Capote / Roshani Wo die Welt anfängt
1. Auflage, neue Ausgabe 2015
ISBN: 978-3-0369-9320-1
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 160 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-0369-9320-1
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jede dieser frühesten Geschichten von Truman Capote vermag zu überraschen, zeigen sie doch alle bereits die Handschrift des großen Stilisten. Denn seit Capote zehn war, wusste er, dass er Schriftsteller werden will, und während seiner Zeit an der High School schulte er sich täglich an seiner Schreibmaschine im Handwerk des Schreibens. In seinen damals entstandenen Short Storys schuf er sich sein eigenes,
fantasievolles Universum, das, anders als man es bei einem Teenager vermuten würde, von Figuren bevölkert ist, die nur wenig mit den Erfahrungen eines Schülers zu tun haben. All diese lebendigen und eigenwilligen Charaktere, die eindringlichen Bilder, die schnörkellos glänzende Sprache und die erzählerische Kraft lassen schon im jungen Truman Capote die ganz besondere Stimme des älteren Capote erkennen.
Weitere Infos & Material
MISS BELLE RANKIN
I
Ich war acht, als ich Miss Belle Rankin das erste Mal sah. Es war ein heißer Augusttag. Die Sonne sank schon am scharlachrot gestreiften Himmel, und die Hitze stieg trocken und pulsierend vom Erdboden auf.
Ich saß auf den Stufen der Vorderveranda, sah eine Negerin auf mich zukommen und fragte mich, wie sie bloß ein so großes Wäschebündel auf dem Kopf balancieren konnte. Sie blieb stehen und beantwortete meinen Gruß mit einem Lachen, diesem dunklen, gedehnten Negerlachen. Da kam Miss Belle langsam auf der anderen Straßenseite vorbei. Als die Waschfrau sie sah, schien sie zu erschrecken, unterbrach sich mitten im Satz und eilte wieder auf ihr Ziel zu.
Stirnrunzelnd starrte ich die unbekannte Passantin an, die ein so seltsames Verhalten auslösen konnte. Sie war klein und ganz in Schwarz, staubig und mit wirrem Haar – sie sah unglaublich alt und verhutzelt aus. Dünne graue Strähnen hingen ihr in die schweißfeuchte Stirn. Sie ging mit gesenktem Kopf und starrte auf den ungepflasterten Gehweg, als suchte sie etwas, das sie verloren hatte. Ein alter englischer Pinscher folgte ziellos im Kielwasser seines Frauchens.
Später sah ich sie noch oft, aber dieses erste, fast traumartige Bild wird mir immer am deutlichsten vor Augen stehen – Miss Belle, die lautlos die Straße hinabgeht, rote Staubwölkchen steigen um ihre Füße auf, und sie verschwindet in der Abenddämmerung.
Einige Jahre darauf saß ich in Mr. Joab’s Drugstore an der Ecke und nippte an einem von Mr. Joab’s speziellen Milkshakes. Ich saß am einen Ende des Tresens, und am anderen saßen zwei stadtbekannte Drugstore-Cowboys und ein Fremder.
Der Fremde hatte ein weit respektableres Äußeres als die meisten Leute, die Mr. Joab’s frequentierten. Meine Aufmerksamkeit erregte aber das, was er mit leiser und heiserer Stimme sagte.
»Jungs, kennt einer von euch jemanden in der Gegend, der schöne Japanische Zierquitten zu verkaufen hat? Ich suche die für eine Frau aus dem Osten, die sich drüben in Natchez eine Wohnung ausstattet.«
Die beiden Jungen sahen sich an, und dann sagte der eine, der fett war, Glupschaugen hatte und sich gern über mich lustig machte: »Also, ich sag Ihnen mal was, Mister, die Einzige, die ich hier in der Gegend kenne, die echt schnieke hat, ist eine schrullige alte Schachtel, Miss Belle Rankin – die wohnt einen knappen Kilometer von hier in einem echt schrägen Haus. Das ist alt und runtergekommen, noch von vorm Bürgerkrieg. Wirklich schrullig, wohlgemerkt, aber wenn Sie Zierquitten suchen, hat sie die besten, die ich je vor die Guckerchen gekriegt hab.«
»Genau«, meldete sich der andere zu Wort, der blonde und verpickelte Handlanger des Fettsacks, »die vertickt sie Ihnen unter Garantie. Soweit ich weiß, ist die da draußen am Verhungern – hat nichts mehr als einen alten Nigger, der auch da wohnt und auf dem Grasfleck rumhackt, den sie Garten nennen. Ich hab neulich erst gehört, sie soll in den Jitney Jungle Market reinmarschiert sein, sich das ganze angegammelte Gemüse rausgeklaubt und Olie Peterson überredet haben, dass er ihr das für lau lässt. Die schrulligste Schleiereule, die Sie je gesehen haben – bei schlechter Beleuchtung sieht die glatt nach hundert aus. Die Nigger haben richtig Schiss vor der –«
Der Fremde unterbrach den Informationssturzbach des Jungen und fragte: »Und du meinst, sie verkauft die?«
»Todsicher«, sagte der Fettsack und verzog das Gesicht zu einem wissenden Grinsen.
Der Mann bedankte sich und wollte schon gehen, drehte sich dann aber noch einmal um und fragte: »Habt ihr Lust, mitzufahren und mir das Haus zu zeigen? Ich bring euch auch wieder zurück.«
Das ließen sich die beiden Tagediebe nicht zweimal sagen. Die Sorte ließ sich immer gern in Autos sehen und erst recht mit Fremden; das machte den Eindruck, sie hätten Verbindungen, und brachte unweigerlich Zigaretten mit sich.
II
Etwa eine Woche später war ich wieder bei Mr. Joab und erfuhr, wie die Sache weitergegangen war.
Der Fettsack erzählte es mit großem Eifer einem Publikum, das aus Mr. Joab und mir bestand. Je länger er sprach, desto lauter und dramatischer wurde er.
»Ich sag euch, die alte Hexe sollte man aus der Stadt jagen. Die hat sie nicht mehr alle. Als wir da ankommen, will sie uns gleich wieder rausschmeißen. Dann jagt sie uns ihren bescheuerten alten Hund auf den Hals. Ich könnte wetten, das Teil ist älter als sie. Der Köter will sich jedenfalls in mich verbeißen, also verpass ich ihm einen Tritt in die Fresse – da fängt sie ganz fürchterlich zu jaulen an. Schließlich kann ihr alter Nigger sie so weit beruhigen, dass wir mit ihr reden können. Mr. Ferguson, so hieß der Fremde, hat ihr dann erklärt, dass er ihre Büsche kaufen will, also diese Zierquitten. Sie sagt, so was hat sie ja noch nie gehört, und außerdem verkauft sie die Büsche nicht, weil ihr die mehr ans Herz gewachsen sind wie alles andere. Und das müsst ihr euch mal vorstellen: Mr. Ferguson hat ihr zweihundert Dollar für nur einen Busch geboten. Da bleibt einem doch die Spucke weg – zweihundert Kröten! Die alte Ziege hat gesagt, er soll zusehen, dass er Land gewinnt – und schließlich haben wir uns gesagt, dass die Sache sinnlos ist, und sind gegangen. Mr. Ferguson war verdammt enttäuscht, kann ich euch sagen; er war schon davon ausgegangen, dass er die Büsche kriegt. Er meinte, das wären die schönsten Zierquitten, die er je gesehen hat.«
Er lehnte sich zurück und holte tief Luft, ganz erschöpft von seinem Monolog.
»Verdammt«, sagte er, »was hat einer denn von so alten Büschen, wenn er da zweihundert Mäuse das Stück für kriegen kann? Das ist doch keine Lappalie!«
Als ich bei Mr. Joab aufbrach, musste ich auf dem Nachhauseweg die ganze Zeit an Miss Belle denken. Ich hatte oft über sie nachgedacht. Sie schien zu alt, um überhaupt noch am Leben zu sein – ich stelle es mir schrecklich vor, so alt zu sein. Ich konnte nicht nachempfinden, warum sie so an ihren Zierquitten hing. Sie waren wunderschön, aber wenn sie so arm war – gut, ich war jung, und sie war alt und hatte nicht mehr viel im Leben. Ich war so jung, dass ich noch nie daran gedacht hatte, je alt zu werden, je sterben zu können.
III
Es war der erste Februar. Der Morgen war dumpf und grau angebrochen, und perlweiße Schlieren überzogen den Himmel. Draußen war es kalt und still, und nur unregelmäßig fraßen sich hungrige Windböen in die grauen, leblosen Äste der riesigen Bäume, die die zerfallenden Ruinen des einst so majestätischen Rose Lawn umgaben, wo Miss Rankin wohnte.
Als sie aufwachte, war das Zimmer eiskalt, und an den Dachrinnen hingen lange Eiszapfen. Sie erschauerte leicht, als sie die Trostlosigkeit sah, gab sich einen Ruck und kroch unter der farbenfrohen Flickendecke hervor.
Sie kniete vor dem Kamin und versuchte, die trockenen Zweige anzuzünden, die Len am Vortag gesammelt hatte. Ihre kleine Hand, eingefallen und gelb, kämpfte mit dem Streichholz und der abgeschabten Fläche des Kalksteins.
Nach einer Weile fingen die Zweige Feuer; die Flämmchen flackerten, und das Holz knisterte und knackte wie alte Knochen. Sie blieb einen Augenblick neben dem warmen Lodern stehen und ging dann unsicher zum Becken mit dem gefrorenen Wasser.
Als sie sich angezogen hatte, trat sie ans Fenster. Schneefall setzte ein, der dünne, wässrige Schnee des Winters in den Südstaaten. Die Flocken schmolzen sofort auf dem Boden, aber Miss Belle dachte an den langen Gang in die Stadt, um Lebensmittel zu besorgen, und fühlte sich leicht benommen und krank. Dann schnappte sie nach Luft, denn unter sich sah sie die Zierquitten blühen; sie waren schöner als je zuvor. Die hochroten Blüten waren gefroren und reglos.
Sie erinnerte sich daran, wie sie vor vielen Jahren, als Lillie noch ein kleines Mädchen gewesen war, ganze Körbe dieser Blüten gesammelt und die stolzen, leeren Zimmerfluchten von Rose Lawn mit ihrem zarten Duft erfüllt hatte, und wie Lillie sie gestohlen und an Negerkinder verschenkt hatte. Wie wütend sie damals geworden war! Aber jetzt lächelte sie über die Erinnerung. Es war mindestens zwölf Jahre her, seit sie Lillie das letzte Mal gesehen hatte.
Die arme Lillie, auch sie ist jetzt eine alte Frau. Ich war erst neunzehn, als sie zur Welt kam, und ich war jung und schön. Jed hat immer gesagt, ich wäre das schönste Mädchen, das er je gekannt hat – aber das ist so lange her. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich eigentlich so wurde. Ich weiß nicht mehr, wann ich arm wurde – wann ich alt wurde. Wahrscheinlich war das, nachdem Jed gegangen ist – ich frage mich, was aus ihm geworden ist. Aus heiterem Himmel hat er mir gesagt, ich wäre hässlich und verbraucht, und dann hat er mich verlassen, nur Lillie ist mir geblieben, und Lillie war nicht gut – nicht gut.
Sie schlug die Hände vors Gesicht. Die Erinnerung tat heute noch weh, und obwohl sie sich fast täglich an dieselben Dinge erinnerte, machte der Schmerz sie manchmal verrückt, und sie schrie und kreischte wie an dem Tag, als der Mann mit den beiden johlenden Einfaltspinseln gekommen war und ihre Zierquitten kaufen wollte; dabei würde sie die niemals hergeben. Aber sie hatte Angst vor dem Mann; sie hatte Angst gehabt, er würde sie stehlen, und was hätte sie dann tun sollen – die Leute hätten sie doch ausgelacht. Und deswegen hatte sie sie angeschrien; deswegen hasste sie sie alle.
Len kam herein. Er war ein kleiner Neger, alt und gebeugt, und hatte eine Narbe quer über der...




