Gesamtausgabe
Buch, Deutsch, 432 Seiten, Format (B × H): 1480 mm x 2100 mm, Gewicht: 711 g
ISBN: 978-3-910536-06-7
Verlag: Florian Clever
Der Waldläufer und Wegelagerer Flin lehnt sich gegen den gefürchteten Fürsten von Fuldor auf. Als Flin mit seiner Bande die Händlerin Triana überfällt, greift der Fürst zu schwarzer Magie. Flin kämpft mit allen Tricks ums Überleben. Doch er hat die Rechnung ohne Triana gemacht ...
Zielgruppe
Leserinnen und Leser von Fantasy und Abenteuer jedes Jahrgangs (ab 14 Jahren). Genrefans und -neueinsteiger. Rollenspieler, Nerds, Träumer und Liebhaber von Spannungslektüre. Alle, die gerne eine abgeschlossene Story in einem Rutsch wegschmökern.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Karte von Iatiara . . . . . . 8
Erster Teil: Waldschatten . . . . . 11
Zweiter Teil: Fallstricke . . . . . . 129
Dritter Teil: Revierkämpfe . . . . . 227
Vierter Teil: Fäulnis . . . . . . 325
Kontakt . . . . . . . 423
Glossar . . . . . . . 425
Mehr Fantasy von Florian Clever . . . . 428
Science-Fiction (als Clark C. Clever) . . . . 431
Prolog
Fünf Pfeile. Pirmin blieben noch genau fünf Pfeile. Er wusste das, weil er immer
im Geiste mitzählte. Auch, wenn er es eilig hatte. Selbst dann noch, wenn
er um sein Leben lief.
Geduckt rannte er durchs Unterholz. Rufe und Hundegebell folgten ihm.
Ganz abhängen wollte er seine Häscher gar nicht, jedenfalls noch nicht. Fortlocken
wollte er sie, fort von seinem Weib und seinem Sohn. Ihn selbst mochten
sie fangen, foltern, töten. Einerlei. Er hatte sein Leben gelebt, als freier
Mann. So frei, wie der Wildhüter eines Fürsten eben sein konnte. Den kleinen
Flin aber durften sie nicht erwischen, um nichts auf der Welt. Deshalb musste
Pirmin jetzt die Rollen tauschen. Heute war er nicht der Wildhüter.
Er war das Wild.
Ein stattlicher Baum bot ihm Schutz. Keuchend quetschte er sich hinter
den hohen, eleganten Stamm. In diesem Teil des Waldes wuchsen die Buchen
in ausgedehnten Hainen in den Himmel, wie die Türme von Burg Fuldor, nur
schlanker. Ohne die Bluthunde in seinem Nacken hätte er absichtlich langsamer
werden müssen, damit die Verfolger ihn nicht verloren. Im Wald machte
Pirmin niemand etwas vor. All die Jahre hatte er damit verbracht, das Wild des
Herzogs zu hegen. Er hatte es vor unrechtmäßigem Abschuss und vor verbotenen
Fallen geschützt. Die Dörfer am Ostrand des Kolgwalds lebten von der
Hand in den Mund. Wenn die Bälger daheim vor Hunger schrien, war die
Versuchung groß, mit einem Bogen zwischen die Bäume zu schleichen und
sich frisches Fleisch zu holen. Auch die Räuberbanden in den Tiefen des Waldes
wussten einen knusprigen Braten zu schätzen. Pirmin hatte dem einen
Riegel vorgeschoben, und er hatte seine Sache gut gemacht. Jetzt dankte es
ihm sein Fürst, indem er ihn zu Tode hetzen ließ.
Die Hunde tauchten auf dem Hang über ihm auf und unterbrachen seine
Gedanken. Er musste weiter.
Nein – verlieren durften sie ihn nicht, wenn er sie weit genug von Frau und
Kind fortführen wollte. Zu früh erwischen durften sie ihn aber ebenso wenig.
Diese Köter waren gut abgerichtet und verteufelt schnell.
Mit einer Gewandtheit, wie sie nur jahrzehntelange Arbeit im Wald lehren
kann, machte er sich von Neuem davon. Er tauchte unter dem Astwerk von
Stechpalmen durch, die zwischen den Buchen gediehen, umging ein Dickicht
und setzte über tückische Wurzeln hinweg. Suchen musste er sich seinen Pfad
nicht. Pirmin kannte hier jeden Baum und jeden Strauch. Er wusste um jedes
verborgene Kaninchenloch. In einer Achtelmeile würde er das ausgetrocknete
Flussbett erreichen. Erst dort würde er sich eine weitere, kurze Verschnaufpause
gönnen, falls die Hunde ihn bis dahin nicht schon hatten.
Ihm ging die Luft aus, während er den Fuß des Hanges erreichte, die Senke
durchmaß und die Steigung auf der anderen Seite nahm. Oben angekommen,
schaute er nicht zurück. Nicht nötig. Das Gebell zeigte ihm die bedrohliche
Nähe der Hunde auch so an. Die Biester ließen nicht locker.
Nach der Schneise ging das Terrain halbwegs eben weiter. Eine Menge
Brombeeren wucherten hier zwischen den Bäumen, das reinste Feld. Kein
Problem für ihn, er wusste um den Schleichweg durch das Dornengestrüpp.
Mit etwas Glück würden die Ranken die Hunde ein wenig aufhalten. Mochten
alle fünf Götter es fügen! In dieser verzweifelten Lage könnte er etwas Beistand
wahrlich gut brauchen. Und wenn die Götter ihn nicht erhörten, dann
wenigstens die Ika-a’ana, die legendären Geisterhirsche aus Kolg, dem verborgenen
Tal. Irgendwo inmitten dieses unendlichen Meeres aus Bäumen gab es
sie, davon war er überzeugt. Auch, wenn er noch nie einen mit eigenen Augen
gesehen hatte.
Eine Ranke verbiss sich in seiner grünen Kluft und riss ihn fast von den
Füßen. Mit dem Bogen wischte er weitere Dornenpeitschen aus dem Weg. Er
ging diese Strecke zu selten, als dass der Pfad gänzlich frei von solch eifrig
nachwuchernden Hindernissen sein konnte.
Täuschte er sich, oder fiel das Gekläff hinter ihm zurück?
Kurz darauf verließ er das Gestrüpp und sah das leere Flussbett vor sich.
Ohne innezuhalten, sprintete er darauf zu und nahm die komplette Flussbreite
im Sprung. Fast. Am jenseitigen Ufer krallten seine Fäuste sich in einen Busch,
an dem er sich hochzog. Seine Hände blieben dabei heil. Gut! Aufgerissene
Hände waren der ärgste Feind eines jeden Bogenschützen.
Hinter einem umgestürzten Baum fand Pirmin Deckung. Seine Finger ertasteten
die Federn auf seinem Rücken und holten den ersten Pfeil aus dem
Köcher. Wie von selbst drückten sie das geschlitzte Schaftende in die Bogensehne.
Es war an der Zeit, dem geifernden Rudel sein Leittier zu nehmen.
Ohne Leithund würden ihm die anderen mit etwas Glück eine Spur weniger
hartnäckig an den Hacken kauen.
Er hob Pfeil und Bogen und zog die Sehne zurück. Pirmin war nicht mehr
der Jüngste, doch seine Hände besaßen nach wie vor genug Kraft und dieses
vollkommene Gespür. Jene Geschicklichkeit und jenen Instinkt, die einem talentierten,
geübten Schützen eine fast schon magische Treffsicherheit verleihen.
Der Herzog wollte ihn loswerden, trotz all der Jahre treuen Dienstes. Er
beschuldigte ihn der Wilderei und wollte seinen Kopf. Schön. Dann sollte der
Fürst sich seinen Kopf holen. Diese Jagd würde den Herrn von Fuldor einiges
kosten, dafür hatte Pirmin bereits gesorgt. Und der Preis würde weiter steigen
– jetzt!
Der Leithund brach aus dem Gestrüpp, jaulte auf und starb, weil der Pfeil
sein Herz durchbohrt hatte. Die übrigen Hunde sammelten sich winselnd um
ihren verendenden Anführer, für einen Moment verwirrt. Pirmin fuhr herum
und rannte weiter.
Noch vier Pfeile.
Die Anschuldigungen des Herzogs waren lächerlich. Wilderei – ausgerechnet
er! Nie hatte er mehr aus dem Wald genommen, als ihm zustand. Wann
immer Gernot von Fuldor mit seinen Rittern auf die Jagd gegangen war, hatte
Pirmin zuverlässig das gewünschte Wild für sie aufgespürt. Nicht mehr und
nicht weniger. Kaum ein Wildhüter war so gut darin wie er.
All das schoss ihm durch den Sinn, während er weiter durch den Wald lief.
Die Wut über die Ungerechtigkeit seines Herrn gab ihm neue Kraft. Er war
ein rüstiger Mittfünfziger, doch diese Hatz brachte auch ihn allmählich an
seine Grenzen. Sei’s drum! Die Puste musste ja gar nicht reichen, um seinen
Jägern zu entkommen. Hauptsache, sie stellten seiner Frau und seinem Sohn
nicht nach, sondern folgten weiter ihm, bis die beiden in Sicherheit waren. Flin
war ein spätes Geschenk der Götter gewesen. Der Junge sollte, er musste leben.
Es war die rote Stunde, wie Pirmin sie nannte – die Abenddämmerung
stand bevor. Er liebte diese Phase, wenn die Blätter in den Kronen wie entflammt
aussahen. Im Frühling ließ das eben erst zuwachsende Laubdach noch
ein paar späte Sonnenstrahlen durch. Nun aber blieb ihm keine Muße, das
Schauspiel zu genießen. Er eilte unter den majestätischen Buchen dahin wie
durch einen grünen Dom. Ein aufgescheuchtes Eichhörnchen kletterte einen
der kahlen Stämme empor. Für die Tiere des Tages war nun die Zeit gekommen,
Unterschlupf für die Nacht zu suchen.
Je länger er floh, desto mehr reifte in ihm die Gewissheit, dass es für ihn
keinen Unterschlupf geben würde, und keinen neuen Morgen. Das Rudel hatte
sich nicht lange mit dem toten Leithund aufgehalten. Erneut saßen sie ihm im
Nacken. Wenn er noch eine halbe Meile schaffte … Vielleicht sogar eine
ganze …
Er blickte über die Schulter. Die ersten Köter waren ihm bereits über eine
Bodenwelle hinweg gefolgt. Ihre muskulösen Leiber flogen nur so dahin. Das
würde eng werden, sehr eng. Ohne ein weiteres Hindernis, das er ihnen in den
Weg legen konnte wie vorhin das Dornengestrüpp, würde er keine Viertelmeile
mehr schaffen.
Seine Gedanken rasten. Da gab es diesen Weiher in der Nähe, und auf dem
Weiher eine winzige Insel. Die Hunde konnten vermutlich schwimmen, doch
eine bessere Möglichkeit sah er nicht. Auf offener Strecke würden sich in den
nächsten Augenblicken sonst Fangzähne in seine Wade schlagen. Sie würden
ihn niederreißen und zerfleischen. Er kannte die Meute des Herzogs. Er
kannte sie gut. Gernots Männer würden dann nicht mehr viel zu tun haben,
wenn sie eintrafen. Sie würden dem in Ungnade gefallenen Wildhüter den
Kopf als Beweis für ihren Herrn abschneiden und fertig.
Der Weiher. Nach rechts also!
Die Buchen blieben hinter ihm zurück, sie liebten das stehende Wasser
nicht.
Um den kleinen See wuchsen Silberweiden, Schwarzpappeln und Eschen.
Auch das Dickicht nahm wieder zu, doch etwas Unterholz hielt einen erfahrenen
Jäger nicht auf. Wieder nahm er den Bogen hinzu, um Geäst wegzuschlagen
und sich bis ans Ufer vorzukämpfen. Der Boden war sumpfig hier,
die Stiefel schmatzten im Schlick.
Wer die herzoglichen Hirsche und Rehe in Wahrheit unrechtmäßig erlegt
hatte, wusste er nicht. Arme Dörfler womöglich. Freche Wilderer. Räuber, die
ihren Vorrat an geräucherten Keulen und Speck auf Kosten des Fürsten aufbessern
wollten. Der östliche Saum des Kolgwalds war viel zu lang, um allem
Einhalt zu gebieten, was gegen Gernots Willen dort geschah. Der Herzog
wusste das, doch er hatte trotzdem nicht mit sich reden lassen. Ein Sündenbock
musste her, und die Wahl war auf Pirmin gefallen. Anders konnte er sich
dieses Schmierenspiel nicht erklären. Ein Spiel auf Leben und Tod.
Er schulterte den Bogen und glitt in das dunkle kalte Wasser. Seine Kleidung
sog sich voll, zerrte an ihm, doch er erreichte das Ufer der Insel mit
wenigen, kräftigen Schwimmstößen.
Wie erhofft zögerten die Hunde am Rand des Weihers. Sie schnüffelten,
rannten aufgeregt an der Wasserkante entlang und bellten wie verrückt.
Schließlich wagte es der Erste und sprang hinein.
Pirmin wartete ruhig ab, bis das Tier so nahe war, dass selbst ein Kind es
nicht mehr hätte verfehlen können. Sein Pfeil tötete es auf der Stelle. Den
Schaft im Leib, trieb es auf der Oberfläche. Zwei weitere Köter fanden auf die
gleiche Weise den Tod, ehe der Rest der Meute es sich anders überlegte und
den Weiher mied. Zwei der verschossenen Pfeile konnte Pirmin sich von den
Kadavern zurückholen.
Wieder drei.
Er machte sich gar nicht erst die Mühe, die zwei zurückerlangten Pfeile
noch einmal in den Köcher zu stecken. Er legte einen davon gleich wieder auf
die Sehne und stieß den anderen griffbereit vor sich in die weiche Krume der
Insel. Zeit, das Eiland auf der anderen Seite schwimmend zu verlassen und
seine Flucht fortzusetzen, blieb ihm keine. Die Schergen des Herzogs waren
da, das Gekläff der verbliebenen Hunde hatte sie hergeführt. Sie hatten Armbrüste
dabei.
Es gab nur einen einzigen Baum auf der Insel: eine verkümmerte Weide.
Ansonsten war dieser Flecken Erde kahl. Pirmin schmiegte sich Deckung suchend
an den Stamm und schoss. Das Hundeblut an der Spitze vermischte
sich mit Menschenblut. Noch ein Knecht, der an diesem Tag nicht mehr nach
Burg Fuldor zurückkehren würde. Und auch an keinem anderen.
Als er den zweiten wiedergewonnenen Pfeil aus dem Boden riss, bohrten
sich zwei Armbrustbolzen in die Weide. Ein dritter pfiff dicht an ihm vorbei.
»Gib auf, Pirmin!«, scholl Dorans Ruf übers Wasser. Er war der Anführer
der Schar. Doran, der Henker. Doran, der Teufel. Dass er trotz seiner jungen
Jahre bereits Hauptmann war, sprach für sich. Wer es beim Herzog derart
rasch so weit brachte, musste beides sein: sehr stark und sehr gewissenlos. Vor
allem Dorans wegen hatte Pirmin seine Häscher von Weib und Sohn fortgelockt.
Der Henker würde sich nicht allein mit seinem Kopf begnügen. Er
würde das ›Unkraut‹ jäten – mit Stumpf und Stiel. »Du kannst nicht mehr entkommen!
Schwimm zu uns herüber, dann lassen wir dich und deine Familie
am Leben!«
Ja, gewiss doch!
Pirmin strich mit den Fingern über die Federn des Pfeils. Doran mit sich
in den Tod zu reißen, würde dem Ende etwas Bitterkeit nehmen. Aber so
gerne der Henker auch tötete, so sehr war er auf die eigene Sicherheit bedacht.
Der Bastard versteckte sich hinter einer Pappel, wohl wissend, wen er da vor
sich hatte: Pirmin Adlerblick, den fähigsten Bogenschützen im ganzen Herzogtum.
Die riskante Drecksarbeit überließ Doran seinen Leuten, die bereits
wieder die Armbrüste spannten. Dabei schlichen sie von Baum zu Baum, verteilten
sich, um Pirmins spärliche Deckung zu umgehen. Einer von ihnen war
dabei nicht achtsam genug. Mit einem Pfeil im Hals brach er zusammen.
Noch mehr Männer trafen jetzt an dem Weiher ein, mit roten Gesichtern.
Die Jagd auf den Jäger hatte sie mächtig gefordert. Nun war die Beute endlich
zum Greifen nah.
Pirmins Rechte fand den Pfeil im Köcher. Den letzten.
Komm schon, Doran! Zeige dich!
Ein Knacken im Unterholz warnte ihn. Sofort warf er sich zu Boden, weshalb
der Bolzen seine Schulter durchschlug, nicht die Brust. Der Schmerz traf
ihn wie ein Gruß aus der Hölle. Er kam auf ein Knie, erahnte den Heckenschützen
mehr, als ihn zu sehen, und schoss, ohne zu zielen. Der Waffenknecht
brach mit dem Schaft in der Lunge zusammen. Er würde nie wieder
aufstehen.
Pirmin dagegen stemmte sich hoch und wankte auf das Wasser zu. Der
dritte Hundekadaver trieb gerade dicht am Saum der Insel vorbei, mit seinem
Pfeil im Leib. Wenige Schritte bloß, dann …
Die Wucht der nächsten Treffer warf ihn bäuchlings in den Weiher. Das
dunkle Wasser nahm ihn auf, hielt ihn, wiegte ihn. Er wand sich, kam in Rückenlage.
Wie Doran ihn verhöhnte, nahm er kaum noch wahr. Wasser in den
Ohren, in der Nase, im Mund.
Flin … Du musst leben!
Über ihm zogen die Wolken dahin, glühend in der Abenddämmerung. Oder
war er es, der sich bewegte, während der Himmel stillstand? Ihr Fünfe, was für
Schmerzen! Wieso schwindet das Licht plötzlich so schnell? Wieso …?
Pirmins Blut speiste den Weiher. Die rote Stunde verstrich. Das Letzte,
was er sah, waren die Geisterhirsche, die sich aus den Schatten zwischen den
Bäumen lösten, um ihn heimzuholen.




