E-Book, Deutsch, 640 Seiten
Craig Böse Wünsche
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98676-096-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fantasy-Thriller
E-Book, Deutsch, 640 Seiten
ISBN: 978-3-98676-096-0
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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1
Der Rauch roch nach verbrannten Kiefernnadeln, dunkel und süß. Er quoll aus dem Bienenstock vor mir und tanzte über die Felder, getragen von einer sanften Brise. Papa drückte auf den Blasebalg und ließ eine weitere Wolke aufsteigen, wobei er sorgfältig auf die Öffnung des hohen Holzgebildes zielte. Er hob und senkte den Kopf, während er stumm die verstreichenden Sekunden zählte. Schließlich nickte er.
Obwohl meine Hände komplett verdeckt waren, zitterten sie, als ich mich dem Stock näherte. Ich hatte noch nie beim Herausnehmen der Wabenrahmen helfen dürfen, und ich wollte sicher sein, dass ich alles genau so machte, wie Papa gesagt hatte. Mit einem gedämpften Stöhnen hob ich den schweren Deckel herunter und stellte ihn ins Gras, wobei ich Abstand von den drei schläfrigen Bienen hielt, die über die Oberseite krabbelten.
Nachdem er noch mehr Rauch tief ins Innere des Kastens gepumpt hatte, trat Papa zurück und gewährte mir vollen Zugriff auf den Bienenstock. »Nimm einen der oberen Rahmen heraus, damit wir ihn inspizieren können.« Seine Stimme war durch das dichte Netz über seinem Gesicht gedämpft.
Obwohl ich seine Gesichtszüge nur in Umrissen erkennen konnte, glaubte ich, dass er zufrieden wirkte. Sogar stolz. Ich betete, dass ich ihn nicht enttäuschen würde.
Für gewöhnlich war ich während der Ernte mit Mama, Merry und Sadie in der Küche. Samuel half Papa, uns die schweren, honigbeladenen Rahmen zu bringen, damit wir sie bearbeiten konnten. Ich hielt sie aufrecht, während Mama mit einer breiten Messerklinge über die Waben strich und mit geübten Bewegungen die Wachsplättchen abschnitt. Dann kamen die tropfenden Rahmen in ein großes Metallfass, und Merry und Sadie bedienten abwechselnd den Griff, bis sämtlicher Honig herausgeschleudert war und gefiltert werden konnte.
Ich warf einen Blick in Richtung unseres Farmhauses und stellte mir vor, wie meine Schwestern sich um einen Platz am Herd drängten, während sie Flaschen auskochten und zum Trocknen aufstellten. Sicher zankten sie sich und bettelten Mama an, sie nach draußen gehen zu lassen. Das Wetter war zu schön, um den Tag an einem heißen Feuer zwischen Eisentöpfen zu verbringen.
Ein Falke schrie am Himmel, wie um dieser Einschätzung zuzustimmen, und zog träge seine Kreisbahnen im Sonnenlicht des späten Augusttages.
»Ellerie«, sprach Papa mich an und zog mich zurück. »Der erste Rahmen kann der schwierigste sein. Manchmal versiegeln die Bienen die Ränder mit Harz. Du musst ihn vielleicht herausmeißeln.«
»Stört das nicht die Bienen?« Ich spähte durch die Spalten zwischen den Rahmen hinab. Das sonst unablässige Summen hatte aufgehört, aber in den tieferen Kästen sah ich noch etwas Bewegung.
»Nicht wenn du es richtig machst«, stichelte er, was ich gerade überhaupt nicht gebrauchen konnte. Ich spürte, dass er hinter seinem Netz lächelte. »Als mein Vater mich zum ersten Mal die Rahmen herausnehmen ließ, wurde ich sechsmal gestochen. Das gehört dazu.«
Weil meine Eltern Bienenzüchter waren, hatte ich mir natürlich bereits Stiche zugezogen, aber ich hatte nicht vor, diese Erfahrung zu wiederholen. Bei meinem ersten Stich hatte ich das ganze Haus wach gehalten und die ganze Nacht geschluchzt – nicht wegen meiner geschwollenen Hand, sondern wegen der armen Biene, die bei diesem Vorgang gestorben war.
Ich griff unter mein eigenes dichtes Netz, um den Schweiß abzuwischen, der mir über das Gesicht lief, wobei ich überlegte, womit ich anfangen sollte. In diesem Abschnitt waren acht Rahmen, angeordnet mit gleichmäßiger Präzision. Ich wählte einen nahe der Mitte, rüttelte sanft daran und prüfte die Seiten. Er ließ sich leicht bewegen. Mit angehaltenem Atem zog ich ihn heraus und achtete darauf, auf dem Weg nach draußen nicht die anderen zu streifen.
»Dann schauen wir doch mal.« Papa beugte sich vor und betrachtete prüfend das Werk der Bienen.
Spitzenartige Wabenmuster bedeckten den Rahmen. Manche Waben waren gefüllt und verkapselt, aber die meisten waren leer.
Er schnalzte mit der Zunge und dachte nach. »Noch nicht. Könnte dieses Jahr eine verspätete Ernte geben. Im letzten Winter gab’s zu viel Schnee. Steck ihn wieder rein.«
Mit größter Vorsicht schob ich den hölzernen Rahmen wieder an seinen Platz und stieß einen erleichterten Seufzer aus.
»Jetzt den nächsten.«
»Checken wir sie alle?«
Er nickte. »Wenn man sich die Mühe macht, die Bienen einzuräuchern, muss man den Bienenstock auch gründlich inspizieren. Der Honig ist nicht unsere einzige Sorge. Wir sind die Haushälter der Bienenstöcke, die Beschützer dieser Bienen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie gesund sind und alles haben, was sie brauchen.«
Er setzte das Rauchgerät ab, hob den obersten Kasten und blickte in die tieferen Kammern. Nachdem er den ersten Kasten beiseitegestellt und die Rahmen im zweiten gezählt hatte, nahm er einen heraus und wischte sanft zwei Bienen zur Seite, die sich wie betrunken an die Waben klammerten.
»Sag mir, was du siehst.«
Mit zusammengekniffenen Augen blickte ich durch den Schleier. Da waren noch mehr Waben, goldfarben wie ein Buntglasfenster. In der Mitte beinahe jeder Einbuchtung war ein winziger weißer Fleck, nicht größer als ein Gerstenkorn. »Das sind die Eier, nicht?«
»Sehr gut. Und was sagt uns das?«
Ich fühlte mich unangenehm ertappt, wie ein unbeholfenes Schulmädchen, nicht älter als Sadie. »Dass die Königin Eier legt?« Er gab ein zustimmendes Geräusch von sich, das mich ermutigte weiterzusprechen. »Und wenn sie Eier legt, ist das gut, stimmt’s? Dann ist es ein gesunder Bienenstock?«
Er nickte. »Das heißt, dass der Stock weiselrichtig ist.« Er deutete auf die Eier, wobei die dicken Handschuhe seine sonst so sicheren und raschen Bewegungen hemmten. »Eier von dieser Größe bedeuten, dass vor mindestens drei Tagen eine Königin hier war. Wenn du dir die Kästen ansiehst, solltest du immer nach frischen Eiern Ausschau halten. Ein Kasten ohne bedeutet, dass der Schwarm stirbt.«
Er steckte den Rahmen wieder an seinen Platz, nahm einen anderen heraus und zeigte mir die Maden, fette, weiße Kleckse, die überhaupt nicht wie die summenden Honigbienen aussahen, die durch unseren Garten schwirrten. Ein anderer Rahmen enthielt die Puppen, die wuchsen und träumten, eingesponnen in einen Kokon aus Honig.
»Die werden sich schon in ein paar Tagen befreien«, sagte Papa zufrieden. »Neue Arbeiterinnen oder Drohnen. Unser Bienenvolk gedeiht, Ellerie. Lass uns alles wieder zusammensetzen und sie aufwecken. Nach dem Honig sehen wir nächsten Monat.«
»Und es wird allen wieder gut gehen?«
Ich hasste diesen besorgten Ton in meiner Stimme. Ich wusste, dass es so sein würde. Papa hatte noch nie eine Kolonie verloren. Aber jetzt, als ich aus nächster Nähe sah, wie alles zusammenwirkte, wurde mir noch einmal bewusst, wie verletzlich diese Bienen waren. Vergaß man, einen der Rahmen wieder hineinzustecken, konnten die Bienen den zusätzlichen Raum mit so vielen Waben füllen, dass man beim Versuch, den Rahmen herauszunehmen, den ganzen Kasten zerstören konnte. Setzte man den Deckel nicht richtig darauf, war er auch nur einen Spalt geöffnet, waren die Bienen nicht mehr in der Lage, die Innentemperatur zu regulieren. Dann arbeiteten sie sich zu Tode, fächerten mit den Flügeln und summten, um den Bienenstock zu erwärmen.
»Es wird ihnen gut gehen. Du hast heute gut gearbeitet.«
Ich errötete vor Freude. Ich wollte ihn beeindrucken, ihm zeigen, dass ich genauso geschickt war wie Samuel. Samuel hätte jetzt hier sein und diesen Hut mit dem Schleier tragen sollen, nicht ich. Aber er hatte sich an diesem Morgen nach dem Frühstück davongeschlichen, und Papas Miene hatte sich verfinstert, wie ein aufziehendes Sommergewitter die Berggipfel verdunkelt.
Im Laufe dieses Sommers hatte sich Samuel verändert. Sobald er seine Aufgaben erledigt hatte, war er mit seinem besten Freund Winthrop Mullins von der Farm gerannt. Manchmal hatte er uns Mädchen auch seine letzten Aufgaben überlassen. Er stritt sich oft mit Papa über irgendwelche Kleinigkeiten, bis die beiden sich mit roten, zu wütenden Grimassen verzerrten Gesichtern gegenüberstanden. Mama sagte, dass er sich bestimmt davonschlich, um ein Mädchen zu treffen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, wer sie sein sollte. Mein Zwillingsbruder und ich hatten uns nie irgendetwas verheimlicht, und die Vorstellung, dass er jetzt damit anfing, kam mir absurd vor.
Als der Deckel wieder sicher auf dem Kasten befestigt war, bückte ich mich, um das Rauchgerät aus Metall aufzuheben, bevor Papa es tun konnte. Ich bot ihm an, es für ihn zum Geräteschuppen zurückzutragen. Als wir weit genug von den Bienenstöcken entfernt waren, nahm er seinen Hut ab und steckte das zusammengeballte Netz und seine Handschuhe hinein.
»Ich glaube, es wird ein guter Winter«, prophezeite er und schwang beim Gehen die Arme. Ich grinste, während er zwischen den Zähnen hindurch ein hoffnungslos schiefes Lied pfiff.
»Was ist das da für eine Blume?« Er zeigte auf eine Stelle entlang des Pfads, an der rosafarbene Blüten zu sehen waren.
Ich nahm den Hut ab, um sie mir genauer anzusehen. »Weidenröschen!«, rief ich stolz.
Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Ihr richtiger Name?«
Ich versuchte, mich an den Namen der Spezies zu erinnern, den Papa in seiner winzigen Handschrift in seinem Pflanzenkundebuch notiert hatte.
»Epilobium angustifolium?«,...




