Cole | Das Zenonzän | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Reihe: Nautilus Flugschrift

Cole Das Zenonzän

Paradoxien des Fortschritts. Essays
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96054-491-3
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Paradoxien des Fortschritts. Essays

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

Reihe: Nautilus Flugschrift

ISBN: 978-3-96054-491-3
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Läuferin steht in den Startlöchern bereit. Doch um ins Ziel zu kommen, muss sie zunächst die Hälfte der Strecke schaffen, und dafu?r wiederum die Hälfte der Hälfte ... Wenn sie fu?r jede Hälfte eine bestimmte Zeit benötigt und sich die Strecke unendlich oft halbieren lässt, ist dann auch das Rennen ein unendliches? Soll sie u?berhaupt loslaufen? Heute ist klar, dass dem Paradoxon des Zenon von Elea ein Fehlschluss zugrundeliegt - und doch ist gerade fu?r dieses Heute einiges an Wahrheit darin aufgehoben. Die ständige Teilung der Gesellschaft in immer kleinere Identitäten und Bubbles, das technologische Sprinten ohne echten Fortschritt, ohne Vorwärtskommen. Leben wir vielleicht im Zenonzän? Mit einem aufmerksamen Interesse fu?r die großen Fragen, die u?ber unserer Gegenwart schweben, und einem emphatischen Blick fu?r kleine und randständige Tendenzen schreibt Isabel Fargo Cole u?ber Sprache und Wortmaschinen der Ku?nstlichen Intelligenz, u?ber Postwachstum und Schöpfungsgeschichte, u?ber den Stillstand der Lockdowns, Überwachung, linken (und rechten) Technikoptimismus und die Arbeit des Übersetzens. Sie weist auf manch erschreckende Bruchkante im stabil geglaubten Fundament unseres Weltbilds hin, findet aber auch verblu?ffend schöne, funkelnde Einschlu?sse im Gestein des Zenonzäns. »Leise im Ton und bestimmt in der Sache erschließen die Essays von Isabel Fargo Cole das Gelände einer Gegenwart, in welcher der beschleunigte Takt von Krisen und Katastrophen mit dem Horizont einer aufgezehrten Zukunft verschmilzt und sich im Eindruck eines ?stehenden Sturmlaufs? (Franz Kafka) verdichtet. Diese scharfsinnigen Exkursionen in ein Deutschland der letzten dreißig Jahre durchqueren eine thematische Vielfalt, die von vergessenen Utopien über die Zumutungen des digitalen Kapitalismus bis hin zu überraschenden literarischen Begegnungen reicht. Dabei erweisen sich die Texte dieses Bands als Essays oder Versuche im besten Sinn: Sie halten die Spannung zwischen Genauigkeit und Leidenschaft, Theorie und Erfahrung, Analyse und Intuition und formieren mit der Erinnerung an uneingelöste Möglichkeiten der Geschichte einen Widerstand gegen die Versteinerung politischer Einbildungskraft.« Joseph Vogl »Vielleicht beschreibt man diese Schriftstellerin am besten als eine Art Ethnologin, die sich in denkbar größter Intensität dem eigentlich Fremden annähert. Mit einer unbändigen Neugier will sie erkunden, die Fakten, die Sprache, die Geschichte, die Seelen und die Schicksale mit ihrem tauchenden Blick erkennen.« Alexander Cammann, Laudatio zum Literaturpreis der A und A Kulturstiftung

Isabel Fargo Cole (*1973 in Galena, Illinois), Autorin und Übersetzerin, lebt seit 1995 in Berlin. Ihr Debütroman »Die grüne Grenze« (2017) war für den Preis der Leipziger Buchmesse und den Klaus-Michael Kühne-Preis nominiert. 2018 erhielt sie den Helen & Kurt Wolff Übersetzerpreis für ihre Übersetzung von Wolfgang Hilbigs »Alte Abdeckerei« ins Englische. Ihr Roman »Das Gift der Biene (2019) wurde für die LiteraTour Nord ausgewählt. 2022 erschien »Die Goldküste. Eine Irrfahrt« (Matthes & Seitz). 2023 wurde ihr der Literaturpreis der A und A Kulturstiftung verliehen.
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Legenden des Wachstums


Das beunruhigendste Phänomen, mit dem sich die politische Theorie […] konfrontiert sah, war der noch heute anhaltende, aber bis dahin unbekannte Prozeß eines wachsenden Reichtums, wachsenden Besitzes, wachsenden Erwerbs. […] Dabei lag es vom Anfang an nahe, diese Prozesse im Sinne natürlicher Prozesse zu sehen […]. (Hannah Arendt, Vita Activa)

Wachstum, der göttliche Urwille: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume, da ein jeglicher nach seiner Art Frucht trage und habe seinen eigenen Samen bei sich selbst. Bestimmung der Pflanze als Werkzeug der eigenen Fortpflanzung, Bestimmung der Frucht als Gefäß der eigenen Fruchtbarkeit. Nichts ist – alles wird, es wird mehr. Es werde … es sammle sich … es lasse aufgehen … es errege sich – die Befehle richten sich an ein rätselhaftes Es, das alles und nichts ist. Sie führen sich selbst aus.

Mehrt euch, sagt Gott zu den Tieren. SEIN Befehl gilt nun einem konkreten Gegenüber, denn Tiere haben Ohren, um zu hören – dafür keinen eigenen Samen bei sich selbst wie die fest verwurzelten Bäume. Die Tiere müssen tätig werden, sie müssen zueinanderfinden. Und das tun sie: Es webt und lebt und kreucht und fleucht. Alles ist sich selbst genug und könnte ewig so fortweben. Da aber – als fände ER, dass alles allzu rund läuft, als fehle IHM an diesem autonomen Kreislauf der Reiz, der produktive Störfaktor, das IHM-Gleiche, das Bewusstsein – schafft Gott Mann und Frau hinzu, um zu herrschen über alles Getier, das auf Erden kriecht. Was für widersprüchliche Befehle. Füllt die Erde – als wäre die vorhandene Fülle nichts weiter als zu füllende Leere. Und macht sie euch untertan – als wäre die nichtmenschliche Fülle dann doch nicht zu leugnen, und deshalb zu bezwingen.

Replenish the earth, and subdue it: Der Befehl in der King-James-Bibel ist auf andere Weise schillernd. Replenish heißt wieder füllen – also: Teil eines Kreislaufs sein, ihn erhalten, fortführen, steigern? Subdue wiederum klingt nach Bändigung, nach der Drosselung physischer Kräfte. Als müsste der Mensch all das Wachstum der Erde steuern und erneuern – doch zugleich ihr Wuchern unterdrücken.

Ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besamt […] und allerlei fruchtbare Bäume, die sich besamen. In der King-James-Bibel: every tree, in the which is the fruit of a tree yielding seed. Seltsam, wie Gott den hilflosen neuen Menschlein mit diesen Worten vor Augen führt, wie unerschöpflich vital alles bereits Bestehende ist, wie es ganz ohne ihr Zutun sich selbst besamt. Baum zeugt Obst und Obst Samen und Same Baum ad infinitum … Ob es Adam und Eva da schwindelte?

Grund dazu hätten sie. Denn hier geht ein Ruck durch den Text. Ihr Kapitel bricht ab, mitten in der Idylle – es war sehr gut. Als wäre es zu gut, wieder einmal zu rund, Mann und Frau sich allzu gleich, allzu ähnlich den Tierpaaren, deren lange Reihe sie abschließen. Wie zufällig stehen sie am Ende der Schöpfung und sollen über alles herrschen, was doch auch ohne sie vollendet und autark ist. Als wäre der sich selbst aussäende Same Keim eines Zweifels, der Gott in der Nacht befällt: Wo kämen wir hin, bei solcher Harmonie? So dreht sich die Geschichte nur im Kreise!

Gott verwirft das Menschenpaar, die Tiere und die Pflanzen, die Schöpfungsgeschichte setzt neu an. Und allerlei Bäume auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und allerlei Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Die im ersten Anlauf so unbändig sprießenden Pflanzen schweben nun in einem rätselhaften noch nicht. Im paradoxen before: And every plant of the field before it was in the earth, and every herb of the field before it grew. Noch stecken sie nicht in der Erde, noch steckt nichts in ihnen (der Baum in der Frucht im eigenen Samen); das Wachsen, selbst die Möglichkeit des Wachsens steht diesen nur als Idee vorhandenen Pflanzen noch bevor. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und es war kein Mensch, der das Land baute.

Aus der kahlen Erde schafft Gott nun einen Menschen, der allein dasteht, ganz allein das Land bebauen muss, den Stoff, dem er gerade erst entsprungen ist, den Staub, zu dem er zurückkehren wird. Gott gesellt ihm als Erstes die Bäume bei, unter ihnen der Baum der Erkenntnis, von dem er nicht essen darf, sonst muss er des Todes sterben. Jetzt scheint der Mensch Gott doch noch leidzutun – wie auch nicht, so dieser unverdienten Drohung ausgeliefert? ER sieht ein, dass der Mensch eine Gehilfin braucht. Zunächst denkt ER an Tiere, brachte sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nenne, genauso, wie Gott Tag und Nacht und Erde und Meer nannte. Der Mensch darf Gott spielen, Entschädigung für die ihm eingejagte Todesangst. Er gibt den Tieren ihre Namen, aber kein Tier kann ihm helfen, genauso wenig, wie er Gott hätte helfen können. Da erbarmt sich Gott seiner erneut und schafft dem Menschen Seinesgleichen – nicht gleich, aber seins – aus ihm selbst heraus, pflanzt ihn fort wie einen Obstbaum, dem man ein Reis abnimmt. Und er nahm seiner Rippen eine und schloß die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der HERR baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Und der Mensch nennt sich Mann und Männin.

Mehrt euch!, sagt Gott zu den Menschen. Sie haben nicht nur Ohren, um zu hören, sondern einen Willen, um sich zu weigern. Schließlich sollst du mit Schmerzen Kinder gebären und im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Gott muss die Menschen ermahnen und ermuntern: Ich will deinen Samen machen wie den Staub auf Erden. Doch diese massenhafte, beliebige Besamung kann dem Menschen niemals ganz behagen. Gleicht der Same doch dem Staub, zu dem er zurückkehren muss. So steht der Auftrag der Fortpflanzung für Gottes Geschenk, das Leben, aber auch für Gottes Strafe, den Tod. Die Menschen, die sich auf Erden zu mehren beginnen, wachsen gar zu Riesen, deren Bosheit im nächsten Vers als zwingende Folge des unbändigen Wachstums beklagt wird, welches Gott nun bereut und bestraft. ER schickt die Sintflut. Von jeder Tierart verschont ER ein exemplarisches Paar, von der Menschheit immerhin eine ganze Kleinfamilie.

So geht es doch noch einmal los mit dem exponentiellen Wachstum – mittels Inzucht, wie schon nach Adam und Eva. Wurzelt darin das Unbehagen an der Mehrung des Fleisches? Im Verdacht nämlich, was sich hier mehre, sei das Immergleiche, was heranwachse, sei ein Zuviel der Selbstähnlichkeit, was sich als Fruchtbarkeit ausgebe, sei ins Sterile ausartende Replikation. Bald wuchert auch das Geld, dessen abstrakte Vermehrung die Massen versklavt. Die Menschheit ballt sich in Marktflecken, Handelszentren. Sodom und Gomorrha: Mann erkennt Mann, trotzt dem Fruchtbarkeitsimperativ. Das kann Gott nicht ungestraft lassen. Die Massen, die die Fortpflanzung infrage stellen, werden hinweggerafft. Schwefel und Feuer bricht herein über die zu vielen, die nicht noch mehr werden wollen. Doch Lot, der aus Sodom in die menschenleeren Berge flüchtet, wird dort von den eigenen Töchtern verführt: Da sprach die ältere zu der jüngeren: Unser Vater ist alt, und ist kein Mann mehr auf Erden, der zu uns eingehen möge nach aller Welt Weise; so komm, laß uns unserm Vater Wein zu trinken geben und bei ihm schlafen, daß wir Samen von unserm Vater erhalten.

2500 Jahre nach der Sintflut ist die Erde schon wieder zersiedelt, aufgeteilt zwischen Imperien mit ihren Prachtstädten. Keine generative Notlösung, weder Aufpfropfung noch Inzucht wäre nun nötig. Doch wieder einmal hängt das – nun rein seelische – Heil der Menschenmassen von einer Familie ab, die vom gottgegebenen Fortpflanzungsschema abweicht. Maria – Josef – Jesus: eine Familieneinheit von solch exzessiver Keuschheit, als müsste sie all das unlautere Begehren der Vorfahren wiedergutmachen. Parthenogenese im Himmel, Parthenogenese im Bauch. Die Gottheit spaltet sich auf, die Jungfrau kommt zum Kinde. Ein Junge, der niemals eine Frau erkennen soll – ER, der Allwissende, bedarf schließlich dieser menschlichen Erfahrung nicht. In früheren Epochen nahmen die Götter Menschengestalt an, um der Fleischeslust zu frönen, ihren Samen auf Erden zu säen. Dieser dagegen: um zu lieben, zu leiden, das Wort zu verbreiten. Die alte Praxis der Askese, seit jeher eine Annäherung der Menschen ans Göttliche, bestimmt die Annäherung Gottes ans Menschliche.

Das Geschöpf, das der Welt entsagte, tat es nun seinem Schöpfer gleich. Eremiten zogen in die Wüste, lebten in Höhlen oder auf Säulen, ernährten sich von Brot und Wasser oder jahrelang von gar nichts. Es galt, sich der Wildnis schutzlos auszuliefern, so wie Jesus es getan hatte. Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes...


Isabel Fargo Cole (*1973 in Galena, Illinois), Autorin und Übersetzerin, lebt seit 1995 in Berlin. Ihr Debütroman »Die grüne Grenze« (2017) war für den Preis der Leipziger Buchmesse und den Klaus-Michael Kühne-Preis nominiert. 2018 erhielt sie den Helen & Kurt Wolff Übersetzerpreis für ihre Übersetzung von Wolfgang Hilbigs »Alte Abdeckerei« ins Englische. Ihr Roman »Das Gift der Biene (2019) wurde für die LiteraTour Nord ausgewählt. 2022 erschien »Die Goldküste. Eine Irrfahrt« (Matthes & Seitz). 2023 wurde ihr der Literaturpreis der A und A Kulturstiftung verliehen.



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