Dienstmagd anderer Leute sein.“ Ihre Augen begannen zu funkeln. „Zur Universität zu gehen ist ein zu hoher Traum, Mama, das weiß ich, aber ich hätte so gern die Schule abgeschlossen.“
„Und was willst du jetzt?“
„Jetzt? Ich würde gern Französisch lernen. Und Englisch und Italienisch.“ Sie stach ihre Nadel in den schwarzen Wollstoff. „Wenn man mehrere Fremdsprachen beherrscht, kann man eine gute Arbeit finden.“ Sie zog den Faden zu schnell durch den Stoff. Er verhedderte sich. „Aber ich werde nie die Gelegenheit haben.“
„Hör auf, Marta.“ Mama legte ihr liebevoll die Hand an die Wange. „Du machst alles nur noch schlimmer.“
Marta drehte den Stoff um und lockerte die Knoten.
„Und wenn du die Gelegenheit hättest, mehr zu lernen?“ Mama blickte sie fragend an.
„Ich würde mir eine gute Stelle suchen und Geld sparen, bis ich mir ein Chalet kaufen könnte.“
„Du wünschst dir ein Haus wie das Hotel Edelweiß, nicht?“ Mama begann mit einer weiteren Blume.
„Dass ich mal etwas so Schönes besitzen könnte, käme mir nicht in den Sinn. Ich würde mich schon mit einer kleinen Pension zufriedengeben.“ Sie lachte freudlos. „Ich wäre schon froh, wenn ich in einem eleganten Bekleidungsgeschäft in Interlaken arbeiten und Dirndl an Touristen verkaufen könnte!“ Sie riss an dem Faden. „Aber das ist eher unwahrscheinlich, nicht? Wozu also die Träume?“ Sie warf den Wollstoff beiseite und erhob sich. Wenn sie noch länger sitzen blieb, würde sie ersticken.
„Vielleicht hat Gott dir diesen Traum geschenkt.“
„Warum?“
„Um dich Geduld zu lehren.“
„Ach Mama . . .“, stöhnte Marta. „Bin ich nicht geduldig gewesen? Wie sehr habe ich gehofft, Papa würde seine Meinung noch ändern und mich wieder zur Schule gehen lassen. Ich habe alles getan, was er von mir verlangt hat. Zwei Jahre sind es jetzt schon, Mama! Ich bin jetzt vierzehn! Rosi bittet mich schon gar nicht mehr um Hilfe. Der Abstand zwischen uns wird immer größer. Was nützt die Geduld, wenn sich doch nie etwas ändern wird?“
„Unsinn. Komm, setz dich wieder, Bärchen.“ Mama legte ihre Arbeit beiseite und ergriff Martas Hände. „Sieh doch nur, was du durch die Beckers, Frau Fuchs, Frau Zimmer und die Gilgans schon alles gelernt hast. Du hast gelernt zu backen, Bienen und Kinder zu versorgen, und du hast Einblick bekommen in die Leitung eines Hotels. Zeigt das nicht, dass Gott dich vorbereitet?“
Ihr Griff wurde fester, als Marta protestieren wollte.
„Still, Marta, und hör mir zu. Hör mir genau zu. Es ist egal, was dein Vater plant oder was seine Motive sein mögen. Gott wird siegen. Gott wird alles zum Besten wenden, wenn du ihn liebst und ihm vertraust.“
Marta erstarrte. Im Gesichtsausdruck ihrer Mutter entdeckte sie etwas, das sie warnte. „Papa hat Pläne für mich, nicht? Was für Pläne, Mama?“
Mamas blaue Augen wurden feucht. „Jede Situation hat etwas Gutes, wenn man nur danach sucht.“
Marta entzog Mama ihre Hände. „Sag es mir, Mama.“
„Das kann ich nicht. Dein Vater will es dir selbst sagen.“ Sie nahm ihre Näharbeit wieder zur Hand und schwieg.
Am folgenden Morgen erklärte Papa Marta, was er sich überlegt hatte. „Du wirst dich freuen zu hören, dass ich dich wieder zur Schule schicke. Ich hätte dich ja schon früher gehen lassen, aber die Haushaltsschule Bern nimmt nur Mädchen auf, die vierzehn Jahre und älter sind. Graf und Gräfin Saintonge sind die Lehrer. Adelige! Du kannst dich freuen! Mir wurde versichert, dass jedes Mädchen, das ihre Schule durchlaufen hat, keine Schwierigkeiten haben wird, hinterher eine gute...




