E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Christie Die Morde des Herrn ABC
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-455-17018-4
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Poirot
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-455-17018-4
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind - auch durch die Verfilmungen - einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für James Watts, einen [...]
Vorwort von Captain Arthur Hastings, Träger des Order of the British Empire
1 Der Brief
2 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
3 Andover
4 Mrs Ascher
5 Mary Drower
6 Der Tatort
7 Mr Partridge und Mr Riddell
8 Der zweite Brief
9 Der Mord in Bexhill-on-Sea
10 Die Barnards
11 Megan Barnard
12 Donald Fraser
13 Eine Lagebesprechung
14 Der dritte Brief
15 Sir Carmichael Clarke
16 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
17 Abwarten
18 Poirot hält eine Rede
19 Ein Engel aus Eden
20 Lady Clarke
21 Beschreibung eines Mörders
22 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
23 Doncaster, 11. September
24 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
25 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
26 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
27 Der Mord in Doncaster
28 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
29 Bei Scotland Yard
30 Nicht aus Captain Hastings' Perspektive
31 Hercule Poirot stellt Fragen
32 Fang einen Fuchs!
33 Alexander Bonaparte Cust
34 Poirot findet Erklärungen
35 Finale
Über Agatha Christie
Impressum
1 Der Brief
Im Juni 1935 kam ich für etwa sechs Monate von meiner Ranch in Südamerika nach England zurück. Es war für uns dort unten eine schwere Zeit gewesen. Wie alle hatten auch wir die weltweite Depression zu spüren bekommen. Ich musste verschiedene Geschäfte tätigen, deren Erfolg meiner Ansicht nach von meiner persönlichen Anwesenheit abhing. Meine Frau blieb zurück und kümmerte sich um die Ranch.
Dass eine meiner ersten Unternehmungen gleich nach meiner Ankunft in England ein Besuch bei meinem alten Freund Hercule Poirot war, brauche ich wohl kaum zu erwähnen.
Er wohnte mittlerweile in einer dieser brandneuen Londoner Etagenwohnungen mit Hauswirtschaftsdiensten. Ich vermutete, dass er dieses spezielle Gebäude ausschließlich wegen seiner streng geometrischen Maße und Proportionen ausgewählt habe – und er gab es zu.
»Aber ja, mein Freund, es ist von äußerst erfreulicher Symmetrie, finden Sie nicht auch?«
Ich verlieh meiner Meinung, dass es auch ein Übermaß an Viereckigkeit geben könne, Ausdruck und fragte ihn in Anspielung auf einen alten Witz, ob sie hier in seiner supermodernen Unterkunft die Hühner denn dazu gebracht hätten, quadratische Eier zu legen.
Poirot lachte herzlich. »Ach, daran erinnern Sie sich? Leider nein! Die Wissenschaft hat die Hühner noch nicht dazu bewegen können, dem heutigen Geschmack zu entsprechen. Noch immer legen sie Eier von unterschiedlicher Größe und Farbe!«
Ich betrachtete meinen alten Freund mit Zuneigung. Er sah hervorragend aus – kaum einen Tag älter als bei unserem letzten Treffen.
»Sie scheinen in bester Verfassung zu sein, Poirot«, sagte ich. »Sie sind überhaupt nicht älter geworden. Ich würde fast sagen, dass Sie, wäre es möglich, weniger graue Haare haben als beim letzten Mal.«
Poirot strahlte mich an.
»Und warum sollte das nicht möglich sein? Es ist nämlich wirklich so.«
»Sie meinen, Ihr Haar wechselt von Grau zu Schwarz statt umgekehrt?«
»Genau.«
»Aber das ist wissenschaftlich doch ganz unmöglich!«
»Keineswegs.«
»Das ist allerdings sehr außergewöhnlich, es kommt mir widernatürlich vor.«
»Sie sind seit jeher arglos und gutgläubig, Hastings. Die Jahre haben Sie nicht verändert! Sie nehmen etwas wahr und sprechen im selben Atemzug die Erklärung dafür aus, ohne es selbst zu merken.«
Verwirrt sah ich ihn an.
Ohne ein Wort ging er in sein Schlafzimmer, kam mit einer Flasche in der Hand zurück und reichte sie mir.
Ich nahm sie, verstand aber immer noch nichts.
Dann las ich das Etikett:
Revivit verleiht dem Haar wieder seinen natürlichen Farbton. Revivit ist keine Coloration! Revivit gibt es in den fünf Nuancen Hellblond, Brünett, Tizianrot, Braun, Schwarz.
»Poirot!«, rief ich aus. »Sie haben sich das Haar gefärbt!«
»Ah, jetzt haben Sie es begriffen.«
»Deshalb also wirken Ihre Haare schwärzer als bei meinem letzten Aufenthalt hier.«
»Ganz genau.«
»Grundgütiger«, sagte ich, als ich mich von dem Schreck erholt hatte. »Wenn ich das nächste Mal nach England komme, treffe ich Sie dann womöglich mit einem falschen Schnurrbart an. Oder ist er das bereits?«
Poirot zuckte zusammen. Sein Schnurrbart war schon immer ein heikler Punkt gewesen. Er war ausnehmend stolz darauf. Meine Worte trafen ihn ins Mark.
»Nein, nein, wirklich nicht, . Ich bete zum lieben Gott, dass dieser Tag noch in weiter Ferne liegen möge. Ein falscher Schnurrbart!
Er zog heftig daran, um mich von seiner Echtheit zu überzeugen.
»Er ist noch immer sehr üppig«, sagte ich.
» In ganz London habe ich nie einen vergleichbaren Bart gesehen.«
Und keinen gehätschelteren, dachte ich im Stillen. Aber um nichts in der Welt hätte ich das gesagt und damit Poirots Gefühle verletzt.
Stattdessen fragte ich, ob er bei Gelegenheit noch immer seinem Beruf nachgehe.
»Ich weiß, dass Sie sich eigentlich schon vor Jahren zur Ruhe gesetzt haben …«, sagte ich.
». Um Kürbisse zu züchten. Und gleich darauf geschieht ein Mord, und ich schicke die Kürbisse zum Teufel! Ich weiß sehr gut, was Sie nun sagen werden – aber seitdem komme ich mir vor wie eine Primadonna, die endgültig ihre allerletzte Vorstellung gibt. Und diese Abschiedsvorstellung wiederholt sich unzählige Male.«
Ich lachte.
»Es ist wirklich und wahrhaftig so. Jedes Mal sage ich, jetzt ist Schluss, aber dann kommt wieder etwas daher! Und ich muss zugeben, mein Freund, der Ruhestand ist nichts für mich. Wenn die kleinen grauen Zellen nicht benutzt werden, setzen sie Rost an.«
»Verstehe«, sagte ich. »Sie benutzen sie in Maßen.«
»Genau. Ich picke mir die Rosinen heraus. Für Hercule Poirot kommt heute nur noch die Creme des Verbrechens in Frage.«
»Und gab es in letzter Zeit viel Creme?«
». Vor kurzem gab es ein knappes Entkommen.«
»Der Täter ist entwischt?«
»Nein, nein!« Poirot wirkte schockiert. »Ich – ich, , wurde fast erledigt.«
Ich stieß einen Pfiff aus.
»Ein origineller Mörder!«
»Weniger originell als leichtfertig«, sagte Poirot. »Genau das war er, leichtfertig. Aber reden wir nicht davon. Wissen Sie, Hastings, in vielerlei Hinsicht betrachte ich Sie als mein Maskottchen.«
»Wirklich?«, sagte ich. »In welcher Hinsicht?«
Poirot beantwortete meine Frage nicht direkt, er fuhr fort:
»Sobald ich gehört hatte, dass Sie eintreffen, sagte ich mir: Irgendetwas wird daherkommen. Wir werden wieder wie früher zusammen auf die Jagd gehen, wir beide. Aber wenn, dann darf es kein gewöhnlicher Fall sein, es muss …« – er wedelte aufgeregt mit den Händen – »etwas Delikates sein, eine …« Er sprach die letzten Worte genussvoll aus.
»Also wirklich, Poirot«, sagte ich, »das klingt, als bestellten Sie ein Dinner im Ritz.«
»Wohingegen man ein Verbrechen nicht bestellen kann? Wie wahr.« Er seufzte. »Aber ich glaube an das Glück, an das Schicksal, wenn Sie so wollen. Ihr Schicksal ist es, neben mir zu stehen und zu verhindern, dass ich den einen unverzeihlichen Fehler begehe.«
»Und was wäre dieser Fehler?«
»Das Offensichtliche zu übersehen.«
Ich dachte darüber nach, konnte den Sinn dahinter aber nicht greifen.
»Und?«, sagte ich daraufhin nur lächelnd. »Ist dieses Superverbrechen bereits geschehen?«
». Das heißt, zumindest …«
Er hielt inne. Seine Stirn legte sich in Falten und zeugte von Verwirrung. Mechanisch rückte er ein, zwei Gegenstände zurecht, die ich aus Versehen verschoben hatte.
»Zumindest bin ich mir nicht sicher«, sagte er gedehnt.
Sein Tonfall war so merkwürdig, dass ich ihn überrascht anblickte.
Seine Stirn war noch immer gerunzelt.
Mit einem entschlossenen Nicken ging er unvermittelt durch den Raum zu einem Schreibtisch neben dem Fenster. Überflüssig zu sagen, dass seine Unterlagen so ordentlich sortiert und abgeheftet waren, dass er sofort fand, was er suchte.
Langsam kam er mit einem geöffneten Brief in der Hand auf mich zu. Er las ihn selbst und gab ihn mir dann.
»Sagen Sie, , was halten Sie davon?«
Mit einiger Neugier nahm ich den Brief.
Er war mit der Schreibmaschine auf dickem weißem Briefpapier geschrieben.
Mr Hercule Poirot,
Sie nehmen doch für sich in Anspruch, Fälle zu lösen, die für unsere einfältige britische Polizei zu schwierig sind. Wollen wir doch mal sehen, Mr Clever Poirot, wie clever Sie wirklich sind. Vielleicht ist diese Nuss Ihnen aber doch zu hart. Achten Sie am 21. des Monats auf Andover.
Hochachtungsvoll,
ABC
Ich besah mir den Umschlag. Auch er war mit der Schreibmaschine beschriftet.
»Er wurde im Postbezirk WC1 aufgegeben«, sagte Poirot, als ich den Stempel prüfte. »Was meinen Sie dazu?«
Ich zuckte mit den Schultern und gab ihm den Brief zurück.
»Vermutlich irgendein Verrückter oder so etwas.«
»Das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben?«
»Nun, klingt das für Sie denn nicht nach einem Verrückten?«
»Doch, mein Freund, durchaus.«
Seine Stimme klang besorgt. Ich sah ihn verwundert an.
»Sie nehmen das sehr ernst, Poirot.«
»Einen Verrückten, , muss man ernst nehmen. Ein Verrückter ist ein sehr gefährlicher Mensch.«
»Ja, das stimmt natürlich … Daran hatte ich nicht gedacht. Ich meinte damit, dass es eher nach einem ziemlich dummen Scherz klingt. Vielleicht hatte irgendein geselliger Kumpan einen in der Krone.«
» Was in der Krone?«
»Nichts, es ist nur eine Redensart, ich meinte einen Burschen, der dicht war. Nein, so auch nicht, verflucht – betrunken eben.«
», Hastings. Den Ausdruck ›dicht‹ kenne ich. Aber, wie Sie sagen, vielleicht steckt ja gar nichts weiter dahinter.«
»Sie aber halten es für möglich?«, fragte ich, weil sein unzufriedener Tonfall mich aufhorchen ließ.
Skeptisch schüttelte er den Kopf, sagte aber nichts.
»Was haben Sie diesbezüglich unternommen?«, wollte ich wissen.
»Was kann man schon tun? Ich habe Japp den Brief gezeigt. Er war derselben Ansicht wie Sie – ein dummer Scherz, so hat er sich ausgedrückt. Bei Scotland Yard bekommen sie jeden Tag solche Sachen. Auch ich bin schon reichlich damit belästigt...




