E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Celeste Vor uns die Dämmerung
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95818-729-0
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Books that made me cry: Die deutsche Ausgabe von Underneath the Sycamore Tree
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-95818-729-0
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
B. Celeste ist Self-Publisherin und Autorin für New Adult und zeitgenössische Liebesromane. Geboren und aufgewachsen ist sie in Upstate New York, wo sie auch heute noch mit ihrem vierbeinigen Kumpel Oliver »Ollie« Queen wohnt. »Underneath the Sycamore Tree« hat unter dem gleichnamigen Hashtag bei TikTok ca. 700.000 Views.
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Zwei
In der letzten Unterrichtsstunde konzentriere ich mich auf eine Sommersprosse an meinem Handgelenk. Zum Glück ist der Tag ruhig und ereignislos verlaufen. Ich wurde nur minimal angestarrt, hatte keine Probleme, einen freien Platz beim Mittagessen zu finden, und niemand hat mich nach lustigen Geschichten aus meiner Vergangenheit gefragt.
Den ganzen Tag habe ich mir Notizen in meinem Kopf gemacht. Weil man zum Beispiel morgens zwischen den Unterrichtsstunden keine Zeit hat, zum Spind zu gehen, sollte man seine Tasche besser mitnehmen. Die Mensa ähnelt zwar einer Kampfarena mit eckigen und runden Tischen, doch es gibt keine Gruppen wie in Highschool-Filmen. Ugg-Boots sind wieder im Kommen.
Ich weiß noch nicht, was ich über all das denken soll, aber wegen der schweren Tasche schmerzt meine Schulter, in der Mensa war es viel zu laut, und Ugg-Boots waren schon immer scheußlich. Andererseits bekomme ich auch für meine Ananas-Toms abwertende Blicke zugeworfen.
Am spannendsten finde ich, wie Kaiden mit seinen Kumpels interagiert – Jungs in Collegejacken und Mädchen, die sie anhimmeln und dabei ihre Strähnen um die Finger wickeln. Kaiden ist hier beliebt, ein ganz anderer Mensch. Er redet und scherzt und diskutiert. Die anderen scheinen ihn zu mögen und auch ein bisschen zu beneiden.
Ich frage mich, warum er nicht auch zu Hause so ist. Weiß seine Mutter, wie er sich in der Schule verhält? Beim Mittagessen habe ich gehört, wie ein pinkhaariges Mädchen seiner Freundin erzählte, dass er in diesem Jahr das Lacrosse-Team zur nationalen Meisterschaft führen wird. Sie meinte, das wäre sein Abschiedsgeschenk zum Schulabschluss. Offensichtlich ist er so gut, dass ihm eine ganze Reihe Colleges ein Vollstipendium angeboten hat. Geht Cam zu seinen Spielen? Feuert sie ihn von der Tribüne aus an? Papa hat zwar erwähnt, dass er spielt, aber nie von irgendwelchen Spielen erzählt. Sowieso spricht er fast nie von Kaiden, als wäre das Betrug an mir und Logan.
Vielleicht fühlt er sich schuldig.
Ich verdränge die Gedanken und konzentriere mich wieder auf meine Umgebung. Neunte Stunde. Fünf vor halb drei. Noch dreiundzwanzig Minuten, bis mein erster Tag an der Exeter High vorbei ist. Dann bleiben nur noch zweihundertneunundsechzig Tage, bis das Schuljahr vorbei ist.
Die Englischstunde zieht sich. Die Erschöpfung von der Aufregung des ersten Tages sitzt mir in den Knochen, und der Lärmpegel in dem überfüllten Klassenzimmer macht mich so nervös, dass ich immer wieder auf die schwarze Uhr an der Wand spähe. Ich könnte schwören, dass jedes Mal nicht mehr als fünf Sekunden vergangen sind. Ich spüre ein Brennen unter der Haut und in den Gelenken. Hoffentlich hilft ein Nachmittagsschlaf vor dem Abendessen, damit es nicht schlimmer wird.
Anstatt mich auf die sinnlosen Gespräche zu konzentrieren, die uns Mr Nichols – ein junger Uni-Absolvent Mitte zwanzig – führen lässt, nachdem er uns zu Beginn der Stunde die Anforderungen seines Kurses mitgeteilt hat, betrachte ich die farbenfrohen Kunstwerke an den Wänden. Ich erkenne Szenen aus Büchern. An jeder Wand eine andere, von bis hin zu den .
Plötzlich lässt sich jemand auf den Platz neben mir fallen, und die Metallbeine des Stuhls schrammen über den gefliesten Boden. Ich nehme den Blick von der Wand und sehe Kaiden vor mir, der mich gleichgültig anstarrt. Der rothaarige Junge, der vorher dort gesessen hat, schaut jetzt mit großen Augen von der anderen Seite des Raums zu uns herüber.
»Was machst du hier?« Ein paar Schaulustige verfolgen unseren Dialog und blicken zwischen uns hin und her.
»Ich bin in diesem Kurs.«
Für diesen Literaturkurs bekommt man bestimmte Punkte. In meinem Stundenplan steht, dass ich sie mir später auf dem College für mein Hauptfach anrechnen lassen kann. Ist Kaiden deshalb hier?
Ich verstehe gar nicht, wie ich ihn beim Betreten des Raums nicht bemerken konnte. Das Klassenzimmer war so voll, dass ich mich auf die Suche nach einem freien Platz konzentriert und nicht darauf geachtet hatte, wer eigentlich auf den Stühlen saß. Und als Mr Nichols die Anwesenheitsliste durchging, hatte ich offensichtlich nicht richtig zugehört.
Mein Blick geht wieder an die Wand, eine Mischung aus Grün- und Blautönen. Ich wünschte, ich könnte malen. Mama hat viel Zeit in unserem Gästezimmer verbracht und dort schöne Stillleben und Landschaften gemalt. Manchmal hat sie auch Lo und mich gemalt.
Nach Lo … hat sie ganz mit dem Malen aufgehört.
»Vor ein paar Jahren wurde darüber abgestimmt, welche Romane man für die Wände nehmen soll«, erklärt er und überrascht mich damit. »Viele waren sauer, weil der beliebteste Roman nicht in die engere Auswahl kam. Es ging um irgendeinen Scheiß, der in dem Buch passiert.«
Ich sehe ihn fragend an. »Welches Buch war das?«
»Wenn ich das noch wüsste.«
Das brünette Mädchen vor mir dreht sich um, nachdem es mich die ganze Stunde absichtlich übersehen hat. »Es war dieses Buch von Jodi Picoult über das kranke Mädchen, das eine Transplantation braucht, um zu überleben.«
Ich befeuchte meine Unterlippe und nicke. war einer von Los Lieblingsfilmen, denn das Ende war nicht wie im Buch. Es war traurig, weil das kranke Mädchen nicht überlebte, aber zugleich schön, weil es keine Schmerzen mehr hatte.
»Jedenfalls hat es der Schülerrat abgelehnt, weil eine Schülerin dasselbe durchgemacht hatte und sie ihre Gefühle respektieren wollten«, erklärt das Mädchen und wirft sich das braune Haar über die Schulter.
Ich blinzle ungläubig. »Und deshalb haben sie es nicht genommen?«
Sie zuckt mit den Schultern. »Außerdem ist es traurig.«
Ich runzle die Stirn. » handelt von Kindern, die als Sport andere Kinder umbringen. Ist das etwa nicht traurig?«
Kaiden schnaubt, und das Mädchen verdreht die Augen, als ob ich diejenige wäre, die sich lächerlich macht. »Das ist ja nicht echt, du Schlaumeierin.«
Weil ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll, schüttle ich den Kopf und blicke wieder zur Wand. Die Leute hassen realistische Geschichten wie die von Picoult, weil so etwas jedem passieren kann. Jeder kann sterben – an Krebs oder an einem Unfall. Im Tod sind alle gleich. Wahrscheinlich ist es einfacher, eine Brille mit rosaroten Gläsern zu tragen als eine mit verdunkelten.
Das Mädchen will noch etwas sagen, doch Kaiden unterbricht sie. »Vielleicht hörst du jetzt lieber auf zu reden, Rach. Du kommst nicht gerade intelligent rüber. Außerdem weißt du, was ich allen erzählt habe.«
Seine unverblümte Aussage macht mich sprachlos, und ich starre ihn an.
Rach – vermutlich Rachel – wirft ihm einen bösen Blick zu. Sie schaut kurz zu mir, dann verdreht sie die Augen und blickt wieder zu ihm. »Du musst nicht so ein Arschloch sein, Kaid. Ich sag doch nur, was passiert ist.«
Er beugt sich vor. »Witzig, denn offenbar hat es dich nicht gestört, dass ich so ein Arschloch bin, als du mich in der Umkleide gebeten hast, dich flachzulegen.«
Sie wird rot.
Ich auch.
Ich räuspere mich, versinke in meinem Stuhl und ziehe einen Block aus der Tasche, um darin zu kritzeln, bis die Glocke läutet. Kaiden und Rachel lassen mich in Ruhe, obwohl ihr Starrwettbewerb nicht unbemerkt an mir vorbeigeht, denn Rachel wirkt so, als wollte sie ihn am liebsten mit dem Stift in ihrer Hand erstechen.
Als es endlich läutet, packe ich meine Sachen und stehe auf. Innerhalb von fünfzehn Sekunden sind alle aus dem Raum, um die Schule so schnell wie möglich zu verlassen, bevor sie morgen wiederkommen müssen. Kaiden bleibt zurück, was mir verdächtig erscheint. Zögernd gehe ich zur Tür, wo er mit verschränkten Armen steht.
»Deine Schuhe sind hässlich«, bemerkt er.
Ich spähe kurz auf meine Toms und schlage die Hacken zusammen. Nach ein paar Sekunden sehe ich ihn an. »So wie dein Verhalten.«
Er grinst. »Fertig?«
Wenigstens leugnet er es nicht, was halbwegs ermutigend ist. Er scheint also selbst zu wissen, dass er sich schlecht benimmt. Trotzdem wäre es schön, nicht die Zielscheibe seiner Beleidigungen zu sein.
Er stupst mir an die Schulter, während wir über den Flur gehen. »Guck nicht so traurig. Ich bin zu allen so. Ich kann dich nicht netter behandeln, nur weil dein Vater meine Mutter vögelt.«
Ich bleibe stehen und starre ihn an.
»Was ist?«
»Du bist … unverblümt.«
»Warum sollte man Scheiße reden?«
Ich bin mir nicht sicher.
»So wie ich das sehe, stecken wir zusammen fest. Ich werde meine Gedanken aber nicht zurückhalten, nur um dich nicht zu verletzen.« Er geht weiter, und ich folge ihm. »Wenn es hilft: Deinem Vater habe ich das Gleiche gesagt. Er ist nicht gerade mein größter Fan.«
»Scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen«, murmle ich.
Er verzieht den Mund. »Du...




