Dalembert | Die blaue Mauer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

Dalembert Die blaue Mauer

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01209-1
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-01209-1
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein außergewöhnlicher Roman über Migration und Exil - eindringlich, bewegend und höchst aktuell
Drei unterschiedliche Frauen - Dima, eine aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Syrerin, Chochana aus Nigeria und Semhar aus Eritrea - finden sich an Bord eines Kutters wieder, vereint in der gleichen Hoffnung auf ein neues Leben in Europa.
Dima lebte ein privilegiertes Leben in Aleppo, bis die ersten Autobomben zu explodieren begannen. Die unternehmungslustige und ehrgeizige Chochana stammt aus einer jüdischen Igbo-Gemeinde in Nigeria. Sie war dazu bestimmt, Jura zu studieren, bevor Dürre und Armut sie zwangen, das Studium aufzugeben und aus ihrem Land zu fliehen. Semhar träumte davon, Lehrerin zu werden, bevor sie zum endlosen nationalen Dienst in der eritreischen Armee eingezogen wurde, wo sie sich weigerte, ihre Jugend zu verlieren.
Louis-Philippe Dalembert zeichnet ebenso einfühlsame wie unbeschönigende und humorvolle Porträts der drei Protagonistinnen. Während der schrecklichen Fahrt auf dem behelfsmäßigen Boot zeigen sie eine Solidarität, die ihre so verschiedenen Herkünfte nicht hätte vermuten lassen.
Inspiriert von der Tragödie eines Bootes mit illegalen Einwanderern, das 2014 von einem dänischen Öltanker gerettet wurde, legt Dalembert hier einen eindringlichen Roman über Migration und Exil vor.
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Leinen los!

Als der Kerkermeister das Lager betrat, brach über Sabratha gerade die Nacht herein. Mit einem Schlag machte die Sonne einem rabenschwarzen Himmel Platz, langsam stieg eine bleiche Mondsichel auf, über der angrenzenden Wüste standen die ersten Sterne. Der Mann richtete den Lichtkegel seiner Taschenlampe auf ein ergreifendes Gewirr aus zahllosen verknäuelten Leibern, die auf dem nackten Betonboden oder, wenn sie mehr Glück hatten, auf hie und da verstreuten Matten lagen. Als die Frauen hörten, wie der Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde, rückten sie trotz der Schwüle noch enger zusammen. Als wollten sie sich vor einer Gefahr schützen, die nur von außen kommen konnte. Schnell breitete sich in dem Raum ein widerwärtiger Eau-de-Cologne-Gestank aus und vermischte sich mit der abgestandenen Luft. Der Lichtkegel schwenkte über von täglichen Schikanen und Entbehrungen entstellte Gesichter und machte schließlich auf einem halt, das sich vor Angst verzerrte. »You. Out!«, hallte es durch den Raum, ein entschieden ausgestreckter Zeigefinger räumte jeden Zweifel aus. Aber die junge Frau, die gemeint war, fasste sich trotz ihrer Verzweiflung schnell und nahm, um den drohenden Schlägen zu entgehen, das Bündel mit ihren Habseligkeiten hastig auf.

Normalerweise wählte der Kerkermeister, dieser oder ein anderer, drei oder vier Frauen aus. Stunden später, manchmal auch erst am Abend, brachte er sie zurück und warf sie den anderen, die am Boden kauerten, wie einen Müllsack vor die Füße. Die Frauen flüchteten sich dann meistens in eine Ecke, vergruben sich in ihren Schmerz oder in die Arme der wenigen, die noch ein bisschen Mitgefühl für sie übrighatten. Manche schluchzten leise, aber aus Scham- und Ehrgefühl höchstens kurz. Alle wussten, welche Hölle die »Wiedergängerinnen« durchmachten, wenn man sie der Gruppe entriss und irgendwann wieder ins Lager zurückbrachte. Auch die Neuankömmlinge: Sie wurden von den alten Häsinnen eingeweiht. Und sollte das nicht genügen, verriet ihnen der Zustand der Unglücklichen, die sich mit der einen Hand den Bauch, mit der anderen das Gesäß und manchmal auch das geschwollene Gesicht hielten, was sie demnächst erwartete, wenn sich der Schlüssel im Schloss drehte.

Doch an diesem Abend suchte der Aufseher wesentlich mehr Frauen als sonst aus und stieß sie, damit sie schneller machten, wüst schimpfend vorwärts: »Move! Move! Alles mitnehmen. Los, bewegt euren Arsch.« Gott allein wusste, wonach er die Frauen aussuchte, so schnell ging alles. Doch zufälligerweise gehörten Semhar und Chochona beide dazu. Wenn sie nicht gerade austreten mussten oder der Kerkermeister wie damals nur die eine holte, waren sie unzertrennlich. Wären da nicht die Unterschiede im Äußeren und der Herkunft – Semhar eine kleine, magere Eritreerin und Chochana eine füllige Nigerianerin – man hätte die beiden für eine Koala-Bärin mit ihrem Jungen halten können. Nicht nur schliefen sie eng aneinandergeschmiegt, teilten sich das wenige Essen, das sie bekamen, und sprachen sich auf Englisch, das Semhar als Nichtmuttersprachlerin ziemlich gut beherrschte, tröstende Worte der Hoffnung zu, beide beteten auch, zwar in einer der anderen unverständlichen Sprache, und summten ihre eigenen geheimnisvollen Lieder vor sich hin. »Egal was passiert«, dachte Semhar, »wenigstens haben wir uns.«

Schließlich standen in der Dunkelheit ungefähr sechzig Frauen vor dem Lager, drängten sich aneinander und warteten auf die Befehle des Zerberus. Instinktiv und durch Gerüchte, die sie gehört hatten, wussten sie, jede Flucht war sinnlos. Selbst wenn sie ihren Peinigern entkommen würden, wo sollten sie hin? Die Lagerhalle, in der man sie festhielt, lag weit von der nächsten Stadt entfernt. Eine Viertelstunde Fahrt über eine ungeteerte Piste, auf der aber offenbar nur die Aufseher mit ihren Geländewagen und die Pick-ups verkehrten, mit denen man sie in diesen gottverlassenen, baufälligen Kasten gebracht hatte. Andere Motorengeräusche waren jedenfalls nicht zu hören. Keine Chance, zufällig einer barmherzigen Seele zu begegnen, die den Mut hatte, ihnen zu helfen.

Die Wagemutigeren mussten teuer dafür bezahlen, vielleicht sogar mit dem Leben. Von diesen Draufgängerinnen hatte nie wieder jemand etwas gehört. Aber vielleicht hatten sie ihr Ziel ja doch erreicht. Wer weiß! Gott ist groß. Elohim ha-Gadol. Ihre Wanderschaft war zu Ende und sie lebten in einem Land, wo Milch und Honig flossen. Aber vorher mussten sie monate- oder jahrelang die Straßen der Kontinente durchmessen, Stürmen und Fluten, Wäldern, Wüsten und den verschiedensten Katastrophen trotzen. Um schließlich in einem miesen Land zu landen, das sie sich nicht ausgesucht hatten, in dieser namenlosen Hölle, in der man sie als Geiseln hielt. Wo sie zu Zwangsarbeiten aller Art verdammt waren und ungewollt mithalfen, ihre Verwandten in der Heimat zu erpressen. Weil sie auf eine Überfahrt hofften, die ganz und gar von den Launen der Schlepper abhing.

Die Frauen blieben also zusammen und wagten kaum zu atmen. Als weitere Taschenlampenkegel die Dunkelheit durchschnitten, erkannten sie, dass sie von drei bewaffneten Männern umstanden waren. Nach langen Minuten schließlich der Befehl des Aufsehers, voranzumachen. Wie immer in diesem harten Englisch, »Move!«, wie ein Peitschenschlag auf den Rücken einer Sklavin, und dann der gebrüllte Befehl auf Arabisch: »Yallah! Yallah!« Man trieb sie in Richtung zweier Pick-ups, die hundert Meter weiter standen. Um den Ladevorgang zu beschleunigen, waren die Klappen schon umgelegt. Trotz des Gedränges schafften es Chochana und Semhar auf dasselbe Auto; aber kaum hatten sie Platz gefunden, ließ ein lauter Knall alle zusammenzucken. Als habe man auf eine Flüchtende geschossen. Einer der Schlepper hatte hinter ihnen nur die Klappe zugeknallt. Die Frauen saßen auf der Ladefläche so dicht, dass sie sich kaum rühren konnten. Dann nahm der Kerkermeister vorn neben dem Fahrer mit Turban Platz, die beiden anderen Halunken stiegen in die Fahrer-kabine des nebenstehenden Pick-ups. Der Kerkermeister streckte einen Arm durchs Fenster und schlug mit der flachen Hand gegen den Wagen, das Signal zum Aufbruch. Die Autos rasten los, bretterten eine halbe Stunde mit ausgeschalteten Scheinwerfern über die Piste, bis sie das Meer erreichten. Semhar und Chochana merkten es am Geruch und der rauschenden Brandung. Wie spät es war und welches Datum, wussten sie nicht.

Etwas früher am selben Tag warteten in der ungefähr 70 Kilometer entfernten Altstadt von Tripolis mehrere klimatisierte zwanzigsitzige Minibusse vor einem Dreisterne-Hotel mit einem gutmütigen, livrierten Portier. Schon von Weitem verrieten erste Wortfetzen die wirbelnden Kinder, die in einem deutlich anderen arabischen Dialekt als dem libyschen durcheinanderschrien. Dicht dahinter elegant gekleidete Erwachsene mit Rollkoffern, die sie zum Einladen neben dem Auto abstellten, das man ihnen zuwies. Die Männer, iPhone am Ohr, vorneweg. Die Frauen stolz mit Markenhandtaschen; ab und zu fischten sie nach einem Schminkspiegel, rückten eine Haarsträhne zurecht, nahmen einen Lippenstift oder das Handy heraus, daddelten mit sorgfältig manikürten Fingernägeln darauf herum. Manchmal zogen sie auch ein Bonbon oder einen Keks für ein Kind hervor, das mal kurz vorbeischaute, doch dann war es endlich Zeit zur Abfahrt und sie konnten hinter den getönten Scheiben Platz nehmen.

Dima, ihr Mann Hakim und ihre beiden Mädchen waren unter den ersten, die einstiegen. Ihr Kontakt hatte sie am Abend benachrichtigt, dass es morgen losgehen würde. »Und diesmal ist es sicher? Kein fauler Trick?«, hatte Dima gefragt. »Beim Heiligen Koran«, gab der Typ selbstbewusst zurück. Es war der 16. Juli 2014, und sie warteten schon einen Monat. Immer wieder fragten ihre Töchter sie, wann es denn endlich nach Europa losgehen würde, und sie hatte keine überzeugende Antwort parat. Seit ihr Vorrat an glaubwürdigen Erklärungen erschöpft war, musste sie sogar auf Gemeinplätze wie »In zwei Tagen, inschallah, meine Süße« zurückgreifen und hoffte jedes Mal, dass die Mädchen es vergessen würden. Eines Tages sagte Hana, ihre Älteste, genervt, Allah wolle wohl, dass ihre Familie in diesem Hotel bleibe, zu viert in einem Zimmer, wo sie keine Freundinnen habe und sich, anders als zu Hause, ein Zimmer mit der kleinen Shayma teilen müsse. »Hör auf, das ist Gotteslästerung!«, hatte Dima geschrien. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, setzt es was.« Und hinzugefügt: »Die Wege Allahs sind unergründlich. Nur er kennt das Schicksal der Sterblichen.« Sie wusste, dass sich hinter ihrem Ärger eigentlich Ohnmacht verbarg. Aber was blieb ihr anderes übrig? Und als der Typ dann sagte, am nächsten Tag würde es endlich losgehen, konnte sie, nachdem er weg war, die Freudentränen nicht zurückhalten.

Sie hatte es satt, sich zu viert in diesem 18-Quadratmeter-Zimmer zu verkriechen. Schon nach einer Woche hatte es ihr gereicht, in Tripolis und Umgebung die Touristin zu spielen. Darum waren sie schließlich nicht hier. Sie konnte es nicht mehr sehen: die Zitadelle Saint Gille, den Clock Tower, den Souk Al-Harajb, den Ezzedine Hammam und die zig Moscheen der libyschen Hauptstadt (Möge Allah in seiner Barmherzigkeit ihr verzeihen). Und sie wollte auch keine Leute mehr treffen, erst recht nicht zum Schein, die sie in Aleppo nicht einmal gegrüßt hätte. Gemeinsam Tee trinken, essen und dabei noch lächeln. »Wir sitzen doch alle im selben Boot«, sagte Hakim, um ihr den sauren Apfel schmackhaft zu machen. »Es sind doch Landsleute.« Na und? Und sie hatte auch genug von diesen verstohlenen Umarmungen, wenn die Kinder schliefen, wo sie doch...


Dalembert, Louis-Philippe
Louis-Philippe Dalembert wurde in Port-au-Prince, Haiti, geboren. Nach einer journalistischen Ausbildung und einem Literaturstudium in Haiti setzte er 1986 sein Studium in Paris fort und schloss an der Sorbonne ab. Nach Stationen in Nancy, Rom, Jerusalem und Kinshasa lebt Dalembert heute in Paris und Port-au-Prince. Im deutschsprachigen Raum war er zweimal als Gastprofessor tätig, an der Universität Bern 2015 und in Berlin an der FU 2018/2019. Seit 1993 veröffentlichte er Kurzgeschichten, Gedichte, Essays und Romane. Die jüngste, »Avant que les ombres s'effacent«, die im März 2017 von Sabine Wespieser éditeur veröffentlicht wurde, gewann den Preis Orange du Livre und den Preis France Bleu/Page des libraires. »Die blaue Mauer« war nominiert für den Prix Goncourt 2019.



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