E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: metro
Cayre Das Meisterstück
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-293-30378-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman. Ein Fall für Leibowitz (2)
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: metro
ISBN: 978-3-293-30378-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannelore Cayre, geboren 1963, war als Finanzchefin bei einer Filmproduktionsfirma tätig. Später begann sie, in Paris als Strafverteidigerin mit der gleichen Art Klientel zu arbeiten wie der Protagonist ihrer Romane. Sie hat Kriminalromane veröffentlicht und mehrere Drehbücher geschrieben. Anfang der Neunzigerjahre realisierte sie Kurzfilme, die mehrfach ausgezeichnet wurden.
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1
Kaum hatte ich wieder zu schuften begonnen, steckte ich schon wieder im Schlamassel. Ein Rückfall reinster Sorte. Kaum glaubt man, geheilt zu sein, ist die Krankheit schon wieder da.
Die ersten Symptome zeigten sich im letzten Herbst, als ich mich auf Jos kluge Ratschläge hin total naiv zu dieser blödsinnigen Thalassotherapie angemeldet hatte.
»Eins, zwei, eins, zwei, schön die Knie hochziehen. Na los, Madame Rullier, nicht lockerlassen! Eins, zwei, kräftig die Pomuskeln anspannen. So ist es gut … Jetzt sind wir im Rhythmus … Hopp … Hopp … Hopp … Synchron! Los … Mehr Energie, Madame Rullier! … Tempo! … Die Knie … Höher … Hopp … Hopp … Hopp …«
Zwei Längen noch, und ich werd mich in aller Ruhe vollstopfen können, hatte ich mir gesagt, während ich untertauchte, um nicht mehr mit anhören zu müssen, wie dieser hirnamputierte Bademeister den Omas seine Befehle zubrüllte.
Von unten wirkte dieser hopsende Trupp noch absurder. Tatsächlich ließ Madame Rullier jeden Eifer vermissen, eine alte, müde Walkuh, die nicht mehr an die ganze Sache glaubte, während die synchron strampelnde Herde im lichtdurchfluteten Blau des Wassers davonschwamm.
Wider Erwarten ist ausgerechnet dort, auf dem Grund eines Schwimmbeckens, meine unter Depressionen begrabene Anwaltsseele mit einem Schlag neu erwacht.
Energie durchflutete mich; Madame Rullier und ich wurden eins. Das Leben im Allgemeinen und die Aquagymnastik im Besonderen waren mir mit einem Mal scheißegal. Ich hatte absolut keine Lust mehr, »synchron« zu sein, wollte nur noch eins: diesem respektlosen Arschloch die Faust in die Fresse hauen.
Und als ich mich dann anschickte, mit dem Kopf aus dem Wasser aufzutauchen, um Madame Rullier zu verteidigen, fand ich mich plötzlich Auge in Auge mit … mein Gott … Richterin Baroing! Die Vorsitzende der zehnten Kammer, die als Musterschülerin der ganzen Truppe munter voranzappelte. Gott sei Dank, sie erkannte mich nicht. Ich tauchte auf der Stelle wieder unter und verließ hastig das Becken, als hätte man gerade Alligatoren dort ausgesetzt.
Ich hatte ein Tabu gebrochen, eine Grenze überschritten, einen Blick in eine verbotene Welt getan. Dieses Schauspiel war wider die Natur: Die Vorsitzende einer Strafkammer hopst im Badeanzug herum. Ein Anwalt, der das sieht und bezeugen kann, verdient, geblendet zu werden. Denn er hat gegen das Grundgesetz der Sittlichkeit verstoßen.
Inkognito in meinem Bademantel huschte ich zur Bar. Als ich an der großen Fensterfront vorbeikam, sah ich, wie die Nacht hereinbrach. Instinktiv kuschelte ich mich ins Frottee ein, schaute übers aufgewühlte Meer und beobachtete, wie die spärlichen eingemummten Spaziergänger den Angriffen des Windes und des sintflutartigen Regens standzuhalten versuchten. So muss man es sich vorstellen, das Nahen des Jüngsten Gerichts: ein Vier-Sterne-Hotel am Meer, ein umherirrendes Gespenst im weißen Bademantel, das auf den Styx hinaussieht, und von ferne zieht es herauf …
Untermalt wurde das alles von der Filmmusik aus Titanic, in Fahrstuhlversion und Endlosschleife.
Angesichts dieser feindseligen Welt erschien es mir angebracht, umgehend mein tägliches Besäufnisritual einzuleiten.
»Ich habe gerade eine Richterin meines Gerichtshofs quasi nackt ertappt«, meinte ich zu meinem Freund Enrique, dem Barmann, statt einer Bestellung.
Dieser entschied, mir einen Baileys auszuschenken. Wahrscheinlich, damit ich mich weniger schuldig fühlte, schon um fünf mit dem Picheln anzufangen.
Meinen kleinen Schwenker in der Hand, ließ ich die Eiswürfel in der braunen Flüssigkeit langsam kreisen, auf dass der soeben durchlittene Albtraum verblassen mochte.
»Diese Schlampe lehnt sich jedes Mal in ihren Sitz zurück und schließt die Augen, sobald ich mit meinem Plädoyer anfange …«
»Haben Sie eigentlich nichts als Ihren Job im Kopf?«
»Weil die nämlich schon ganz genau weiß, wie viel Jahre Knast sie aufbrummen wird, und daran hält sie eisern fest. Sie zieht sich innerlich zurück, damit die Anwälte sie nur ja nicht umstimmen.«
»Man kommt doch zur Thalasso, um mal ’ne Auszeit zu nehmen«, erwiderte mir Enrique vorwurfsvoll.
Eine Auszeit? Eine Auszeit wovon?
Seit ich aus dem Knast entlassen und von meiner Kollegenschaft widerwillig rehabilitiert worden war, hing ich durch, wie meine Kunden sagen würden. Dass ich kein Geld mehr verdienen musste, machte die Sache nicht besser. Da konnte ich noch so dicke Geschenke springen lassen, mir die teuersten Karren kaufen, die entlegensten und albernsten Reiseziele wählen, mir blieben immer noch zwei Drittel der anderthalb Millionen Euro, die ich dafür kassiert hatte, David Sellem zur Flucht zu verhelfen.1
Jo, der Kneipier, sah mich dicker und dicker werden und geradewegs in den Alkoholismus schlittern. Er machte sich echt Sorgen. Eine Thalassotherapie würde mich sicher auf andere Gedanken bringen, meinte er, das hatte noch jedem geholfen.
Doch nun lebte ich schon drei Wochen zurückgezogen am Meeresgestade, und meine einzige neue Bekanntschaft war der Barkeeper. Ich ging ihm auf die Nerven mit den Erinnerungen an diesen Job, dem ich mich verweigerte, weil ich andernfalls auf direktem Weg wieder in die Bredouille geraten würde.
Ich begriff, dass genau da das Problem lag: Ich war schlichtweg unheilbar krank. Beim Versuch, endlich vernünftig zu werden, würde ich mich zu Tode langweilen. Ich war und blieb mit Haut und Haar ein Rechtsanwalt, und daran konnte ich nichts ändern.
Der Einfall einer widerlichen Horde leitender Angestellter lenkte mich von meinen Überlegungen ab. Nach ihrem Seminartag verteilten sie sich lärmend in der Hotelbar, gruppiert um ein paar Kolleginnen mit Kostümchen und Pferdeschwänzchen.
Seit drei Tagen beobachtete ich ihre Balz und schloss mit Enrique Wetten darüber ab, wer als Erster seine Josiane ficken würde. Wie alt mochten sie wohl sein, diese strotzenden Zuchtkarnickel? Dreißig? Fünfzig? Zwanzig Jahre mehr oder weniger, man konnte es nicht sagen.
Von den Bestellungen dieser Kretins schwer in Beschlag genommen, vernachlässigte mich Enrique, obwohl ich doch gerade meinen neunten Baileys bei ihm bestellt hatte. Alkohol macht mich ohnehin völlig unausstehlich, und ich hatte niemanden zum Reden, also fing ich an, meinem Nachbarn und dessen Freundin, eine kaufmännische Angestellte bei … ich weiß es nicht mehr, ich war schon zu besoffen, um mir zu merken, was auf ihrem Namensschildchen stand … Ich begann, den beiden also ganz ungehemmt den Kapitalismus zu erklären.
Der Typ machte mächtig den Pfau und erzählte dem Mädchen seine Großtaten. Und ich, auf den Tresen gefläzt, nickte innigst zu all seinen Bonmots.
Ich ging ihnen auf die Nerven. Klasse! Schließlich schaltete ich mich ein: »Schon klar, seit drei Jahren rackerst du dich ab, aber dieses Jahr hat man in dem Laden endlich erkannt, dass du was in der Hose hast …«
Ich kann es ja verstehen: In einer Bar von einem unterm Frotteemantel splitternackten Säufer angemacht zu werden, das bricht die onda, wie die Südamerikaner sagen.
»Musst dich nicht genieren, wenn du mit Mademoiselle rumflirtest … Nur zu …«, meinte ich und machte abstoßende obszöne Gesten.
Angeekelt verließ das Mädchen die Bar, und der Typ hatte einen tödlichen Rochus auf mich. »Widerlicher Scheißhaufen!«, warf er mir wütend an den Kopf.
»Na mach schon … Geh und vernasch sie … Zeig, was du in der Hose hast … Und wenn du dann wieder im Büro bist, kehrst du gegenüber dem Personal den aufgeblasenen Scheißkerl raus … Und wer weiß, mit ein bisschen Glück, wenn du schön gemein bist, lässt man dich schon nächstes Jahr wieder ans Meer fahren …«
Als ich ihm dann auszumalen begann, wie der nächste Aufkäufer seiner Firma ihn vor die Tür setzen würde, verpasste mir das Karnickel einen Faustschlag, der mich vom Hocker fegte.
Genau in diesem Moment entschied ich, meinen Irrungen ein Ende zu setzen und nach Paris heimzukehren.
Voll der guten Vorsätze kam ich zurück. Ich brauchte eine Kanzlei, die diesen Namen verdiente, und mietete eine kleine Wohnung in der Avenue Victoria, zwei Schritte vom Justizpalast entfernt. Damit setzte ich einer mehr als zehn Jahre alten beruflichen Kohabitation mit meinem Kumpel und Amtsbruder Bertrand ein Ende. Wie ein schlechter Schüler, der beschließt, zuletzt doch noch einen guten Abschluss hinzukriegen, kaufte ich mir eine Bibliothek, wie sie der perfekte Jurist braucht. Sie war in La Vie judiciaire inseriert und stammte von einem verstorbenen Kollegen. Inmitten dieser Waffensammlung platzierte ich meinen neuen Schreibtisch. Falls Kundschaft kam, würde ich einen seriösen Eindruck machen.
Bertrand, der in der Affäre Sellem ja auch mein Anwalt gewesen war, schien überglücklich, dass ich mein Leben endlich wieder in die Hand nahm. Zum Abschied beglückte er mich mit einem riesigen Sack Post.
Ich machte es mir in meinem hübschen Sessel bequem und begann, meine Korrespondenz auf der Suche nach neuen Mandaten auseinanderzupflücken.
Im Nu lastete das Gewicht meiner unzähligen Berufsjahre wieder mit aller Macht auf meinen Schultern....




