E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Cyrulnik Glauben
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-407-86546-5
Verlag: Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Psychologie und Hirnforschung entschlüsseln, wie Spiritualität uns stärkt
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-407-86546-5
Verlag: Beltz
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Bei einer Reise in den Kongo wird Cyrulnik von einem ehemaligen Kindersoldaten gefragt: »Warum ist die Kirche der einzige Ort, an dem es mir gut geht?« Eine wichtige Frage, findet der Atheist und macht sich auf die Suche nach Antworten. Warum erfahren manche Menschen Halt im Glauben und andere stößt er ab? Welchen Einfluss haben Meditation, Gebet oder die Suche nach Erfüllung in der Natur? Der französische Bestsellerautor zieht die Summe seiner Erkenntnisse als Neuropsychiater und Resilienz- und Bindungsforscher. Er zeigt, wo im Gehirn spirituelles Bewusstsein stattfindet und wie es uns verändert. Sein Buch ist eine Inspiration für Gläubige und Zweifler, die eigenen spirituellen Ressourcen kennenzulernen und zu stärken. Und eine Mahnung an alle, den eigenen Glauben nicht als Waffe zu verwenden.
Boris Cyrulnik wurde 1937 in Bordeaux geboren. Der Neuropsychiater gilt als Pionier der Resilienzforschung. Seine Eltern, aus der Ukraine eingewanderte Juden, starben im Konzentrationslager, er selbst entging nur knapp dem Tod. Cyrulnik ist Autor zahlreicher Sachbücher, die in Frankreich allesamt Bestseller wurden. In Deutschland erschien von ihm u. a. »Rette dich, das Leben ruft« und »Warum die Liebe Wunden heilt«.
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Kapitel 1 Von der Angst zur Ekstase
Dreihunderttausend Kinder auf dieser Welt leiden, weil sie als Soldaten gekämpft haben, und sie alle stellen sich heute dieselben Fragen: »Warum musste ich diesen Albtraum erleben? Warum bin ich bloß so unglücklich? Warum hilft Gott uns nicht?« Kindersoldaten hat es schon immer gegeben, aber erst seit dem Jahr 2000 gilt die Rekrutierung von Kindern als Kriegsverbrechen.1 Der Krieg übernahm über Jahrtausende Sozialisationsaufgaben. Man bewaffnete die Jungen, beutete die Mädchen aus und seufzte ergeben: »Der Krieg ist eben grausam.« In der letzten Armee Napoleons kämpften viele Kinder zwischen 12 und 14 Jahren, und auch im amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) kämpften zahlreiche Jungen. Die Pariser Kommune (1871) erklärte Kinder zu Helden, opferte sie also, und von den Nazis wurden 1945 Tausende in den Schulen fanatisierte Kinder als Volkssturm in die letzte Schlacht geschickt. Auch in Nepal, dem Nahen Osten, in Nicaragua und Kolumbien opferte man Tausende Kindersoldaten für bald vergessene Ziele. Manche Kindersoldaten, die man ihrer Familie und ihrem Dorf entrissen hatte, wurden von militärischen Ausbildern terrorisiert. Andere fanden dagegen in den bewaffneten Gruppen eine Bindungsperson oder erlebten die Fanatisierung als aufregendes Abenteuer. Und einige hätten sich am liebsten selbst geopfert und wollten für die Sache sterben, die man ihnen eingebläut hatte. Doch die meisten waren angesichts des Todes ernüchtert und dachten an ihre Kindheit, in der Mama ein sicherer Hafen gewesen war und die väterliche Autorität ihrer Entwicklung eine Richtung gegeben hatte. Die Angst aktivierte ihr Bindungsbedürfnis: »Als wir am Boden lagen und uns die Granaten um die Ohren pfiffen, dachte ich an mein Zuhause, an unser Haus, an alle, die ich zurückgelassen hatte […], ich ärgerte mich; wie dumm war ich gewesen, von zu Hause wegzugehen. […] Mein Gott, wie wünschte ich mir, dass mein Vater mich abholen käme.«2 Wenn die Utopie zusammenbricht und uns die Wirklichkeit in Schrecken versetzt, können wir also Erinnerungen an glückliche Momente abrufen, in denen wir von einer liebevollen Familie beschützt wurden. Die Kindersoldaten im amerikanischen Bürgerkrieg, der Pariser Kommune, des Nationalsozialismus oder im Dschihad sind zunächst von dem Vorhaben begeistert, das ihnen die Erwachsenen in den buntesten Farben ausmalen. Wenn sie dann aber von der Wirklichkeit eingeholt werden, reaktivieren sie meistens Erinnerungen an glückliche Momente, in denen sie sich in den Armen der Mutter oder angesichts der väterlichen Autorität geborgen fühlten. Muss man Angst empfinden oder einen Verlust erleiden, damit Bindungen eine beruhigende Wirkung entfalten können? In alltäglichen Bindungen ermüden die Gefühle leicht. Wenn es aber durch ein besonderes Ereignis zu Angst- oder Verlustgefühlen kommt, werden vom affektiven Apparat Erinnerungen an glückliche Bindungen reaktiviert.3 Ein Kind, das nie geliebt wurde, kann jedoch keine Erinnerung an glückliche Momente aktivieren, weil es keine erlebt hat. Angst- und Verlustgefühle wecken dann nur die Erinnerung an Einsamkeit und Verlassenheit. Es kann kein verlorenes Paradies wiederfinden, weil es nie im Paradies war. Es findet in seinem Gedächtnis nur die Angst vor der Leere in einer rundum erschreckenden Welt. Wenn ein Kind die beruhigende Umarmung der liebevollen Mutter kennt, kann es auch die – unvermeidliche – Abwesenheit der Mutter aushalten. Es kann die vorübergehende Leere mit einer Vorstellung von ihr oder einem Tuch oder Teddy, der an sie erinnert, füllen. Die Quelle dieses kreativen Akts ist die Sehnsucht nach der Mutter, doch dafür muss es im Gedächtnis des Kindes eine Erinnerung an die beschützende Mutter geben. Doch selbst bei einem Kind, das zu früh verlassen wurde, ist nicht alles verloren. Es ist verstört, doch wenn es emotionalen Ersatz findet, besitzt es später ebenfalls Erinnerungen an glückliche Momente, die es reaktivieren kann. Aus diesem Grund werden kriegsgeschädigte Kinder – sofern sie vor dem Krieg Geborgenheit erlebt haben – nur selten zu Gewalttätern. »Fast alle werden Pazifisten oder kämpfen für den Frieden.«4 Bei der Erziehung geht es darum, dem Gedächtnis unserer Kinder einige glückliche Momente einzuprägen und sie dann auf die Probe zu stellen, indem wir sie vorübergehend von ihrem sicheren Hafen trennen. Wenn dann irgendwann ein Schicksalsschlag kommt, besitzt das Kind einen Schutz: »Ich bin für das Leben gerüstet«, sagt es sich. »Ich bin liebenswert, weil ich geliebt wurde. Ich muss nur Hilfe suchen.« Kommt unsere Fähigkeit zur Kreativität nach einem Verlust aus uns selbst oder wurde sie durch eine Bindungsperson in unser Gedächtnis eingeschrieben? »Ich weiß, dass es eine Macht gibt, die größer ist als ich und mich beschützt«, sagen manche. Kann es sein, dass der Glaube an Gott normalerweise darum mit Liebe und Geborgenheit in Zusammenhang gebracht wird? Funktioniert die höhere Macht, die über uns wacht und uns bestraft, wie ein Vaterbild? Ich habe mich für das Beispiel der traumatisierten Kindersoldaten im Kongo entschieden, hätte aber genauso gut andere Kinderrekruten nehmen können, die von Heilsversprechern betrogen wurden, wie Hitlers Volkssturm oder der Kinderkreuzzug von 1212, der sich zu Fuß nach Jerusalem aufmachte, um das Grab Christi zurückzuerobern. Der Kreuzzug wurde später zu einem Mythos, war aber eigentlich ein Armenheer. Heute werden Kinder von Dschihadisten als Bomben benutzt. Wer verstümmelt überlebt, flüchtet sich in Moscheen und Gebetshäuser, um wieder zur Ruhe und ins Leben zurückzufinden. Manchen gelingt das nicht und sie bleiben lebenslang innerlich zerrissen. Einige finden später doch noch Hilfe und können dem Trauma so entkommen. Welche Entwicklung die Kinder am Ende nehmen, hängt davon ab, wie gut das Zusammenspiel zwischen ihrer affektiven Prägung und der sozialen oder spirituellen Einrichtung gelingt, in der sie Hilfe finden. Egal ob Pflegefamilie, Moschee, Kirche oder staatliche Betreuung. Nach der psychischen Agonie des Kindes trägt die Interaktion zwischen den Erinnerungen, die dem Gedächtnis eingeschrieben sind, und der sein Umfeld strukturierenden Einrichtung dazu bei, eine Wende in seiner Entwicklung einzuleiten. Das nennt man dann Resilienz. Die schwere psychische Verletzung aktiviert bei diesen Kindern eine Bindung an Gott: »Nur in der Kirche fühle ich mich wohl«, sagte mir der kleine Kongolese mit traurigem Blick. »Ich liebe es, in die Moschee zu gehen und beim Beten andere an meiner Seite zu spüren«, erklärte mir ein junger Palästinenser. »Bei der Hitlerjugend war ich glücklich«, vertraute mir eine Blonde mit blauen Augen an. »Meine Eltern haben sich jeden Tag gestritten und ich war zu Hause sehr unglücklich. Aber bei den Jungen Pionieren habe ich begeistert den Kommunismus mitaufgebaut«, erzählte mir eine junge Rumänin. Sie hatte ihre Kindheit in einem Palast von König Michael nahe Constanta verbracht, der zu Zeiten von Gheorghe Gheorghiu-Dej in ein Ausbildungszentrum umgewandelt worden war. Solche Aussagen werfen Fragen auf. ? Wenn man unglücklich ist, kann eine einzige Begegnung offenbar alles verändern. Voraussetzung ist allerdings eine flexible mentale Struktur, die sich weiterentwickeln kann. Man muss also nicht in neurotischer Wiederholung erstarren und ununterbrochen das gleiche Beziehungsmuster wiederholen. ? Unser Umfeld muss uns dazu nur die Möglichkeit zu Begegnungen mit Personen und Institutionen geben. ? Solche Begegnungen verändern uns, weil sie eine Transzendenz ermöglichen, die religiöser, weltlicher oder profaner Art, wie der Kommunismus, sein kann. Man kann also von der Angst zur Ekstase gelangen.5 Entsteht der Glaube an Gott durch die erfolgreiche Überwindung von Angst? Man leidet, verkrampft sich, richtet all seine Kraft darauf, sich gegen das Unglück zu stemmen, und spürt plötzlich die Ekstase, wie bei einem gestrafften Gummiband, das man loslässt und das dann zurückflitscht? Ich führe immer gern das Beispiel des protestantischen Pfarrers an, der im Zweiten Weltkrieg für die Résistance gearbeitet hat. Als er eines Tages ins nächste Nachbardorf fuhr, hielt der Zug plötzlich auf freier Strecke. Deutsche Soldaten umstellten die Wagons, stiegen dann an beiden Wagonenden ein. Der Pfarrer hatte furchtbare Angst, weil sich in seinem Koffer ein Heft mit allen Adressen der Kämpfer seiner Résistance-Gruppe befand. Er hörte, wie die...




