David Star Trek - Classic: Die Tochter des Captain
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-11498-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-11498-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Demora Sulu, Tochter von Hikaru Sulu, dient auf der Brücke der Enterprise 1071-B. Als die Enterprise einen Notruf von Askalon V auffängt, zögert Captain Harriman nicht, das System anzufliegen. Auf dem Planeten selbst kann das Landungsteam nichts entdecken, doch Demora verwandelt sich plötzlich in ein blutrünstiges Monster und greift ihre Kameraden an. Harriman kann ihre Raserei nur durch einen tödlichen Schuss stoppen.
Da niemand weiß, was Demoras Verwandlung ausgelöst hat, wird der Planet unter Quarantäne gestellt. Doch Hikaru Sulu will Klarheit über den Tod seiner Tochter. Er missachtet alle Befehle der Sternenflotten-Admiralität und setzt Kurs auf Askalon V.
Peter David, geboren 1956 in Maryland, tat sich vor allem als Comicautor (u.a. Hulk, Captain Marvel, Spider-Man, Wolverine, Supergirl und Aquaman) hervor. Darüber hinaus schrieb David auch eine Folge der Fernsehserie Star Trek und mehrere Romane, die auf dieser Serie basieren. Er arbeitete außerdem als Autor für einige Folgen der Serie Babylon 5.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Hätte Demora Sulu gewusst, dass in einer Woche ihre Beisetzung stattfinden würde, hätte sie nicht auf die Mousse au chocolat verzichtet.
Sie starrte die Frau, die ihr gegenüber saß, mit eisigem Blick an. Es war schwierig, den Blick zu konzentrieren, weil sich die Schale mit der Mousse ständig in ihrem Blickfeld bewegte. Denn die Frau hielt die Schale abwechselnd vor Demoras Gesicht und zog sie wieder zurück. Sie vollführte sozusagen einen netten kleinen Kalorientanz.
»Nimm das weg, Maggie!«, warnte Demora die Frau.
Maggie schien es überhaupt nicht gehört zu haben. »Schau mich an, hier bin ich mit einer schönen, unbeschwerten Mousse au chocolat … Aber nein! Ich werde beobachtet!« Sie brachte die Schale so nahe an Demoras Gesicht heran, dass nur noch ein winziges Stück fehlte, bis ihre Nase sie berührt hätte. »Vielleicht von … dir?«
Ringsum gingen verschiedene Besatzungsmitglieder der Enterprise 1701-B ihren Freizeitbeschäftigungen nach, ohne auf dieses kleine Spiel zu achten. Die Nahrungsspender in den Wänden des Kasinos summten unablässig. Doch niemand machte von den üblichen verlockenden Angeboten aus allen Teilen der Galaxis Gebrauch.
Und was Demora betraf, so hätte sie liebend gerne der Verlockung der Mousse au chocolat nachgegeben.
»Maggie, allmählich treibst du es zu weit«, sagte sie.
Lieutenant Maggie Thompson, wissenschaftlicher Offizier, schien sich durch diese Drohung nicht sehr beeindrucken zu lassen. Sie hatte ein rundliches Gesicht, dichtes und lockiges Haar, und ihre braunen Augen funkelten amüsiert. Sie zog ihre sommersprossige Nase in Falten. Wie Maggie es schaffte, ihre Sommersprossen zu behalten, obwohl sie soviel Zeit im Weltraum verbrachte, war Demora ein Rätsel, das Maggie ihr bislang noch nicht hatte erklären können oder wollen.
Demora war in jeder Beziehung das Gegenteil von Maggie. Sie war ernst, wenn Maggie schelmisch aufgelegt war, doch sie besaß eine Schlagfertigkeit, mit der sie jeden überraschen konnte, der ihre ruhige Art mit Passivität verwechselte. Ihr schulterlanges Haar war schwarz und glatt, ihre mandelförmigen Augen blickten dunkelbraun und anmutig.
Besonders interessant war ihre Stimme. Sie hatte etwas Musikalisches, einen ausgeprägten melodischen Tonfall. Selbst wenn Demora völlig normal redete, klang es immer, als würde sie singen. Doch wenn plötzlich ein Ernstfall eingetreten war, sprach Demora ohne Modulation, aber mit absolutem Selbstvertrauen. Wenn sie so klang, war es Zeit, zwar nicht in Panik zu verfallen, aber doch äußerste Vorsicht walten zu lassen.
»Du willst sie«, sagte Maggie zu ihr. »Du weißt genau, dass du sie willst. Sie ist einfach köstlich!« Dabei deutete sie auf ihre halb geleerte Schale. »Glaube mir!«
»Das meinst du nicht ernst.«
»Ich meine es ernst, dass das hier eine verdammt gute Mousse ist. Ich dürfte mich nicht mehr deine Freundin nennen, wenn ich zulassen würde, dass du sie dir entgehen lässt. Du musst nur einen winzigen Happen probieren!« Sie tauchte einen Löffel hinein und hielt ihn Demora vor das Gesicht.
»Ich warne dich, Maggie … ich kann Karate … und Kung Fu …«
»Und du kennst noch andere gefährliche Worte. Ich weiß nicht, was die schlimmere Beleidigung wäre, Demora … einen vorgesetzten Offizier zu bedrohen oder ihn mit uralten Scherzen zu langweilen.«
Jetzt wirkte Demora aufrichtig überrascht. »Das soll ein alter Scherz sein?«, fragte sie.
»Er hat Jahrhunderte auf dem Buckel.«
»Oh.« In diesem Ausruf lag eine so unverkennbare, unverfälschte Enttäuschung, dass Thompson langsam den Löffel sinken ließ und Demora verwirrt anstarrte.
»Was ist los?«
Demora zwang sich zu einem Lächeln, was etwas Ungewöhnliches darstellte, da es ihr normalerweise leicht fiel zu lächeln. »Nichts. Es war dumm.«
»Wieso dumm?«
»Nun«, sagte Demora mit einem Schulterzucken, »dieser Scherz mit den ›gefährlichen Worten‹. Mein Vater hat es vor vielen Jahren immer gesagt. Und ich dachte, dass es urkomisch war. Ich habe mich kaputtgelacht … Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Und ich hatte immer gedacht … nun ja … dass er ihn sich ausgedacht hat. Ich weiß nicht, warum das für mich so wichtig ist oder warum ich mir deswegen Gedanken machen sollte. Aber so ist es nun einmal. Ist das nicht seltsam?«
»Eigentlich nicht«, erwiderte Maggie. »Ich kann mich erinnern … Mein Gott, ich habe seit Jahren nicht mehr daran gedacht! Als ich noch ganz klein war, hat mein Vater mir abends immer dieses Lied vorgesungen. Es hieß ›A Bushel and a Peck‹.«
»Ein was und ein was?«
»Ein Scheffel und ein Viertelscheffel. Das sind uralte Maßeinheiten. Aber das wusste ich als kleines Kind natürlich nicht. Ich dachte, es wären irgendwelche Worte ohne Sinn. Das Lied ging ›I love you, a bushel and a peck, a bushel and …‹«
Maggie Thompson besaß viele Fähigkeiten, aber der Gesang gehörte nicht dazu. Sie wurde unmissverständlich auf diesen Punkt hingewiesen, als sich mehrere Besatzungsmitglieder zu ihr umblickten. Sie brach sofort ab, fügte jedoch hinzu: »Auf jeden Fall hatte ich mir in meiner kindlichen Vorstellungswelt gedacht, dass er dieses Lied nur für mich erfunden hatte. Es war ein Schock für mich, als ich irgendwann feststellen musste, dass es aus einem alten Musical mit dem Titel Guys and Dolls stammt.«
»Ging es darin um Männer, die mit Puppen spielen?«
»Ich glaube, es ging um Glücksspieler.«
»Glücksspieler?« Demora verzog das Gesicht. »Singende Glücksspieler?«
»In der damaligen Zeit gab es auch Musicals über singende Katzen oder singende Friseure, die ihre Kunden töteten und Hackfleisch aus ihnen machten. Ich kann dir nur sagen, dass es eine merkwürdige und perverse Zeit war. Was ich damit eigentlich ausdrücken wollte, ist … dass ich verstehe, wie du dich fühlst. Es gibt keinen Grund, traurig oder gar enttäuscht zu sein, aber man ist es trotzdem.«
»Es scheint so.«
»Hast du eine enge Beziehung zu deinem Vater?«
Demora zuckte die Schultern. »Ja … sicher«, sagte sie in nicht sehr überzeugendem Tonfall.
»Warum sagst du es so zögernd?«
»Darüber möchte ich lieber nicht reden.«
»Aber wenn du vielleicht …«
»Ich sagte, ich möchte lieber nicht darüber reden!« Sie ließ keinen Zweifel daran, dass dieses ›lieber nicht‹ eine reine Höflichkeitsfloskel war. Es bedeutete, dass sie auf gar keinen Fall darüber reden wollte.
Maggie wirkte leicht verärgert. »Entschuldigung.«
»Schon gut«, sagte Demora. »Ich wollte nicht unfreundlich werden. Dabei bist du immer sehr nett zu mir gewesen. Und eine wirklich gute Freundin.«
»Ich weiß. Und es schmerzt mich, wenn du betrübt bist, vor allem, wenn ich dafür verantwortlich bin. Weißt du, womit du deine Stimmung heben könntest?« Sie schob die Schale mit der Mousse au chocolat in Demoras Richtung.
Demora schob sie zurück. »Wo liegt dein Problem?«, fragte sie schneidend.
»Mein Problem liegt darin, dass ich bereits eine Portion gegessen habe. Und ich weiß, dass ich davon zunehmen werde. Und du hast gesagt, dass auch du von Schokolade zunimmst. Deshalb möchte ich meine Misere mit dir teilen. Alles klar?«
»Ja, prima!« Sie holte sich die Schale mit der Mousse au chocolat zurück, nahm sich einen Löffel … und starrte auf den Nachtisch. Dann blickte sie zu Maggie auf und sagte: »Ich bin ein Schokoholiker. Das gebe ich ehrlich zu. Auch das habe ich von meinem Vater. Wenn ich der Versuchung nur ein einziges Mal nachgebe, wird mein Trieb unkontrollierbar. Ich werde alle Schokolade in Reichweite verschlingen und schneller expandieren als eine Supernova. Du würdest mich zu wochenlanger, wenn nicht gar monatelanger Gewichtszunahme verdammen, bis ich es irgendwann geschafft habe, wieder zur Vernunft zu kommen. Und du, meine angebliche Freundin, wirst dafür verantwortlich sein.«
Maggie seufzte, nahm die Schale und zog sie auf ihre Seite des Tisches zurück. »Ich hasse dich.«
»Ich hasse dich auch. Dazu sind Freundinnen da.«
Plötzlich meldete sich das Interkom des Schiffes. »An alle Mitglieder der Brückenbesatzung, bitte melden!«
»Soviel zu diesem Thema«, sagte Maggie, stand auf und ging zum Kommunikationsanschluss hinüber. Sie tippte auf die Empfängertaste. »Thompson und Sulu hier. Sprechen Sie.«
»Wir empfangen ein Notsignal, Lieutenant«, sagte die Stimme von Commander Tracy Dane, dem Ersten Offizier des Schiffes. »Wir brauchen Sie hier.«
»Wir sind schon unterwegs«, sagte Thompson. Sie schaltete ab, drehte sich um und gab Demora einen Wink mit dem Zeigefinger, dass sie ihr folgen sollte. Demora erhob sich mit einem Seufzer, und gemeinsam verließen sie hastig die Offiziersmesse.
Die Mousse au chocolat ließen sie unbeachtet und unverzehrt zurück, bis Fähnrich Li den verschmähten Nachtisch einige Minuten später bemerkte und das Erbarmen hatte, die Portion in weniger als dreißig Sekunden aufzuessen.
Demora nahm ihren Platz an der Pilotenkonsole ein und lächelte Junior-Lieutenant Magnus freundlich zu. Magnus war ein recht dienstbeflissener Offizier. Er war sehr kompetent und sich seiner Kompetenz sehr bewusst. Außerdem ließ er jeden spüren, dass er fest davon überzeugt war, sich auf dem direkten Weg zu einem eigenen Kommando zu befinden. Er hatte stets eine gerade, tadellose Haltung und sprach in knappen und steifen Sätzen.
Demora hatte große Schwierigkeiten, mit ihm warm zu werden. Zuvor war dieser Stuhl mit Fähnrich Tommy Singer besetzt gewesen. Demora und Singer hatten gemeinsam die Akademie...




